Kein Mittelmaß kennen – wieso bist du so extrem?

Unsere Autorin mag keine halben Sachen. Wenn sie mit Yoga anfängt, dann richtig. Alkohol? Ganz oder gar nicht. Zucker? Verbannt. Damit können nicht alle in ihrer Umgebung umgehen

Von allen Farben des Farbspektrums interessiert mich eine am wenigsten: Grau. 

Weder im Interieur noch in einem anderen Lebensbereich. Schon öfter bekam ich zu hören, ich sei zu extrem. Zu sehr schwarz, zu sehr weiß, keine hübschen Nuancen dazwischen. Ich mag es gern eindeutig, ganz oder gar nicht, beim Sport, bei Ernährungsgewohnheiten oder im Trinkverhalten. Entweder ich feiere bis zum Umfallen oder lebe abstinent. Letzteres tue ich nun bereits seit zweieinhalb Jahren, was in meinem Umfeld stellenweise für Unmut sorgt. Neulich sagte eine Freundin, sie würde sich für mich wünschen, nicht immer sooo extrem zu sein. Ich habe nicht wirklich verstanden, warum sie sich etwas für mich wünscht. Es ist nicht so, dass ich mir etwas gewünscht hätte, weder von ihr noch von mir, auch fragte ich sie nicht nach ihrer Einschätzung meines Charakters. Eigentlich bin ich ganz zufrieden, so wie es ist. Sie meinte jedoch, mich gut zu kennen und zu wissen, dass ein wenig Alkohol, ein wenig dies und das, ein wenig mehr in der Mitte sein für mich besser sei als diese starken Ausschläge.

Eine andere Freundin warf mir vor, ich würde missionieren mit meinem Lifestyle, und ich schwöre, ich hatte nur von mir gesprochen, nicht etwa geraten, es mir gleichzutun. Es sei nur sehr subtil, sagte sie, ich würde dann immer, und dabei machte sie es pantomimisch vor, so ein herablassendes Mona-Lisa-Lächeln auflegen.

Wörter im Streit: Paar sitzt auf Couch

Bin ich ein Einzelfall?

Oder kommt es nur mir so vor, dass immer mehr Menschen radikaler in ihrem Verhalten werden? Oder, positiv ausgedrückt: klarer werden. Ich kann mich nicht erinnern, dass unsere Mütter und Großmütter jemals sagten: "Ich esse keinen Zucker." Oder: "Ich trinke keinen Alkohol." Oder: "Ich kaufe keine Billigklamotten mehr." Ist es womöglich ein Luxus unserer Zeit, sich erlauben zu können, extrem zu sein?

"Der reflektierte Umgang mit Konsum ist sicherlich nur in einer Wohlstandsgesellschaft möglich und deshalb so wichtig", sagt die Hamburger Psychologin Heike Kaiser-Kehl, "mich stört jedoch der Begriff ‚extrem‘ ein wenig. Es ist doch eher eine bewusste Entscheidung, die Dinge anders zu betrachten und zu machen."

Die Wahl zu haben, sich damit zu beschäftigen, was uns gut oder weniger guttut, ist sicher ein Privileg. Aber warum stößt das bei so vielen auf Abneigung? Warum ecke ich ständig an, wenn ich mich extrem verhalte? Und damit meine ich nicht etwa Rüpelhaftigkeit. Ich schleudere keinem ungefragt meine Meinung ins Gesicht, noch haue ich gnadenlos raus, was ich von meinem Gegenüber halte. Ich bin weder politisch radikal veranlagt, noch werfe ich Scheiben ein. Alles, was meinen Extremismus betrifft, geht eigentlich nur mich etwas an. Es sind meine persönlichen Entscheidungen, meine Privatsache, meine Wahl, mein Blick auf die Welt.

Von der Norm abweichend 

Und dennoch fühlt sich mein Umfeld angegriffen. Das Problem ist nämlich, dass es einen Durchschnitt gibt, und wer davon abweicht, gilt als irgendwie pervers im Sinne des Wortes: von der Norm abweichend. In der Stochastik nennt man dieses Phänomen Gaußsche Normalverteilung: 68,8 Prozent gelten als Durchschnittswert. Wer in seinem Verhalten davon abrückt, gilt als, sagen wir, nicht normal. Anderseits wissen wir auch, dass das zu tun, was die Norm tut, nicht immer besonders klug ist. Wer jedoch seine Ansichten klar kommuniziert, wer seine ganz eigenen Werte selbstbewusst umsetzt, gilt als Außenseiter – und häufig als Bedrohung. Es setzt unsere Mitmenschen unter Druck, wenn wir ausscheren aus dem Durchschnitt. Es irritiert, weil wir ihnen damit einen Spiegel vorhalten – und ihnen zeigen, dass es neben dem eigenen Weg auch andere Wege gibt.

Nicht jeder mag diesen Blick in den Spiegel. Seit ich das erkannt habe, gebe ich mehr darauf acht, was ich wie sage. Das fängt schon mit dem Gesichtsausdruck an, den ich mache, wenn ich, sorry, keinen Kaffee (oder Prosecco) trinke. Der Mensch mag es irgendwie lieber, in einem Boot zu sitzen, es verbindet ungemein, wenn in einer Gruppe alle das Gleiche tun/essen/trinken/denken. Eine, die nicht mitmacht, gilt als Spielverderberin, als Kritikerin der anderen.

Innere Sehnsucht

Welche innere Sehnsucht hinter dem Faible für starke Amplituden steckt? Ganz einfach: Es gibt mir Sicherheit. Eine meiner Freundinnen ist das Gegenteil von mir, sie ist stets in Balance. Manchmal sagt sie, wenn ich sie frage, was sie von diesem oder jenen Trend hält: "Och, ich mach das mal so, mal so." Mal so, mal so? Hilfe, denke ich, denn Unentschlossenheit macht mir Angst. Es verunsichert mich, nicht zu wissen, wo es langgeht, was richtig oder falsch ist, ob kalte Duschen wirklich für jede Konstitution super sind oder man sich doch lieber nach ayurvedischen Prinzipien verhalten soll. Wenn ich Kaffee trinke, dann trinke ich Kaffee, und zwar täglich statt nach Lust und Laune. Wann genau ist denn manchmal, wann ist mal so, mal so? Eine einmalige Entscheidung zu treffen, an der ich dann nicht täglich rütteln, die ich nicht bei jedem Anlass infrage stellen muss, vereinfacht meinen Alltag. Strikte Verhaltensregeln wirken auf mich nicht wie ein Korsett, sondern wie ein Beruhigungsmittel. Das Leben ist doch schon wankelmütig genug. Wenn ich Richtlinien habe, an denen ich mich orientieren kann, die ich nicht nach Tagesverfassung umwerfen muss, gibt mir das Beständigkeit, Bodenhaftung und Ruhe.

Also trinke nicht ab und zu ein Glas Wein, sondern einfach nie. Das mag extrem wirken, ist aber in Wahrheit nur eins: so viel einfacher für mich. Natürlich bringt das Kontrolle mit sich, aber warum ist die eigentlich so negativ besetzt?

Seit ich mich dazu entschlossen habe, keine Fast Fashion mehr zu kaufen, sondern nur noch Vintage, fühlt sich mein Leben viel leichter an. Ich brauche weniger, bin notgedrungen kreativer und muss nicht mehr jeden Trend mitmachen. Eine gute Sache, eigentlich. Trotzdem schütteln manche Freundinnen den Kopf über mich.

Es gibt noch eine andere Ebene

... die bei meiner Vorliebe fürs Radikale eine entscheidende Rolle spielt: "Extreme führen zu starker Intensität", sagt Psychologin Heike Kaiser-Kehl. "Klar kann man Dinge ausprobieren. Aber wenn man etwas komplett durchzieht, wird man mit intensiveren Gefühlen belohnt." Das genau ist es! Erst nach einer gewissen Zeit und Stärke spürt man die Konsequenzen. Extrem zu sein bedeutet schließlich nur eins: bis an die äußerste Grenze zu gehen, statt nur mal in die Nähe des Abhangs zu schlendern und kurz runterzuschauen, um dann wieder flott umzudrehen. Der Kick ist einfach ein anderer.

Nehmen wir zum Beispiel Alkohol. Als ich vor zweieinhalb Jahren beschloss, keinen mehr zu trinken, wusste ich nicht, für wie lange. Aber schnell war mir klar, dass ich, sollte ich den Effekt der Abstinenz wirklich tief erleben wollen, nicht nur vier Wochen Detox machen kann. Schon bald bemerkte ich, wie sich das Nichttrinken nicht nur auf mich auswirkte (positiv), sondern auch auf mein Umfeld (primär irritiert). Warum wieder so extrem?, wurde ich gefragt. Warum nicht mal ein Glas? Warum? Weil sich nichts ändert, wenn man die Dinge halbherzig tut. Nein, man muss nicht viermal die Woche Yoga machen, aber wenn man sich nur einmal im Monat aufrafft, werden die positiven gesundheitlichen, geistigen und körperlichen Auswirkungen mit Sicherheit nicht eintreten. Oder, weniger extrem ausgedrückt: Man fühlt sich eben nur ein kleines bisschen besser. Ich möchte mich aber ein großes Stück besser fühlen und nicht nur besser, ich möchte mich überhaupt fühlen. Vor allem mag ich es nicht, wenn es flach ist. "Wer Dinge extrem macht, also gründlich, erfährt dadurch Tiefe", bestätigt Heike Kaiser-Kehl. "Es ist das Gegenteil von Oberflächlichkeit."

Vielleicht brauchen manche Menschen einfach mehr

... um das zu spüren. Ich hatte nur selten unkomplizierte Beziehungen, einfache Männer, ich bin es selbst nicht. Wenn etwas einfach ist, beginne ich mich meistens schnell zu langweilen. Zu meinem letzten Geburtstag vor ein paar Wochen bekam ich einen Brief von einem Ex, er endetet mit den Worten: "Bleib so intensiv, wie du immer warst."

Es war eines der schönsten Komplimente, das ich je bekommen habe. Vielleicht, dachte ich an diesem Tag, vielleicht bin ich gar nicht so extrem. Vielleicht bin ich einfach nur intensiver als andere Menschen. Es fühlte sich irgendwie friedlich an. Und irgendwie extrem gut.

GANZ ODER GAR NICHT?

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BRIGITTE WOMAN 08/2019

Wer hier schreibt:

Susanne Kaloff
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