Seniorenpflege: Familie auf Zeit

Wenn unsere alten Eltern Seniorenpflege brauchen, sind wir als Kinder oft überfordert. Und heilfroh, dass es Frauen aus Osteuropa gibt, die bei der Pflege für uns einspringen.

Zwei Frauen beim Kaffeetrinken im Wohnzimmer mit Blick auf die Elbe. Mutter und Tochter könnten sie sein. "Guck mal", sagt die jüngere und zeigt nach draußen, wo gerade ein Dreimaster vorbeifährt. "Ist der schön", freut sich die ältere. Dieser Blick für Schiffe ist etwas, was sie verbindet. Etwas Verbindendes zu haben ist wichtig für die beiden Frauen. Denn Hildegard Braun* - die ältere - und Marta Piotrowska leben zwar unter einem Dach, doch sie kennen sich erst seit wenigen Monaten. Vielleicht wären die Deutsche und die Polin einander nie begegnet, wenn Hildegard Braun nicht Hilfe brauchte. Jetzt bilden sie eine Art Schicksalsgemeinschaft. Dazu gehört noch die Tochter von Hildegard Braun, Merle, die in der Nachbarschaft wohnt und fast jeden Tag vorbeischaut. Für alle drei ist wichtig, dass das gemeinsame Leben funktioniert. Merle Braun hat einen Teil der Sorge um ihre Mutter an die Helferin aus Polen abgegeben. Die 88-jährige Hildegard Braun müsste in ein Pflegeheim, wenn sie die ständige Betreuung nicht hätte. Und Marta Piotrowska sichert mit dem Gehalt für die Arbeit bei den Brauns ihre Existenz.

Die Hamburgerin Hildegard Braun wohnt direkt an der Elbe. Nur ein Weg und der Strand trennen ihr Haus von dem Fluss. Containerschiffe aus Mittelamerika oder China, Segler und Motorboote. Hildegard Braun genießt diesen Blick jeden Tag, stundenlang. Sie kann das nur, weil Marta Piotrowska da ist und sie bei jedem ihrer Schritte zwischen Sessel, Küchentisch, Bett und Toilette begleitet. Die 56-Jährige bereitet auch die Mahlzeiten zu, sie isst zusammen mit der alten Dame, hilft ihr beim Waschen und Anziehen, schafft Ordnung. Sie wohnt in dem Zimmer, das einst Hildegard Brauns Schlafzimmer war. Deren Bett steht nun im Wohnzimmer. Denn die 88-Jährige darf keine Treppen mehr steigen und muss beim Gehen ständig gestützt werden.

Hildegard Braun hat "großes Glück", wie sie sagt. Weil die Familie genügend Geld hat für eine Helferin aus Polen. Weil die beiden Söhne und die Tochter in der Nähe leben, sich um ihre Mutter kümmern. Weil sie weiter zu Hause leben kann. "Dafür bin ich sehr dankbar", sagt sie.

Sie hatte einen Notrufknopf um den Hals - den sie ständig drückte.

Ihre Tochter Merle Braun wiederum ist dankbar dafür, dass sie sich heute auf die Besuche bei ihrer Mutter freuen kann. Weil sie nicht kommen muss, um zu helfen, sondern auf einen Kaffee vorbeischauen kann. Und weil sie selbst, ihre beiden Töchter und die Brüder sich mit der Mutter so gut verstehen. Sie kennt auch andere, distanzierte oder sogar zerrüttete Beziehungen zwischen Eltern und ihren erwachsenen Kindern. "Dann ist die Vorstellung schlimm, sich eines Tages kümmern zu müssen", sagt sie. "Bei uns war das zum Glück anders."

Einer der Brüder von Merle Braun hatte dem Vater schon vor langer Zeit zugesagt, sich um die Mutter zu kümmern, falls sie allein zurückbliebe. Die Geschwister schlossen sich an: Gemeinsam wollten sie dafür sorgen, dass die Mutter auch im hohen Alter zu Hause bleiben könnte. So waren alle innerlich vorbereitet auf den "Tag X", an dem die Mutter dann tatsächlich Hilfe brauchte. Vor acht Jahren ist der Vater gestorben - und seitdem geht es gesundheitlich bergab mit Hildegard Braun. Sie hatte bereits drei Schlaganfälle, einen Herzinfarkt und einen Oberschenkelhalsbruch. Und jedes Mal verlor sie ein Stück ihrer Selbständigkeit.

Für die Kinder wurde es immer schwieriger, ihr Versprechen zu halten. "Sie hatte einen Notrufknopf um den Hals. Den hat sie manchmal alle anderthalb Stunden gedrückt", erinnert sich Merle Braun. Das bedeutete jedes Mal Erschrecken, Sorge - und einen Rundruf: Wer fährt hin? Mal brauchte die Mutter Begleitung für den Gang zur Toilette, mal wollte sie nur unterhalten oder aufgemuntert werden. "Wir wohnen ja alle in der Nähe, aber so oft die Arbeit zu unterbrechen, immer alles stehen und liegen zu lassen, das war schon schwer zu leisten." In dieser Zeit war Merle Braun jeden Tag bei ihrer Mutter, um zu helfen - vor oder nach ihrer Arbeit in der Immobilienbranche, neben der Sorge für die eigene Familie. Auch die Brüder kamen regelmäßig, kauften für die Mutter ein, fuhren sie zum Arzt. Unmerklich kamen alle drei an ihre Grenzen, doch keiner wollte sich das eingestehen.

Eine typische Situation, sagt die Sozialwissenschaftlerin und Autorin Herrad Schenk, die etliche Sachbücher und Romane über das Altern geschrieben hat. Wenn klar wird, dass alte Menschen dauerhaft Hilfe brauchen, ist das in der Familie eine Zeit der Auseinandersetzung. "Emotionalen Clinch" nennt das Herrad Schenk. Sie rät, wenn es finanziell irgendwie möglich ist, professionelle Pflege in Anspruch zu nehmen: "Je entspannter die Angehörigen sind, desto leichter fällt es ihnen, den alten Menschen so zu nehmen, wie er jetzt ist."

Die Kinder von Hildegard Braun zögerten lange, von der täglichen Sorge um ihre Mutter etwas abzugeben. Bis zu jenem Tag vor zwei Jahren: Mutter und Kinder wollten zusammen essen gehen. Als der Bruder die Mutter im Rollstuhl die Stufen hochzog, stürzte er und brach sich einen Wirbel. Schlagartig wurde allen klar: "Es geht nicht mehr."

Was tun? Einen Pflegedienst engagieren, rund um die Uhr? "Unbezahlbar", sagt Merle Braun. Ins Heim? Undenkbar für die Geschwister. "Wir wollten eine lebenswerte Situation für alle schaffen. Und natürlich auch unserer Mutter den Wunsch erfüllen, zu Hause zu bleiben."

Eine Agentur vermittelte die Haushaltshilfe aus Polen

Doch Hildegard Braun hat ihre Wohnung in dieser Zeit monatelang gar nicht gesehen: Krankenhaus, Operation, Reha, noch einmal ins Krankenhaus. "Ich habe mir so sehr gewünscht, wieder nach Hause zu können. Ich wollte nicht in ein Pflegeheim. Ich wollte zurück zu diesem Blick", sagt Hildegard Braun. Über eine Freundin erfuhr Merle Braun von einer Agentur, die Polinnen als Haushaltshilfen an alte Menschen in Deutschland vermittelt. Anders als sonst üblich wohnen diese Frauen im Haus der Menschen, für die sie arbeiten.

Auch aus der Slowakei und anderen Ländern Osteuropas kommen Frauen als Haushaltshilfen nach Deutschland. Viele verdienen sich so in ein paar Monaten das Geld für eine Renovierung, für eine besondere Anschaffung oder auch für das nächste Semester an der Universität. Und manche wollen dann wieder zurück zu ihren Kindern, die bei der Großmutter oder bei anderen Verwandten leben, solange die Mutter in Deutschland ist.

Bei den Brauns war aus unterschiedlichen Gründen bisher schon fünfmal "Schichtwechsel". Merle Braun war damit durchaus einverstanden: "Für meine Mutter war es immer gut, dass nach zwei bis drei Monaten wieder jemand anderes kam." Diese Zeit, so ihre Erfahrung, ist eine Art Schonfrist, in der die Mitbewohnerinnen besonders achtsam miteinander umgehen. Erst danach zeigt sich, wie gut die beiden wirklich zueinander passen.

Für Hildegard Braun ist mit den immer neuen Helferinnen viel Leben ins Haus gekommen. Und sie hat von ihnen viel gelernt: um Hilfe zu bitten, zum Beispiel. "Am Anfang fiel es mir schwer, besonders natürlich bei der Toilette. Aber inzwischen habe ich überhaupt keine Hemmungen mehr." Sie weiß, dass die Frauen Zeit brauchen, um sich einzugewöhnen, und sie will ihnen das so leicht wie möglich machen: "Ich behandele sie alle wie meine Tochter. Wir haben immer schnell eine familiäre Atmosphäre." Und jedes Mal, wenn eine dann wieder geht, ist Hildegard Braun beim Abschied traurig. Es fällt ihr leichter, Unterstützung von den Helferinnen aus Polen anzunehmen als von ihrer Tochter. Zwar möchte sie ihre Kinder so oft wie möglich bei sich haben. Doch beim Anziehen oder im Haushalt helfen lässt sie sich lieber von Fremden.

Eine Einstellung, die sich unter den Älteren zunehmend durchsetzt, so die Erfahrung der Expertin Herrad Schenk: Sie wünschen sich von ihren erwachsenen Kindern vor allem emotionale Unterstützung, keine Putz- oder Pflegedienste. Und auch alten Menschen ist wichtig, dass wahrgenommen und respektiert wird, was sie - trotz aller körperlichen Einschränkungen - sind: eine gestandene Person mit einer reichen Geschichte.

Das gilt auch für Hildegard Braun. Die Welt, mit der sie heute durch den Fluss vor ihrem Fenster verbunden ist, hat sie früher selbst bereist. Als Kind hat sie einige Zeit mit ihren Eltern in Namibia gelebt. Sie hat viel zu erzählen, macht sich über vieles Gedanken und hält sich auf dem Laufenden über Wirtschaft und Politik. Sie möchte, dass die Frauen, die bei ihr wohnen und ihr helfen, auch gleichberechtigte Gesprächspartnerinnen sind.

Sie erinnert mich sehr an meine Oma.

Marta Piotrowska muss in diese Rolle erst hineinwachsen. Sie spricht sehr gut Englisch, aber noch wenig Deutsch. Deshalb übt sie mittlerweile intensiv mit Sprachlern-Kassetten. "Ich will jetzt ganz schnell und gut Deutsch lernen", sagt sie. Sie möchte so lange wie möglich in Deutschland arbeiten. Zu Hause würde sie keinen Job finden, der ihr mehr als 100 Euro im Monat einbrächte - und davon kann auch in Polen niemand leben. Ihre Tochter ist 22 und schon verheiratet, "sie braucht mich nicht mehr", sagt Marta Piotrowska.

Gern würde sie bei den Brauns bleiben. Es gefällt ihr, wie Merle Braun und ihre Geschwister sich um die Mutter kümmern: "Sie kommen sehr oft zu Besuch und bleiben lange hier. Und dann sitzen sie da und halten ihrer Mutter die Hand und küssen sie. Das ist beinahe, als wären sie wieder kleine Kinder. Diese Familie hat ein Herz."

Damit ist auch Hildegard Braun gemeint. "Ich habe in ihren Augen gleich etwas Gutes gesehen. Sie erinnert mich sehr an meine Oma", sagt Marta Piotrowska. Sie fühlt sich verantwortlich für "Hilde", wie sie sie nennt. Obwohl sie tagsüber Anspruch auf zwei Stunden Freizeit hat, geht sie nur ein bisschen spazieren, selten länger als 20 Minuten. "Ich habe Angst, Hilde könnte fallen, wenn ich nicht da bin." Wenn Hildegard Braun in ihrem Sessel döst oder abends schläft, schreibt Marta Piotrowska Briefe nach Hause, telefoniert mit der Tochter. "Für jüngere Menschen wäre dieses Leben nichts, die würden sich sicher eingesperrt fühlen. Aber ich mag diese Ruhe, diese Gleichmäßigkeit."

Merle Braun beobachtet genau, wie es ihrer Mutter mit Marta geht. Das Projekt "Familie auf Zeit" kann nur gelingen, wenn es gut läuft zwischen den beiden. Das ist offenbar der Fall, auch über die ersten drei Monate hinaus. Hildegard Braun wünscht sich, dass Marta Piotrowska noch lange bleibt, und spricht voll Wärme über sie: "Wenn Marta mich ins Badezimmer bringt, nehme ich sie manchmal in den Arm. Und morgens und abends bekomme ich einen Kuss."

Seniorenpflege: Gut zu wissen

Wer eine Helferin aus Osteuropa engagieren will, gerät leicht in die juristische Grauzone. Der Markt ist unübersichtlich, und manche als "garantiert legal" angepriesenen Vermittlungsdienste sind es nicht. Wer sichergehen will, wendet sich am besten direkt an die Zentrale Auslands- und Fachvermittlung (ZAV) der Bundesagentur für Arbeit. Sie vermittelt bundesweit und ohne Gebühren Haushaltshilfen aus Bulgarien, Slowenien, Polen, Rumänien, Ungarn sowie der Tschechischen und der Slowakischen Republik. Außerdem berät das Team zu Themen wie Arbeitserlaubnis, Versicherung, Arbeitsvertrag. ZAV, Tel. 02 28/713-14 14, E-Mail: ZAV-Bonn.Haushaltshilfen@arbeitsagentur.de.

Informationen auch online unter www.arbeitsagentur.deStartseite > Bürgerinnen & Bürger > Arbeit und Beruf > Vermittlung > Haushaltshilfen.

Informationen und Beratung gibt es außerdem bei der Verbraucherzentrale Nordrhein-Westfalen: www.vz-nrw.de/pflegehilfen

Telefonische Beratung dienstags 10-12 Uhr unter 0900/1/ 89 79 64 (1,86 Euro pro Minute aus dem deutschen Festnetz, Mobilfunkpreise können abweichen)

Für alle vermittelten Helferinnen gilt: Sie wohnen zwar mit im Haus, haben aber geregelte Arbeitszeiten (38,5 Wochenstunden) und Urlaub. Zu ihren Aufgaben gehören Hausarbeiten und die Art von Pflege, die ohne Ausbildung möglich ist und auch von pflegenden Angehörigen geleistet wird. Also zum Beispiel Hilfe beim Aufstehen und Zubettgehen, beim Duschen und Haarewaschen sowie beim Essen. Wer eine Haushaltshilfe aus Osteuropa beschäftigen will, muss einschließlich Sozialabgaben mit ca. 1600 Euro monatlich rechnen. Kosten für Unterkunft und Verpflegung können der Helferin in Rechnung gestellt werden.

Zum Weiterlesen

Herrad Schenk: "Am Ende", 166 Seiten, 8,95 Euro, Kiepenheuer und Witsch Ein Ehepaar am Ende seines Lebens: Er ist durch einen Schlaganfall gelähmt, sie will ohne Hilfe für beide sorgen. Ein anrührender Roman über den Kampf um Würde und Autonomie.

Liselotte Vogel: "Ich lebe weiter selbstbestimmt!", 180 Seiten, 17,95 Euro, Fackelträger Erfahrungsbericht über den Umzug in ein Senioren-Wohnstift und das Einleben dort. Mit ausführlichem Ratgeberteil.

* alle Namen geändert Text: Sandra Wilsdorf Foto: iStockphoto
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