Neidisch auf die eigene Tochter?

Wie viel Neid passt in eine Mutter-Tochter-Beziehung? Ein wenig schon. Denn sie haben vieles, was wir nie hatten, aber eben auch gerne gehabt hätten.

Es war eine E-Mail von ihrer Tochter Sanna, die der 57-jährigen geschiedenen Grundschullehrerin Ulrike Seifert* auf diese diffuse Weise den Tag vergällte, die sie hasste und verwirrte. Denn es war eine positive, geradezu euphorische E-Mail: "Hallo Mami, sitze hier in einem Internetcafé in Kapstadt, mir geht's sau-gut. Morgen werde ich mit ein paar Freunden nach Durban fahren. Wenn du im Graupelschauer spazieren gehst, denk an deine Tochter, die im Indischen Ozean herumplanscht und an dich denkt. Tausend Küsse, Deine Sanna."

Dass Ulrike Seifert ihre 22-jährige Tochter, die sich nach ihrem mühsam im zweiten Anlauf bestandenen Abitur ein Jahr "Chillen, wo es geil ist" leistete, von ganzem Herzen liebte, war nicht das Problem. Sie gönnte ihr diese Auszeit durchaus, das Problem war nur, dass sie seit über 30 Jahren anstrengende Grundschüler unterrichtete und auch gern eine Auszeit gehabt hätte. Wann hatte sie das letzte Mal "gechillt?"

Die Beziehung zur erwachsenen Tochter ist für manche Mutter kränkend

"Meine Tochter überflügelt mich, sie bereist Länder, die ich nur von dem Leuchtglobus in meinem Arbeitszimmer kenne, sie bekommt geschenkt, was ich mir selbst noch nie geleistet habe. Bin ich neidisch? Ehrlich gesagt: ja." Was Ulrike Seifert braucht, um dieses diffuse Gefühl loszuwerden? Ein Anfang wäre: Lob und Anerkennung. Für die vielen schlaflosen Nächte, bis Sanna mit zwei Jahren endlich durchschlief, für die finanziellen Einschränkungen, damit sie auf so wenig wie möglich verzichten musste. Es ist kränkend für Ulrike, wie leicht ihrer Tochter der Abschied fällt. Der strahlende Auszug einen Tag nach der Abi-Party zu ihrem Freund. Ciao, Mami!

Du hast Glück, ich bleib in Tränen zurück.

Kein Blick zurück. Es tut weh, wenn sie sich nur selten und dann immer mit den Worten "Du, ich hab nicht viel Zeit, wollte nur mal ganz kurz hören, wie es dir so geht, Mami" meldet. Ulrike Seifert hasst dieses "Der Mohr hat seine Schuldigkeit getan, der Mohr kann gehen"-Gefühl, aber es ist schwer für sie, die jugendlich-coole Mutter zu geben, wenn für die Tochter alles Aufbruch scheint und für sie alles Stillstand. "Der Refrain eines uralten Liedes von Françoise Hardy aus den sechziger Jahren fiel mir ein", seufzt Ulrike, ",Du hast das Glück und ich bleib in Tränen zurück'. Pathetisch, ich weiß, aber genau so hab ich mich gefühlt."

Die Tochter steigt in den Zug und fährt ins Leben, die Mutter bleibt auf dem Bahnsteig und winkt, eine oft schwierige Zeit, egal wie anstrengend von beiden die vorherige Phase der Pubertät erlebt wurde. Da gab es viel Wegstoßen und Wiederannäherung, viel Streit und Versöhnung und nicht wenige Mütter, die den Auszug der Tochter geradezu herbeisehnten. Wie ein Licht am Ende eines langen Tunnels erschien ihnen die Vorstellung eines freien, selbstbestimmten Lebens, ohne ein Mädchenzimmer, das einer Müllhalde glich, ohne die Angst, wenn die Tochter nachts nicht nach Hause kam und per Handy nicht erreichbar war, ohne "Du nervst Mama", ohne "Kannst du mir mal 100 Euro geben?", einfach nur Ruhe und Frieden und, soweit vorhanden, ein in den letzten Jahren oft leicht bis mittelschwer vernachlässigter Ehemann.

*alle Namen von der Redaktion geändert

Sie war mein Ein und Alles.

Und dann ist es plötzlich so weit. Die Schulzeit ist geschafft, die Tochter nabelt sich immer weiter ab, und so manche Mutter ist erstaunt, von welcher Wucht und Widersprüchlichkeit die Gefühle sind, mit denen sie zurückbleibt - unabhängig davon, wie die Mutter-Tochter-Beziehung war, ob liebevoll oder stressig, ob eng oder unterkühlt: Wenn die Tochter das Nest verlässt, verschiebt sich die Balance und zwingt die Mutter zu einer Bestandsaufnahme oder zu einem Neuanfang, der nicht immer einfach ist. Wie sieht jetzt mein Leben aus? Wer bin ich, wenn ich nicht mehr Mutter bin? Eine Frage, die die 45-jährige Erika Matthäus deswegen so quälte, weil sie es 20 Jahre lang ausschließlich war.

"Selbstkritisch muss ich sagen, dass ich mich über meine Tochter Laura wie eine Krake gestülpt habe", gibt sie zu, "sie war mein Ein und Alles, sämtliche Kontakte liefen über sie, meine gesamte Zeit, Kraft und Liebe habe ich in sie investiert." Eine schöne Zeit, die für Erika ein viel zu schnelles Ende nahm, als Laura zum Studium nach Barcelona ging. Beim gemeinsamen Ausfüllen der Bewerbungsbogen spürte Erika plötzlich, wie eine Woge aus Panik und Angst sie überschwemmte. "Mir wurde klar, dass ich jetzt mit meinem Mann allein zurückbleiben würde", sagte Erika, "nur er und ich. Jeden Tag." Während also die Tochter ein neues Leben probte, probten die Eltern, ob sie als kinderloses Paar noch etwas miteinander anfangen konnten. "Mühsam war's", erinnert sich Erika, "weil wir als Paar total eingerostet waren. Aber wir haben es geschafft. Wir fühlen uns fast wie in unseren zweiten Flitterwochen."

Neidgefühle im großen Mutterherz

Davon kann die 53-jährige Renate Fendt*, die mit ihrem Mann einen kleinen Malereibetrieb gegen die Konkurrenz aus Osteuropa verteidigt und jeden Euro einzeln umdrehen muss, nur träumen. Dass eine Mutter ihre Tochter liebt, alles für sie tut, ihr alles verzeiht, hielt sie für ein Naturgesetz, jede Abweichung schien ein Tabubruch. Sehr zögernd gibt sie deshalb zu, wie schwer ihr die leichte Miene fällt, wenn ihre 17-jährige Tochter Jule mit ihrem 21-jährigen Freund Moritz übers Wochenende an die Ostsee fährt, während sie zu Hause die Steuererklärung macht. Wenn Jule sich eine Jeans von Seven for all Mankind für 200 Euro kauft und sie sich seit Ewigkeiten nichts Neues gegönnt hat. "Ja, ich bin neidisch auf all das", sagt Renate, "auch wenn sie sich ihre Klamotten vom Taschengeld und ihrem Babysitterlohn gekauft hat. Ihre heiteren Flügelschläge in ein unbesorgtes Leben schmerzen mich, weil ich mich dann so flügellahm fühle."

Kleine, jämmerliche Gefühle, die keinen Platz haben in einem großen Mutterherzen? Ist sie unmütterlich, diese leichte Gereiztheit, wenn sich die Tochter für die Party aufbretzelt und ihrer bügelnden Mutter mit den Worten "Bitte ganz vorsichtig bügeln, Mami" ein Glitzertop aufs Bügelbrett wirft? Wenn sie von jungen Männern umworben wird, während sich die mütterliche Ehe wie eine Schlaftablette anfühlt? Ist es kleinlich, dieses Raunen im Herzen: "Du tust alles für sie, was tut sie eigentlich für dich?"

Mütter sind auch nur Menschen, tröstet die Hamburger Psychologin Petra Ohlsen-Andresen, die diese Gefühle für einen ganz normalen Teil des zwischen Mutter und Tochter notwendigen Ablösungsprozesses hält. "Die Mutter identifiziert sich durch die Tochter, sehr viel mehr als durch den Sohn, mit einem Teil ihres Lebens, der vergangen ist. Wurde er von ihr als schön erlebt, kommen Gefühle von Nostalgie und Wehmut auf, war er eher mühsam und schwierig, fühlt sie Neid auf ihre Tochter, die es leichter hat als sie. Die Projektion ist stark und macht das Loslassen schwierig. Besonders wer mit seinem jetzigen Leben nicht zufrieden ist, neigt in dunklen Momenten dazu, das Leben seiner Tochter mit kleinen, aber nadelspitzen Bemerkungen zu entwerten: "Du siehst unvorteilhaft aus, das Kleid ist zu eng" oder "Jochen trennt sich von dir? Vielleicht hättest du ihn nicht so vernachlässigen sollen".

Die äußere Familie endet, die innere nicht.

Eine Mutter ist eben keine Heilige und hat manchmal mehr, manchmal weniger Probleme, wenn die Tochter draußen das große Rad dreht, während sie selbst kleine Brötchen backt. "Die äußere Familie endet, die innere nicht. Das ist eine der Aufgaben, die in einer Mutter-Tochter-Beziehung zu lösen sind", sagt BRIGITTE WOMAN-Psychologe Oskar Holzberg, "das, was noch offen ist, was noch Probleme macht, wird weitergelebt. Wer also zum Beispiel in seinem Leben emotional nicht satt geworden ist, hat Probleme, sein Kind gehen zu lassen."

Haben wir Mütter schon wieder das kleinere Ende von der Wurst erwischt? Unsere Töchter geben das Geld, das wir oft mühsam verdient haben, mit leichter, unbesorgter Hand aus. Dies in wirtschaftlich instabilen Zeiten und in einer Lebensphase, in der wir es gern etwas leichter hätten. Anders gesagt: Das Geld wird knapper und unsere Kräfte auch.

Töchter haben unendlich viel Lebenszeit, Mütter weniger

"Sanna hat das Gefühl, für alles noch unendlich lange Zeit zu haben", seufzt Ulrike Seifert. "Aber für mich wird die Zeit knapper, und ich möchte nicht, dass ich sie alimentieren muss, bis mein Sargdeckel klappert. Deswegen klappert, weil ich mir nur den billigsten leisten kann."

"Ich weiß, dass ich nicht mehr 22 bin, dass mein Horizont nicht mehr grenzenlos ist, aber es fühlt sich nicht so an", sagt Renate Fendt, "ich bin im Kopf viel jünger, als meine Falten signalisieren. Warum sollen meine Bedürfnisse so ganz andere sein als die meiner Tochter? Auch ich habe noch Lust auf Freiheit und Leidenschaft und Abenteuer. Ich will nicht nur die liebe Mami sein, die ihrer Tochter das Leben schön macht. Ich möchte es selbst genauso schön haben."

Erschwerend kommt hinzu, dass viele ältere Mütter ihre Töchter genau dann ins Leben entlassen, wenn ihre eigenen Mütter wieder zu Kindern werden. Dass sie genervt sind, weil ihre Mutter sie dreimal am Tag anruft, während sie es gleichzeitig ihrer Tochter übel nehmen, dass diese sich nicht dreimal am Tag meldet. "Ich erlebe jetzt bei meiner Mutter, wie es ist, sich als Tochter überfordert zu fühlen", stellt Renate fest, "es ist ein Naturgesetz: Mütter sind kontaktbedürftiger als Töchter. So geht es mir mit meiner Mutter, und so geht es meiner Tochter mit mir. Wir sind alle voneinander abhängig. That's life."

"Kürzlich rief Laura an, und ich sagte: 'Schön, dass du dich mal wieder meldest'", erzählt Erika Matthäus, "in meiner Stimme lag genau derselbe Vorwurf, der mich früher bei meiner Mutter immer so aggressiv gemacht hat. Ich hab mich blitzschnell korrigiert und ,Geht's dir gut, mein Schatz? Erzähl mal' gesagt. Ich muss wirklich wahnsinnig aufpassen, dass ich nicht die Fehler meiner Mutter wiederhole."

Was Mütter gern machen und Töchter allerdings ganz besonders nervt: Vergangenheitsverklärung. Früher warst du so niedlich, mein Kind!

"Wenn meine Mutter ihre Fotoalben herauskramt, dann ergreife ich sofort die Flucht", sagt Sanna, "ich kann doch auch nichts dafür, dass ich kein Baby mehr bin. Manchmal denke ich, sie nimmt es mir übel, dass ich schon erwachsen bin."

Ich werde noch gebraucht, das ist schön.

Schwierig ist er, der Prozess der Abnabelung, der in der Pubertät beginnt und völlig unterschiedlich lange dauert. Denn auch Töchter, die bei jedem Husten anrufen, erzeugen bei ihren Müttern ambivalente Gefühle. "Ich schwanke zwischen Genervt- und Geschmeicheltsein", sagt Ulrike Seifert, "Sanna will alle Rechte, aber keine der Pflichten des Erwachsenseins. Sie weiß zwar, wo sie am Ende der Welt ein Internetcafé findet, aber nur deshalb, um mich zu bitten, ihr Konto wieder aufzufüllen. Sie traut sich alles zu, solange ich ihr Sprungtuch bin."

Was Ulrike einerseits beunruhigt - hat sie in der Erziehung versagt, zu sehr behütet und begluckt? Und andererseits klammheimlich genießt: "Ich werde noch gebraucht. Ich muss noch Mama sein. Das finde ich schön."

Während die Mutter Angst hat, dass nichts Neues mehr kommt, hat die Tochter Angst vor dem Neuen, das kommt. Schwierig ist es deshalb für die Ältere, der Jüngeren einen fröhlichen Schubs ins Leben zu geben. Denn auch die Tochter ist ja ambivalent, erwartet von der Mutter, eine Eier legende Wollmilchsau zu sein. Auf Zuruf da, aber nicht von ihr abhängig. Flott und modern, aber bitte nicht in der Jeansmarke der Tochter, auch wenn sie noch hineinpassen würde. Modern und witzig soll sie sein, die ideale Mutter, ein eigenes Leben führen, aber wenn die Tochter kommt, muss der selbst gebackene Apfelkuchen auf dem Tisch stehen und die Lammkeule im Ofen brutzeln. Cool und easy, gleichzeitig zuverlässig und mütterlich.

Mütter wie Töchter müssen für sich neue Rollen finden

"Ich mag es im Prinzip, wenn meine Mami ein volles, pralles Leben hat", sagt Laura, "ich habe sie gedrängt, etwas Neues anzufangen, also hat sie Französisch gelernt, weil sie das schon immer wollte. Nur dass sie an meinem Geburtstag in Paris war, weil sie dort neue Freunde besuchen wollte, das hat mich richtig gekränkt."

Es ist leicht, ein kleines Kind zu lieben, das seine dicken Ärmchen um einen schlingt und "Mami, ich hab dich so lieb" ruft. Es ist weniger leicht, einen Teenager zu lieben, der "Mama, du ätzt wieder" sagt und einem die Tür vor der Nase zuknallt. Aber richtig schwierig ist es, ein Kind zu lieben, das völlig anders lebt, als man es gut und richtig findet.

Jede Mutter hat Wünsche, hat Vorstellungen vom Leben, möchte, dass ihre Tochter glücklich wird. Wird sie es auf ihre Weise, bricht sie das Jurastudium ab und macht in Dubai eine Surfschule auf, hat sie das Gefühl, versagt zu haben. Und hat trotzdem keine Wahl. "Loslassen", sagt Oskar Holzberg, "die Erziehung ist beendet. Punkt."

Die Tochter geht, die Mutter bleibt zurück. Das ist ein Naturgesetz, aber keine Katastrophe. Im Gegenteil. "Jetzt muss etwas passieren", rät Petra Ohlsen-Andresen, "etwas ist vorbei und schafft Platz für einen Neuanfang. Da ist plötzlich wieder sehr viel Wind im Leben."

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Text: Evelyn HolstFoto: Getty Images
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