Spät verliebt - aus Fehlern wird man klug

Wer sich spät verliebt, hat nicht nur ein Herz mit vielen Narben. Sondern auch viele Erfahrungen, die die Liebe weiter bringen - wie unseren Autor Christian Stölting.

Mir fehlten 125 Milliliter Milch für mein Kartoffelpüree aus der Tüte. Ich klingelte bei meiner Nachbarin Petra, um sie mir zu borgen. "Klar, komm rein", sagte Petra und winkte mich in die Küche, in der ihre Freundin saß: Marie. Sie war entzückend. Freundlich, interessiert, lustig. Trotzdem war ich kurz angebunden und blieb nicht länger als unbedingt nötig. Ich fand mich peinlich. Mein Äußeres war das Spiegelbild meines unentschiedenen Innenlebens: irgendwo zwischen lässig und verlottert. Unrasiert, ein labberiges T-Shirt, ausgebeulte Jogginghosen, dazu dicke Wollsocken - man kann nicht behaupten, dass ich mich bei dieser Begegnung mit Marie von meiner besten Seite zeigte. Ich war lange Single, und ich fühlte mich nicht schlecht damit, als ich sie das erste Mal sah.

Dennoch, als ich meine Tür mit einem Kaffeebecher voller Milch hinter mir zuzog, klopfte mein Herz ein bisschen schneller, und ich fragte mich verwirrt: Was war das denn gerade? Wie sich herausstellte, war es etwas, mit dem ich nicht gerechnet hatte: Ich war verliebt. Später wurde mir klar, dass der nicht sehr attraktive erste Eindruck, den sie von mir bekam, vielleicht gar kein übler Start für uns war. Denn ist es nicht so, dass wir uns gerade am Anfang einer Beziehung immer irre viel Mühe geben, die Hochglanzausgabe unseres Selbst zu präsentieren? Das fiel hier weg: Marie hatte gesehen, was sie bekommt, wenn ich mal einen schlechten Tag habe. Sie wollte mich trotzdem.

Ich bin 49 Jahre alt, grau an den Schläfen, grau am Dreittagebart, manchmal grau an der Seele, getrennt seit gut drei Jahren, Vater zweier fast erwachsener Kinder. Ich trage die handelsüblichen Narben mit mir herum, die sich in 35 Jahren Beziehungserfahrung mit etwas mehr als einer Handvoll Frauen so ansammeln. Früher hätte ich alles getan, um diese Narben zu verstecken. Aber als mir nach zwei bis drei Treffen mit Marie klar wurde - sie hatte eines Tages geklingelt, einfach so, weil sie mir beibringen wollte, wie man richtigen Kartoffelstampf macht -, dass diese großartige Frau dabei war, sich in mich zu verlieben, ahnte ich, dass es sinnlos wäre, irgendetwas zu verstecken. Das hatte ich in meiner Ehe getan, mit den besten Absichten zwar, aber es ist meiner Frau und mir nicht gut bekommen.

Meine Frau, besser: Ex-Frau. Judith. Ich war 22, als ich sie kennen lernte. Judith wusste immer genau, was sie wollte und brauchte, dafür bewunderte ich sie. Und ich war gewillt, ihr möglichst viel davon zu geben: Ich bin in einer Zeit groß geworden, in der Frauen anfingen, Forderungen an uns Männer zu stellen. Ich habe als Teenager interessiert in der "Emma" geblättert, die meine Tante abonniert hatte, ich hatte "Der Tod des Märchenprinzen" gelesen und gab Ina Deter recht, als sie 1982 sang, dass das Land neue Männer braucht. Ich wollte einer von ihnen sein. Ich nahm mehr Rücksicht auf Judiths Bedürfnisse als auf meine eigenen, die natürlich nicht einfach verschwanden, sondern in mir rumorten.

Ich habe mich nicht ganz gezeigt

Man könnte fast sagen: Ich wollte nicht stören. Ich habe meine Meinung zurückgehalten, wenn sie komplett anders war als ihre, bin mit ihr nach Afrika gefahren, obwohl ich lieber Surfurlaub in Dänemark gemacht hätte, bin ihr zuliebe ins Kino gegangen statt ins Stadion. Ich wollte geliebt werden, um so ziemlich jeden Preis. Und habe dabei vergessen, mich selbst zu lieben. Als wir uns nach 23 Jahren trennten, wusste ich, was mein Anteil am Scheitern war: Ich habe ihr zu wenig Reibungsfläche geboten. Habe ihr nicht die Chance gegeben, sich mit einem "Nein" von mir auseinandersetzen zu müssen. Ich war oft, zu oft wie Wackelpudding. Niemand sollte mit Wackelpudding verheiratet sein.

Nun war da diese neue Frau, die mich eines Abends vorsichtig küsste und sagte, dass sie sich zu mir hingezogen fühle, aber nicht genau wisse, was sie damit anfangen solle. Ich wusste, was sie meinte: Auch sie hat ein Kind, deutlich jünger als meine Kinder. Sie hatte eine Beziehung hinter sich, die wohl eine Art Stellungskrieg war. Auch sie hatte sich gerade in ihrem Single-Status eingerichtet und fühlte sich ganz wohl damit. Mir war klar: Das hier kann nur was werden, wenn jeder von uns seine alten Beziehungsmuster durchbricht. Vor allem ich.

Meine Eltern trennten sich Anfang der 80er, in West-Berlin gehörte das damals fast zum guten Ton, beinah alle meine Freunde waren Scheidungskinder. Ich beobachtete damals ein Phänomen, das mich nachhaltig beschäftigte: Während die Frauen oft lange allein blieben, hatten die meisten Männer binnen kürzester Zeit neue Frauen - und lebten mit ihnen eine Fortsetzung der alten Ehe. Unter den Männern meiner Generation schmeißen sich dagegen nur noch die wenigsten gedankenlos in die nächste Beziehung: Wir haben Angst und Respekt vor dem, was uns erwartet. Wir tauschen uns sogar darüber aus - mit wenigen, ausgewählten Freunden. Über das, was schiefgelaufen ist beim letzten Mal. Über das, was wir bei der nächsten Frau besser machen wollen. Ich glaube, ich habe gelernt. Zum Beispiel, dass ich meine Komfortzone verlassen muss, die immer auch eine Komfortzone für alle anderen ist. Denn ich bin echt nett. Ich mag niemandem weh tun, ich passe mich an wie ein Chamäleon, wenn ich nicht aufpasse. Und aufzupassen vergesse ich öfter mal. Das hat mich in der Vergangenheit gut durchgebracht, aber nicht unbedingt glücklich gemacht. Ich wollte bei Marie von Anfang an ganz viel anders machen, auch wenn es mich Überwindung kostete - und vielleicht bedeutet hätte, dass ich sie dann nicht bekommen hätte. Ich wollte schonungslos offen sein.

Ich erzählte ihr von meiner Angst

Also sagte ich ihr eine Woche nach unserem ersten Kuss, dass ich Angst habe. Davor, dass ihre Tochter ein Problem mit mir hat. Davor, dass sie keins mit mir hat, sondern mich bereitwilliger akzeptiert als ich sie. Davor, dass meine eigenen Kinder unter der neuen Beziehung leiden könnten. Davor, dass ich Marie nicht gerecht werden kann, weil ich nicht bedingungslos alles dafür tun werde, ihr gerecht zu werden - die Zeiten sind vorbei.

Ich sagte, dass ich meine Dauerkarte für Hertha BSC auch in Zukunft voll zu nutzen gedenke, dass ich manchmal keine Lust habe, mir abends die Zähne zu putzen, dass ich gern im Jogger durch die Wohnung laufe, Eiscreme direkt aus der Literpackung esse und viel zu oft und zu laut miesen 70er-Jahre-Schweinerock höre. Letztlich sagte ich: Du kannst mich haben, aber all das musst du über mich wissen. Ich werde nicht immer souverän und richtig handeln und eher einmal zu oft meine Bedürfnisse ausleben. Sie sah mich einen sehr langen Moment sehr ernst an und sagte: "Okay." Und ich dachte: Okay? Wow. Wie geht das denn? "Das geht, weil du keine 22 mehr bist", sagt Sebastian.

Sebastian ist einer jener Freunde, mit denen ich über die Liebe reden kann. Wir kennen uns aus der Schule, hatten uns aber sehr lange aus den Augen verloren, so dass er nur das Ende meiner Ehe miterlebte. Damals sagte er: "Man wird in den Untergrund getrieben, wenn man sich selbst in Beziehungen verleugnet, um dem anderen zu gefallen." Seine erste Frau hatte er mit 19 kennen gelernt. Es war eine Liebe mit Haut und Haaren, aber auch eine, die viel Kraft kostete. Als er 30 war, machten die beiden eine Paartherapie, in der Sebastian klar wurde, dass er sich trennen musste. "Ich brauchte diese Sichtweise von außen", sagt er, "unsere Konflikte waren wir ein Fischernetz, in das wir uns verheddert hatten, wir haben es nicht mehr an die Oberfläche geschafft, um Luft zu holen. Wir haben uns nur noch gestritten, ich war wund geschossen."

Dann traf er Carola. In sie hat er sich anders verliebt als in seine erste Frau: "Ich habe diesmal, anders als früher, links und rechts abseits des Liebesstroms mitgedacht." In der neuen Beziehung gab es kein "Wir gegen den Rest der Welt" mehr, sondern zwei, die wussten, dass es ungesund ist, Freunde und Familie wegen amouröser Hirnvernebelung zu vernachlässigen. Die Liebe sei nicht weniger gewesen, "ich war nicht mal weniger bescheuert. Aber mit über 40 bewegst du dich in weniger überraschenden Planquadraten als mit 19. Du bist mehr fertig als Mensch". Die Wahrscheinlichkeit, dass das Leben oder die eigene Persönlichkeit eine abrupte Kehrtwende einlegt, ist deutlich geringer. Er war dankbarer für das, was er plötzlich hatte. Und dafür, dass ihm so eine Liebe noch mal passierte: "Wer weiß schon, wie viele dieser Joker man im Leben so hat."

Natürlich, Sebastian und Carola machen weiter Fehler, aber sie finden die Balance zwischen dem, was dem anderen gut tut und was ihnen selbst: Denn nur, wer mit sich selbst im Reinen ist, ist ein guter Partner. Und man kann den anderen nicht dafür verantwortlich machen, dass es einem gutgeht. "Der andere ist nicht die Lösung für deine Probleme", sagt Sebastian. "Wenn du das verinnerlichst, bist du ein besserer Partner - und auch attraktiver." Kaum etwas ist so sexy wie ein Mensch, der seine Themen selbstbewusst und eigenständig bearbeitet.

Auch Marie hat ihre Muster

Lange habe ich mich für Judiths Glück und Unglück verantwortlich gefühlt. Ich musste dieses Kümmer-Muster durchbrechen, um meine eigenen Bedürfnisse nicht länger unterdrücken zu müssen. Genau darum geht es, wenn man neu anfängt - völlig egal, in welcher Suppe man schwimmt: raus aus dem Topf, in dem man als Paar die immer gleichen Zutaten aufkocht und schluckt, bis man vergessen hat, dass Liebe viel besser und abwechslungsreicher schmeckt als der ewige Eintopf aus unerfüllten Erwartungen und gegenseitigen Vorwürfen. Egal ob wir unseren Partner eher dominieren oder uns zu sehr unterzuordnen, egal ob wir ihm zu wenig oder zu viel zuhören, ob wir zu sehr planen oder zu planlos sind - eins davon hat jede gescheiterte Beziehung zerstört. Wenn nicht wieder der gleiche Mist passieren soll wie beim letzten Mal, müssen wir raus aus unserer Haut - so schwer das ist.

Auch Marie hat ihre Muster. Ihre Vorstellung von Liebe und Familie hat etwas Bullerbühaftes, sie stellt sich vor: Alle Kinder mit uns um einen großen Tisch, möglichst im Grünen, natürlich sind alle immerzu glücklich. Mit diesem Ideal ist sie schon in ihrer alten Beziehung an Grenzen gestoßen. Ihr Ex ist kein Romantiker, eher ein Technokrat, der die Familie auf Funktionalität und Effektivität trimmen wollte. Sie ist spontan, er bestand auf minutengenauen Tagesabläufen. Das hat sie gestört, aber sie hat nicht um das gekämpft, was sie wollte, und fühlte sich zurückgesetzt und abgelehnt. Das war schon in ihren früheren Beziehungen so gewesen. Sie musste fast 40 werden, um aufzuhören, sich bei Gegenwind in ihr Schneckenhaus zu verkriechen.

Wir akzeptieren unterschiedliche Bedürfnisse

Wir sind jetzt ein gutes Jahr zusammen, ganz frisch ist unsere Liebe nicht mehr. Und klar haben wir unsere Konflikte. Marie würde gern mit mir zusammenziehen, das ist wohl das Bullerbü-Gen in ihr. Sie bedrängt mich nicht, aber ich spüre den Druck, den ihr Wunsch auf mich ausübt. Wäre ich noch in meinem alten Muster verhaftet, würde sie samt Kind wahrscheinlich längst bei mir wohnen. Und manchmal bin ich nah dran nachzugeben. Aber dann horche ich noch einmal tief in mich hinein und stelle fest: Ich bin noch nicht so weit. Ich hänge noch an den Rudimenten meines Single-Lebens, an der Möglichkeit, die Tür hinter mir zuzumachen und allein zu sein. Und dazu stehe ich dann auch. Ich habe nämlich gemerkt, dass ich Marie nicht unbedingt brauche. Aber dass ich sie will.

Und Marie? Hätte sich früher wohl zurückgezogen. Inzwischen widersteht sie meist dem Impuls, sich ungeliebt zu fühlen, wenn meine Bedürfnisse andere sind als ihre. Sie versucht zu verstehen, was in mir vorgeht. Manchmal klappt das nicht gleich, aber wir beide wissen inzwischen: Diese Irritation geht vorbei. Ich jedenfalls kann heute damit umgehen.

Eigentlich habe ich mit Marie weniger gemeinsam als mit Judith. Marie mag keine Krimis, schaut im Fernsehen am liebsten regionale Kochsendungen und läuft an Weihnachten in die Kirche, in die ich an keinem Tag des Jahres einen Fuß setzen würde. Sie mag es dezent, wo ich es knallig liebe. Und umgekehrt. Aber es klappt gut mit uns - so gut, dass ich manchmal das Gefühl habe, dass ich mir das alles gerade einbilde. Ich muss um nichts kämpfen, ich bekomme es einfach. Ich kann geben, ohne mich aufzugeben. Ich kann sagen, was ich will und denke. Ich kann auch Nein sagen und stelle fest: Die Welt geht gar nicht unter, ich werde trotzdem geliebt. Ich weiß, es gibt viele, die glauben, dass Liebe kompliziert sein muss, ein täglicher Kampf. Ich weiß jetzt, dass das Schwachsinn ist. Liebe ist im Grunde ganz einfach. Dass ich fast 50 werden musste, um das zu lernen, gehört wohl dazu.

Text: Christian Stölting BRIGITTE WOMAN 03/2014
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