Als Single verreisen

"Hier ist nichts mehr frei!" Wer als Single verreisen, schlimmer noch auf eine Kreuzfahrt gehen möchte, muss mit keifenden Ehefrauen rechnen.

"Tut mir leid, hier ist leider nichts mehr frei", sagt die Frau, die mit ihrem Mann an einem ansonsten unbesetzten Vierertisch sitzt, und während ich leicht irritiert mit meinem vollen Teller weiter durch das Bordrestaurant des Kreuzfahrtschiffes gehe, auf dem ich erholsame zehn Tage verbringen will, fühle ich mich so ungemütlich wie früher in der Tanzstunde. Keiner fordert mich auf, keiner will mich! Denn die Frau, an deren Tisch auch bei meiner nächsten und übernächsten Runde ein Platz frei bleibt, ist bei Weitem nicht die einzige, die wenig begeistert scheint, als ich ganz arglos "Ist hier noch ein Platz frei?" frage.

Als Single verreisen - allein unter Paaren

Ich bin verunsichert. Zu leger gekleidet? Zu wenig Make-up aufgelegt? Zu freches Lächeln? Ich drehe noch eine Runde und finde schließlich nur deshalb einen Platz, weil ein Ehepaar gerade aufsteht. "Ich will Sie nicht vertreiben", sage ich freundlich. "Wir gehen sowieso gerade", sagt die Frau, der Mann lächelt mühsam. Abgang.

Langsam dämmert es mir - ich bin allein unterwegs, deshalb ganz offensichtlich auf Männersuche und damit eine drohende Verlockung für jeden Ehemann! Nicht zu fassen, obwohl . . . mehrfach habe ich ja selbst über das Phänomen "Allein unter Paaren" geschrieben. Habe von klugen Psychologen erfahren, dass Single und Paare "zwei voneinander getrennte, sich gegenseitig ausschließende Lebensumstände sind", dass es da ein "beiderseitig verdrängtes, unsichtbares Gefälle gibt".

Ein Single auf Reisen - Frauen, nehmt euch in Acht!

Als Single verreisen und allein unter Paaren sein - bislang für mich ein theoretisches Phänomen, auf einmal ein ungemütlich praktisches. In Neonschrift scheint er auf meiner Stirn zu stehen, der Satz: "Ehefrauen, aufgepasst, ich nehm euch sonst die Männer weg!"

Dabei befinde ich mich ja keineswegs in einer Reality-TV-Show, in der sich wild gewordene Hausfrauen um ein 30 Jahre jüngeres Model mit enthaartem Bizeps streiten, sondern auf einer Kreuzfahrt, Durchschnittsalter 65 plus, wovon gefühlte 120 Prozent im ehelichen Tandem unterwegs sind. In einem, wie ich im Laufe der Woche erfahren werde, in dem die meisten Männer angekettet sind und eifersüchtig bewacht werden. "Wirklich schlimm", sagt Margit, eine sehr unternehmungslustige Witwe Anfang 70, die ich zum Glück gleich am ersten Tag kennen und schätzen lerne. Sie ist seit dem Tod ihres Mannes vor sechs Jahren oft als Single verreist und kennt sie inzwischen gut, diese schmalen Ehefrauenaugen, die sie anblitzen, wenn sie sich auf Reisen ganz harmlos irgendwo dazusetzen will. "Einmal habe ich neben einem Tisch gestanden, wo genau der Platz frei blieb, der angeblich besetzt war, und habe im Stehen essen müssen", erzählt sie, "aber dann war ich so sauer, dass ich die Frau direkt gefragt habe, warum ich diesen Platz nicht haben kann. Meine Freundin ist aufgehalten worden, hat sie gemurmelt. Dann geh ich wieder, wenn sie kommt, hab ich gesagt und mich einfach hingesetzt. Als Single-Frau auf Reisen darf man nicht dünnhäutig sein, da muss man schon eine Elefantenhaut mitbringen."

Sie hat recht, aber es ist schon ein sehr gewöhnungsbedürftiges Gefühl, wenn man als langjährige Ehefrau auf einmal als Solo-Akt unterwegs ist. Ein Gefühl, das eine Freundin einmal mit "so kalt wie nackt auf dem Schulhof" sehr treffend beschrieben hat. Noch kälter, weil ich hier ja schutzlos auf hoher See und nicht in meinen eigenen kuscheligen vier Wänden bin, aber ständiger Rückzug in die Kabine kommt auch nicht infrage. Das steh ich durch.

Habe ich eigentlich auf Reisen mit meinem Ehemann auch so besitzergreifend reagiert? "Hallo, Hasenpfötchen, willst du noch ein Bier?" gerufen, wenn er sich mit einer anderen Frau, womöglich jünger, schöner und blonder als ich, unterhalten hat? Jede Single-Frau böse weggefunkelt, damit sie nicht auf dumme Gedanken kommt? Ich hoffe nicht, weil ich merke, wie stark es mich verunsichert und verärgert, von anderen als jemand wahrgenommen zu werden, der einem selbst völlig fremd ist - nämlich als Frau, vor der sich andere Frauen vorsehen müssen.

Soll ich etwa auf diesen Mann scharf sein?

"Hier liegt schon jemand", ich ziehe mein Handtuch wieder weg, als ich die scharfe Frauenstimme höre. Unterstellt sie mir etwa, auf den übergewichtigen, rotgesichtigen Mittsiebziger scharf zu sein, der mit glänzendem Sonnenmilchgesicht neben ihr liegt? "Keine Sorge, ich hab einen viel besseren zu Hause", würde ich am liebsten rufen, aber einer der wenigen Vorteile, wenn man selbst keine 20 mehr ist, ist doch dieses Minimum an Reife und Gelassenheit, das man sich im Laufe der Jahre erarbeitet hat, oder? Also zwinge ich meinen Mundwinkeln eine verkrampfte Kurve nach oben ab, suche mir eine andere Liege und denke an die Weisheit meiner Mutter. "Mach dir nichts draus, solche Menschen sind durch sich selbst bestraft genug", würde sie jetzt sagen.

Außerdem weiß ich von meinen Single-Freundinnen, dass man sich bei diesem Typ Ehefrau nur zwischen Pest und Cholera entscheiden kann. Ist man charmant und freundlich, denkt sie: "Diese falsche Schlange wurmt sich in meine glückliche Ehe hinein, am besten zeige ich ihr so lange mein allersauerstes Zitronengesicht, bis sie wieder verschwindet." Signalisiert man dagegen, dass man nicht den allergeringsten Wert auf ihren Ehemann legt, vermutet sie möglicherweise, dass ihr Kerl nicht gut genug für eine alte Schnepfe wie mich sei.

Ich bin kein Heimwehtyp, aber jetzt denke ich sehr liebevoll an meinen Mann, denn auch wenn sich unsere Ehe manchmal wie ein alter, etwas kratziger Pullover anfühlt - immer noch besser, als der quietschbunte, spitze Stachel zu sein, der aus einem Meer von Paaren herausragt.

Kennen wir, seufzen meine männerlosen Freundinnen, die damit mehr Erfahrungen haben als ich, und berichten von nassen Badeanzügen, die auf freie Liegestühle geworfen, von Rücken, die einem zugedreht werden, von Gesprächen, die verstummen, wenn man sich einfach irgendwo dazusetzt. Und es ist immer die Frau, die ihre alleinreisende Geschlechtsgenossin wegbeißt. Aus Angst, dass ungünstige Vergleiche gezogen werden? Würde ich ja noch verstehen, wenn ich Pamela Anderson oder Veronica Ferres wäre. Männer dagegen, habe ich beobachtet, halten den Mund und sich bedeckt, bloß kein Stress! Aber das ist ja auch sonst so. Wie verhält man sich also als souveräne Reisende? Ignorieren, ärgern, schimpfen, im Boden versinken, einfach drüber lachen?

"So ein Verhalten hat nichts mit der alleinreisenden Frau zu tun, aber wir leben nun mal in unsicheren Beziehungszeiten", sagt Psychologe Oskar Holzberg, "jeder andere Mensch ist eine potenzielle Möglichkeit für eine neue Liebe, eine Affäre, ein anderes, vielleicht aufregenderes und schöneres Leben. Unsere eigene Beziehung ist deshalb immer bedroht, weil keine Moral und keine Standesschranken sie schützen. Darauf reagieren hauptsächlich Frauen, egal in welcher Situation, entschlossen und offen feindselig, Männer in vergleichbarer Situation dagegen ziehen sich eifersüchtig zurück."

Verständlich, dass man als Frau die Konkurrenz wegekelt, wenn man frisch verliebt ist, der Mann Brad Pitt heißt und die Liebe noch eine rosarote Wolke ist. Weniger verständlich, wenn man seit mehr als 20 Jahren verheiratet ist, seinen Partner in- und auswendig kennt und eigentlich heilfroh sein sollte, wenn sich ein interessanter Single zu einem gesellt und einem Geschichten erzählt, die neu und frisch und aufregend sind.

Zum Glück gibt es Ausnahmen. Trudi und Heiner, ein Rentnerpaar aus Hamburg, sind ganz begeistert, als ich ihnen bei einem frisch gezapften Bier auf dem Achterdeck von meinen neuesten Familienkatastrophen berichte. "Kannst wiederkommen, Mädel", sagt Heiner nach einem lustigen Abend und weiteren Bieren. So geht es also auch!

Darf ein Single auf Reisen nur noch unter seinesgleichen?

Überhaupt scheinen Paare, die noch miteinander lachen und Spaß haben, viel "einladender" als solche, die schon von Weitem so versteinert wirken wie ein altes, brüchiges Gemäuer. Und da ich Frauen im Allgemeinen eine höhere soziale Intelligenz zugestehe als Männern, betrübt mich das.

"Warum sind alleinreisende Frauen bei Ehefrauen so gefürchtet?", frage ich am letzten Reisetag einen Ehemann, der, ausnahmsweise allein unterwegs, an der Bar steht. "Wir sind doch ganz harmlos." Er lacht. "Weil einen die meisten Frauen, die allein reisen, gnadenlos zuquatschen", sagt er, "ist überhaupt nicht böse gemeint, aber die scheinen einen so großen Nachholbedarf an Kommunikation zu haben, das ist einfach zu anstrengend. Sie selbst sind doch das beste Beispiel."

Ich sehe ihn an - klein, Bauchansatz, Ende 60. "Glauben Sie, dass ich Ihnen gefährlich werden könnte?", frage ich. Er grinst. "Könnte schon sein", fängt er an und verstummt. Seine Frau steht plötzlich neben ihm, in ihren Augen geht ein Messer auf. Ein kleines, scharfes Kartoffelschälmesser. Egal. "Und glauben Sie, dass Sie mir gefährlich werden könnten?", frage ich weiter. "Ihre Frau scheint es nämlich zu denken. Ist doch schön, dass man in unserem Alter noch so grundlos eifersüchtig sein kann." Abgang. Meiner. Ach, das tat gut. An der Bar trinke ich einen doppelten Whisky. Auf ex. Allein. Es war trotzdem eine schöne Reise.

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Text: Evelyn Holst Foto:HappyAlex/ Fotolia
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