Sehnsucht nach Babys

Kaum sind unsere Kinder aus dem Gröbsten raus, haben wir wieder Sehnsucht nach Babys. Sehnsucht? Wir sind geradezu süchtig nach dem Geruch von Neugeborenen und ihrer flaumweichen Haut.

Darf ich ganz kurz?", frage ich die mir völlig fremde junge Mutter mit dem Kinderwagen, die im Supermarkt neben mir an der Kasse steht, und als sie etwas überrumpelt "Okay" murmelt, bin ich nicht mehr zu halten. Ich beuge mich über ihr ahnungsloses Baby: "Du bist ja so was von niedlich, am liebsten würde ich ganz kurz in dich hineinbeißen", wispere ich, und würden sich nicht zwei ängstliche Mutteraugen in meinen Rücken bohren, ich würde das Baby aus dem Wagen nehmen und abküssen. Aber so beherrsche ich mich, streichle nur einmal zart über das flaumweiche Babybäckchen. "Sorry, ich konnte einfach nicht widerstehen", sage ich dann entschuldigend zur Mutter, die ganz offensichtlich nicht weiß, ob sie nicht besser die Polizei rufen soll, "Ihr Baby ist einfach zu süß."

Ja, ich gestehe - ich bin babysüchtig. Wenn ich diese kleinen rosa Wesen mit den schnuckeligen Speckfalten und dem weichen Flaum auf dem Kopf irgendwo erspähe, geht es mir wie einer Drogensüchtigen, der man eine mit Heroin gefüllte Spritze vors Gesicht hält. Wie magisch angezogen umkreise ich dann meine Beute und habe nur einen Wunsch: meine Nase in einen dieser wunderbar weichen Speckhälse zu drücken und ihn tief einzusaugen, diesen himmlischen Geruch nach Babypuder und rosaweicher Babyhaut.

Wer diesen Duft einfangen und zu Parfüm verarbeiten könnte, würde weltweit reißenden Absatz finden, da bin ich ganz sicher, denn der Geruch frisch geschlüpfter Babys Imagesverbreitet so viel Behaglichkeit wie ein prasselndes Kaminfeuer. Tief einatmen und einfach nur glücklich sein. Ich würde, wenn ich könnte, jeden Morgen daran schnüffeln, gleich nach dem Aufstehen, und hätte dann den ganzen Tag gute Laune. Als Ersatz schaue ich mir dafür auf youtube unter den Stichworten "Der böse Blick" und "Lachende Vierlinge" meine Lieblingsbabys an.

"I need my babyfix", sagen Amerikanerinnen, wenn es ihnen genauso geht wie mir. Wenn sie an keiner Kinderkarre vorbeigehen können, ohne hineinzugucken und alberne Grimassen zu schneiden. Frauen, die vermutlich, genau wie ich, das Alter erreicht haben, in dem nackte Babys sie mehr entzücken als nackte Männer. "Stell es dir wie eine zweite Hormonwelle vor", sagt eine befreundete Psychologin, "die Brutpflege ist zwar abgeschlossen, aber das Brutbedürfnis ist in Restbeständen noch da.

"Dein Östrogen dauert ja auch länger als die Wechseljahre." Klingt einleuchtend.Und ist ganz offensichtlich nicht nur mein persönliches Thema. "Thank you for the babyfix", sagte Michelle Obama kürzlich, als sie bei einem offiziellen Auftritt einer Mutter das Kind aus dem Arm geschmeichelt hatte.

Wieso Sehnsucht nach Babys? Das hatte ich doch schon

Es ist ja nicht so, dass ich das alles nicht gehabt hätte. Es gab Zeiten in meinem Leben, da waren kleine, weiche Kinderkörper ein ganz selbstverständlicher Teil meines Alltags, aber das ist schon verdammt lange her, mein jüngster Sohn wird 19 und hat inzwischen Schuhgröße 44 - niedlich, kuschelig, "Mami, ich hab dich sooo lieb", das war einmal. Und als es das noch war, hat es mich oft auch sehr angestrengt. Weil man sich als berufstätige Mutter von Babys und Kleinstkindern den Zauber, den sie zweifelsohne in unser Leben tragen, ja häufig mühsam "erkaufen" muss: mit Schlafmangel, ständigen Schuldgefühlen, einem Körper, der oft wäschesackähnliche Formen annimmt, und einem Leben, in dem der Gang zum Zahnarzt schon als kleine Flucht gefeiert wird.

Wie haben wir es damals herbeigesehnt, das Ende dieser Rund-um- die-Uhr-Abhängigkeit. Endlich keine Breiflecken mehr auf der Bluse, keine harten Spielplatzbänke, keine bräunlichen Apfelschnitze auf dem Fußboden, keine vollen Windeln, kein Bauklötze-Gestapele! Nein, wir haben ihn seinerzeit nicht bedauert, den Abschied von der Babyzeit, im Gegenteil, wir haben sie genossen, die wiedergewonnene Freiheit.

Tja, und dann ging das eine Kind aus dem Haus, das andere ist kurz davor, und auf einmal war sie wieder da, diese Sehnsucht nach meiner Kinderwelt von gestern. Ich kramte alte Babyfotos aus verstaubten Kisten und betrachtete sie sehnsüchtig. "Mami,ich kann leider nicht wieder klein werden, auch wenn du es gern hättest", sagte mein Sohn leicht genervt, als ich ihm gerührt den winzigen Babyschuh zeigte, den ich in einem alten Koffer gefunden hatte.

Und unabhängig davon, dass ich das auch gar nicht will, wäre ich mit meinen über 50 ja viel zu alt dafür. Ich habe eine Freundin, die mit 49 Jahren Zwillinge bekommen hat, wenn ich sie zum Spielplatz begleite, wir beide mit Abstand die Ältesten am Sandkistenrand, fühlen wir uns so fehlbesetzt wie in einer Disco. "Ich liebe meine Babys sehr, aber manchmal wäre ich am liebsten ihre Oma", seufzt sie oft.

Noch keine Enkel in Sicht

Ich auch, aber nicht nur manchmal. Leider ist meine Tochter erst 23 und denkt noch gar nicht daran, mir süße kleine Enkelkinder zu schenken, die ich mir für mein "Babyfix" regelmäßig ausleihen und - Privileg der Oma - wieder zurückgeben könnte, wenn's anstrengend wird. Die meisten meiner Freundinnen, deren Kinder längst aus dem Haus sind, sehnen sich nach Enkeln und werden, besonders bei ihren Töchtern, ein bisschen unruhig, wenn diese immer älter werden, ohne dass sich das Bäuchlein in unserem Sinne rundet.

Als Mütter der "Generation Praktikum" leider eher die Regel als die Ausnahme. Eine sehr wohlhabende Freundin von mir hat ihrer Tochter die Finanzierung einer Eigentumswohnung versprochen, wenn sie endlich schwanger wird. "Sie ist 30, hat einen guten Job und eine feste Beziehung, es gibt also keinen guten Grund dagegen", sagt sie, "außerdem arbeite ich nicht mehr und stelle mich gern als Babysitterin zur Verfügung." Bis jetzt hatte sie leider keinen Erfolg, was das Mutter-Tochter-Verhältnis zwar nicht belastet, aber doch gelegentlich etwas strapaziert.

Ich habe zum Glück als Zwischenlösung eine neue Nachbarin mit einem unfassbar süßen Baby namens Mathilda alias Bubu. Immer wenn ich unruhig werde, darf ich klingeln und mir mein Babyfix holen. Leider kommt Bubu langsam in die Fremdelphase. Dann muss ich mir ein neues Opfer suchen.

Text: Evelyn Holst
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