Fragen an die Liebe

Warum verlieben wir uns? Und wie bekommen wir jemanden dazu, sich in uns zu verlieben? Wichtige Fragen an die Liebe - und ihre Antworten.

Am Anfang ist alles übersteigert: jeder Blickwechsel eine Verheißung, jedes Gespräch eine Offenbarung, jede Berührung ein wonniger Schauder. Wenn wir uns in einen anderen Menschen verliebt haben, fühlt sich das einfach großartig an.

"Wir reden wahllosen Schwachsinn, ich kneife mich heimlich ins Bein, im Hinterhof zanken die Nachbarn und wie ein Vollidiot stopf ich Kartoffelchips in mich rein", singt die Band Element of Crime im Lied "Mit dir allein" über eine erste Verabredung. Leider währt das Dasein auf der sprichwörtlichen "Wolke sieben" nicht ewig. Manchmal packt uns die Ernüchterung schon nach wenigen Stunden.

Doch auch wenn die Verzauberung noch etwas länger anhält: Irgendwann entscheidet sich, ob man einfach eine schöne Zeit zusammen hatte oder ob daraus wirklich die große Liebe geworden ist. Warum das so ist, können wir oft gar nicht richtig erklären - wie überhaupt vieles von dem, was wir über die Liebe zu wissen meinen, auch unter Fachleuten umstritten ist.

Warum verlieben wir uns überhaupt?

Man muss sich zwei Automobile des gleichen Fabrikats vorstellen, die aufeinander zurasen und frontal zusammenprallen werden." So beschrieb der Beatles-Gitarrist John Lennon den Moment, als er sich in seine spätere Frau Yoko Ono verliebte. Warum wir uns verknallen, erklärte auch der griechische Philosoph Platon in einem Bild: Mann und Frau seien ursprünglich zu einer Kugel verwachsen gewesen. Diese Kugelmenschen hätten allerdings zu viel Kraft gehabt und eine Gefahr für die Götter dargestellt, weshalb Zeus sie in zwei Hälften teilte. "Jeder von uns ist also ein Stück eines anderen Menschen", schrieb Platon. Darum suchen wir alle unser Pendant.

Heute versuchen Wissenschaftler die Frage, was passiert, wenn wir uns verlieben, mithilfe aufwändiger Experimente zu beantworten. So fand die italienische Psychiaterin Prof. Donatella Marazziti heraus, dass uns Amors Pfeil regelrecht "verrückt" mache, Verliebtheit also nicht rational steuerbar sei. In einem Laborversuch mit heftig Verliebten wies sie nach, dass der körpereigene Glücksbotenstoff Serotonin in dieser Phase auf ein krankhaft niedriges Niveau sinkt - der gleiche Befund zeigt sich bei Zwangspatienten. Aber Verliebtsein macht doch glücklich?

Warum Verliebte trotzdem dauerlächelnd durch die Gegend laufen, zeigt folgendes Experiment: Die Londoner Hirnforscher Dr. Andreas Bartels und Dr. Semir Zeki legten Verliebte in einen Kernspin tomographen und zeigten ihnen Bilder des / der Angebeteten. Das Ergebnis: Angesichts des Objekts der Begierde stellen die Hirnregionen, die etwa für Angst und Misstrauen zuständig sind, ihre Tätigkeit nahezu ein. Und auch wenn der Serotoninwert niedrig ist: Stattdessen werden die Hormone Oxytocin, Vasopressin und Dopamin, die Gefühle wie Verbundenheit und Euphorie fördern, großzügig ausgeschüttet.

"Verlieben kann man als eine Reaktion beschreiben, die es uns ermöglicht, auf Fremde zuzugehen", sagt die Sozialpsychologin Claudia Putz, die an der Universität Hamburg eine Studie zum Verlieben durchgeführt hat. "Evolutionspsychologen gehen davon aus, dass Vorsicht und Ängste vor Fremden unser Verhalten bestimmen. Die hormonellen Veränderungen, die beim Verlieben auftreten, mindern diese Ängste." Nur so hätten die urzeitlichen Menschen Kontakte knüpfen können und eine größere Chance gehabt, Ihre Gene aufzufrischen.

Manche Forscher gehen noch einen Schritt weiter und beschreiben die Liebe als eine Art Überlebensstrategie: Weil der menschliche Nachwuchs außerhalb des Mutterleibs Unterstützung braucht, sei Liebe in den ersten Jahren für ihn geradezu existenziell, schreibt etwa der Hirnforscher Prof. Gerald Hüther. Deshalb seien wir Menschen "keine von irgendwelchen Genen auf Selbstbehauptung programmierten Roboter geworden", sondern "Kinder der Liebe".

Wie bekomme ich jemanden dazu, sich in mich zu verlieben?

Die gute Nachricht ist: Flirten kann jeder - lernen! Und weil Übung den Meister macht, darf es eine Frage für Sie nicht mehr geben: Soll ich jemanden ansprechen, der mir gefällt, oder nicht? Tun Sie es einfach! Wenn Sie jemanden dazu bringen wollen, sich in Sie zu verlieben, sollten Sie sich auf ihn einlassen - das ist eine der wichtigsten Regeln für den perfekten Flirt. Beobachten Sie also Ihr Gegenüber und hören Sie zu. Ein Kompliment muss nämlich immer eine Wahrheit enthalten. Allgemeinphrasen wie "Du hast schöne Augen" sind wenig wert, sagen Sie lieber "In deinen Augen sehe ich ..." - ob "Neugier", "Spannung", "Abenteuerlust" oder "Freude": Sie werden instinktiv das Richtige finden.

Viele haben Angst vor den ersten Worten, dem "Opener", schließlich kennt man einander noch gar nicht. Hier gilt die nächste Regel: Seien Sie humorvoll, nehmen Sie sich selbst nicht so ernst. Fragen Sie etwa: "Verzeihung, wo will ich eigentlich hin?" Dabei machen Sie sich zwar zum Hampelmann, aber Sie ernten bestimmt ein Schmunzeln - mindestens. Wenn Sie Ihren Flirtpartner zum Lachen bringen, öffnet er Ihnen einen Teil seiner Seele. So werden Sie merkwürdig! Genau darum geht es beim Flirten: Arbeiten Sie darauf hin, dass der andere Sie unvergesslich findet. Ein anderer guter erster Satz: "Kennen Sie hier in der Nähe ein Lokal, in dem ich Sie treffen kann?" So fragen Sie nicht, ob der andere mit Ihnen essen geht, sondern wann.

Für die erste Verabredung gilt dann: Suchen und finden Sie ein gemeinsames Thema - auch wenn Sie dabei etwas länger über Fußball oder Wellness reden müssen, als Sie es normalerweise gern tun würden. Na und? Sie wollen sich mit Ihrem Flirt partner ein gemeinsames Universum erschaffen, da lohnt es sich, Zeit zu investieren. Und wenn Sie dann ein Paar geworden sind (was unvermeidbar ist, wenn Sie sich an diese Regeln halten): Hören Sie niemals auf zu flirten! Kleben Sie sich bitte auch nach 20 Jahren noch Zettel an den Badezimmerspiegel oder sagen Sie Ihrem Partner: "Mit dir wird der Schnee weißer!" Flirten, flirten, flirten - das ist das Geheimnis, so werden Sie unwiderstehlich und der andere wird sich immer wieder neu in Sie verlieben.

Weshalb wird manchmal aus den schönen Verliebtheitsgefühlen doch nicht die große Liebe?

Die Antwort ist einfach: Verliebtheit ist eben nicht Liebe! In dieser Frage steckt der Wunsch, die schönen Gefühle der ersten gemeinsamen Stunden und Tage zu behalten, zu konservieren, fortwährend zu empfinden. Doch jeder weiß, dass das nicht geht. Bei Verliebten gleichen sich die Testosteron- und Östrogenspiegel so weit an, dass kaum mehr ein Unterschied zwischen Mann und Frau besteht. Das erklärt unser Gefühl von Verschmelzung am Beginn der Liebe. Allerdings ist diese oft unersättlich wirkende Sehnsucht nach Einssein von ziemlich kurzer Dauer, denn es gibt noch ein weiteres Grundbedürfnis neben der Verschmelzung: den Wunsch nach Unabhängigkeit und Wachstum.

Dieser Wunsch scheint am Anfang der Liebe weit weg. Wer sich verliebt, leugnet die Realität. Und diese Unwirklichkeit ist wunderschön! Du und ich verlieben uns in ein Bild im eigenen Kopf, das wir uns gegenseitig überstülpen. Ein Bild von dem, wie ich gern wäre und dich gern hätte. Enttäuschungen sind also programmiert, wenn Bild und Wirklichkeit auf Dauer zu weit voneinander entfernt sind. Doch natürlich führt das Verliebtsein nicht zwangsläufig zu Frustrationen, sondern ist erst einmal der Beginn einer großen Chance. Die gilt es zu nutzen, ein Leben lang. Mit demselben Partner oder mit einem anderen. Mit Feingefühl und Spürsinn für sich und den anderen.

Und wie schaffen wir es, unsere Verliebtheit in dauerhafte Liebe zu wandeln? Jedes Paar muss den für sich richtigen Weg finden. Dennoch haben alle als glück lich beschriebene Partnerschaften einiges gemeinsam. Die Zauberworte sind Respekt, Fairness und Anziehung: Achtung mir gegenüber einfordern und wertschätzend dir gegenüber sein; fair mit einander umgehen; die Attraktivität genießen, die uns geschenkt wird. Respekt und Fairness können wir trainieren, die Anziehung entzieht sich dem Wollen. Das ist auch das Ende der Machbarkeitsfantasien. Wir haben unsere Beziehungen nicht im Griff, schon gar nicht die Liebe. Wir können uns nur gut auf einander einstellen und es dann nehmen, wie es kommt.

Text: Michael Aust
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