Ich hatte eine Affäre - wie geht es nun weiter?

Affäre

Eine Frau hat eine Affäre. Doch womit sie nicht gerechnet hat: Dass ihr nach dem Fremdgehen plötzlich der eigene Mann so fremd sein könnte.

Ich bin eine Schläferin, eine Stress-Schläferin. Wenn ich unzufrieden, unglücklich oder gar unglücklich verliebt bin, lege ich mich hin, mache die Augen zu und stell mich tot. Die schlimmsten Krisen meines Lebens habe ich verschlafen.

Nicht dass ich im Wachsein nicht gelitten hätte. Nicht dass ich im Schlaf nicht geweint hätte. Aber technisch gesehen funktioniert das bei mir. 

Von außen besehen, für schlaflose Menschen, eine beneidenswerte Fähigkeit. Instinktiv hatte ich vermutlich auch in dieser heiklen Situation geglaubt, es könnte so klappen: Augen zu und durch.

Noch nie hatte ich so grandiosen Sex gehabt

Ich hatte eine Affäre. Nach neun Jahren Ehe zum ersten Mal. Es war kein One-Night-Stand. Doch nach drei Tagen trennten sich unsere Wege, wir reisten ab zu den entgegengesetzten Enden der Erde.

Es hatte eine Explosion gegeben, und schon währenddessen hatte ich überrascht gestaunt: Nie - so empfand ich es - hatte ich so leidenschaftlichen, ungehemmten, innigen, so unglaublich wunderbaren Sex gehabt. Es war grandios. Und es war vorbei.

Denn, um es mit einem Bild zu sagen: Ich wollte den Zug wieder auf Spur bringen. Es war, als wäre er auf ein anderes Gleis gesprungen, ein Gleis, das in eine andere Landschaft führt. Die war wild und verlockend. Doch die Zugführerin fühlte sich gehalten, die Weichen auf die gewohnte Strecke umzustellen.

Denn im Zug sitzen noch andere Personen, ein guter Mann und Kinder und eine vernünftige Zukunft. Also einmal ausschlafen, und dann wieder business as usual.

So hatte ich mir das vorgestellt. Ohne Geständnis, als wäre nichts passiert. Ich bin cool, dachte ich, denn ich war es auch früher gewesen, in einer ungestümeren Zeit vor der Ehe. Es war doch nur Sex. Dachte ich und hatte keinen Schimmer, was neun Jahre mit ein und demselben Körper mit einem machen. Und was außerordentlicher Sex.

Zwei Freundinnen - zwei verschiedene Wege

Ich hatte zwei Vorbilder: Die eine Freundin hatte es zurück geschafft. Bei der anderen hatte die Affäre die Ehe gesprengt.

Selbstverständlich wollte ich es halten wie die erste. Die war von einem dreiwöchigen Auslandsaufenthalt zurückgekehrt, ihre Augen hatten geleuchtet, sie war hinauskatapultiert gewesen aus ihrem Familienalltag, nun hatte er wieder zu beginnen. Ihre Aura schwirrte, irgendwo. Doch nicht auf dem Pfad, den wir entlangjoggten. Da sagte sie unvermittelt, aber nach einer deutlichen Atempause: "Und der Gerd ist so dick!" Ich habe laut geprustet: "Wie kommst du darauf? Der ist doch nicht dick, in all den Jahren hast du das nie so empfunden!?"

Ich wusste sofort: Da war ein anderer. Meine Freundin senkte den Blick und nuschelte: "Ich will ihn eben nicht anfassen." So kam es dann auch. Es dauerte anderthalb Jahre, bis sie wieder Vollzug meldete. Eines Tages kam sie angelaufen und rief: "Wir hatten Sex, und er war wild." Ich hätte gern genauer gewusst, wie sie das hinbekommen hat. Doch sie hielt sich bedeckt.

Auch mein Mann hatte eine Affäre

In einer halben Stunde werde ich vor meinem Mann stehen. Viele sagen, er sei sehr attraktiv. Ich finde das eigentlich auch.

Ich sitze im Auto und sage mehrmals hintereinander: Ja! Aber ich habe Angst: Der Mann ist ein Seismograf der Gefühle, ihm bleibt nicht die geringste menschliche Regung verborgen. Vielleicht braucht man im Fall eines amourösen Abenteuers nicht mal besondere Antennen.

Auch ich hatte sofort gespürt, als er mal etwas mit einer anderen hatte. Zuerst war da nur seine Aura, dieses Flirren. Dazu die wiederholte Erwähnung einer Frau, deren Name nie zuvor gefallen war. 

Aber vor allem war er anders beim Sex. Stürmischer. Und dennoch abwesend. Er küsste anders, wilder, tiefer. Er führte meine Hand, wie er es zuvor nicht getan hatte. Da hatte ich gewusst: Er meint nicht mich.

Ich darf nicht mehr an den anderen denken

Ich nehme mir vor: Ich werde, wenn überhaupt, nüchtern von diesem fremden Mann sprechen. Des Weiteren werde ich es beim Sex wie immer halten, wir sind ja routiniert. Wahnsinnig routiniert. Langweilig routiniert. Wenn wir in unseren Rhythmus zurückfallen, so alle zwei, drei Wochen mal.

Wenn ich nicht wieder auf Spur komme, wird es gefährlich. Auffällig. Ich darf nicht mehr an den anderen denken und wie viel toller das war. Ich sollte daran denken, dass es auch mit ihm, dem Fremden, irgendwann routiniert werden würde. Könnte. Ich darf jetzt nicht zu behutsam sein. Oder zu nervös. Aus einer angespannten Distanz heraus auf Dauer die Berührung meiden.

Der Sex wird zur Kopfsache

Bis gar kein Sex mehr stattfindet und sich dieses Nichts wie ein großes Vakuum zwischen uns schiebt. So dass wir beide dauernd daran denken, uns aber nicht mehr überwinden. Weil es reine Kopfsache geworden ist.

Wie zu jener Zeit, als die Kinder sehr klein waren. Und generell, bei mir, denn ich bin ein Kopfmensch. Das bedeutet auch: Ich kann mich disziplinieren. Ich habe einen megastarken, geradezu autosuggestiven Willen. Und ich habe, zu Beginn unserer Beziehung, bewusst die rosa Brille aufgesetzt. Ohne guten Willen und ohne Schönreden würde vermutlich keine dauerhafte Beziehung bestehen. So rede ich mir das alles ein, während ich im Auto sitze und heimfahre. Ohne zu merken, dass ich die rosa Brille verlegt habe. Im Gewühl der Laken.

Kann ich mit meinem Mann noch Sex haben?

Mein Mann steht vor mir, und ist es seine Sensibilität? Instinkt, Rivalitätsgefühle? Spontane Verzweiflung? - Er will sofort, die Tür ist gerade ins Schloss gefallen. Ich denke: Augen zu und rein. Mein Mann kommt auf mich zu, er küsst mich, er drängt mich zum Bett. Ich denke... Ich denke! 

In den Tagen davor hatte ich nicht gedacht. Ich hatte mein Hirn ausgeschaltet. Ein unfassbar schöner, ungehemmter Fluss von Begehren und Berührungen. Aber jetzt denke ich: Zieh ihn aus. Er zieht mich aus. Er küsst mich. Und dann liegen meine Lippen auf seinen. Und meine Hände in der Luft. Sie hängen in der Luft. Ja, zwischen meinen Fingerkuppen und seiner Haut spüre ich die Luft. Der Abstand wird immer dünner. Und die Luft dicker. Da ist ein Widerstand.

Ich taste mich heran. Diese Haut wirkt so fest. Nicht weich. Nicht flirrend. Nicht fließend, nicht samtig. Nicht. Wie Seide. Zum Reinfallen. Nicht wie die des Fremden. Zum Dranschmiegen. Zum Umfassen. Zum Beküssen. Meine Lippen wollen da nicht hin. Meine Haut nicht, mein Körper nicht. Mein Begehren: nicht. Ich denke: Du willst den anderen fühlen. Als würde man mit geschlossenen Augen nichts spüren.

Und dann gebe ich auf.

Vermutlich habe ich die Lider zusammengepresst. Und die Lippen. Die Muskeln angespannt. Mich innerlich tot gestellt. Es mit mir geschehen lassen. Ohne da zu sein, ohne zu kommen. Ich spüre den Körper, den ich jahrelang wie zu mir gehörig empfunden habe. Und plötzlich ist er mir fremd. So fremd!

Dieses Gefühl, diese Erkenntnis trifft mich wie ein Blitz. Denn immer hatte ich es mir andersherum gedacht. Ich hatte mir vorgestellt, wie es wäre, eine Affäre zu haben. Wie es sich anfühlen würde, eine fremde Hand zu fassen, fremde Lippen zu küssen, fremde Haut zu berühren, fremde Gelenke und Glieder. Ein anderer Geruch und andere Geräusche. Und dass es, sicher, so ungewohnt sein würde, dass es mich zurückschrecken und Abstand suchen lassen würde. Dass mein Kopf sich einschalten würde. Aber es ist genau andersrum: Der Fremde ist mir nah. Und der mir Angetraute fremd.

Meiner Freundin sage ich nicht, dass mein Mann plötzlich so schwer ist. Die andere meide ich, als wäre ihr Spurwechsel ansteckend. Ich verschließe die Augen. Wochenlang.

Es ist, als verfiele ich in Winterschlaf. Ich schlafe abends vor dem Fernseher ein, und morgens muss mein Mann mich wachrütteln. Es ist kein gesunder Schlaf. Nach sechs, acht Wochen beginnen wir uns zu zanken, mein Mann und ich, andauernd, wegen Kleinigkeiten.

Aggression liegt in der Luft wie ein Stau. Es kommt zum Streit. Und zur Aussprache. Ich verrate nichts. Von der Affäre. Ich rede von meinen Gefühlen ihm gegenüber, über mein Leiden an unserer Routine. Mein Mann sagt etwas, was ich noch nie von ihm gehört habe: Ihm fehlten Zärtlichkeiten, und er wolle auch mal in den Arm genommen werden. Ich fühle mich wie ein Macho. Und muss grinsen.

Ich mache die Augen auf und schaue ihn an.

Und das muss der Grund sein, weshalb manche Leute sagen, ein Seitensprung könne eine Beziehung befeuern: Er war mir so fremd geworden, dass wir uns weit voneinander entfernt hatten. Aus der Distanz sehe ich ihn mir jetzt wieder an. Und irgendwie, ja, irgendwie: Ist er wirklich ein attraktiver Mann. Den möchte ich mal anfassen. Vorsichtig. Tastend. Und von Neuem.

Text: Katrin Krüger

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