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Wann bekomme ich endlich ein Enkelkind?


BRIGITTE WOMAN-Kolumnistin Regina Sylvester wünscht sich sehnlichst ein Enkelkind. Doch ihre 31-jährige Tochter lässt sich Zeit. Da hilft auch aller Druck nichts.

Früher bin ich mit meiner Freundin Jutta viel unterwegs gewesen. Wir verabredeten uns, schlenderten aufgekratzt durch die Stadt, kehrten hier und da ein, erzählten viel und trennten uns spät. Die Treffen bedeuteten uns etwas. Heute sagt sie öfter ab. Jutta hat zwei Enkelsöhne, seitdem setzt sie andere Prioritäten. Karin und Peter haben mir gerade gemailt: Niklas, ihr viertes Enkelkind, ist gesund auf die Welt gekommen. Meine Vermieter, ein Ehepaar, mit dem ich im gleichen Haus wohne, sind seit Tagen nur damit beschäftigt, den soeben geborenen Sohn ihrer Tochter anzustaunen. Ihr erster Enkel. Momentan interessiert sie nichts anderes. Ich kann ihnen nicht den Ausfall meines Küchenherds melden, zum Glück funktioniert eine Heizplatte noch.

Das ist eine fundamentale neue Erfahrung meiner Generation: Sie pflanzt sich fort, aber jetzt ohne eigene Anstrengung. Ich bin zunehmend von Großeltern umgeben. Alle sind stolz und glücklich und haben immer aktuelle Fotos dabei. Kahlköpfige Säulinge, Schultütenkinder, Austauschschüler. Das ganze Nachwuchs-Programm - vorgezeigt in der Brieftasche, auf dem Handydisplay und als Bildschirmhintergrund. "Und wie ist es bei dir?", fragen sie. "Nichts", sage ich. "Kommt schon noch", sagen sie.

Ein Enkelkind - ich gehe meiner Tochter schon auf die Nerven

Aber wann? Ich wäre so gern eine Großmutter. Irgendwann ist diese Bereitschaft und Sehnsucht auf meiner inneren Festplatte angesprungen. Seitdem gehe ich meiner Tochter auf die Nerven. Sie ist jetzt 31. Wahrscheinlich mache ich zu viel Druck, denn wenn wir auf der Straße einer Schwangeren begegnen, flüstert sie mir zu: "Sag nichts!" Ich schweige und denke: Sie sollte langsam mal ein Baby bekommen. Dann wäre wieder ein kleines Lebewesen da. Etwas zum Schmusen und Verwöhnen.

"Dann kauf dir doch einen Hund", sagt der Schauspieler Henry Hübchen. Wir sind befreundet. Er selbst hat bereits fünf Enkelkinder, deshalb kommt manchmal zwischen uns die Rede auf das Thema. Ein Hund! Hübchen fehlt es an Einfühlsamkeit. Von wegen Künstler.

Meine Tochter ist hübsch, klug, witzig und, soweit das eine Mutter beurteilen kann, auch sehr sexy. Schon früh haben sich die Jungs für sie interessiert. Ich fand es richtig, dass das Kind Erfahrungen macht und sich nicht gleich festlegt. Später fing ich an, nach dem Elternhaus der jungen Männer zu fragen, nach ihren Berufen und Plänen. Einmal sah ich mich schon auf der Zielgeraden als Großmutter. Ich würde die jungen Eltern entlasten und oft auf den Nachwuchs aufpassen. Wie Jutta. Auch wenn sich meine Freundin danach immer ausruhen muss, die beiden Jungs sind sehr temperamentvoll.

Auf einmal war die Sehnsucht da.

Meine Tochter hat sich damals getrennt, derzeit ist sie ohne festen Freund. Sie arbeitet viel, geht am Wochenende mit ihrer Clique aus und macht keinen unglücklichen Eindruck. Sie sagt, es sei eben schwierig, einen Mann fürs Leben zu finden. Ich glaube ihr. Derzeit werden ja wieder mehr Kinder geboren. Das soll damit zusammenhängen, dass sich immer mehr Frauen ihren Kinderwunsch noch spät erfüllen. Offenbar ist eine Gegenbewegung zu den Teenie-Schwangerschaften entstanden. Viele Frauen wollen erst im Beruf Fuß fassen und dann Kinder bekommen. Insofern könnte meine Tochter im Trend liegen.

Vor einiger Zeit hatte ich ein Erlebnis auf der Straße: Ein älterer vornehmer Herr spielte mit einem kleinen Jungen Verstecken. "Wo bin ich?", fragte er, in kerzengerader Haltung hinter einem Baumstamm. Er wartete, dann schoss sein Graukopf seitlich hervor, und er rief lachend: "Daaa!" Jeder von uns kennt das Spiel. Es funktioniert auch, wenn man Babys ein Tuch vor das Gesicht hält und schnell wegzieht. "Daaa!" Dieser Kleine jedenfalls, er war etwa drei, quietschte vor Vergnügen und rannte gleich zum nächsten Baum. Der ältere Herr hatte schon ein gerötetes Gesicht, ihm war wohl heiß. Jetzt nahm er den Jungen auf den Arm. Der strampelte und rief: "Papa! Runter!" Den Sohn hat er noch hinbekommen. Für Enkel wird es leider knapp werden.

Text: Regine Sylvester Foto: Frank Siemers

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