Der erste Mann im Leben einer Frau

Väter sind unkonventionell, mitfühlend, geradeheraus und einfach unersetzlich - zumindest im Glücksfall. Sieben Väter und Töchter erzählen.

Martin May, 49, Schauspieler Beim ersten Kind habe ich mich ständig gefragt, ob ich alles richtig mache. Heute bin ich gelassener. Als ich mich damals von meiner Frau getrennt habe, wusste ich, dass das furchtbar für Milena, Melisande und meinen Sohn Marius sein würde. Mir war es sehr wichtig, ihnen auch in dieser Situation ein verlässlicher Vater zu sein. Heute bin ich glücklich über unser gutes Verhältnis und dass die großen die beiden kleinen Töchter mit so viel Liebe empfangen haben.

Milena May, 21, Studentin Unsere Küchengespräche habe ich immer geliebt, da haben wir beide stundenlang gesessen und geredet. Das war, bevor er ausgezogen ist. Zwei Jahre hat es gedauert, bis sich unsere Beziehung wieder normalisiert hatte. Seitdem kann ich mich wieder darauf konzentrieren, was uns verbindet: Papa kann zuhören, er nimmt meine Kritik ernst und ermutigt mich in meinen Stärken.

Melisande May, 17, Schülerin Nachdem mein Vater zu Hause ausgezogen war, hat er mir sehr gefehlt. Obwohl er immer wieder versucht hat, zu erklären, warum er gegangen ist, konnte ich das damals nicht richtig begreifen. Wir sind zwar nicht immer einer Meinung, aber mir ist die Zeit, die wir miteinander verbringen, ganz besonders wichtig.

Tomas Meier, 63, Bootsbauer Am meisten liebe ich es, wenn Tina vor der Werkstatt steht, in schicken weißen Hosen, mit rot lackierten Fingernägeln, und die Motorradreifen wechselt. Tina wühlt einfach gern im Dreck, das gefällt mir. Als sie klein war, konnte man sie nicht wie andere Mädchen stehen lassen und sagen: "Jetzt warte hier mal schön!" Kaum hatte man den Satz ausgesprochen, da war sie schon losgeflitzt. Das war mir wichtig, dass meine Tochter neugierig und selbstbewusst ist. Sie lässt sich von nichts abbringen, was sie sich in den Kopf gesetzt hat - partout nicht. Tina sagt erst einmal: "Ich kann das." Egal, ob es stimmt oder nicht. Eine Lösung findet sich dann schon, irgendwie.

Christina Meier, 38, Endurofahrerin und Finanzbeamtin Als kleines Mädchen hatte ich zwei Puppen. Beide hießen Susi. Wenn ich die einmal angezogen hatte, war ich fertig mit Spielen. Ich wollte immer nur zu Papa nach draußen in die Werkstatt. Da hat er mir dann alles haarklein erklärt. Mein Kinderfahrrad haben wir auseinandergenommen und jede einzelne Schraube untersucht. Bei ihm gab es nichts, was ich nicht machen durfte. Ich habe alles ausprobiert. "Wenn du etwas willst", hat er mir eingeschärft, "dann mach es auch." Ich war immer schon ein Papakind, das bin ich heute noch.

Arthur Brauner, 91, Filmproduzent Als Baby war Alice ja nicht gerade eine Schönheit, das ist sie erst im Laufe der Jahre geworden, und sie wird jeden Tag schöner. Ihre Pubertät war alles andere als einfach. Da erwischte ich mich tatsächlich manchmal bei dem Gedanken: Warum musste es denn ausgerechnet eine Tochter sein? Alice ist ziemlich aufbrausend. Wenn es zwischen uns rasselt, verreise ich lieber. Trotzdem bin ich sehr glücklich, dass ich diese "kapriziöse" Tochter gewinnen konnte, meine Nachfolge in unserer Filmproduktion anzutreten. Alice ist eine unglaublich gute Mutter. Manchmal bedaure ich, ihr Vater zu sein und nicht ihr Sohn.

Alice Brauner, 44, Filmproduzentin Wenn ich früher nicht pünktlich zu Hause war, hat sich Papa vor meine Zimmertür gelegt und gewartet. Auf meinem Nachttisch lag dann ein Stapel kleiner Zettel. "Es ist jetzt 23.30 Uhr. Du bist nicht zu Hause", auf dem nächsten stand: "Jetzt ist es 24 Uhr: Wo bist Du?" Er gibt einfach niemals auf. Diese Eigenschaft liebe ich an ihm, aber sie nervt mich auch, manchmal. Die Leidenschaft für den Film habe ich erst durch Zufall entdeckt, als Papa mich bat, ihm bei der Produktion von "Der letzte Zug" zu helfen. Er hat durch den Holocaust 49 Angehörige verloren. Es gibt kein Heute ohne Gestern, das habe ich von ihm gelernt. Deshalb machen wir unseren nächsten Film auch zusammen. In "Wunderkinder" geht es um die tragische Freundschaft von drei hochmusikalischen Kindern während der Nazizeit. Bei uns wird viel diskutiert und, ja, auch gestritten. Das gehört ganz einfach dazu, aber es wird immer getragen von der Liebe zueinander, und die ist in unserer Familie sowieso das Allerwichtigste.

Freimut Duve, 73, Politiker und Publizist Meine größte Freude ist, die drei zusammen zu erleben. Sarah ist aus meiner zweiten Ehe, aber als sie auf die Welt kam, haben die Großen sie sofort in ihr Herz geschlossen. Ganz selbstverständlich. Obwohl die drei grundverschieden sind, halten sie zusammen. Das ist für mich wunderschön.

Mira Duve, 44, Kamerafrau Papi ist für mich der Inbegriff von Abenteuer und Geborgenheit. Als er mir als kleines Mädchen das Klettern beigebracht hatte und ich panisch rief: "Das schaff ich nicht", sagte er nur ganz ruhig: "Du schaffst das." Klar habe ich es dann geschafft.

Sarah Duve, 36, Juristin Mein Vater ist die Ruhe selbst, sogar als ich mitten in der Pubertät steckte und nicht gerade einfach war. Er hat mir zugehört, da verpufft selbst die größte Wut ziemlich schnell. Ich konnte meinen eigenen Weg gehen, und er hat mir das Gefühl gegeben, dass es auch der richtige sein wird.

Tamara Dietl, 46, Coach Unser Vater ist einer der seltenen Menschen, die genau hinschauen und dann auch handeln. Damit hat er uns schon ein bisschen die Revolte geklaut. Den ausgeprägten Sinn für Gerechtigkeit, den habe ich von ihm.

Professor Klaus Diedrich, 63, Gynäkologe Einmal sollte Conni ein Wochenende auf ihren kleinen Bruder aufpassen. Von dem Haushaltsgeld ist sie zum Friseur gegangen und hat sich eine Dauerwelle machen lassen. Was sie sich in Kopf gesetzt hat, dass setzt sie auch um. Gnadenlos, aber mit umwerfendem Charme. Conni ist eine Kämpferin. Auch wenn die Zeiten mies sind, ist sie guter Dinge. Das imponiert mir. Als sie in die Lehre ging, war ich schon erstaunt, dass sie so unbedingt Köchin werden wollte. Sie hat einfach viel Talent. Das hat sie von mir. Ich habe ihr gezeigt, wo man die Kaffeemaschine anstellt, den Rest hat sie allein gemacht.

Cornelia Poletto, 39, Sterneköchin Mein Vater ist sehr engagiert in seinem Beruf. Er will aus allem das Beste herausholen. Als Kind habe ich manchmal darunter gelitten. Jetzt weiß ich, was es bedeutet. Dieses Brennen für eine Sache, das habe ich von ihm. Gefühlt war mein Vater zwar immer für mich da, aber er war auch nie da. Erst nach der Trennung meiner Eltern fühlte sich das anders an. An den Wochenenden, an denen ich bei ihm war, hatte er alle Zeit der Welt. Heute sehen wir uns, wann immer es geht, haben sogar ein Buch zusammen geschrieben. Und er hat meine Tochter Paola auf die Welt geholt - ein unvergesslicher Moment.

Oliver Hack, 44, Filmproduzent Wenn ich nach Hause komme und die drei stürzen sich auf mich, fühlt sich das an wie ein kleiner Tornado. Wunderbar, aber auch anstrengend. Es muss alles hier und jetzt und sofort sein. Ich finde es wahnsinnig spannend, sie beim Größerwerden zu beobachten, zu sehen, welchen Weg sie einschlagen werden. Jede hat ihre Vorlieben und Eigenarten, auf die Rücksicht genommen werden will. Jede fordert mich auf ihre Weise. Vivian ist der Familienclown, hat immer einen im Sinn. Meret braucht ständig Action, und Nike ist die ruhigste von allen. Aber wehe dem, der sie beim Lesen stört. Die schönsten und intensivsten Momente sind die, wenn ich mit einer von ihnen was allein unternehme.

Vivian, 5 Bei Papa darf ich Cola trinken, das finde ich super. Aber wenn wir in den Skiurlaub fahren, soll ich in die Skischule, hat er gesagt. Das kann er ja wohl total vergessen.

Meret, 7 Cool ist, wenn Papa mich mit zum Fußball nimmt. Wir sind Pauli- Fans. Wenn die ein Tor schießen, wird gesungen und geschrien. Das ist schön laut, das mag ich.

Nike, 10 Am liebsten gehe ich mit Papa zum Friseur. Das ist immer ziemlich lustig. Da darf ich mir dann auch mal eine pinke Strähne färben lassen. Aber manchmal will Papa unbedingt, dass ich mein Zimmer aufräume. Das passiert meistens genau dann, wenn ich gerade an der spannendsten Stelle von meinem Buch bin. Dabei weiß er doch genau, das Lesen meine Lieblingsbeschäftigung ist, und wenn er dann noch anfängt, mich zu kitzeln, werde ich richtig sauer. Aber das geht auch ganz schnell wieder vorbei.

Hans Többen, 60, Kaufmann Ich habe mir immer Töchter gewünscht. Jungs sind einfach zu laut. Als Verena und Kristin klein waren, standen sie auf Barbie, Ballett, Pferde, Pink und Glitzer. Typisch Mädchen. Darauf konnte man sich verlassen. Trotzdem war es mir wichtig, dass sie zupacken und einen Nagel in die Wand hauen können. In meiner Werkstatt haben wir zusammen Puppenhäuser und Kindermöbel gebastelt. Natürlich alles stilecht in Rosa. Wir sind Dickköpfe, alle drei. Aber wir können uns noch so schlimm zoffen, am nächsten Tag ist immer wieder alles okay. Jeder kennt seine Fehler, würde sie aber niemals zugeben. Eine stillschweigende Übereinkunft zwischen uns.

Verena Többen, 23, Gastronomin Mein Vater stand immer hinter mir. Ich sage halt gern, was ich denke, und da sind Diskussionen oftmals programmiert. Ich weiß, er hatte es nicht leicht mit mir. Mit 14 habe ich angefangen, nachts loszuziehen, habe mir Piercings und Dreadlocks machen lassen. Trotzdem konnte ich immer bei ihm andocken, das ist bis heute so geblieben. "Einen Mädchenbonus gibt es nicht", hat er gesagt, "du musst dich schon selbst anstrengen, wenn du etwas erreichen willst."

Kristin Többen, 15, Schülerin Wir haben oft mit Barbies gespielt, waren aber keine Heulsusen. Papa hat uns viel gezeigt, aber dann sollten wir es selbst ausprobieren. Ihm war wichtig, dass wir mit offenen Augen durchs Leben gehen, neugierig sind. Wenn ich mir beim Hantieren mit seinen Werkzeugen weh getan habe, hat er mir etwas von seinem Aftershave auf die Stelle geschüttet und es mir als die weltbeste Medizin verkauft. Das hat gewirkt.

Pommes mit Schokosoße

Väter sind stur, wortkarg und streng. Sie wollen immer recht haben und sind meistens nicht da, wenn man sie braucht. Stimmt. Aber Väter können auch anders. Sie sind mitfühlend und liebevoll, großartige Mutmacher, Beschützer, Lehrmeister und die weltbesten Tröster. Sie haben durchaus endlich eine Liebeserklärung verdient.

Wenn es um Väter geht und noch dazu um die eigenen, spaltet sich die oft solidarische Frauengemeinschaft in zwei Lager. Jede hat eben ganz eigene Erfahrungen mit dem ersten Mann in ihrem Leben gemacht.

Wenn er da war, fürchtete ich mich vor nichts und niemandem mehr.

Nach der Trennung meiner Eltern hat mein Vater meinen Bruder und mich allein großgezogen - Ende der 60er Jahre war das nicht gerade die Regel und nicht immer leicht, weder für ihn noch für uns beide. Trotzdem war es auch ein großes Glück, denn wir hatten Papi pur.

Auch er ist kein Freund der großen Worte. Als ich zehn war, drückte er mir ein Aufklärungsbuch in die Hand: "Lies dir das durch", sagte er, "wenn du Fragen hast, kannst du ja zu mir kommen." Ich klappte das Buch auf, las ein bisschen darin herum. Peinlich war das, viel zu peinlich, um darüber zu reden und noch dazu mit dem eigenen Vater. Das Thema Aufklärung war damit erledigt - für uns beide.

Aber mein Vater ist ein guter Zuhörer. Die meiste gemeinsame Zeit haben wir in seinem Auto verbracht. Als Tierarzt war er ständig unterwegs, und ich wollte immer mit. Bei den stundenlangen Fahrten übers Land habe ich ihm in Dauerschleife meine Lieblingswitze erzählt, er war der Einzige, der noch darüber lachen konnte (dafür habe ich ihn besonders geliebt).

Wenn ich traurig war, mich mit meiner besten Freundin gestritten oder Ärger in der Schule hatte, habe ich mich bei ihm ausgeheult. Meistens sagte er nicht viel. Aber er hörte zu, urteilte nicht, nahm mich lieber in den Arm. Gut fühlte sich das an. Wenn er da war, fürchtete ich mich vor nichts und niemandem mehr. Mein Vater war für mich der stärkste Mann der Welt. Trotzdem ließ er sich ganz leicht von mir um den kleinen Finger wickeln. Ich habe es immer geschafft, ein Eis zu ergattern, obwohl mir im Auto regelmäßig schlecht davon wurde. Dann steckte er mich in seine alte große Lederjacke, stellte mich im nächsten Ort in einem Kindergeschäft ab und sagte zur Verkäuferin: "Einmal einkleiden, bitte." Das Improvisieren habe ich von ihm gelernt und dass das Leben eben nur so gut oder schlecht ist, wie ich es mir selbst mache. Er hat mir gezeigt, die Welt aus einer anderen Perspektive zu betrachten, mich ermuntert, Neues auszuprobieren. Einmal hat mein Vater Pommes mit Schokosoße bestellt, nur um mir zu zeigen, wie das Leben auch noch schmecken kann: irritierend. Wenn wir im Restaurant mal wieder herumgequengelt haben, hat er uns in die Küche geschickt, den Koch fragen, wann die Spaghetti endlich fertig sind. Die Welt sollten wir erkunden, offen und neugierig sein.

Mädchen brauchen die väterliche Zuversicht, das alles schon gut werden wird.

Unseren ersten Welpen hätte ich am liebsten an der Leine ständig hinter mir hergeschleift; als er das sah, sagte mein Vater: "Hunde soll man laufen lassen, dann kommen sie wieder zurück - genau wie die Menschen auch."

Mädchen brauchen die väterliche Zuversicht, das alles schon gut werden wird. Selbstzweifel haben sie sowieso genug, spätestens in der Pubertät. Dann wird es oft auch für die Beziehung schwierig. Zu erleben, wie die eigene Tochter zur Frau wird, ist für Väter nicht einfach. Wenn ich seine olle Lederjacke zur Theaterpremiere trug, fand mein Vater das völlig in Ordnung, aber wehe, die Fingernägel waren lackiert.

Dabei ist ein männliches Vorbild gerade in dieser Zeit besonders wichtig: Die Mädchen brauchen ihren Vater, um ein positives Männerbild zu verinnerlichen. Wenn die Stimmung mal wieder ganz unten war und das Keiner-mag-mich- ich-bin-so-hässlich-Gefühl jede Form von objektiver Selbstwahrnehmung komplett ausgeknockt hat, gab es für mich nichts Heilsameres, als wenn mein Vater sagte: "Du bist ein tolles Mädchen. Ich bin stolz auf dich."

Natürlich entstehen im Laufe der Jahre auch Verletzungen: kleine, zarte, fein wie Haarrisse, aber auch größere Wunden, die Narben hinterlassen, auf beiden Seiten. Väter machen es einem nicht leicht, darüber zu reden. Die Momente, in denen die harte Schale aufbricht, sind rar, etwas ganz Besonderes. Dann geht es ums Verzeihen, ums Wiederentdecken. Auch das findet meistens ohne große Worte statt. Es ist mehr wie eine stille Übereinkunft.

Heute bin ich 45, mein Vater 75. Er hat für mich nichts von seiner Wichtigkeit verloren. Im Gegenteil. In einsamen Momenten ist es unendlich wohltuend, wenn er da ist, mich in den Arm nimmt und sagt: "Du machst das schon", dann fühle ich mich wieder wie ein kleines Mädchen und trotzdem riesengroß und weiß: "Klar mach ich das."

Text: Tatjana Blobel Fotos: Thomas Müller Produktion: Bettina Lambrecht
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