Muttersöhnchen: Wenn Mann nicht ohne Mama kann

Wenn Männer ein zu enges Verhältnis zur ihren Müttern haben, sind Konflikte in der Partnerschaft programmiert. Diplom-Psychologe Roland Kopp-Wichmann über das Phänomen Muttersöhnchen.

BRIGITTE-woman.de: Muttersöhnchen - spielt das Thema für Paare über 40 Jahre überhaupt noch eine Rolle?

Roland Kopp-Wichmann: Ja, gerade für sie. Viele Menschen über 40 erleben auch als Paar eine Art Midlife-Crisis. Der Beziehungsrahmen hat sich oft verändert: Beispielsweise ist das Haus gebaut, die Kinder sind ausgezogen - der Blick richtet sich nun wieder mehr auf die Beziehung. Und einige erkennen dann, was sie schon länger unzufrieden gemacht hat. Zum Beispiel ein Partner, der sich nicht von seiner Mutter abgelöst hat.

BRIGITTE-woman.de: Was macht für Sie einen Mann zum Muttersöhnchen?

Roland Kopp-Wichmann: Muttersöhne, genauer gesagt, nicht abgelöste Männer, erkennt man vor allem an zwei Punkten. Erstens: dem unangemessenen Kontakt zur Mutter. Der ist entweder total abgebrochen, was sehr selten ist, oder er ist zu häufig und zu intensiv. Entscheidender ist jedoch der zweite Punkt: die Rolle der Frau in der Beziehung. Bei einem Muttersohn fühlt sich die Partnerin mehr und mehr als Mutter für ihren Mann. Er kommt beispielsweise nach Hause und erwartet, dass seine Partnerin sich primär um ihn kümmert und ihn versorgt. Unabhängig davon, wie es seiner Frau geht. Hatte sie vielleicht auch einen stressigen Tag? Das sehen Muttersöhne nicht. Hinzu kommt, dass solche Männer Kritik nicht gut vertragen. Egal, wie die Partnerin die Botschaft verpackt - Muttersöhne sind sehr kränkbar und fühlen sich sofort angegriffen und in Frage gestellt.

Der Diplom-Psychologe hat ein Buch über Männer geschrieben, die sich nicht von ihrer Mutter abgelöst haben. (Frauen wollen erwachsene Männer, Kreuz-Verlag, 200 Seiten, 16,95 Euro)

BRIGITTE-woman.de: Heißt das auch, dass Muttersöhnchen im Job sehr unselbstständig sind?

Roland Kopp-Wichmann: Nein. Das können ganz fähige Leute im Job sein, die dort auch mit Kritik umgehen können. Sie können Sache und Person gut trennen. Doch in dem Moment, wo sie den Schlüssel in die Haustür stecken, passiert die Verwandlung.

BRIGITTE-woman.de: Wie kann es dazu kommen? Was liegt in der Erziehung begründet?

Roland Kopp-Wichmann: Die häufigste Entwicklung ist, dass den Männern als Jungen männliche Vorbilder gefehlt haben. Jungen brauchen einen emotionalen Kontakt zu anderen Männer - im Idealfall ist das der Vater. So erkennen sie, dass sich Männer oft anders verhalten als Frauen. Wenn sich ein Junge auf dem Spielplatz eine Schramme holt, ist die Mutter vielleicht überbesorgt und ängstlich. Ein Vater würde wohl eher sagen: "Komm, das macht doch nichts. Wir spielen weiter." Das ist nur ein mögliches Beispiel für unterschiedliches Verhalten. Männliche Vorbilder fehlen aber nicht nur, weil sich Eltern trennen - viele Väter sind zwar physisch anwesend, aber emotional nicht erreichbar.

BRIGITTE-woman.de: Liegt es nur daran, dass männliche Vorbilder fehlen?

Roland Kopp-Wichmann: Nein, ein anderes Beispiel wäre, dass ein Junge zu einer Art Partnerersatz für die Mutter wird. Die Mutter bespricht sich mit ihm über den Urlaub oder andere Angelegenheiten, wie mit einem Partner. Dadurch hat aber der Junge das Gefühl, dass er sich um seine Mutter kümmern muss. Später können daraus Rituale entstehen - wie tägliche Anrufe oder Besuche. Schafft er das mal nicht, gerät er in Panik. Beide gewöhnen sich an diese enge Bindung, finden nichts Seltsames daran, aber die Partnerin nervt es.

BRIGITTE-woman.de: Das ist doch bestimmt auch ein Konflikt - die Mutter umsorgt er, seine Frau aber nicht.

Roland Kopp-Wichmann: Das ist oft so. Muttersöhne trauen sich nicht, die Mutter loszulassen. Wenn Paare zum Beispiel seine Mutter besuchen, wird es bisweilen ganz deutlich. Ein abgelöster Sohn würde mit seiner Partnerin seine Mutter besuchen und es würde ein mehr oder weniger netter Nachmittag werden. Bei nicht abgelösten Männern wird die Partnerin fast unwichtig, sobald sie die Wohnung der Mutter betreten. Zwischen Mutter und Sohn besteht eine Symbiose. Wenn dann die Mutter noch Spitzen gegen die Partnerin macht, und der Partner nicht die Partnerin gegen die eigene Mutter in Schutz nimmt, ist der Krach auf der Heimfahrt vorprogrammiert. Hier ist auch die Mutter mitverantwortlich. Zur Erziehung von Kindern gehört auch, dass man sie loslässt. Auch wenn das eigene Leben dadurch eventuell langweiliger wird.

Muttersöhnchen und die Sexualität

BRIGITTE-woman.de: Der Muttersohn verhält sich also wie ein Junge, weil er nicht gelernt hat, sich wie ein Mann zu fühlen.

Roland Kopp-Wichmann: Genau, die Ausprägungen können jedoch verschieden sein. Bei vielen spiegelt sich das auch in der Sexualität wieder. Ein nicht abgelöster Mann hat oft weniger Lust mit seiner Frau zu schlafen, weil er unbewusst das Bild der Mutter auf die Frau überträgt. Und mit der Mutter schläft man ja nicht. Einige suchen sie ihr Heil dann in Affären, denn bei der Geliebten sind sie potent. Dass Muttersöhne sich nicht als Mann fühlen, kann man testen. Wenn ich sie in einer Sitzung auffordere, den Satz zu sagen "Ich bin ein Mann!" schaffen das viele nicht. Sie lachen, werden verlegen oder hängen ein Fragezeichen dran.

BRIGITTE-woman.de: Wie bekommt ein Paar die klare Verteilung "Du bist der Mann, ich bin die Frau!" wieder hin?

Roland Kopp-Wichmann: Daran muss man arbeiten. Der Mann muss sich ablösen. Dazu muss er erstmal herausfinden, wo er festhängt. Wenn er beispielsweise seine Mutter alle zwei Tage besucht, schlage ich ihm vor, dass er sie nur noch einmal die Woche besucht. Wenn er sagt: "Gute Idee, das habe ich mir auch schon immer gedacht" - dann soll er es machen. Aber die meisten Muttersöhne sagen: "Was? Meine Mutter allein lassen? Die hat ja niemanden außer mir." Und dann kann man weiterfragen: "Wie fände denn ihre Frau das, wenn sie ihre Mutter nur noch einmal in der Woche besuchen?" - "Ja, die fände das gut." Und dann sage ich: "Wer ist Ihnen wichtiger?" Das ist die zentrale Frage. Hinter der Ablösung steht ja die fehlende Entscheidung für die Partnerin und gegen die Mutter. Man kann der Mutter für vieles dankbar sein, aber die Partnerin muss an erster Stelle stehen.

BRIGITTE-woman.de: Was mache ich als Frau, wenn ich einen Mann sehr liebe, aber die typischen Muster erkenne?

Roland Kopp-Wichmann: Man sollte darüber nachdenken, was es mit einem selbst zu tun haben könnte, dass man sich unbewusst gerade so einen Mann ausgesucht hat. Was den Mann angeht, rate ich dazu, ihn zu konfrontieren. Das sollte aber schon in einer frühen Phase der Beziehung passieren. Einmal habe ich eine Frau gefragt, wann sie sein Muttersohn-Verhalten zum ersten Mal bemerkt habe. Da sagte sie mir: "Nach vier Wochen. Da habe ich seine Bude besucht und sie war der reinste Müllhaufen."- "Und da haben bei Ihnen nicht die Alarmglocken geklingelt?" - "Nein", hat sie gesagt, "Ich dachte, wenn wir zusammenziehen, dann gewöhne ich ihm das ab." Und heute nach 15 Jahren ist die Situation immer noch so. Ihr Mann ist ein erfolgreicher Manager, der seine vielen Mails perfekt ablegt, aber es nicht schafft, seine Wäsche in den Wäschekorb zu sortieren.

BRIGITTE-woman.de: Soll man also allen Muttersöhnen direkt den Laufpass geben?

Roland Kopp-Wichmann: Nein, sie haben ja auch viele gute Seiten. Aber Frauen sollten sich mit ihren Männern auseinandersetzen, nicht Konflikte vermeiden. Eine Frau hat mir berichtet, dass sie die Wäsche ihres Mannes nicht mehr wäscht, wenn sie nicht im Wäschekorb liegt. Das ist ein Anfang, denn Männer reagieren ja eher auf Konsequenzen als auf Worte oder Vorwürfe. Es kommt zudem darauf an, wie stark der Mann in der Rolle verhaftet ist und wie sich das Paar arrangiert hat. Erkennt er die Belastungen für die Beziehung? Wenn nicht, muss sich die Partnerin fragen, ob sie weiter so mittragen möchte. Wenn ja, dann kann man daran arbeiten.

BRIGITTE-woman.de: Sie haben über dieses Thema ein Buch geschrieben. Wie sind Sie darauf gekommen? Waren Sie selbst auch ein Muttersohn?

Roland Kopp-Wichmann: Natürlich war ich einer. Über so ein Thema kann man nur schreiben, wenn man es in- und auswendig kennt.

BRIGITTE-woman.de: Haben Sie es denn geschafft, sich abzulösen?

Roland Kopp-Wichmann: Also, ich möchte mal sagen, zu 85 Prozent habe ich das geschafft - nein wohl eher zu 90 Prozent. Es ist ein langer Weg, der sich aber lohnt.

Foto: Getty Images, privat

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