Ganz schlecht, Herr Specht

Floskeln können eine liebenswerte Macke sein. Aber wenn einer seit Jahren dieselben blöden Phrasen drischt, kann das die Kommunikation in einer Partnerschaft stören.

Wenn ich als Kind lachte, pflegte meine Großmutter dies stets mit der gleichen Bemerkung zu kommentieren. Die Floskel kam ihr so automatisch über die Lippen, wie dem Blitz der Donner folgt. Meine Großmutter, Jahrgang 1900, sagte, sobald sie mich kichern sah: "Da lacht die Koralle!"

Da lacht die Koralle.

Viele Jahre später, als ich für eine Seminararbeit Zeitungsarchive durchsah, kam ich dahinter, was der Satz bedeuten sollte: In den 30er Jahren des letzten Jahrhunderts hatte es ein populärwissenschaftliches Magazin namens "Koralle" gegeben, und diese Zeitschrift hatte auf der letzten Seite eine Rubrik für Witze. Der Rubrikentitel lautete - Sie ahnen es. So errechnete ich, dass meine Großmutter fast 50 Jahre lang denselben Scherz gemacht haben musste. Der Scherz hatte mehrere Konjunktureinbrüche, eine Diktatur, einen Weltkrieg, Hunger, Ölkrisen, Umzüge, Todesfälle und sogar das Ende der Zeitschrift "Koralle" überdauert.

Wer sich einmal angewöhnt hat, in einer bestimmten Situation eine bestimmte Redensart zu gebrauchen, kann nur noch schwer davon lassen. "Irgendwann hat der Sprecher vielleicht Erfolg mit seiner Bemerkung gehabt oder es als entlastend empfunden, sie zu verwenden. Dieses positive Urerlebnis kann sich regelrecht einbrennen", bestätigt auch die Hamburger Kommunikationspsychologin und Paartherapeutin Dagmar Kumbier. Ich selbst erwische mich ständig dabei, dass ich, sobald eines meiner Kinder über Dackel spricht, zwanghaft den alten Schüttelreim "Was macht ihr mit der Fackel dort? Wir jagen hier die Dackel fort!" zitieren will. Nur große Willensanstrengung hält mich davon ab. Aber ich möchte nicht schon vor ihrer Pubertät meine Kinder nerven.

Vielleicht täte ich das aber gar nicht. Denn manche Ausdrücke gehören zu einem Menschen wie der Kleidungsstil, die Art zu gehen oder ein Leberfleck: Sie machen ihn liebenswert. So war es mit Großmutters Koralle.

Andere Sprachmarotten aber sind keineswegs liebenswert, sondern nerven, stören, irritieren. Vor allem, wenn der Partner sie pflegt, kann das zermürbender sein als manch eine wegen Schnarchens durchwachte Nacht. Irgendwann mag man es nicht mehr hören, das "zum Bleistift", das "schaun wir mal", das "ja?" am Ende jeden, aber auch jeden Satzes. Nur: Wie werd ich seine Plagegeister los?

Wie die Petersilie neben dem Schnitzel

"Es hat wenig Sinn, sich an jeder Macke des Partners abzuarbeiten", sagt Kumbier. "Das führt eher zu Kämpfen und Kränkungen. Ich antworte meist mit einer Gegenfrage: Warum wollen Sie denn die Marotte unbedingt loswerden? Geht es wirklich um die Floskel, oder nervt Sie das Verhalten des Partners auch sonst?" Die meisten Floskeln seien harmlos, kaum mehr als unschönes Beiwerk in einer an sich sinnvollen Mitteilung. So wie die Petersilie neben dem Schnitzel: Niemand braucht das, aber der Koch findet es halt schön.

"Bei harmlosen Floskeln rate ich eher zu der Einsicht, dass man niemanden nach seinem Idealbild formen kann." Und zur friedlichen Überwindung der Strecke zwischen Realität und Ideal: zu Humor - "dem einzigen mir bekannten Wundermittel in der Paarkommunikation". Paare, die für inflationär gebrauchte Floskeln ein Phrasenschwein bereithalten, berichten von guten Erfolgen. "Natürlich kann man auch auf die Marotte aufmerksam machen. Aber vermeiden Sie Abwertungen und Urteile über den Partner", rät Kumbier. Insbesondere Begriffe wie "immer" und "schon wieder" verbieten sich, da sie dem anderen das ungute Gefühl vermitteln, er sei ein Vollidiot.

Nicht schlecht, Herr Specht

Anders liege der Fall, wenn eine Floskel in die Kommunikation eingreife. Indem sie den Partner beleidigt, bloßstellt oder um eine ernsthafte Antwort betrügt.

Mit Ende 20 begegnete ich Philipp. Ich war begeistert von seiner humvorvollen, lockeren Art. Er besaß eine - liebenswürdige - Schlagfertigkeit, die auf einem schier unerschöpflichen Vorrat an originellen Sprüchen beruhte. Ich lachte Tränen und verliebte mich. Es dauerte fast zwei Jahre, bis ich realisierte, dass der Sprüchevorrat meines Partners keineswegs unerschöpflich und keineswegs immer originell war. Vor allem eine besonders scheußliche Floskel peinigte mich: Sie kam immer dann, wenn ich dem geliebten Mann etwas erzählt hatte, was mich sehr freute - ihn jedoch kein bisschen interessierte. Oder ihn zu einer Antwort genötigt hätte, die der Komplexität weiblicher Emotionen gerecht zu werden versucht. Kurz: eine Antwort, die ihn überforderte.

Ich sagte also zum Beispiel: "Seit meiner Akupunktur habe ich endlich keine Menstruationsschmerzen mehr!" Er (mit glasigem Blick einen Punkt knapp unterhalb der Zimmerdecke fixierend): "Nicht schlecht, Herr Specht." Ich: "Anne und ich reden wieder miteinander, nach fünf Jahren Funkstille!" Er (gedehnt): "Nicht schlecht, Herr Specht!" Ich (testweise): "Stockholm hat gerade angerufen, man hat mir den Nobelpreis für Theoretische Physik zugesprochen!"

Er (sorgfältig eine Zitrone in seinen Frühstückstee wringend): "Nicht schlecht, Herr Specht."

Stockholm hat gerade angerufen, man hat mir den Nobelpreis zugesprochen!

Das Irritierende an dieser Antwort war nicht nur ihre völlige Inhaltsleere. Oder ihre ständige Wiederholung, die der Mann an meiner Seite nicht einmal zu bemerken schien. Das besonders Irritierende war, dass der Spruch jede weitere Erörterung des Themas abwürgte. Denn Philipp gab danach nur noch einsilbige Antworten. Da ich nicht gern Monologe halte, lernte ich, das Thema zu wechseln, sobald der Herr Specht klopfte. Schließlich lernte ich, den Freund zu wechseln. Die Beziehung scheiterte nicht an Philipps Phrasendrescherei. Wohl aber daran, dass ich mich nicht ernst genommen fühlte.

"Mit diesem Spruch hat Philipp den Kontakt unterbrochen, das ist kränkend", bestätigt auch Dagmar Kumbier. Habe man es mit einer Bemerkung zu tun, die vom Empfänger als negative oder manipulierende Botschaft aufgefasst werde, nütze es wenig, am Sprachgebrauch des Partners herumzudoktern. Sinnvoller sei es, die Situation, in der die Phrase auftaucht, zu besprechen. "Sagen Sie dem Partner, wie Sie seine Äußerung empfinden", rät Kumbier, "Und fragen Sie, wie er sie meint. Machen Sie nicht den Fehler, zu glauben, Sie hätten die Bedeutung einer Floskel durchschaut!"

Kein Thema

Mit etwas Glück könne man so ein jahrelanges Missverständnis zutage fördern - mit etwas weniger Glück ein Problem, das den Umgang der Partner miteinander betreffe. "Aber dann liegt das wenigstens auf dem Tisch!"

Ein Missverständnis vermutete auch meine Freundin, die unter der "Kein Thema"-Seuche leidet, mit der sich ihr Mann angesteckt hat. Besonders tückisch an seiner Symptomatik sei, dass ihr Mann meistens nicht ganz die Wahrheit sage, wenn er behaupte, das Erfüllen einer Bitte sei "kein Thema". Denn sie bekomme es anschließend mit, sein Fluchen, die Gereiztheit, das Getrödel.

Sie habe deshalb ihrem Liebsten vorsichtig mitgeteilt, dass sie bei "kein Thema" nie wisse, ob sie mit einer Erledigung des Auftrages rechnen könne oder nicht. Er sei zunächst verwirrt gewesen, dann beleidigt, dann habe er gefragt, ob sie keine anderen Sorgen habe, und schließlich habe er erklärt, er könne auch was anderes sagen, kein Thema. "Genau", dachte meine Freundin und beschloss, die Sache mit Humor zu nehmen.

Zum Weiterlesen

Dagmar Kumbier: Sie sagt, er sagt. Kommunikationspsychologie für Partnerschaft, Familie und Beruf, Rowohlt Taschenbuch, 416 Seiten, 8,95 Euro

Text: Katja Jührend Foto: iStockphoto
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