Großmutter werden: "Oma ist doch nur ein Etikett"

Heißt Großmutter werden auch alt werden? Oder wird eine Frau durch ein Enkelkind wieder jung? Darf sie sich in die Erziehung einmischen? Und wo bleibt ihr eigenes Leben? Drei Frauen im Gespräch.

Silvia Wildemann, 51, wohnt im gleichen Berliner Kiez wie ihre alleinerziehende Tochter mit dem siebenjährigen Enkel.

BRIGITTE-woman.de: Welche Erinnerung haben Sie an Ihre eigenen Großmütter?

Silvia Wildemann: Meine Oma hat mir in der Kindheit am meisten Wärme und Liebe gegeben. Ich war ein uneheliches Kind. Sie hat bei uns alles gemütlich gemacht, gekocht und gebacken. Sie war klein, rundlich und hatte Löckchen. Bei ihr habe ich mich geborgen gefühlt. Sie starb, als ich 13 war, das war furchtbar für mich. Noch heute denke ich fast täglich an sie.

Andrea Karsten: Meine Oma war für mich der allerwichtigste Mensch. Sie lebte in Dresden, wir im Westen. Sie durfte im Jahr vier Wochen kommen - das war für mich der Himmel. Ich fand sie wunderschön, innerlich und äußerlich. Sie hat mir Häkeln beigebracht und Stricken.

Silvia Wildemann: Genauso war es bei mir! Und während wir zusammen Puppenkleider strickten, erzählte meine Oma von früher.

Ziona Krauss: Ich habe meine Großeltern vielleicht fünfmal im Leben gesehen. Sie lebten im Jemen, im Ghetto von Sanaa, und meine Eltern waren beide nach Israel, ins Kibbuz, gegangen.

BRIGITTE-woman.de: Wollen Sie für Ihre Enkel auch solche Omas aus dem Bilderbuch sein?

Ziona Krauss: Das geht gar nicht, wir haben heute eine andere Mentalität. Im Jemen hatte man Respekt vor den Alten. An ein Erlebnis mit meiner Großmutter erinnere ich mich genau: Sie kam zu Besuch, und da fiel mein geliebter Vater vor dieser mir fast fremden Frau auf den Boden - und küsste ihre Knie! Ich war geschockt.

BRIGITTE-woman.de: Ihre Enkelin würde nicht vor Ihnen in die Knie gehen.

Ziona Krauss: Um Gottes willen! Lieber würde ich ihre Füße küssen. Es ist doch das größte Geschenk der Welt, dass du Oma sein kannst ... Ich würde alles für meine beiden Enkel tun.

BRIGITTE-woman.de: Alles?

Ziona Krauss: Am Sabbat, also Freitagabend, mache ich für meine Schwiegertochter Essen, zwei, drei Taschen voll, die sie mit nach Hause nehmen kann. Das ist bei uns in Israel üblich. Meine Freundin hatte sich vorzeitig pensionieren lassen, damit sie ihre sechs Enkel hüten konnte.

Enkel sind das größte Geschenk.

BRIGITTE-woman.de: Aber bei aller Liebe: Auch eine Großmutter braucht doch mal Zeit für sich.

Ziona Krauss: Wenn du jemanden liebst, bringst du Opfer. Dafür bekommst du etwas. Ich bin meinem Mann in seine Heimat gefolgt und geblieben, obwohl ich in den ersten Jahre in Basel oft dachte: Wenn du hier vor Einsamkeit und Kälte stirbst, merkt es keiner. Doch ich habe ihn und meine Kinder geliebt, und jetzt liebe ich meine Enkel. Und ich habe ganz viel Liebe zurückbekommen.

Silvia Wildemann: Ich wäre auch gern so selbstlos, wie meine Oma war, und dabei so gelassen und noch voller Liebe nach ihrem harten Leben. Ihr Mann war im Krieg gefallen, sie hat drei Kinder durchgebracht und ist für uns dann eine wunderbare Oma geworden. Ich kriege das nicht so gut hin.

BRIGITTE-woman.de: Müssen Sie das denn?

Silvia Wildemann: Meine Tochter braucht mich. Sie ist alleinerziehend und muss als freie Fotografin sehr viel arbeiten, und der Kleine ist jetzt in der Schule. Andererseits habe ich auch einen 45-Stunden-Job mit Überstunden...

Die ehemalige Grundschullehrerin arbeitet im Jugendamt Marzahn-Hellersdorf mit Jugendlichen, die straffällig geworden sind.

BRIGITTE-woman.de: ...und nehmen sich trotzdem regelmäßig Zeit für Ihren Enkel.

Silvia Wildemann: Mehr als das. Wir wohnen ein paar Straßen voneinander entfernt, aber eigentlich bin ich selten zu Hause bei mir. Den Kleinen in die Schule bringen und nach der Arbeit aus dem Hort abholen, einkaufen, Essen machen, Kohlen in den vierten Stock schleppen, Wäsche waschen. So habe ich mir das Oma-Sein nicht vorgestellt. Es ist ein irrer Stress, und ich bin viel zu ungeduldig. Ich frage mich immer, wie meine Oma die Ruhe behalten hat mit uns.

Ziona Krauss: Bei mir ist das ganz anders. Ich wundere mich immer, woher diese Geduld gegenüber den Enkeln kommt. Mit meinen Kindern hatte ich die nicht.

Andrea Karsten, 66, wohnt mit ihrem Mann in Hamburg und einige Monate im Jahr in Sansibar.

BRIGITTE-woman.de: Weil Sie nicht so viel Alltag mit ihnen haben?

Ziona Krauss: Natürlich, aber es ist auch die Lebenserfahrung, man regt sich nicht mehr so schnell auf. Ich komme alle paar Monate von Basel nach Berlin zu Besuch. Wenn meine Tochter und mein Schwiegersohn bei der Arbeit sind, bin ich allein mit Lina. Dann haben wir unser eigenes Tempo, das ist schön. Ich muss meine Enkelkinder nicht großziehen. Ich bin nur zum Vergnügen Oma.

Silvia Wildemann: Das hätte ich auch manchmal gern: nur so alle 14 Tage ein Wochenende Oma sein und dazwischen vielleicht mal ein, zwei Tage.

BRIGITTE-woman.de: Wie viel Zeit bleibt Ihnen für Freunde und Hobbys?

Silvia Wildemann: Ich hatte immer viele Hobbys. Ich bin laufen gegangen, geritten und in die Berge gefahren. Und ich hatte einen tollen Partner. Ich hatte ein ganz tolles Leben! Dann bin ich viel zu früh Oma geworden.

BRIGITTE-woman.de: Haben Sie sich alt gefühlt, als Sie Oma wurden?

Silvia Wildemann: Ich habe meinen Kollegen erst von meinem Enkel erzählt, als er schon viereinhalb war. Weil ich mich eben nicht so alt wie eine Oma gefühlt habe. Dabei fanden die das toll. Auf dem Spielplatz halten mich manche für die Mutter meines Enkels. Anfangs war das hart. Ich war Mitte 40 und habe gemerkt, dass ich auf manche Männer... na ja, irgendwie noch wirke. Das ist jetzt vielleicht nicht so ein prima Thema...

Ziona Krauss: Warum, das ist doch ein wunderschönes Thema!

Silvia Wildemann: Ich habe mir eingeredet, wenn ich mich als Oma zu erkennen gebe, interessiert sich keiner mehr für mich.

Ziona Krauss: Ich spiele da mit offenen Karten. Und ich fühle mich oft sehr jung als Oma - gerade durch das Kind. "Oma" ist doch nur ein Etikett.

Silvia Wildemann: Für mich war klar: Du hast zusammen mit deiner Tochter die Verantwortung für deinen Enkel. Ich war bei der Entbindung dabei und habe nach dem Vater, noch vor meiner Tochter, das Baby im Arm gehalten. Anfangs habe ich oft die Nachtschicht mit dem Baby übernommen, damit die Eltern auch mal schlafen konnten. Nach einem halben Jahr haben die beiden sich allerdings getrennt.

Ich habe auch mein eigenes Leben.

BRIGITTE-woman.de: Was ist aus Ihrer eigenen Beziehung geworden?

Silvia Wildemann: Mein Partner ist nach München gegangen. Ich wollte nachkommen. Dann bekam meine Tochter das Kind. Da konnte ich nicht mehr weg. Jetzt komme ich da nicht mehr raus. Aber es ist okay so.

Andrea Karsten: Ich denke, man muss sich entscheiden: Was kann ich, und was will ich? Mir kommt das so uferlos vor bei Ihnen.

Silvia Wildemann: Ist es auch. Ich bin das Mädchen für alles. Aber ich habe ein schlechtes Gewissen, wenn ich mal Nein sage. Ich kann meine Tochter doch nicht im Stich lassen. Und ich habe den Kleinen sehr lieb.

Ziona Krauss: Ich glaube, Sie machen das alles gern, Sie wollen das so.

Andrea Karsten: Es ist ein Wechselspiel. Ihre Tochter weiß, dass Sie da sind. Vielleicht verhindert das eigene Initiativen.

BRIGITTE-woman.de: Frau Karsten, Sie haben mit über 50 Ihr Studium angefangen, sind dann nach Tansania gegangen. In so einem Leben ist ja kaum Platz für Enkelkinder.

Andrea Karsten: Daran habe ich damals noch gar nicht gedacht. Ich hatte zwar immer eine große Sehnsucht nach Ferne und Freiheit. Aber ich hatte auch vier Kinder. Das war mein Leben, selbst gewählt und gewollt. Dann habe ich meine Mutter und meine Schwiegermutter, beide mit Parkinson, gepflegt. Damals war ich so fertig, dass ich dachte: Wenn das vorbei ist, gehst du selbst direkt ins Seniorenheim. Doch dann habe ich studiert, gleichzeitig mit meinen Kindern, und habe als Erste Examen gemacht.

Ziona Krauss: Wow, toll!

Andrea Karsten: Dass ich noch mal die Kraft hatte und noch mal durchstarten durfte - das hat mir unheimlichen Auftrieb gegeben. Danach habe ich in Tansania das Projekt Deutsch-Tansanische Partnerschaft e.V. aufgebaut, für das ich heute noch arbeite.

BRIGITTE-woman.de: Und genau in der Zeit sind Sie Oma geworden. Wollten Sie da nicht in der Nähe Ihrer Familie sein?

Andrea Karsten: Es stand nie zur Diskussion, ob ich von Hamburg oder gar Tansania, wo ich mehrere Monate im Jahr war, nach Berlin komme, um die Enkelkinder zu hüten. Mein Sohn und seine Frau waren im Studium, sie haben sich die Zeit mit den Kindern geteilt, und dann gab es im Osten der Stadt ja Kitas.

Die medizinisch-technische Assistentin und Sozialwirtin hat drei Kinder und eine Pflegetochter. Die Familie des ältesten Sohnes mit den beiden Enkeln lebt in Berlin

Silvia Wildemann: Mir geht das schon so, wenn ich den Kleinen vier Tage nicht gesehen habe. Wenn ich dann tatsächlich mal Freizeit habe, muss ich mir vorsagen: Genieß das jetzt!

BRIGITTE-woman.de: Haben Sie nicht manchmal Sehnsucht nach Ihren Enkeln?

Andrea Karsten: Ich sehe die Kinder ja vier-, fünfmal im Jahr. In den Sommerferien kommen sie immer für mehrere Wochen zu uns. Wir haben einen großen Garten, da können sie schnitzen und Höhlen bauen. In Tansania hatte ich oft große Sehnsucht, und ich wusste, dass ich verpasse, wie sie sich entwickeln. Das hat mir richtig weh getan.

Ziona Krauss: Wenn ich Lina vier Monate nicht sehe, kriege ich Schmerzen - am Herz.

Ziona Krauss, 63, ist in Israel aufgewachsen und lebt in Basel.

BRIGITTE-woman.de: Mit wem sprechen Sie über solche Gefühle? Oder, wenn Sie sich Gedanken darüber machen, wie Ihre Enkel aufwachsen und erzogen werden?

Andrea Karsten: Mit meinem Mann. Ich will in der Familie meiner Kinder nichts stören, was aus sich selbst heraus entsteht. Jede Generation hat ihren eigene Art, und es ist schön, das zu beobachten.

Ziona Krauss: Anfangs habe ich manchmal was gesagt, vor allem zu meinem Schwiegersohn. Da gab es Streit. Das war falsch, dafür habe ich mich entschuldigt.

BRIGITTE-woman.de: Ist es ein Unterschied, ob die Tochter oder der Sohn ein Kind bekommen?

Ziona Krauss: Auf jeden Fall. Mit meiner Tochter rede ich viel mehr. Bei der Schwiegertochter soll man sich nicht einmischen. In der Schweiz sagt man über die Beziehung zur Schwiegertochter: schenken, schlucken, schweigen.

Andrea Karsten: Meine Tochter hat noch keine Kinder, aber wenn ich mir vorstelle, meine Mutter hätte mir in die Erziehung meiner Kinder reingeredet...

BRIGITTE-woman.de: Gehen Omas heute partnerschaftlicher mit Kindern und Enkeln um, als Sie es erlebt haben?

Ziona Krauss: Vielleicht. Aber vielleicht denkt meine Tochter auch manchmal so, wie Andrea damals dachte. Ich sag jetzt mal du.

Andrea Karsten: Gern.

Silvia Wildemann: Meine Tochter und ich, wir streiten uns schon manchmal über Erziehungsfragen. Ich möchte aber nicht, dass Cassio das merkt. Grundsätzlich ist es immer leichter, wenn ich allein bin mit ihm.

So stressig habe ich mir das Oma-Sein nicht vorgestellt.

BRIGITTE-woman.de: Eltern setzen ihren Kindern heute zu wenig Grenzen, heißt es. Wie sehen Sie das?

Silvia Wildemann: Meine Tochter erlaubt dem Kleinen längst nicht alles. Sie nimmt sich nur manchmal zu viel vor und kann sich dann selbst nicht daran halten. Da bin ich etwas gelassener.

Andrea Karsten: Bei meinen Kindern läuft es eigentlich sehr gut. Ich lerne viel von ihnen. Zum Beispiel sagt meine Schwiegertochter: "Wir gehen jetzt alle zusammen ins Museum!" Das hätte ich früher nie gewagt. Die Kinder gehen erst unwillig mit, aber dann haben sie doch alle ihren Spaß.

BRIGITTE-woman.de: Kleine Kinder sind anstrengend. Wird Ihnen das manchmal auch zu viel?

Silvia Wildemann: Schule, Fußball, Schwimmen - ich mache alles mit, und vielleicht behält mich mein Enkel genau so auch in Erinnerung: als Oma, die zwar nicht so gelassen und geduldig war wie meine eigene - aber alles mitgemacht hat.

Ziona Krauss: Ich bin schon manchmal müde. Aber wenn Lina kommt, ist es, als bekäme ich neue Kräfte. Dann brauche ich sogar weniger Schlaf. Es kommt das Leben, es kommt das Glück.

BRIGITTE-woman.de: Was waren bislang die schönsten Erlebnisse mit Ihren Enkeln?

Silvia Wildemann: Mich hat sehr gerührt, dass ich als Erste das erste Zähnchen meines Enkels entdeckt habe. Als ich mit 18 selbst Mutter wurde, war ich gerade im Studium und im Stress und konnte vieles gar nicht genießen. Ich kann mich nicht mal an den ersten Zahn meiner Tochter erinnern. Das ist jetzt sehr schön.

Ziona Krauss: Für mich ist es toll, wenn Lina mit mir hebräisch spricht, meine Muttersprache. Ich habe sie von Anfang an oft mit ihr gesprochen. Wenn ich sie jetzt abends ins Bett bringe, holt sie die Bilderbücher und sagt: "Komm, Safta - das heißt Oma -, wir machen jetzt Hebräisch!" Einmal wollte ich ihr imponieren und habe eine Geschichte auf Deutsch auswendig gelernt. Wir liegen also im Bett, ich fange an, und sie flüstert: "Safta, lass das, sag es lieber auf Hebräisch!" Kinder haben so ein gutes Gespür, sie sind ehrlich. Das ist wunderbar.

Andrea Karsten: Wir sind mal in einen Kletterwald gefahren, und meine Enkel sind in einer Höhe von vier bis sechs Metern zwischen den Bäumen entlanggeklettert. Mir ist fast das Herz stehen geblieben. Aber ich war so stolz, dass sie so wenig Angst haben und so geschickt sind.

BRIGITTE-woman.de: Gibt es Fähigkeiten oder Werte, die Sie Ihren Enkeln vermitteln wollen?

Ziona Krauss: Es geht doch vor allem darum, einfach da und man selbst zu sein. Eher lerne ich von meinen Enkeln: keine Angst zu haben zum Beispiel.

Die Familie ihrer Tochter, einer Schauspielerin, wohnt in Berlin. Ihr Sohn, ein Musiker, lebt mit Frau und Baby bei Bern. Die gelernte Erzieherin hat in der Schweiz als Fernmeldeassistentin gearbeitet.

Silvia Wildemann: Ich mache als Oma plötzlich Sachen, die ich mich vorher nicht getraut habe oder die mich gar nicht interessiert haben. Im Spaßbad rutsche ich Rutschen runter und hoffe, dass Cassio nicht spürt, dass ich Angst habe. Und wenn wir Fußball spielen, gefällt es ihm, wenn die anderen Kinder sehen, dass seine Oma ein guter Stürmer ist.

Andrea Karsten: Unser Liebstes ist es, am Abend gemeinsam unter die Decke zu kriechen und zu erzählen. Ich habe keine Qualifikationen, die ich vermitteln möchte, ich will kein Vorbild sein. Aber ich lasse gern in Ruhe die Gedanken fließen, und das verbindet mich dann mit meinen Enkeln.

Gespräch: Nataly Bleuel Fotos: Anja Grabert
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