Neustart mit Bauchweh: Wenn Oma zu den Kindern zieht

Umzug Rente

Eine Frau beschließt, im Alter näher zu den Kindern zu ziehen. Ein Schritt, der alle Beteiligten ins Gefühlschaos stürzt. Ihre Tochter beschreibt den schwierigen Übergang ins neue Leben.

Text: Michèle Rothenberg

Da ist es wieder, dieses Seufzen. Ich bin gerade aufgestanden, aber meine Mutter steht schon fertig angezogen in der Küche. Steht einfach da, guckt ziellos über halb ausgeräumte Schränke, die Kisten - und seufzt. Angespannt sieht sie aus. Und unendlich niedergeschlagen. Ausgerechnet sie, die sonst immer nach vorne schaut und Jammern nicht ausstehen kann.

Wieder einmal frage ich mich: Sollte meine Mutter nicht hier bleiben, wo sie seit 35 Jahren lebt? Ist es klug, das aufzugeben und fast 800 Kilometer weit weg neu anzufangen? Nur, um näher bei den Kindern zu sein?

Eigentlich hatten wir uns jahrelang wohl gefühlt mit unserer familiären Nord-Süd-Achse. Wir drei Kinder in Hamburg, unsere Mutter in . Regelmäßige Besuche, Telefonieren am Wochenende, wenig Stress. Warum wir Geschwister alle ans andere Ende Deutschlands gezogen sind, kann ich gar nicht genau sagen. "Das sind die norddeutschen Wurzeln", sagte meine Mutter gern. Sie ist gebürtige Niedersächsin. Dass wir alle in einer Stadt wohnten, mache die Besuche wenigstens einfacher. Nur die Enkel würde sie gern öfter sehen. "An den Kindern merkt man, wie die Zeit rennt", sagte sie oft.

Sie spricht oft von der Arbeit. Bis sie merkt, dass das alles nichts mehr mit ihr zu tun hat.

In der leergeräumten Küche setzt meine Mutter Kaffee auf und deckt den Tisch. Das Radio läuft. Wie immer. Stille macht meine Mutter nervös.

Sie erzählt von ihrem Abschied im Büro. Ein richtiges Fest habe es gegeben. Alle waren da, sogar Kollegen, die längst woanders arbeiten. Und ihr Chef habe eine tolle Rede gehalten. "Die habe ich mir extra ausdrucken lassen", sagt meine Mutter und lächelt.

Ihr letzter Arbeitstag war vor zwei Wochen. In drei Tagen kommen schon die Umzugswagen. Das neue Leben rast auf sie zu, ohne Schonfrist.

Sie spricht oft von der Arbeit. Sagt "wir", wenn sie von ihrem Team spricht, erzählt von Projekten, die bald starten sollen, vom nächsten Betriebsausflug. Bis sie merkt, dass das alles gar nichts mehr mit ihr zu tun hat. "Ach, aber weißt du", sagt sie zu mir, während sie sich eine Scheibe Lachs aufs Brot legt, "ich bin auch froh, dass es vorbei ist. 20 Jahre sind genug."

Es ist das erste Mal, dass sie in diesen Tagen etwas Positives über ihr neues Leben sagt.

Entschieden hat der Kopf, nicht der Bauch

Die Idee, dass meine Mutter zum Rentenbeginn zu uns in den Norden zieht, entstand schon vor Jahren. Viele praktische Gründe sprechen dafür. Ihre teure Wohnung, aus der sie als Rentnerin sowieso ausziehen müsste. Und natürlich die Gesundheit, die irgendwann nicht mehr so gut sein wird wie heute. Als sie neulich eine schwere Grippe hatte, sei ihr bewusst geworden, wie allein sie eigentlich sei. "Ich hätte sterben können, und keiner hätte es gemerkt."

Trotzdem brauchte sie eine Weile, um sich mit dem Neuanfang anzufreunden. Von den Kindern abhängig zu sein, ihnen zur Last zu fallen, das ist für sie eine furchtbare Vorstellung. Und wäre das nicht so, wenn sie in einer Stadt lebte, wo sie sonst niemanden kennt?

Schließlich präsentierte sie uns vor einem Jahr ihre Entscheidung: Sie wolle nach Lübeck ziehen, nicht nach Hamburg. Sie kennt die Stadt, ihr Vater lebt noch dort. Lübeck ist übersichtlich und nicht so teuer. Und sie bewahrt sich einen Sicherheitsabstand zu uns. "Ich glaube, das wird gut", sagte sie am Telefon und klang richtig abenteuerlustig.

Heute ist davon wenig zu spüren. Nachdem wir die letzten Kartons gepackt haben, schlage ich vor, einen Spaziergang am Fluss zu machen, Abschied nehmen. "Nee, dafür hab ich jetzt keinen Kopf", sagt sie unwirsch und geht zum hundertsten Mal durch, an was sie noch alles denken muss.

Ihre Anspannung beginnt, mich zu nerven

Ich hatte mich auf die Tage in Freiburg gefreut und dachte, dass wir auch Zeit finden für schöne Dinge, zum Bummeln und für die Natur. Immerhin habe ich mir extra Urlaub genommen. Ich atme tief durch und wende mich wieder dem Putzen der Lichtschalter zu.

Wir strengen uns beide an, nett zueinander zu sein. Der Umzug ist eine Ausnahmesituation, da braucht man nicht noch Zickereien. Trotzdem werden wir von Tag zu Tag dünnhäutiger, wie immer, wenn wir länger auf engem Raum zusammen sind.

Eine Freundin sagte mir neulich, dass sie es nicht ertragen könnte, wenn ihre Mutter in ihrer Nähe wohnte. Zu viel Streitpotenzial. Ob das bei uns auch so sein wird? Ich glaube nicht. Zwar werden wir uns viel öfter sehen, wenn sie in Lübeck lebt. Aber dann verbringt man einen Tag zusammen und fährt wieder nach Hause. Die langen, mehrtägigen Besuche, von denen alle zu viel erwarten, wird es dann nicht mehr geben.

Es klingelt an der Tür. Fünf Männer kommen herein und bauen die Einbauküche ab, die meine Mutter bei Ebay verkauft hat. Ein Regal aus den Siebzigern geht am Nachmittag weg. Meine Mutter seufzt. Ihr altes Leben löst sich auf, zurück bleiben Staub und weiße Umrisse an der Wand. Ich versuche, sie abzulenken und spreche über die neue Wohnung in . "Freust du dich denn auch ein bisschen darauf, alles neu einzurichten?" "Nein, ehrlich gesagt nicht", sagte sie und hält sich den Bauch, der seit Tagen weh tut.

Unsere Beziehung hat sich verändert. Auf einmal bin ich es, die sich Sorgen macht.

Ich merke, wie sich etwas verändert hat in unserer Beziehung. Auf einmal bin ich es, die sich Sorgen macht. Was, wenn sie jetzt in ein Loch fällt? Wenn sie sich in Lübeck einsam fühlt? Sie hat keinen großen Bekanntenkreis in Freiburg, aber einige sehr gute Freunde, mit denen sie sich regelmäßig trifft. Die ihr gerne helfen, sei es beim Einrichten des Computers oder beim Hüten der Katze. Wird sie solche Menschen wieder finden? Ich weiß, dass ich ihr diese Aufgabe nicht abnehmen kann. Trotzdem fühle ich mich ein bisschen verantwortlich. Weil sie unseretwegen ihre Komfortzone verlässt.

Ich kenne viele Leute, die weit weg von ihren Eltern wohnen. Die Familien, die ihr Leben lang zusammenbleiben, sind selten geworden. Unsere Freiheit war uns immer wichtiger. Erst wenn die Eltern offiziell den Seniorenteller bestellen dürfen, merken wir, dass der wöchentliche Anruf bald nicht mehr reichen wird. Dass wir sie gerne wieder ein bisschen näher an uns dran hätten. Auf sie aufpassen wollen - auch wenn meine Mutter das nicht gerne hören würde.

Abschied von der Kindheit

Im Keller finde ich Kartons mit alten Kindersachen. Ich wühle durch Pumuckl-Kassetten und Puppen mit abgeschnittenen Haaren und werde nun selbst ein bisschen traurig. Auch für mich ist dieser Umzug ein Abschied. Meine Mutter und ich haben lange zusammen in der Wohnung gelebt. Ein Besuch dort fühlte sich immer an wie Nachhausekommen. Wenn ich das nächste Mal in Freiburg übernachte, dann als Gast bei Freunden, auf einem Schlafsofa. Oder in einem Hotelbett. Den Ort, an dem ich für kurze Zeit wieder Kind sein konnte, gibt es bald nicht mehr.

Am Tag des Umzugs bleibt wenig Zeit für Gedanken. Irgendwann ist das komplette Leben meiner Mutter in einen Container geladen und auf dem Weg in den Norden.

Wir fahren mit dem Auto hinterher. Es ist ein weiter Weg, aber ich merke, wie die Fahrt meiner Mutter trotzdem gut tut. Sie liebt ihr Auto, ist eine sichere Fahrerin. Endlich gibt es wieder etwas, über das sie die Kontrolle hat.

Als wir am nächsten Tag die neue, leere Wohnung betreten, scheint die Sonne durch die große Fensterfront. Wir setzen uns auf dem Balkon, schauen ins Grüne und warten auf die Möbel. "Was macht der Bauch?" frage ich sie. Die Frage ist ein Ritual geworden in den letzten Tagen. "Dem geht's ganz gut", sagt meine Mutter. "Und die Wohnung, die ist wirklich schön."

Ein paar Tage später rufe ich sie an. "Weißt du was, ich habe schon alle 50 Kartons ausgepackt. Wie eine Irre", erzählt sie. Wir lachen, und meine Mutter sagt, dass sie schon eine Einladung zum Frühstück hat. Von den Nachbarn schräg unten, die machten einen netten Eindruck.

Ich schlage vor, dass ich am Wochenende mit meiner Tochter und meinem Mann auf einen Kaffee vorbeikomme. "Das ist ja jetzt ganz unkompliziert. Gut, oder?" "Ja", sagt meine Mutter, "das ist echt gut."

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Kommentare (3)

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  • Anonymer User
    Anonymer User
    Ich bin Mitte August im Alter von 76 Jahren nach 16 Jahren Florida nach Deutschland zurückgekehrt, um in der Nähe meines Sohnes und seiner Familie (Enkelin 2 Jahre) zu sein. Nach dem Tod meines Mannes habe ich mich zu einsam gefühlt, und das jährliche Besuchen per Langstreckenflug wird auch anstrengender mit zunehmendem Alter. Die Entscheidung ist mir nicht leicht gefallen, ich habe so viel aufgeben müssen, mein Haus verkauft, Haushalt praktisch verschenkt, weil ja doch nicht viel mitgenommen werden kann wegen der hohen Kosten. Und dann das Wetter....Der Kulturschock ist ziemlich gewaltig, muss mich erst wieder an den "German way of life" gewöhnen, aber dafür sehe ich jetzt meine Enkelin aufwachsen und herangedeihen und habe Familienanschluss, wann immer ich will. Und sollte meine Gesundheit nachlassen, ist wenigstens jemand da, der sich kümmert. Insofern habe ich meine Entscheidung nicht bereut. Meine Familie lebt ca. 15 km von meinem neuen Wohnort.
  • Anonymer User
    Anonymer User
    Danke für diesen mutmachenden Artikel! Auch ich möchte im Alter meine Zelte abbrechen und in die Nähe meiner Kinder ziehen. Ich kenne es nämlich aus eigener Erfahrung wie es sich anfühlt, die alten Eltern nur in den Ferien besuchen zu können und sie nach ein paar Tagen wieder zu verlassen. Letzteres war immer schrecklich für mich, da ich nicht wusste ob ich sie wieder sehen werde. Die Entfernung war einfach zu groß für "kurz mal vorbeischauen". Das möchte ich meinen Kindern ersparen und deshalb werde ich zu gegebener Zeit meine Zelte abbrechen und einen Neustart wagen.
  • Anonymer User
    Anonymer User
    Es ist gut, dass diese Mutter noch jung genug war, sie hat ihre gewohnte Selbständigkeit bewahren oder wieder entdecken können. Sie hat sich positiv programmiert, um ein gutes, neues Leben in einer anderen Stadt zu beginnen. Das ist nicht immer so einfach. Trauriger wird es mit Eltern, die bereits hilfloser sind und trotzdem noch klar denken können. Es entstehen Depressionen über das verbleibende vermeindlich klägliche Restleben, denen man als Kind hilflos gegenüber steht. Der Geist ist willig aber der Körper kann nicht mehr. Die Alternative "Residenz", wie es immer so schön umschrieben wird, macht es auch nicht besser. Das konzentrierte Beisammensein mehr oder weniger gleichaltriger und vielleicht auch pflegebedürftiger Menschen, verbunden mit der Abhängigkeit von Fremden, fördert die Depression. Das viel zu seltene Miteinander mit jüngeren Menschen scheint zum Kraftakt zu werden. Die Überzeugungsarbeit, an sich zu arbeiten und etwas Neues zu beginnen, verpufft in der D

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