Großeltern und Enkel: Erziehung ist Elternsache

Warum sind Großeltern bei ihren Enkeln oft so viel nachgiebiger? Sylvia Görnert-Stuckmann hat bei den Recherchen für ihr Buch herausgefunden: Großeltern genießen es, nicht mehr erziehen zu müssen.

BRIGITTE.woman.de: Die Großeltern-Enkel-Beziehung ist in der Regel eine ganz andere als die Eltern-Kind-Beziehung. Wo genau liegt da der Unterschied?

Sylvia Görnert-Stuckmann: Die Antwort ist ganz einfach: Großeltern können oft die Zeit mit ihren Enkeln besser genießen. Sie haben nicht den Drang der Eltern, pädagogisch handeln zu müssen - das machen ja schon die anderen.

BRIGITTE-woman.de: Verhalten sich Großeltern ihren Enkeln gegenüber wirklich anders als damals bei ihren eigenen Kindern?

Sylvia Görnert-Stuckmann: Großeltern genießen die Gelegenheit, Dinge heute ganz anders machen zu dürfen als früher. Sie nehmen sich daher auch das Recht heraus, mal Fünfe gerade sein zu lassen und zum Beispiel über schlechte Schulnoten hinwegzusehen. Es tut ihnen gut, das weinende Kind einfach in den Arm nehmen zu können, ohne darüber nachdenken zu müssen, was es aus dieser Situation lernen kann oder wie es in Zukunft damit umgehen sollte.

BRIGITTE-woman.de: Warum sind Großeltern denn anders als damals?

Großeltern suchen sich mehr Sahnestückchen heraus.

Sylvia Görnert-Stuckmann: Sie verstehen sich als Ergänzung, nicht Ersatz der Eltern und Erzieher, und möchten bewusst die Dinge ausgleichen, für die im Alltag oft weder Zeit noch Kraft übrig ist. Außerdem möchten Großeltern das Kind mit seinen aktuellen Befindlichkeiten und Wünschen bewusst für eine Zeit in den Mittelpunkt setzen, anstatt zukünftige Entwicklungen zu fördern – worauf die Eltern bedacht sind.

BRIGITTE-woman.de: Ist es richtig, dass Großeltern oft so großzügig und nachgiebig sind?

Sylvia Görnert-Stuckmann: Pädagogisch gesehen spricht nichts dagegen, sofern diese Ausnahmen den Kindern und Eltern gegenüber eindeutig definiert werden. Regeln, die die Eltern aufgestellt haben, dürfen nicht wissentlich gebrochen oder gedehnt werden, sonst entstehen ungesunde Konkurrenzsituationen. Wichtig ist daher: Ausnahmen mit den Eltern kurz absprechen, sich aber an wirklich wichtige Regeln halten. Schwierig wird es erst dann, wenn man diese Grenzen nicht einhält oder als Großeltern den Kindern gar keine Grenzen setzt.

BRIGITTE-woman.de: Was können Enkel und Großeltern voneinander lernen?

Sylvia Görnert-Stuckmann: Enkel können erfahren, dass Zeit, Erfahrung und Flexibilität wichtige Werte unserer Gesellschaft sind. Kinder wiederum halten die ältere Generation fit und agil. Großeltern können zum Beispiel lernen, dass moderne Medien kein Teufelszeug sind, sondern wichtige Hilfsmittel zur Kommunikation sein können.

BRIGITTE-woman.de: Wie wirken sich Konflikte zwischen Eltern und Großeltern auf das Verhältnis zum Enkelkind aus?

Sylvia Görnert-Stuckmann: In der Regel genauso schlecht wie Spannungen zwischen Mutter und Vater. Die Kinder müssen sich entscheiden, wen sie lieber haben. Das ist nie gut. Besser ist es, ein Vorbild zu sein und Konflikte durch Verhandlungen zu lösen.

BRIGITTE-woman.de: Das stellt in vielen Familien ein Problem dar. Wie lassen sich Konflikte zwischen Großeltern und Eltern vermeiden?

Sylvia Görnert-Stuckmann: Indem man klare Absprachen trifft. Grauzonen definiert, in denen Handlungsspielräume und Ausnahmen akzeptiert werden können. Und absolute Grenzen bestimmt, in denen keine Freiräume für nachgiebige Großeltern mehr bestehen.

BRIGITTE-woman.de: Welche Zugeständnisse sollten Eltern machen? Und welche die Großeltern?

Sylvia Görnert-Stuckmann: Großeltern müssen akzeptieren, nicht mehr diejenigen zu sein, die die Erziehungsziele definieren. Außerdem müssen sie lernen, die eigenen Kinder nicht mehr als Kinder zu behandeln, sondern ihnen zutrauen, ihre eigenen Kinder zu kennen und zu lenken. Eltern wiederum müssen damit umgehen können, dass Großeltern weniger Regeln setzen als sie selbst und sich etwas mehr Sahnestückchen heraussuchen können.

Zum Weiterlesen: Sylvia Görnert-Stuckmann: "Oma ist die Beste: Warum Großeltern wichtig sind." Herder, 157 Seiten, 9,90 Euro.

Interview: Roxana Wellbrock
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