Oma sein: Das eine tun, das andere lassen

Auf die Enkel aufpassen, für die ganze Familie kochen, das darf die Oma, aber wehe, sie sagt mal ihre Meinung. Über das Oma sein.

Beim letzten Mal war der Abschied auf dem Bahnhof anders als sonst. Ich bin sicher, die Kinder haben gespürt, dass zwischen ihrer Mutter und mir etwas nicht stimmt. Auch wenn Camille erst sechs und Christopher vier Jahre alt ist. "Du kommst doch bald wieder, Omi?", haben sie gefragt, und es klang fast ängstlich. Kindern kann man nichts vormachen.

Der ICE nach Hamburg lief ein. "Aber sicher", gab ich zur Antwort, drückte meine beiden Enkel an mich und umarmte Melanie, meine Tochter. "Pass auf dich auf!", sagte ich noch und hätte mir am liebsten sofort auf die Zunge gebissen. Denn selbst solche harmlosen Sätze empfindet Melanie inzwischen als Einmischung. Die Zugtüren hatten sich kaum geschlossen, als meine Tochter schon auf die Rolltreppen zustrebte und die Kinder hinter sich herzog. Als könne ihr meine Abreise nicht schnell genug gehen. Hamburg-Hannover, das sind knapp anderthalb Stunden Fahrt. Ich könnte viel häufiger hinfahren und mich um die Kinder kümmern. Und ich würde es für mein Leben gern tun. Ich finde es wunderbar, Großmutter zu sein.

Als Camille auf die Welt kam, war ich 52. Über die erschrockenen Kommentare meiner Freundinnen, ob ich mich nicht zu jung fühle für die Oma-Rolle, konnte ich nur lachen. Ich war überglücklich über meine Enkelin. Nur für meine Tochter habe ich mir gewünscht, sie hätte noch gewartet.

Als Oma darf man sich nicht in die Erziehung der Enkel einmischen

Aber das behielt ich für mich. Melanie und ich haben viel, was uns verbindet. Als mein Mann und ich uns scheiden ließen, war sie mitten im Abitur und studierte dann Grafikdesign. Ich habe in dieser Zeit eine Zusatzausbildung als Anwaltsfachgehilfin gemacht, um finanziell endlich auf eigenen Füßen zu stehen. Das war auch Melanies Vorstellung: "Ich will später nicht so abhängig sein von einem Mann wie du von Papa", hat sie einmal gesagt.

Heute dreht sich in ihrem Leben alles um die Kinder. Stunden verbringt sie mit Fahrdiensten für Camille und Christopher. Kindergarten, Schule, Sportverein, Musikstunden: Die Aktivitäten der Kleinen sind über die ganze Stadt verteilt, weil in der näheren Umgebung nichts gut genug scheint. "Warum schickt ihr ihn nicht in den Fußballverein hier im Bezirk?", habe ich gefragt, als Christopher in einem noblen Hockeyclub am Stadtrand angemeldet wurde. "Fußball ist nicht unsere Welt", sagte mein Schwiegersohn abfällig. "Und dieser Verein ist einfach unter Niveau."

Melanie nickte zustimmend. Es brannte mir auf der Zunge, sie daran zu erinnern, dass sie als kleines Mädchen am liebsten mit Kindern gespielt hat, die ihr Mann heute wahrscheinlich als "unter Niveau" bezeichnen würde. Geschadet hat ihr das nicht, im Gegenteil. Ihre Freundinnen wohnten alle im selben Stadtteil, sie brauchte nur über die Straße zu gehen. Meine Enkel kennen die Kinder aus der Nachbarschaft kaum. Das finde ich schade, sage aber nichts mehr dazu.

Ich weiß überhaupt nicht mehr, was ich noch sagen darf, es gibt zu viele Fettnäpfe. Braucht eine Sechsjährige ein Handy? Muss man teure Club-Urlaube machen, regelmäßig im Restaurant essen? Ich finde, nein. Was ist, wenn mein Schwiegersohn eines Tages seinen hoch bezahlten Job verliert? Und ist es nicht wichtiger, für die Ausbildung der Kinder und für die eigene Altersversorgung etwas zurückzulegen, statt diesen aufwändigen Lebensstil zu pflegen?

Das müssen die Kinder selbst entscheiden, da rede ich ihnen nicht rein. Umgekehrt lasse aber auch ich mir in meinen vier Wänden nicht reinreden, da bestimme ich. Camille und Christopher akzeptieren das - jedenfalls, wenn ich allein mit ihnen bin. Dann gibt es kaum Probleme. Sind aber Mutter und Vater dabei, testen die Kinder ihre Grenzen aus. Im letzten Jahr zu Weihnachten zum Beispiel, als die ganze Familie bei mir in Hamburg war. Es gab Ente mit Rotkohl, und Christopher hat vor Begeisterung laut geschmatzt. "Aber Christopher", hab ich zu ihm gesagt, "man schmatzt doch bei Tisch nicht so!" - "In Japan gehört das zum guten Ton", mischte sich mein Schwiegersohn ein und schmatzte lauthals mit. - "Dann kannst du das nächste Mal gern einen Tisch beim Japaner bestellen", habe ich ihn angegiftet.

Normalerweise verliere ich nicht so leicht die Nerven. Aber in diesem Moment hat es mir gereicht. Melanie und ihr Mann fordern die Kinder geradezu auf, sich mir gegenüber respektlos zu verhalten. Christopher benutzt meine alten silbernen Rotweinstöpsel als Kreisel, die beiden springen mit Schuhen auf meinen Postermöbeln Trampolin - und die Eltern sehen zu. Zu Hause in Hannover wird das wertvolle Teeservice vor den Kindern weggeschlossen, und das Wohnzimmer ist selbstverständlich spielfreie Zone.

Die Enkel trennen Oma und Tochter

Aber bei mir soll alles erlaubt sein. Manchmal komme ich mir schon wie eine böse alte Oma vor, die ihrer Familie jeden Spaß verdirbt. Dabei fühle ich mich sonst gar nicht alt. Melanie und mich trennen gerade mal 24 Jahre, wir tragen dieselbe Jeansmarke, benutzen dieselbe Kosmetiklinie. Früher sind wir manchmal zusammen ausgegangen, haben oft halbe Nächte verquatscht. Wir waren uns nahe, auch wenn wir gestritten haben. Doch seit die Kinder da sind, liegen Welten zwischen uns. "Man kann sich mit dir gar nicht mehr so gut unterhalten wie früher", sagt meine Tochter. Vielen Dank auch! Was soll ich denn noch sagen, wenn sie mir jedes Wort im Mund herumdreht, alles gleich übel nimmt? Warum ist es bloß so kompliziert, Großmutter zu sein? "Sieh es doch mal locker", sagt meine beste Freundin. "Es ist ihr Leben, nicht deins."

Stimmt. Aber ich liebe meine Tochter. Ich will nicht, dass sie in dieselben Fallen tappt wie ich. Auch ich habe während meiner Ehe ausschließlich für die Familie gelebt. Dem Mann den Rücken freigehalten für seine Arbeit und auf Berufstätigkeit, ein eigenes Einkommen verzichtet. Und eines Tages hat mein Mann eine andere Frau kennen gelernt, und ich stand vor dem Nichts.

"Ich setze doch keine Kinder in die Welt, um sie dann fremden Leuten zu überlassen", hat Melanie geantwortet, als ich sie am letzten Wochenende fragte, ob sie nicht allmählich wieder in ihren Beruf einsteigen wolle. Ich verstehe ja, dass sie nicht den ganzen Tag von ihren Kindern getrennt sein möchte - aber was spricht gegen eine Teilzeitstelle? Oder gelegentliche freie Mitarbeit in einer Agentur? Und warum hält sie nicht wenigstens ihre beruflichen Kontakte von früher - für alle Fälle? "Was dir passiert ist, muss ja nicht automatisch auch mir passieren", hat Melanie schnippisch gesagt. - "Nein", habe ich geantwortet, "aber es sind auch schon Familienväter verunglückt oder arbeitslos geworden. Schön, wenn eine Mutter dann auch einen Beruf hat und die Familie notfalls allein durchbringen kann."

Seit dem Abschied am Bahnhof ist Funkstille. Gestern habe ich angerufen und hatte Camille am Telefon: "Mami ist gerade in der Badewanne." Also habe ich Grüße bestellt. Zurückgerufen hat Melanie bisher nicht. Ab jetzt halte ich mich ganz raus aus ihrem Leben, melde mich auch erst mal nicht bei ihr. Irgendwann wird sie mich schon wieder brauchen.

Interview: "Oma zu sein, muss keinen Stress bedeuten"

Adelheid Müller-Lissner, 55, selbst Großmutter, hat bei den Recherchen für ihr Buch herausgefunden: Enkelkinder zu bekommen ist für die meisten Menschen etwas Wunderbares. Und eventuelle Probleme lassen sich lösen.

BRIGITTE-woman.de: Großmutter zu sein ist offenbar nicht einfach.

Adelheid Müller-Lissner: Doch, das ist es, denn die Verantwortung für das Kind tragen ja andere. Aber die neue Rolle bringt natürlich Veränderungen mit sich. Nicht nur die jungen Eltern, auch die Großeltern müssen einiges lernen.

BRIGITTE-woman.de: Was zum Beispiel?

Adelheid Müller-Lissner: Dass das eigene Kind jetzt endgültig erwachsen ist. Und dass man sich aus dessen Leben besser heraushält.

BRIGITTE-woman.de: Warum fällt das vielen Großeltern so schwer?

Adelheid Müller-Lissner: Durch das Enkelkind werden sie in die Lebensphase zurückversetzt, in der sie selbst kleine Kinder hatten. Aus der Distanz erkennen sie, was sie heute anders machen würden, wo sie sich vielleicht das Leben unnötig schwer gemacht haben. Sie möchten, dass Sohn oder Tochter von ihren Erfahrungen profitieren und Fehler vermeiden...

BRIGITTE-woman.de: ... und deshalb geben sie überall ihren Senf dazu, wissen natürlich alles besser und nerven ihre Kinder mit ungebetenen Ratschlägen.

Adelheid Müller-Lissner: So kann das auf die jungen Eltern tatsächlich wirken. Sie sind in ihrer neuen Rolle noch unerfahren und reagieren oft überempfindlich auf vermeintliche Kritik.

BRIGITTE-woman.de: Vor allem, wenn es um ihren Erziehungsstil geht.

Adelheid Müller-Lissner: Die Älteren sollten sich darüber klar sein, dass jede Zeit da ihre eigenen Vorstellungen hat. Auch sie haben ihre Kinder nicht so erzogen, wie sie selbst erzogen wurden.

BRIGITTE-woman.de: Offenbar fällt es Frauen besonders schwer, sich zurückzuhalten, wenn ihre Töchter Mütter werden. Bekommen die Söhne Kinder, sind sie dagegen entspannter. Woran liegt das?

Adelheid Müller-Lissner: Dazu gibt es interessante Studien. Forscher der Universität Gießen und des Max-Planck-Instituts für demografische Forschung haben anhand alter ostfriesischer Kirchenregister nachgewiesen, dass Kinder früher bessere Überlebenschancen hatten, wenn die Mutter der Frau mithalf. Dagegen war in den Familien, in denen die Mutter des Mannes mit im Haus lebte, die Kindersterblichkeit höher.

BRIGITTE-woman.de: Die Großmütter mütterlicherseits waren also früher für die junge Familie sehr wichtig.

Adelheid Müller-Lissner: Sie sind es auch heute, sollten aber ihre Rolle der Zeit anpassen. Eine junge Mutter und ihr Neugeborenes sind heute normalerweise nicht mehr vom Kindbettfieber und anderen schweren Krankheiten bedroht. Eine Großmutter muss längst keine Gefahren mehr abwenden, die Unterstützung kann subtiler sein.

BRIGITTE-woman.de: Was hilft einer jungen Mutter am meisten?

Adelheid Müller-Lissner: Wenn die Großmutter ihr ab und zu die Kinder "abnimmt" und sie nach Möglichkeit zu sich nach Hause holt. Das ist für die Eltern eine echte Entlastung - und die Kinder erleben die Großmutter in ihrem eigenen vertrauten Umfeld. Dort, wo sie zu sagen hat und ihre Regeln gelten.

BRIGITTE-woman.de: Regeln aufzustellen, die von allen akzeptiert werden, fällt vielen Familien schwer. Was hilft?

Adelheid Müller-Lissner: Ganz einfach: Bei den Eltern haben natürlich die Eltern zu sagen, sie sind die Erziehungsberechtigten, aber bei den Großeltern gelten deren Regeln. Das ist auch für kleine Kinder gut zu verstehen. Ansonsten gilt: Respekt voreinander. Großeltern müssen nicht immer zur Verfügung stehen und nicht alles erlauben. Die junge Familie wiederum hat ihr Eigenleben, und das haben die Großeltern zu akzeptieren.

BRIGITTE-woman.de: Und das funktioniert?

Adelheid Müller-Lissner: Es kann zumindest funktionieren, denn so groß sind die Unterschiede zwischen den Generationen in unserer Zeit nicht mehr.

BRIGITTE-woman.de: Aber viele Kinder wohnen heute sehr weit entfernt von ihren Großeltern.

Adelheid Müller-Lissner: Stimmt - dafür setzen sich die Großeltern von heute in den ICE oder ins Auto, um ihre Enkel zu besuchen. Und anders als in früheren Generationen hat ein Kind von heute gute Chancen, alle vier Großeltern zu erleben. Unsere Gesellschaft mag kinderarm sein, unsere Kinder aber sind dank der gestiegenen Lebenserwartung großelternreich. Viele Großeltern können ihre Enkel sogar bis ins Erwachsenenalter begleiten. Das ist doch ein ungeheures Glück für alle.

Zum Weiterlesen: Adelheid Müller-Lissner: "Enkelkinder! Eine Orientierungshilfe für Großeltern", Links Verlag, 14,90 Euro

Protokoll & Interview: Petra Meyer-Schefe
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