Soll ich zu meinen einst weggegebenen Geschwistern Kontakt aufnehmen?

Heike (42) hat zwei Geschwister, die sie nicht kennt. Vor über 50 Jahren wurden sie zur Adoption freigegeben. Nun möchte Heike sie suchen. Doch was, wenn die Geschwister Heike nicht kennenlernen wollen. Soll sie es trotzdem wagen?

Seit ich ein Schulkind bin, weiß ich, dass ich eine Schwester und einen Bruder in Amerika habe. Aber erst im Laufe vieler Jahre habe ich das ganze Familien-Drama erfahren. Sie wurden im Alter von eineinhalb und einen halben Jahr von den Nachbarn meiner Großeltern adoptiert und dann später mit in die USA genommen. Meine Mutter war 16, als meine Schwester geboren wurde und kurz darauf kam mein Bruder zur Welt. Sie lebte bei den Eltern und es gab nicht genug Platz für alle - und zu wenig Geld. Die Kinder wurden weggegeben, auch weil mein Vater es so wollte. Das Ganze war immer ein Tabuthema in unserer Familie – aber auch immer ein Schmerzpunkt.

Das war immer ein Tabuthema in der Familie.

Ich erinnere mich, wie meine Mutter an jedem ihrer Geburtstage gelitten hat – denn das war zugleich der Geburtstag ihrer ersten Tochter. Und auch Weihnachten war bei uns immer traurig, denn kurz vor Heiligabend waren damals die beiden Kleinen abgeholt worden. Ich weiß, dass meine Mutter das alles zutiefst bereut. Sie sagt, dass sei das schlimmste Kapitel ihres Lebens.

Seit ich selbst Mutter bin - meine Tochter ist ein Jahr alt - bedrängt mich die Frage: Soll ich den Kontakt suchen zu meinen fremden Geschwistern? Meine Mutter ist 74 und ziemlich krank. Nach langem Überlegen, habe ich sie gefragt, was sie davon hält. Und zu meinem Erstaunen hat sie gesagt: ja, sie würde sich freuen, zu sehen, wie sie heute sind. Sie würde ihre erwachsenen Kinder gern kennen lernen.

Ich habe Angst ihren Frieden zu stören.

Meine große Sorge ist nun: Rühre ich bei allen Beteiligten eher große Schmerzen neu auf, wenn ich Kontakt aufnehme? Oder lassen sich vielleicht alte Verletzungen heilen? Und ich frage mich auch: Warum haben meine Geschwister nie versucht, zu meiner Mutter Kontakt herzustellen? Haben sie vielleicht gar kein Interesse? Wollen sie in Ruhe gelassen werden?

Ich habe Fotos gesehen, die die Frau besorgt hat, die damals die Adoption vermittelte. Und man sieht, dass es ihnen gut geht. Vielleicht störe ich ihren Frieden, wenn ich mich melde? Oder sie machen meiner Mutter Vorwürfe, die sie nicht auch noch verkraften kann, nachdem sie ein Leben lang unter ihrem Fehler gelitten hat. Wenn ich meine kleine Tochter angucke, kommen mir die Tränen. Ich denke: So ein Kind weggeben, das ist doch unvorstellbar! Ich bin ratlos. Was ist für uns alle das Beste?

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Protokoll: Vera Sandberg Foto:
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