Schwul? Lesbisch? Na und!

Eine Tochter, die Frauen liebt, ein Sohn, der auf Männer steht - das galt lange als ein Tabu in Familien. Heute gehen die meisten mit Homosexualität entspannter um.

Christel von Winterfeld, 74, zwei Söhne, Großburgwedel bei Hannover: "Ich war entsetzt, und mein Sohn tat mir so leid" Christoph kam eines Tages, kurz vor dem Abitur, sehr verstört von der Radtour mit einem Freund zurück. Er gestand uns, dass er sich in diesen Schulkameraden verliebt habe. Wie wird der Junge damit fertig? Und was werden die Leute sagen? Das waren meine ersten Gedanken. Unser Umfeld ist sehr konservativ, die Winterfelds sind eine alte preußische Offiziersfamilie. Mein Mann und ich haben Christoph dann zu einer Psychotherapeutin geschickt. Er war so aufgewühlt, und wahrscheinlich hofften wir auch, dass man ihn "heilen" könne.

Heute werde ich richtig böse, wenn ich so etwas höre. Homosexualität ist doch keine Krankheit! Aber wir haben damals Zeit gebraucht, bis wir uns der Tatsache gestellt haben, dass unser Sohn schwul ist. Wir mussten es akzeptieren, weil wir ihn nicht verlieren wollten. Christoph gab uns Bücher und schickte uns in eine Elterngruppe. Dann gingen wir in die Offensive: Ich gründete mit anderen Angehörigen Befah, den Bundesverband der Eltern, Freunde und Angehörigen von Homosexuellen. Dort lernte ich, offen über meinen schwulen Sohn zu sprechen. Das hat mir sehr geholfen. Später beriet ich andere Eltern am Kummertelefon. An unsere Verwandten schickte ich Bücher über Homosexualität. Niemand reagierte. Das Thema ist in der Familie weiter sehr schwierig. Die meisten akzeptieren bis heute nicht, dass Christoph schwul ist. Vor Festen weist man ihn darauf hin, dass er seinen Freund nicht mitbringen soll.

Christoph von Winterfeld, 44, Architekt, Berlin: "In meiner Familie hatte ich gelernt: Schwul zu sein gehört sich nicht, ist eklig" Meine Mutter und ich sind uns durch mein Coming- out viel näher gekommen. Vorher hatten wir höflichen Kontakt, jetzt können wir über unsere Gefühle sprechen. Das war allerdings ein weiter Weg. Nachdem ich meinen Eltern gesagt hatte, dass ich in meinen Schulfreund verliebt bin, haben wir über das Thema jahrelang nicht mehr geredet. Sie hofften wohl, es sei "nur so eine Phase". Ich selbst habe in der Zeit sehr mit mir gerungen. Denn schwul zu sein widersprach den Werten unserer nationalkonservativen adligen Welt komplett. Alles, was ich bis dahin über Homosexualität gehört hatte, war voller Ekel gewesen. Und ich war fest davon überzeugt, irgendwie "verkehrt" zu sein. Mit Anfang 20 las ich in der "Zeit" einen Artikel über einen Schwulen. Damit platzte der Knoten, denn wenn in einer so seriösen Zeitschrift positiv berichtet wurde - dann musste es doch in Ordnung sein. Die Geschichte spielte in Hamburg, Hals über Kopf zog ich dorthin. Als ich sah, wie viele Schwule es da gibt, verlor es für mich sehr an Schrecken. Ich sagte meinen Eltern ganz klar, dass ich homosexuell bin.

Das nenne ich heute "mein zweites Coming-out". Dieses Mal war ich selbstbewusster. Und meine Eltern reagierten ja auch ganz anders als beim ersten Mal. Vielleicht wollten sie wiedergutmachen, dass sie das Thema so lange totgeschwiegen hatten. Meine Mutter wurde im Befah, dem Bundesverband der Eltern, Freunde und Angehörigen von Homosexuellen, aktiv, sie lief sogar beim Christopher Street Day in Köln mit. Manchmal war mir solcher Aktionismus fast schon peinlich. Aber im Grunde finde ich es ganz lieb, wie sehr sie mir helfen wollte.

Annette Borggräfe, 59, zwei Töchter, ein Sohn, Grundschullehrerin, Hirschberg an der Bergstraße: "Als ich ihre Freundin kennen lernte, spürte ich: Das passt" Keine Enkelkinder! Kein netter Schwiegersohn! Diese Gedanken schossen mir durch den Kopf, als ich anfing, das Buch über Homosexualität zu lesen, das ich mir kurz nach dem Outing meiner Tochter gekauft hatte. Ich fing an zu weinen und fragte mich: Habe ich, haben wir etwas falsch gemacht? Liegt es an der Erziehung? Ein paar Tage vorher hatte Julia meinem Mann und mir am Telefon gesagt, dass sie mit einer Frau zusammen sei. Sie war damals 25. Bis dahin war Homosexualität in meiner Welt quasi nicht vorgekommen. Der einzige Schwule, den ich kannte, war mein Friseur.

Ich stamme aus dem Rheinland, also aus einer tief katholischen Gegend. Dort sind wir mit der Vorstellung aufgewachsen, dass gleichgeschlechtliche Liebe etwas Widernatürliches sei. Das war die eine Seite. Andererseits bin ich auf alles Fremde sehr neugierig. Das galt damals auch für Julias Freundin. Als ich die beiden zusammen sah, dachte ich: Das passt! Ich hatte mich nämlich schon oft gefragt, welcher Mann wohl der Richtige für meine Tochter sein könnte. Schon als Kind war sie sehr burschikos. Mir selbst ist die Vorstellung immer noch sehr fremd, eine Liebesbeziehung zu einer Frau zu haben. Aber für Julia ist es eben die richtige Lebensform. Inzwischen ist sie mit einer Frau verheiratet und sehr glücklich. Das ist doch das Wichtigste. Heute glaube ich, dass Julia lesbisch ist, war so in ihr angelegt. Und um Enkel muss ich mir auch keine Sorgen mehr machen: Eine Enkelin habe ich schon, zwei sind unterwegs - eins davon bei Julia und ihrer Frau.

Julia Borggräfe, 34, Juristin, Berlin: "Meine Eltern hatten weniger Probleme damit, dass ich eine Frau liebe, als ich selbst" Klick hat es gemacht, als ich mit Anfang 20 "Claire of the Moon" gesehen habe. Der Film erzählt die Liebesgeschichte von zwei Frauen und hat mich total fasziniert. Danach habe ich allerdings noch ein paar Jahre mit mir gekämpft, bis ich mir eingestehen konnte, dass ich lesbisch bin. Ich bin mit sehr klaren, eher konservativen Wertvorstellungen groß geworden. Es passte einfach nicht in mein Gesellschaftsbild, mit einer Frau zusammen zu sein. Aber irgendwann war ich an einem Punkt, an dem ich eine Entscheidung treffen musste.

Als ich das erste Mal eine Frau küsste, war das eine völlig neue Dimension, und ich wollte nie wieder zurück. Alle anderen hatten mit meiner Homosexualität weitaus weniger Probleme als ich selbst - inklusive meiner Eltern. Eigentlich hatte ich erwartet, dass sie total austicken. Den ersten Schreck hat meine Mutter wohl überwunden, als sie meine damalige Freundin kennen lernte. Jetzt stand auf einmal ein Mensch vor ihr, den sie sympathisch fand und mit dem sie gut reden konnte. Damit waren die theoretischen Bedenken erst mal vom Tisch. Neulich hat sie mir gesagt, dass Liebesfilme mit Männern und Frauen für mich eigentlich nicht so spannend sein können. Ich finde toll, wie sie sich Gedanken macht. Schwieriger ist es, wenn es um Fragen geht wie: Dürfen Schwule und Lesben Kinder haben? Darf die heilige Ehe für sie geöffnet werden? Das haben wir heftig diskutiert - heute ist meine Mutter offener.

Kirstin Fussan, 46, ein Sohn, Angestellte in der Senatsjugendverwaltung, Berlin: "Erst hat Nico sich geoutet. Dann ich. Er ist schwul, ich bin lesbisch" Nico ist schwul, ich bin lesbisch. Und wir haben uns im Abstand von nur einem halben Jahr geoutet. Nico hat den Anfang gemacht, er war damals 14. Als er es mir gesagt hat, war ich völlig verdattert, mein Herz hat geklopft wie verrückt. Aber ein Schock? Nein. Homosexualität gehörte zu meinem Leben. Ich hatte beruflich viel mit Schwulen und Lesben zu tun, und auch unter meinen Freunden gab es immer Homosexuelle. Trotzdem habe ich mir anfangs Sorgen gemacht. Wegen HIV zum Beispiel. Deswegen haben wir viel über Safer Sex gesprochen. Ich vertraue Nico, aber das schwelt trotzdem weiter im Hinterkopf. Damals fürchtete ich auch, er könnte in der Schule gemobbt werden. Zum Glück ist das nicht passiert. Und Nico lief nach seinem Coming-out wieder fröhlicher durch die Welt. Davor war er sehr in sich gekehrt gewesen.

Ich bin froh, dass er sich so früh geoutet hat und sich nicht ewig quälen musste. Bei mir selbst dauerte der Prozess länger. Als Nico mir sagte, er sei schwul, steckte ich schon mittendrin. Aber ich brauchte meine Zeit. Es fiel mir sehr schwer, meinen damaligen Mann, Nicos Stiefvater, zu verlassen. Ich habe meine Gefühle lange zur Seite geschoben. Nico fand es toll, als ich dann mit meiner Freundin Sabine zusammen war. Er hat sich von mir besser verstanden gefühlt. Und sein Verhältnis zum Stiefvater war schwierig gewesen. Dann zog Sabine bei uns ein. An die Zeit habe ich sehr schöne Erinnerungen: Es war ein richtiger "Weiberhaushalt" mit uns dreien, wir waren frei und glücklich.

Nico Fussan, 25, Veranstaltungstechniker, Berlin: "Schon als Kind wusste ich, dass ich anders bin." Ich brauche einen Mann!, habe ich meiner Mutter mit 14 einfach so hingeknallt. Da hatte ihre lesbische Kollegin Sabine gerade das Gleiche über eine Frau gesagt und mir damit eine super Vorlage gegeben. Ich hatte vorher nicht lange überlegt, wie ich es meiner Mutter beibringen könnte. Denn ich war mir sicher, dass sie mit einem homosexuellen Sohn kein Problem haben würde. Erstens ist sie sehr tolerant. Zweitens wusste ich, dass sie mich liebt und immer zu mir hält. Auch für mich selbst war die Erkenntnis, dass ich schwul bin, leichter zu verarbeiten als für viele andere. Schon als Kind wusste ich, dass ich anders bin. In der Pubertät entdeckte ich dann, dass es dafür ein Wort gibt: schwul. Der Gedanke hatte für mich eigentlich nichts Erschreckendes.

Als meine Mutter Bescheid wusste, wurde aus Fantasie dann Realität. Sie schickte mich in eine schwul-lesbische Jugendgruppe und öffnete mir damit eine neue Welt. Ich hatte plötzlich Kontakt zu anderen Schwulen und lernte dort auch meinen ersten Freund kennen. Ich war 14, er 23. Einige Zeit später sagte mir meine Mutter, dass sie meinen Stiefvater verlassen werde und jetzt mit Sabine zusammen sei - der Kollegin also, die ja auch an meinem Coming-out indirekt beteiligt war. Ich fand das super. Ich als schwuler Junge hatte jetzt also eine lesbische Mutter! Und die war mit Sabine ganz offensichtlich sehr glücklich. Heute sind die beiden verheiratet.

Text: Katja Michel Fotos: Benno Kraehhahn, Cira Moro
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