"So eine Entscheidung kann man nicht rein rational fällen."

Susanne steht vor der Entscheidung sich vielleicht gegen das Kind zu entscheiden. Hermine Baumann ist Schwangeren- und Familienberaterin bei pro familia München. Seit über 30 Jahren unterstützt sie Frauen wie Susanne.

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BRIGITTE-woman.de: Susanne muss eine schwerwiegende Entscheidung fällen, können Sie ihr helfen?

Hermine Baumann: Zunächst einmal geht es darum, Frauen wie Susanne den Rücken zu stärken. Als Beraterin kann ich ihr die Entscheidung nicht abnehmen. Aber ich kann ihre Aufmerksamkeit auf Dinge lenken, die ihr weiterhelfen. Was braucht sie, damit sie eine Entscheidung fällen kann.

BRIGITTE-woman.de: Und das wäre?

Hermine Baumann: Der erste Schritt ist, sich die Widersprüchlichkeit der Gefühle und Überlegungen bewusst zu machen. Das ist keine Sache zwischen Kopf und Bauch, sondern einer ganzen Palette an Gedanken. Diese eigene Widersprüchlichkeit auszuhalten ist schwierig, führt aber dazu, dass sich die Waagschale irgendwann in eine Richtung neigt.

BRIGITTE-woman.de: Susannes Argumente tendieren überwiegend zu einem Abbruch. Ist die Sache damit nicht eigentlich schon klar?

Hermine Baumann: Keineswegs. Bei einer Entscheidung wie dieser kann man nicht nach Liste vorgehen: auf welcher Seite steht mehr. Es kommt auf das Gewicht an. Es kann sein, dass ein einziges Argument alle anderen aufhebt.

BRIGITTE-woman.de: Susannes wichtigstes Argument ist die fehlende Unterstützung ihre Mannes...

Hermine Baumann: ...ja und es erscheint ihr als Knock-out-Argument. Aber sie sollte weiterdenken. Wie geht es ihr bei dem Gedanken, ihrem Mann zuliebe einen Abbruch gemacht zu haben? Wie steht es um die Partnerschaft? Würde ein Abbruch der Ehe nutzen? Es ist der Ausblick, auf den man in so einer Beratung hinleiten muss.

BRIGITTE-woman.de: Wäre es nicht besser, auch den Mann in die Beratung zu holen?

Hermine Baumann: Wir bieten das immer an. Doch die wenigsten machen davon Gebrauch. In Susannes Fall hat ihr Mann seine Meinung bereits klar geäußert. Natürlich wünscht sich Susanne, er käme und würde sagen: "Komm das schaffen wir schon". Aber dies wird wohl nicht geschehen. Zwei unterschiedliche Menschen führen hin und wieder zu unterschiedlichen Haltungen. Es gilt, Susanne das innere Vertrauen zu geben, damit sie ihre Entscheidung fällen und auch tragen kann. Wesentlich dabei ist der Ausblick. Wie würde sich das Austragen der Schwangerschaft auf den weiteren Lebensweg von Susanne auswirken, welche Konsequenzen wären für die Ehe zu erwarten, welche für das Familienleben? Und umgekehrt: Wie würde das Leben vermutlich weitergehen nach einem Abbruch: das Leben von Susanne, von der ganzen Familie, von ihrer Ehe? Diese verschiedenen Perspektiven gedanklich durchzuspielen kann auch hilfreich für die Entscheidungsfindung sein. Denn ohne irgendeinen positiven Ausblick ist es schwer, eine Entscheidung (langfristig) zu tragen.

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Interview: Sabine Grüneberg
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