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Und sie lieben sich doch


In Familien wird gestritten, gezankt und gebrüllt. Woran liegt es, dass es zwischen Eltern und Kindern so oft Krach gibt? Hier ein paar ehrliche Antworten.

Lea, 18, Abiturientin, möchte eine mutterfreie Zone

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"Meine Mami und ich haben viele Gemeinsamkeiten. Wir sind beide Widder, haben beide einen Dickschädel, immer das letzte Wort, und wir sind beide vergnügungssüchtig. Aber sie kommt aus Hamburg, und ich bin in Ilheus, Brasilien, geboren, das heißt, meine Gene sind kaffeebraun und ihre sind schneeweiß. Deshalb haben wir zwei Dauerkonflikte: Pünktlichkeit und Ordnung. Sie ist deutsch und immer fünf Minuten zu früh, ich bin immer zu spät. Das macht sie wahnsinnig.

Sie ist der Typ, der mit der Hand die Krümel vom Teppich aufpickt, ich bin ganz normal. Mein Zimmer sieht so aus, wie Zimmer von 18-Jährigen halt so aussehen. Mama spricht dagegen von "Tornado", von "Atomexplosion", und jedes Mal, wenn ich mein Zimmer verlasse, schleicht sie sich hinein und räumt es auf. Was heißt aufräumen? Sie schmeißt alles weg, was ihren Ordnungssinn stört. Zerknüllte, aber wichtige Unterlagen, unterm Bett liegende, aber unbenutzte Tampons. Klar raste ich dann aus.

Dafür kriegt sie die Krise, wenn ich ihre Sachen ausleihe, Pullover, Lippenstifte. Manchmal stehen wir uns gegenüber wie Israel und Palästina – dann geht gar nichts mehr. "Du hast mich ja ausgesucht", sage ich dann, "während ich keine Wahl hatte. Also beschwer dich nicht." Ein ziemlich böser Satz, aber einer, bei dem ich immer das letzte Wort habe. Weil sie dann jedes Mal ganz feuchte Augen kriegt und "Ich hätte dich in jedem Fall genommen, du dummes Kind" sagt. Und weil ich weiß, dass das stimmt, darum liebe ich sie trotzdem."

Susanne J., 42, Erzieherin, hat nichts gegen Graffiti - im Malkurs

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"Wenn ich das jetzt erzähle, dann nur, weil die Geschichte mit meinem großen Sohn immer wie eine unsichtbare Glaswand zwischen mir und den anderen steht. Vielleicht ist es gut, die mal aufzubrechen. Am Tag vor Heiligabend stand mein 19-jähriger Sohn plötzlich wieder in der Küche. Er wolle nur wissen, was Weihnachten bei uns abgehe, fragte er nach einem halben Jahr Pause. Null Kontakt. Seit letzten Sommer hatte ich ihn nicht gesehen.

Ich konnte nicht mehr. Seine Lügen, meine Ängste – ich war psychisch am Ende. Da habe ich ihn rausgeworfen. Das klingt so einfach, ist es aber nicht. Es ist ruhig geworden in der Wohnung, aber an allen Ecken und Enden der Stadt habe ich in den vergangenen Monaten neue Graffiti mit seinem Kürzel entdeckt. Das gab mir jedes Mal einen Stich mitten ins Herz.

Mein Sohn ist Sprayer. Das erste Mal, als er erwischt wurde, war er 14. Wegen fünf Buchstaben – "C-R-A-Z-Y" –, auf eine Eisenbahnbrücke gesprüht, wurde er angezeigt. Ich hätte nicht gedacht, was damit alles ins Rollen kommt. Polizei, Jugendamt, alles recht zackig. Ich hielt die Sache für harmlos und dachte: "Okay, er will sprühen. Also melde ich ihn zu einem Graffiti-Kurs an." Ganz legal. Hat er auch mitgemacht. Aber dann ist er jede Nacht aus dem Bett verschwunden. Er war 15 und hat ein richtiges Doppelleben geführt. Das Schulzentrum besprüht, Eisenbahnwaggons, Autos, alles illegal und lebensgefährlich.

Ich versuchte, meinen Sohn zu verstehen.

Ich habe lange nichts bemerkt, bis die Polizei vor der Tür stand. Wir haben geschrien und gestritten. Jedes Mal, wenn es an der Wohnungstür klingelte, hatte ich Panik: die Polizei, Hausdurchsuchung, Verurteilung auf Bewährung, Schulverweis. Gleichzeitig versuchte ich, meinen Sohn zu verstehen. Wir redeten stundenlang, er wusste immer genau, was er wollte. Und ich dachte, das kriegen wir hin. Wenn wir uns nur helfen, mögen und einander vertrauen. Aber so war und ist es nicht. Sprayen und der Nervenkitzel, der dazugehört, sind eine Sucht, eine illegale Sucht. Als Mutter stehst du dazwischen, versteckst das Zeugs, die Dosen, Entwürfe und Werkzeuge. Du schützt dein Kind ohne Ende und weißt doch, das bringt überhaupt nichts. Ich habe mit der Schule verhandelt, mit der Polizei, habe Therapien organisiert. Immer zwischen Hoffnung und Absturz, das Erschütternde daran: Ich wollte alles richtig machen, als Alleinerziehende sowieso. Aber alles war falsch.

Ich kann nur loslassen und gar nichts mehr machen. Bei einem seiner Besuche habe ich für ihn gekocht und ihm Rucksack, Pastellkreiden und Papier zum Malen geschenkt. Er sah gut aus, aber ich fragte nichts. Die Situation hat sich verschärft, meine Sorgen hören nicht auf. Wo gibt es eine Selbsthilfegruppe für Mütter von straffällig gewordenen Kindern?"

Thomas, 41, Mechatroniker, hat nur Lust, anders auszusehen

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"Manchmal warne ich sie ja schon am Telefon vor: "Hab mal wieder die Haare blondiert und 'n neues Piercing." Damit meine Mutter, wenn ich sie besuchen komme, nicht schon im Treppenhaus vor Schreck umfällt. Da braucht es nur einen Blick von ihr, der sagt alles: "Wie kannst du nur?", "Dich so verschandeln!", "Siehst aus wie 'n Verbrecher!", "Was sagen die Nachbarn, so kriegste nie einen Job und keine Wohnung!" Hab ich aber alles. Doch anstatt dass sich meine Mutter über mich freut, macht sie mir Vorwürfe. Da kann ich ja eigentlich gleich wieder gehen! Und wenn sie dann noch sagt: "Okay, in Stuttgart, da kannste so rumlaufen, aber nicht hier bei mir" – das tut weh.

Mit Piercing, Glatze oder Iro auf dem Kopf, ich bleib doch immer der Gleiche. Ich bin froh drüber, wirklich, dass ich eine Mutter habe und dass sie meine Mutter ist. Mit sechs Jahren holte sie mich aus dem Kinderheim und hat mich adoptiert. Damals konnte ich nicht mal richtig sprechen, das hat sie mir beigebracht. Sie war alleinerziehend und wollte vermutlich alles doppelt gut machen. Nett ausgesehen hab ich ja, aber dann sollte ich auch noch ein Musterkind werden.

Ich wollte ich selbst sein.

Bis heute versteh ich nicht, warum sie damals so wütend geworden ist, sogar geheult hat sie, als ich mir zum ersten Mal eine Halskette kaufte und anzog. Nichts weiter, eine schlichte Korallenkette. Ich fand mich hübsch so, und sie flippte aus. Zugegeben, ich wollte ein bisschen auffallen, nee, nicht wirklich: Eigentlich wollte ich geliebt werden. Irgendwann bin ich von zu Hause weg, weil ich mich nicht mehr verstecken wollte. Weil ich ich selbst sein wollte. Mit Irokese, Ohrringen, Kettenhemden und Tattoos, allem, was dazugehört.

Aggressiv bin ich nicht, ich will auch nicht provozieren, ich hab einfach Lust, anders auszusehen. Muss ich deshalb ein schlechtes Gewissen haben und mir dauernd 'ne Kappe übern Kopf ziehen? Kürzlich, als meine Mutter unter meinem T-Shirt-Ärmel ein Stück von einem Tattoo entdeckte, hat sie gesagt: "Lass mal sehen."

Helen, 15, Schülerin, will gar keine neuen Schuhe

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"Die durchlöcherten Schuhe, die zerrissenen Hosen – dauernd meckert meine Mutter an mir herum: "Unzumutbar, die verfilzten Haare, wie kannst du nur so aus dem Haus gehen, kein Kind sieht so schlimm aus wie du!" Heute Morgen wieder. Kommt sie doch mit meinen Schuhen an und hält mir das Loch an der Ferse direkt unter die Nase.

Ich finde das unverschämt von ihr, sie ist doch selber früher als Hippie rumgelaufen, aber ich darf und soll das nicht. Ich liebe meine Chucks, es sind für mich die besten Schuhe, die es gibt. Eigentlich will ich mir schon aus Trotz keine neuen kaufen. Aber dann, mein kleiner, verwöhnter Bruder: "Guten Morgen Tommelchen", flötet meine Mutter, wenn sie ihn nicht gleich aus dem Bett trägt. "Willst du ein Wurstbrot oder doch lieber Nutella?"

Wir streiten uns über alles.

Zu mir nur: "Sitz, iss!" Meine Mutter schafft es wirklich, dass wir uns über alles streiten. Schon bevor ich reden konnte, haben wir gestritten. Sie regt sich auf, dass ich zu viel vor dem PC sitze und mit Freunden chatte, dass ich zu oft auf Partys gehe oder zu wenig für die Schule tue. Wir schreien und heulen, und am Ende erlaubt sie mir dann doch alles. Was soll das? Wenn ihr die Argumente ausgehen, fängt sie mit diesen blöden Schuhen an. Wenn sie sich mit meinem Stiefvater streitet, kommt sie: "Na, rauchste 'ne Fluppe mit mir?"

Traurig find ich den Moment, in dem man merkt, dass Eltern auch nur Menschen sind. Den anderen durchschauen, wenn man sich noch anlehnen will, ist schmerzhaft. Aber als ich heute Nachmittag von der Schule kam, lag da eine Entschuldigungskarte auf meinem Schreibtisch. Wegen der Schuhe. Fand ich korrekt."

Martina, 22, will wichtige Entscheidungen allein treffen

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"Ich habe mich von der Angst meiner Eltern losgekauft. Mit 17 bin ich ausgezogen. Das Geld, das mir meine Eltern für die Miete bis zum Abitur gaben, habe ich gespart und mir neben der Schule durch Jobs mein Leben verdient. Mit dem Gesparten finanziere ich mir jetzt ein Jahr lang meine eigenen Entscheidungen und Ansprüche: Kunst machen, ein Pferd ausbilden, in meiner Pfadfindergruppe aktiv sein.

Meine Eltern wollten lieber, dass ich sofort eine Ausbildung anfange oder studiere. Aber ich war so lange in diesen institutionellen Rahmen eingepfercht. Ich will mich nicht mehr ablenken lassen, sondern in diesem Jahr meinen eigenen Weg finden. Meine Eltern hören mir zu, sie haben auch Verständnis für mich, sie fallen mir aber trotzdem ins Wort. Weil sie Angst haben. Okay, das verstehe ich ja.

Sie haben Angst, das versteh ich ja.

Jetzt wieder, genauso wie damals, als ich ausgezogen bin. Wir haben uns gestritten, sie haben sich gestritten, und natürlich war es wegen mir, klar. Und dann wieder spazieren gehen mit dem einen, danach mit dem anderen. Ich fühlte mich verantwortlich und hatte keinen Nerv mehr. Es fiel mir schwer genug auszuziehen, ich habe alles aufs Spiel gesetzt und meine Eltern tief verletzt. Aber ich konnte gar nicht anders, es war ja nicht persönlich gemeint.

Mein Vater sagte schließlich: "Gut, ich bezahle dir die Miete, wenn du die Schule weitermachst." Ob ich das Abi ohne den Druck meiner Eltern durchgezogen hätte, bezweifle ich heute. Es war gut so, denn die Schule war für mich ein ewiger Kampf. Und demnächst – das Studium? Das weiß ich noch nicht genau, nur eines: besser wäre gewesen, noch früher auszuziehen."

Susanne H., 50, Musikerin, lebt nach 30 Jahren wieder mit ihrer Mutter

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"Ich glaube, die Wohnung ruft mich, hat meine Mutter am Telefon gesagt und die Wohnung, die in unserem Haus im Erdgeschoss frei war, gekauft. Unbesehen. Mit 86, das finde ich genial, ist sie in die Nähe ihrer Töchter gezogen. Ich freute mich, auch wenn Freundinnen sagten: "Mensch, Suse, auf was lässt du dich da ein."

Dass sich mein Leben mit ihr verändert, hätte ich nicht geglaubt. Ich hab meine Mutter lieb, weil sie immer eine loyale, großzügige, bescheidene, belastungsfähige Mutter war. Wie autonom sie heute noch ist! Sie schminkt sich, zieht sich toll an, interessiert sich für vieles, spricht mit den Leuten. Nie sagt sie, sie sei allein. Sie will mir nicht zur Last fallen und gehört nun doch in meinen Alltag. Daran muss ich mich gewöhnen.

Jetzt weiß ich, was Eltern haben bedeutet.

Sie besitzt einen Schlüssel zu meiner Wohnung. Aber anstatt einfach zu kommen, weil sie das Bedürfnis hat, habe ich das Gefühl, sie wartet auf mich. Ich jedoch bin berufstätig und alleinerziehend. Ich habe zu wenig Zeit, um täglich zum Kaffee bei ihr vorbeizuschauen. Warum setzt sie sich nicht einfach zu mir, während ich für meine Kinder koche? Obwohl auch das schwierig sein kann. Wenn ich mich dann zum Beispiel über meine pubertierende Tochter aufrege, fragt sie mich ganz unschuldig, warum ich denn so heftig sei. Das empört mich. Es ist wie früher: Gefühlszensur. Nur ja keine zu starken Emotionen zeigen.

Diese Erkenntnis macht mich noch wütender: Ich soll meine Gefühle kontrollieren, die ich eigentlich nicht kontrollieren will. Ich platze und nehm's als Herausforderung. Letztlich bin ich aber angerührt davon, dass sie meine Mutter ist. Erst durch das Miteinander weiß ich, was Eltern haben bedeutet."

Fotos: Cira Moro, Getty Images

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