"Notfalls muss Brigitte ihrem Sohn ein Ultimatum stellen."

Die Diplompsychologin Christiane Papastefanou beschäftigt sich seit Jahren mit dem Phänomen Nesthocker und sieht das Hotel Mama kritisch.

BRIGITTE-woman.de: Was würden Sie Brigitte raten?

Christiane Papastefanou: Das ist nicht leicht zu sagen. Erst muss Brigitte herausfinden, warum ihr Sohn nicht auszieht. Hat er Angst, allein zu sein oder Sorgen, nicht zurechtzukommen? Oder ist er einfach nur bequem? Erst dann kann sie entscheiden, wie sie mit der Situation umgehen möchte.

BRIGITTE-woman.de: In Brigittes Fall scheint ihr Sohn einfach sehr bequem zu sein. Wann sollte sie das Problem also ansprechen?

Christiane Papastefanou: Solange Eltern einen Grund dafür sehen, dass ihr Kind noch bei ihnen wohnt, akzeptieren sie die Situation in der Regel. Ich denke da an eine noch andauernde Ausbildung, ein Studium oder eine Schwangerschaft. Wenn der Zeitraum überschritten scheint und die Eltern sich ausgenutzt fühlen, sollten sie das Problem ansprechen.

BRIGITTE-woman.de: Und wie?

Christiane Papastefanou: Ein solches Gespräch ist meist sehr heikel. Auf der einen Seite möchten Eltern ihren Kindern klarmachen, dass sie ihren Freiraum brauchen. Auf der anderen Seite wollen sie ihrem Sohn oder ihrer Freundin aber nicht das Gefühl geben, sie "rauszuschmeißen". Deshalb ist es immer gut, sogenannte Ich-Botschaften zu formulieren. "Ich brauche Ruhe" oder "Mir wächst das über den Kopf". Brigitte sollte versuchen, ihrem Sohn die Vorteile eines Auszugs aufzuzeigen. Ihm erklären, dass er dadurch wieder seine eigenen Freiheiten hat und sich weiterentwickeln kann. Eigenständiges Wohnen heißt auch Reifung und Selbstständigkeit.

BRIGITTE-woman.de: Und wenn das nichts bringt?

Christiane Papastefanou: Dann darf sie sich nicht davor fürchten, ihrem Sohn ein Ultimatum zu setzen und deutlichere Worte zu finden.

BRIGITTE-woman.de: Setzt sie damit nicht die Beziehung zu ihrem Sohn aufs Spiel?

Christiane Papastefanou: Die Gefahr, dass die Beziehung während des Zusammenwohnens negativ beeinträchtigt wird, ist viel größer.

BRIGITTE-woman.de: Welche Nachteile kann ein zu langes Zusammenwohnen haben?

Christiane Papastefanou: Die Konflikte im Zusammenleben strapazieren die Beziehung zwischen Kind und Eltern, weil beide Seiten in ihren jeweiligen Lebensphasen unterschiedliche Bedürfnisse haben. Die Eltern möchten ausspannen und sich eben keine Sorgen mehr machen müssen. Das Kind will Spaß und Aufregung. Außerdem besteht die Gefahr, dass der erwachsene Sohn in eine Kindsrolle zurückfällt, sich zu sehr an die Eltern gewöhnt und so in Abhängigkeit verharrt. Geringer Freiheitswille und ein wenig entwickeltes Durchsetzungsvermögen könnten die Folge sein - ebenso Probleme zwischen den Eltern: Etwa wenn die Mutter möchte, dass der Sohn bleibt und der Vater seinen Auszug herbeisehnt.

BRIGITTE-woman.de: Ziehen junge Erwachsene heute später aus?

Christiane Papastefanou: Vor dreißig Jahren lebte etwa jeder Fünfte der 24-Jährigen noch bei den Eltern. Heute ist es fast jeder Zweite. Das hat verschiedene Gründe. Die Bundeswehr oder der Zivildienst zögern oft den Auszug hinaus. Auch gibt es heute viel mehr Studenten als früher und die leben - wenn sie am Wohnort der Eltern studieren - häufig weiterhin zu Hause. Männer brauchen dabei meist länger für ihre Ausbildung oder ihr Studium und wollen später als Frauen eine Familie gründen. Studiengebühren, geringe Einstiegseinkommen, Jahresverträge und steigende Mieten tun ihr Übriges.

Interview: Alexandra Zykunov
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