Ist das dein Opa?

Diese Väter hätte jedes Kind gern: Sie sind großzügig, haben mehr Zeit und denken sich tolle Spiele aus. Der große Unterschied zu früheren Papas: Sie sind 50 und älter.

Sebastian Schmidinger ist ein Bär von einem Mann. Einer, der sich vor niemandem fürchtet, wie sein Lieblingskinderbuchautor Janosch wohl sagen würde. Und er ist immer in Bewegung. Auch das Haus des umtriebigen Zahnarztes strahlt nicht etwa Ruhe oder Behäbigkeit aus, wie man es bei Männern seines Alters vermuten könnte. Es wirkt eher wie die Villa Kunterbunt: eine selbst gebaute Coach, farbige Holzmöbel, viel Spielzeug und zwei kleine Kinder. Hanna, 3, spielt mit den beiden Labradoren, und Tobias, 1, der wie Schmidingers Ebenbild aussieht, grinst aus seinem Laufstall. "Der kommt überall durch", sagt der Vater und klingt dabei auch ein wenig erleichtert. Immerhin ist er 62 Jahre alt – selbst wenn er vor Energie zu bersten scheint.

"Sebastian muss mal wie Obelix in einen Zaubertrank gefallen sein", sagt seine Frau Sara, 34 und lacht. Kennen gelernt hat sich das Paar in seiner Praxis, als sie vor dem Psychologiestudium eine Lehre zur Zahnarzthelferin machte. Das klingt vertrackt nach Sugar-Daddy und Vaterkomplex. Aber im Grunde haben sich beide lange gegen diese Beziehung gesträubt. Natürlich sahen sie den Altersunterschied, sie kamen nur einfach nicht voneinander los. Und nach mehreren missglückten Trennungsversuchen beschlossen sie, zusammenzubleiben. Sara gab die kopfgesteuerten Versuche auf, einen Jüngeren kennen zu lernen. Er trennte sich schweren Herzens von seiner zweiten Frau. Obwohl vor allem sein zweiter, erwachsener Sohn mit der jungen Stiefmutter gar nicht einverstanden war. Das tut Sebastian Schmidinger bis heute weh.

Späte Väter sind keine Exoten mehr

Doch dann wurde Sara schwanger. Und um Mutter und Kind für den Notfall finanziell abzusichern, hat er sie im achten Monat noch geheiratet. Wenig später zählte der frühere Worcaholic zu jenen Vätern, die mit weißem Haar auf dem Spielplatz sitzen und voller Hingabe die frisch gebackenen Sandbrote ihres Kindes "essen".

Sebastian Schmidinger ist kein Einzelfall. Bei jedem 20. Neugeborenen in Deutschland ist der Vater heute über 50 Jahre alt, in den USA sogar schon bei jedem zehnten Baby. Denn die Natur ist leider nicht gerecht. Während bei Frauen mit 42, 43 die Chancen, schwanger zu werden, schwinden, können Männer bis ins Rentenalter Kinder zeugen. Eine Option, die sie nun immer selbstbewusster nutzen.

"Früher bin ich als Vorsitzender meines Verbands mit Zahnimplantaten um die Welt gedüst", erklärt Sebastian Schmidinger. Heute überlässt er die Praxis ab 15 Uhr dem jungen Kompagnon, um bei seinen Kindern zu sein. Trotz seines Alters legt er dabei eine bemerkenswerte Gelassenheit an den Tag. Als seine Frau in der Stillzeit aus Schlafmangel völlig erschöpft war, fütterte der Vater eines Nachts den kleinen Tobias einfach mit Fertigmilch. Man ahnt es schon: Sebastian Schmidinger ist kein Anfänger in Sachen Säuglingspflege. Er sei immer ein "Familienmensch" gewesen, sagt er, allein deshalb, weil ihm sein eigener Vater oft gefehlt habe. Doch als seine ersten beiden Söhne klein waren, hatte eben noch viel anderes Vorrang. Mit der zweiten Familie genießt er das Zusammensein umso mehr – auch im Bewusstsein der Endlichkeit der Zeit. Er will ihnen doch noch so viel zeigen, die Kinder machen ihm einfach eine "unbändige Freude".

Das Phänomen der Last-Minute-Väter

Väterforscher Harald Werneck von der Universität Wien kennt solche Sätze. "Das Phänomen des Last-Minute-Vaters ist ja nicht neu. Laut Bibel soll Stammvater Abraham mit 100 noch gezeugt haben. Neu ist nur, dass immer mehr Männer glauben, durch ihre Karriere die emotionale Komponente des Lebens verpasst zu haben. In der zweiten oder dritten Ehe wollen sie das Aufwachsen der Kinder daher ganz bewusst erleben – manchmal auch frühere Fehler korrigieren." Ein Paradigmenwechsel kündigt sich da an. Und vor allem gut verdienende Männer, die sich eine Zweitfamilie leisten können, sind Vorreiter des Trends. Flapsig ausgedrückt: Früher hätten sie vielleicht eine Harley-Davidson gekauft, heute gefallen sich selbst Gerhard Schröder genau wie Oscar Lafontaine in sanft-väterlichen Posen. Der offizielle Fachbegriff amerikanischer Sozio- logen für diese Gruppe heißt "Start-over Dad", frei übersetzt „Noch-mal-durchstarten-Vater“ – worin bereits eine große Entschlossenheit anklingt. "Gerade weil so ein Mann in seiner ersten Lebenshälfte Erfolg und Karriere reichlich ausgekostet hat, will er jetzt eine völlig andere Rolle ausprobieren", vermutet Werneck.

Und wenn sich einer mal zum Großprojekt Kind durchgerungen hat, dann bleibt er mit aller Konsequenz dabei. So kann es passieren, dass Männer, die jahrzehntelang in durchdesignten Lofts gelebt haben, plötzlich gar nichts dabei finden, dass ihr Kind mit Buntstiften über helle Sitzgarnituren fährt. Fürs Baby verabschiedet man sich gern von lieb gewonnenen hedonistischen Lebensmustern. Und lässt im Beruf anderen den Vortritt.

Auch Friedrich Graffe, der Sozialreferent der Stadt München, gehört in diese Liga. Allein die grauen Haare verraten sein Alter, ansonsten wirkt er sehr fit. Ein großer attraktiver 60-Jähriger – mit einer einjährigen Tochter. Sophia. "Ich könnte diesem kleinen Mäusel stundenlang zusehen", stellt er die Kleine auf seinem Arm vor. Und um diesen Ausbruch väterlicher Liebe voll würdigen zu können, muss man wissen, dass der gebürtige Westfale über Jahrzehnte Parteiarbeit auf kommunaler, Landes- und Bundesebene gemacht hat. Unermüdlich. Graffes Frau, Stefanie Reichelt, 40, unterstreicht seine Worte auch gleich durch ein großes Kompliment: "Du bist ein unglaublich fürsorglicher Vater", sagt sie.

1995 haben sie sich kennen gelernt – sie arbeitete im Kulturreferat. Graffe war verheiratet, hatte einen Sohn im Teenageralter, Clemens, mit dem er von Anfang an sehr viel Zeit verbrachte. Doch gegen Liebe ist man machtlos. Irgendwann blieb auch dem Ehepaar Graffe nur noch die Trennung – die es aber genauso vernünftig vollzog, wie es sich vorher schon die Erziehung des Sohnes aufgeteilt hatte. Und Clemens blieb beim Vater.

Kann ein 70-Jähriger ein Kind in der Pubertät verstehen?

Man kann also nicht sagen, dass Friedrich Graffe von seinem ersten Kind zu wenig mitbekommen hat. Es war nur so: Stefanie wollte nun auch ein Baby. Wie viele Frauen in ihrer Generation hatte sie zuerst nur für ihren Beruf gelebt. Und jetzt verspürte sie doch Sehnsucht nach einem Kind, trotz Friedrichs Alter. „Und da habe ich fast ungebührlich lange überlegt“, gibt Friedrich Graffe zu. Zum einen hatte er wenig Lust, wieder so viel Verantwortung zu übernehmen.

Die größten Kopfzerbrechen bereiteten ihm aber Fragen wie: Kann ein 70-Jähriger ein Kind in der frühen Pubertät überhaupt noch verstehen? Was, wenn er pflegebedürftig wird, während seine Tochter gerade ihre erste Liebe durchlebt? Und dann natürlich das Schlimmste: "Was soll werden, wenn der kleine Wurm irgendwann mit meiner Frau allein bleibt?" Sebastian Schmidinger hat auf diese Fragen inzwischen eine relativ konkrete Antwort gefunden: „Solange die Kinder in der Ausbildung sind, möchte ich meine Kinder unbedingt begleiten. Mindestens bis 18. Danach brauchen sie den Vater auch nicht mehr ganz so dringend."

Mit derlei düsteren Gedanken muss wohl jeder späte Vater fertig werden. Doch genau wie Sara Schmidinger reagierte auch Stefanie Reichelt auf alle Bedenken ganz pragmatisch: „Klar muss ich damit rechnen, dass es irgendwann zu Ende geht. Aber das kann in jeder Beziehung passieren – wenn auch aus anderen Gründen.“ Als sie mit 39 tatsächlich schwanger wurde, reagierten seine Freunde denn auch mit einem verhaltenen Du-bist-aber-mutig. "Darin kann man schon eine vornehme Umschreibung von ‚Spinnst du!?‘ sehen", sagt Graffe trocken.

Späte Väter müssen sich beruflich nicht mehr profilieren

Sebastian Schmidingers Kollegen wurden noch deutlicher: "Musste das denn sein? Jetzt hättest du doch auch Golf spielen können!" Worauf er klipp und klar antwortete: "Golfen fang ich frühestens mit 80 an, jetzt ist mir die Zeit zu schad’ dafür! Kinder sind doch ein Geschenk, das mit nichts aufzuwiegen ist." Auch Graffe sah Sophia vom ersten Tag an nur noch als "einen einzigen, großen Glücksfall". Mit Blick auf die putzmuntere Prinzessin auf dem Teppich frage er sich heute oft zweimal, ob jeder Abendtermin wirklich sein muss. Das Schöne an seiner späten Vaterschaft sei ja, dass er sich heute nicht mehr profilieren müsse. "Bei meinem ersten Sohn stand ich in ständigem Konflikt zwischen Posten, Partei und der Partnerin." Heute freut er sich richtig darauf, wenn er ab 65 hauptberuflich nur noch für sein Kind da sein kann. Während Stefanie Reichelt dann wieder ganztägig im Kulturreferat arbeiten will.

Diesen Vorteil bestätigt übrigens auch das Bundesfamilienministerium in seiner Studie "Facetten der Väterschaft": "Väter, die ihre Karriereziele bereits erreicht und ihre traditionelle Rolle des Versorgers effektiv erfüllt haben, verfügen emotional über größere Ressourcen als Väter anderer Altersstufen." Auf jeden Fall nimmt meist die Partnerin eine Schlüsselstellung bei der Entscheidung für ein spätes Kind ein. Denn es gibt viele Frauen, die immer Kinder wollten, den passenden Partner aber lange nicht getroffen haben. Und nun soll der richtige der falsche sein, nur weil er schon älter ist? Nein, finden sie. Glück und Geborgenheit können keine Frage des Alters sein – erst recht nicht, wenn man glaubt, endlich den Partner fürs Leben gefunden zu haben.

Wie im Fall der beiden Sauerländer Bettina und Rainer Loerwald. Er war seit seinem 23. Lebensjahr mit seiner Jugendfreundin verheiratet gewesen, hatte mit ihr den Segelschein gemacht und ein Häuschen in Büsum gekauft. Doch mit der Zeit verloren sich die Gemeinsamkeiten. Der große, sachliche Mann, 52, mit dem dunklen Bart will nicht zu sehr ins Detail gehen, sicher ist nur, dass sich der Finanzbeamte in der Zeit auch seiner Kollegin Bettina, heute 44, angenähert hat. Irgendwann musste er sich seine private "Midlife-Crisis" eingestehen, "man trennte sich", formuliert Loerwald vorsichtig. Er zog zu ihr, in dieses hell ausgebaute Haus am Waldrand. Und da passierte es dann, Anfang Januar 2003. Er weiß noch genau, wie sie da saß auf dem Sofa, gegenüber vom Kamin. Bettina fragte, ob er sich vorstellen könnte, ein Kind mit ihr zu bekommen. Wumms! Sechs Wochen lang ging Rainer in sich. Focht heftige Kämpfe mit sich und der Frau an seiner Seite aus. Halbheiten gibt es bei beiden nicht. Sie wirken so ehrlich und rational, wie es ein Finanzbeamtenpaar nur sein kann. Am Ende hat er Ja gesagt – zu einem Kind.

Als Vater eines Säuglings kann man meist nur daneben stehen.

Ein Wunsch, den er früher nie verspürt hatte. Sechs Monate später kündigte sich Simon an. Doch trotz der Freude über seinen Sohn spielten bei Rainer Loerwald auch andere Gefühle mit: "Als Vater eines Säuglings kann man ja meist nur daneben stehen und wenig tun." Außerdem fand er Windelnwechseln ganz furchtbar. Bettina nimmt ihn in Schutz, sie meint, dass er sich gar nicht so schlecht angestellt habe. "Mittlerweile haben wir uns angenähert", sagt der Papa über sein Verhältnis zu Simon und sieht sehr zufrieden aus. Aber vor zehn Jahren wäre eine Vaterschaft für ihn einfach nicht infrage gekommen, sagt er.

Irgendwelche Schattenseiten? Ja, im Urlaub ist es schon mal passiert, dass Passanten auf der Straße wohlwollend fragten: "Na, hat der Opa heute mal den Kleinen?" Was nun doch die Frage aufwirft, wie sich ein Kind wohl fühlt, wenn es später in der Schule wegen seines Großvater-Papas gehänselt wird. "Man sollte offen mit dem Kind darüber sprechen, warum sein Papa älter ist. Und das Positive der Individualität darin aufzeigen", empfiehlt Harald Werneck und verweist auf amerikanische Untersuchungen, in denen erwachsene Kinder später Väter angaben, dass sie es durchaus schätzen konnten, mit intensiven Gesprächen gefördert worden zu sein. Dass sie von der Lebenserfahrung des Mannes heute noch profitieren.

Das vorschnelle Urteil beim Anblick eines späten Vaters ("Auch so ein Franz-Beckenbauer-Typ, der seine Frau gegen ein jüngeres Modell austauscht, um seine Jugend zu verlängern . . . ") zielt jedenfalls oft an der Realität vorbei. Meist steckt dahinter ein Mann, der heute sehr bewusst lebt. Weil er lange keine Zeit für die Vaterrolle fand. Weil er erst spät die Frau getroffen hat, mit der er sich das Wagnis vorstellen konnte. Oder weil er lange mit sich ringen musste, bis er sich reif dafür fühlte. Bestimmt aber stellt er ein Gegenmodell dar zu den traditionellen Vätern, die wir aus unserer eigenen Kindheit kennen. "FAZ"-Redakteur Eberhard Rathgeb, 48, hat sie in seinem persönlich gefärbten Buch mit dem programmatischen Titel "Schwieriges Glück – Versuch über die Vaterliebe" (Hanser) schön beschrieben.

Jüngere Väter haben ihre Kinder kaum gesehen

Diese Väter haben ihre Kinder zwar meist in ihren allerbesten Jahren gezeugt, wurden aber danach kaum mehr gesehen, weil sie sich jeden Morgen mit der Aktentasche ins Büro verabschiedeten und erst abends zurückkamen, wenn die Kleinen bereits längst im Bett lagen. Die Beziehung zu seiner eigenen Tochter dagegen beschreibt Eberhard Rathgeb als sehr innig. Und das, nachdem er sich früher jahrelang mit dem Gedanken gequält hat, ob man in diese Welt überhaupt noch Kinder setzen darf. Man kann das Buch also durchaus auch als Plädoyer lesen dafür, erst dann Nachwuchs zu bekommen, wenn man wirklich mit sich selbst im Reinen ist.

Ein Aspekt, den der Autor im persönlichen Gespräch wiederholt: "Vor 30 Jahren ging es beim Mann doch vor allem darum, durch seinen Beruf eine Familie ernähren zu können." Heute denke man anders: Je individueller ein Lebenslauf, umso spannender finden wir die Person dahinter. Und die persönliche Entwicklung brauche natürlich Zeit, gibt Eberhard Rathgeb zu bedenken. "Aber ist ein wacher Mittfünfziger, der seinen Kindern etwas mitgeben will, nicht allemal besser als ein bereits erloschener 35-jähriger Bankdirektor?"

Text: Lisa Stocker Fotos: Getty
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