Schmetterlingsgefühle mit 50plus

Manche Menschen müssen erst 50 oder 60 Jahre alt werden, bis sie ihrer großen Liebe begegnen - und genießen dann jeden Moment. Drei Paare über ihre Liebe im Alter.

Die Wohnung von Hannelore und Wilhelm Daneker muss man sich vorstellen wie einen liebevoll geführten Trödelladen. Hier wird ihre Sammlung von Fingerhüten und Milchkannen präsentiert, da seine Bierflaschenkollektion. Fast jedes Möbelstück ist alt, jedes Objekt hat seine Geschichte. Den Friesentee servieren sie in Porzellantässchen aus der Kaiserzeit, das Gebäck stilecht auf einer Etagere. "Wir sind beide leidenschaftliche Sammler", erklärt Hannelore ihr 140-Quadratmeter- Idyll. Der Bistro-Tisch in der Küche war früher mal eine Stalltür auf Korsika, bevor sie im Wohnmobil nach Emden verfrachtet und auf einem abgeschnittenen Baumstamm aufgebockt wurde. Doch besonders auffällig sind die Uhren, die überall an den Wänden hängen. "Aber nur eine von 50 geht", sagt Wilhelm Daneker, heute 63, "das ist ja das Schöne an unserem Leben, dass wir endlich Zeit haben." Hanne nickt: "Ich genieße jede Minute mit ihm." Und wenn man die beiden so sieht, den großen Friesen mit dem grau melierten Bart und seine fröhliche Hanne, wenn man beobachtet, wie sich ihre Hände beiläufig-gewollt berühren, dann spürt man deutlich: Das ist keine Inszenierung. Das ist Liebe.

Gemeinsames Abenteuer: Hannelore und Wilhelm Daneker fuhren mit dem Kabinenroller durch Italien

Das ganz große Gefühl, dem sich immer mehr Menschen in der zweiten Lebenshälfte stellen: "Bis vor wenigen Jahren waren Frauen im Rentenalter bescheidener", sagt die Psychologin und Autorin Kirsten von Sydow, die ein Buch dazu verfasst hat mit dem Titel "Die Lust auf Liebe bei älteren Menschen". Darin stellt die Hamburgerin einen Wandel der Bedürfnisse vor allem bei Frauen fest: "Früher zogen sie sich regelrecht aufs Altenteil zurück, ganz im Gegensatz zu ihren männlichen Altersgenossen. Heute wünschen sich selbstverständlich auch Frauen ein erfülltes Liebesleben im Alter." Warum sollten sie auch darauf verzichten, zumal sie immer noch jugendlich aussehen und sich auch genauso fühlen?

Hanne allerdings hatte sich über eine neue Partnerschaft keine Gedanken gemacht, als sie Wilhelm zum ersten Mal sah. "Dazu genoss ich mein Leben nach der Scheidung viel zu sehr", erzählt sie beim Tee. "Wenn ich nach der Arbeit nach Hause fuhr, war ich einfach nur glücklich, dass ich gleich in meine schöne Wohnung durfte." Bis zu jenem Tag, als er sie in einem Seminar schon in der Kennenlern-Runde an seine Seite rief: "Rechts von mir ist frei, da wünsch ich mir die Hannelore herbei." Von da an sind sie aufeinander zugerauscht: Er brachte sie nach dem Seminar zum Bahnhof, und sie fing vor dem Zug an zu weinen. Ausgerechnet die coole Hanne, die er liebevoll "Friedenstaube" getauft hat, weil sie sich als zweite Bürgermeisterin ihrer Heimatstadt auch in der Friedenspolitik engagierte, während er als ehemaliger Bundeswehroffizier immer schon konservativ wählte. Dann hatten sie ihr erstes Date: Dabei erzählte er ihr von seinem Hobby, dem weißen Messerschmitt Kabinenroller. Damit wollte er nach Sizilien. Allein, weil seine Ehe damals schon festgefahren war. Doch Hanne war so begeistert von seiner Idee, dass sie spontan beschloss, mitzukommen.

Sechs Wochen auf engstem Raum - das festigt Liebe im Alter

Sechs Wochen waren sie dann in Italien unterwegs, auf engstem Raum, bis zu acht Stunden am Tag in die heiße Kabine gepfercht, abends schliefen sie im Zelt. Ein Wagnis, sicher. "Wir haben uns aber jede Sekunde sauwohl gefühlt", meint er und macht ihr schnell noch ein Kompliment: "Mit dieser Frau wird es keine Sekunde langweilig." Das kommt, weil Hanne mindestens so abenteuerlustig ist wie er. Gemeinsam waren sie in den letzten Jahren in Kenia, Gambia, Simbabwe, Botswana, Marokko und Ägypten. Doch ein Ritual behalten sie immer bei, egal ob sie in einer Luxus-Lodge oder zu Hause übernachten: "Wir schlafen heute noch so wie in unserer ersten Nacht im Zelt, aneinandergekuschelt als Löffelchen."

Stilecht mit Messerschmitt haben sie vor zwei Jahren geheiratet. Gebraucht hätte es das offizielle Bekenntnis eigentlich nicht mehr, sagen beide; sie wollten damit aber sicherstellen, dass jeder nach dem Tod des anderen in der Emdener Wohnung bleiben kann, die sie beide ihr "Nest" nennen. Deshalb haben sie auch ihre vier Kinder aus den ersten Ehen eine Erklärung unterschreiben lassen, worin diese auf die Auszahlung des gesetzlichen Pflichtteils beim Erbe verzichten. "Irgendwann wird immer um das verdammte Geld gestritten", sagt der lebensweise Wilhelm, "das möchten wir nicht erleben." Sie wollen überhaupt möglichst wenig streiten. Die Fehler haben sie beide in der ersten Ehe schon gemacht. "Wozu sollen wir die kostbare Zeit verplempern, nich, Hanne?" Sie denkt genauso. "Was ist schon Geld?", fragte sie sich und entschied sich dann guten Gewissens gegen höhere Bezüge und für die Altersteilzeit. "Drei gemeinsame Jahre haben wir damit gewonnen. Denn dass wir gesund sind und uns haben, ist ja nicht selbstverständlich in unserem Alter. Wir haben einmal in Korsika ein Paar getroffen, das war noch viel älter als wir. Die sprachen uns aus der Seele, als sie sagten: "Wir leben ganz füreinander, und wir wollen noch viel von der Welt sehen."

Woher nehmen sie nur die überbordende Harmonie und Lebensfreude? Trendforscher Peter Wippermann beschreibt das Verhalten älterer Paare in seinem neuen Buch "Länger leben, länger lieben" als "zweite Pubertät": Die beginnt mit ungefähr 50 Jahren und gliedert sich in verschiedene Phasen. Um den 50. Geburtstag entsteht bei vielen der Wunsch, noch mal neu durchzustarten. Vor allem, wenn es nach einer Scheidung oder dem Tod des Partners zwangsläufig schon mal zu einer "sich selbst bewusst sein"-Phase gekommen ist, in der man sich neu kennen gelernt hat. Darauf folgt die Phase der Lebenstraum-Realisation: Man richtet sich eine neue Wohnung ein, nimmt ein Sabbatjahr und geht auf Reisen. Und irgendwann kommt dann doch wieder das Bedürfnis nach Nähe. "Bei Frauen meist noch stärker", glaubt Wippermann. "Männer müssen es oft nicht mehr ganz so verbindlich haben." Doch wenn es die Richtige ist, lassen sich auch die vorsichtigsten Exemplare überzeugen . . .

Lange nur gute Kollegen: Dieter Suhr und Elfi Zillessen. Sie wartete lange auf den ersten Kuss, denn er brauchte Zeit.

Dieter Suhr und Elfi Zillessen aus Haan bei Düsseldorf kannten sich schon vier Jahre. Aus dem Lehrerzimmer der Schule, an der sie beide unter- richteten. Er fand sie von Anfang an sympathisch, "so eine offene, fröhliche Kollegin". Weiter dachte er nie, schließlich war er verheiratet, "und ich bin sehr monogam veranlagt". Erst eineinhalb Jahre nach der Trennung von seiner Frau verabredeten sich der Sportsmann und die attraktive Mittvierzigerin. Sie gingen in Museen, ins Kino, zum Tanzen. Das war seine Idee, und Elfi fand es herrlich: "Ich war bereits einige Jahre geschieden - und dachte über eine neue Beziehung nach. Dieter hab ich von Anfang an vertraut." Attraktiv fand sie ihn auch. Doch es passierte nichts. Sie gingen weiter aus, besuchten Ausstellungen. Nach einem halben Jahr - immer noch kein Kuss. "Ich will langsam wieder eine echte Beziehung", sagte sie ihm ganz direkt. Worauf er antwortete: "Ich weiß, ich weiß, aber ich bin noch nicht so weit."

Zu seiner Rolle als alleinerziehender Vater hatte er kurz vorher eine neue Funktion an der Schule übernommen, die ihn beanspruchte. "Und ich bin nun mal ein Perfektionist", sagt er über sich. Doch inzwischen hatte Elfi fast den Mut verloren. "Ich war noch nie in der Rolle derjenigen, die warten muss." Heute in der Reihenhaushälfte am Stadtrand der Kleinstadt Haan kann sie darüber lachen. Doch damals war sie so entmutigt, "dass ich ihm irgendwann mehr oder weniger die Pistole auf die Brust gesetzt hab". Sie halte das nicht länger aus, brach es unter Tränen beim Adventstee aus ihr heraus. Worauf er wieder nur sagte: "Du weißt doch, wie es um mich steht." Aber dann legte er ihr am nächsten Tag doch einen Zettel ins Fach. Kann ich dich heute Nachmittag sprechen?, stand da drauf. Und dann sind sie spazieren gegangen. Dabei sprach endlich auch Dieter "von Gefühlen, die ich nicht länger verheimlichen kann und will".

Ihre Liebe im Alter wird durch die Ehe noch stärker

Und was macht Elfi? Sie gibt ihm einen überschwänglichen Kuss, kann es aber nicht wirklich fassen und braucht noch Tage, noch einen Brief und weitere Spaziergänge, um zur neuen Situation Ja sagen zu können. Schließlich haben sie beschlossen, dass sie es versuchen wollen - Silvester verbrachten sie schon gemeinsam. Am 1. Januar fuhren sie an die Nordsee - "da sahen wir vor Aufregung das Meer gar nicht", erzählt er. Und sie meint: "Irgendwie wusste ich von Anfang an, dass es sich lohnt, an dieser Sache dranzubleiben." Die beiden haben sich gefunden, das merkt man. Wenn sich auch ihr Muster - sie prescht vor, er braucht seine Zeit - immer mal wiederholt. Als sie heiraten wollte zum Beispiel, sagte er: "Wieso? Ich bleib auch ohne Trauschein bei dir." Ihr aber war dieser Schritt wichtig, und so sagte sie einfach: "Na gut, du musst mich nicht heiraten, ich heirate dich." Das ist jetzt sechs Jahre her. In ihren Ringen steht: "Nothing else matters". Letztes Jahr hat Elfi ein Sabbatjahr genommen und ist mit Dieter durch die Welt gereist. "Danach hatte ich schon Angst, wie es sein würde, jeden Tag wieder zur Schule zu gehen, doch ich kann immer noch strahlen." Die Ehe gibt beiden Kraft. Und auch das Verhältnis zu seinen Kindern bezeichnet sie als sehr gut.

Das ist nicht immer so, wie Buchautorin Kirsten von Sydow feststellt: "Wenn Kinder aus früheren Verbindungen aus Sorge ums Erbe oder aus Loyalität zum ersten Partner gegen die neue Beziehung sind, kann das sehr belasten." Letztlich aber lassen sich späte Liebesbeziehungen einfach nicht pauschal beschreiben. Es gibt sogar Paargeschichten in der "Generation Silver Sex" (Wippermann), die kommen fast so kitschig daher wie ein Arztroman. In denen sich noch Mädchenträume erfüllen, die vorher längst begraben waren.

Endlich der Richtige: Nach zwei gescheiterten Ehen fand Claudia bei Günter Schwarz große Geborgenheit.

Zum Beispiel den vom starken Mann, der dich ein Leben lang auf Händen trägt, wie es Günter Schwarz bei der Hochzeit seiner Claudia vor allen Gästen versprochen hat. Claudias Arbeitskollegin war schuld, dass es überhaupt so weit gekommen war. Die fand, dass Claudia nach fünf Jahren als Single wieder einen Mann kennen lernen müsste. "Mit 50 braucht man sich doch nicht mit zwei gescheiterten Ehen zufrieden zu geben", meinte die kluge Freundin und meldete Claudia bei der Online-Vermittlung Parship an. Claudia lebte damals allein, brauchte keinen Mann, eigentlich. Doch gleich die erste Mail klang interessant. Sie kam von Günter Schwarz, einem deutschen Selfmademan, der in der Schweiz mit einer Firma für Sprengungen zu einer nationalen Berühmtheit geworden war. Ein silbergrauer Hüne mit der Ausstrahlung eines Patriarchen. Der nach seiner Scheidung eine ganze Reihe Frauen kennen gelernt hatte, aber die Richtige war nie dabei gewesen.

Doch diesmal war es anders, das merkte Günter Schwarz schon beim ersten Treffen in Zürich: "Als ich Claudia am Flughafen die Rolltreppe herunterkommen sah, dachte ich: Die ist es", erzählt er vom Chefsessel aus in seinem Büro. Dutzende Aktenordner mit Presse-Ausschnitten über seine Spreng- Kunststücke stehen hinter ihm im Regal, Claudias Foto im Silberrahmen vor ihm auf dem Schreibtisch. Sie hatte ihm damals vorab ein Bild geschickt und sich als "groß, schlank, attraktiv" beschrieben. Ihr Selbstbewusstsein hatte ihn neugierig gemacht, "doch in Natura warf mich die Frau fast aus der Bahn". Also agierte er an ihrem ersten Wochenende wie ein Gentleman. Spielte Fremdenführer auf Fünf-Sterne-Niveau, bezirzte sie. "So eine wunderschöne Frau hat nur das Beste verdient", lautet heute noch sein Credo. "Und ich? Blieb verhalten, weil ich mich überrumpelt fühlte. Das ging alles so irre schnell", wirft Claudia ein. Doch bald musste auch die Mittfünfzigerin zugeben, dass sie sich lange nicht mehr so geborgen gefühlt hatte. Fast jedes Wochenende flog sie dann zu ihm. Doch ab Samstagabend spürte sie dieses Ziehen im Bauch, weil sie die Woche über wieder allein sein sollte. "Als sie das erzählt hat, hab ich zuerst gedacht, sie übertreibt halt ein bisschen", lacht Günter.

Zur Hochzeit gab's ein rotes Brautkleid von Dior

Er steht in der Woche jeden Tag um fünf Uhr auf, die Firma braucht ihn. Aber dann hat er Claudia bei einer Wanderung durchs Engadin doch gefragt, ob sie ihn heiraten will. Er hätte sich mit dem Gedanken angefreundet, seine Firma mittelfristig seinem Sohn zu übergeben. Geheiratet haben sie mit einer kirchlichen Zeremonie am Bergsee, "die keiner so leicht toppen kann", grinst Günter sehr mit sich zufrieden. Claudia präsentiert dazu Fotoalben. 1000 rote Rosen hat er ihr in die Luft gesprengt. Und das rote Brautkleid von Dior hat auch er ausgesucht. Arbeiten muss sie natürlich nicht mehr. Das gibt ihr Zeit, immer wieder ihre Tochter aus erster Ehe in England zu besuchen oder mit Günter auf Geschäftsreise zu gehen. Sogar einen Sprengkurs hat sie gemacht, um seine Arbeit besser zu verstehen. Oft treffen sie sich auch mit seinen drei Kindern zum Essen, die ihr fast wie eigene ans Herz gewachsen sind. Auch die meisten Hochzeitsfotos zeigen sie inmitten ihrer Großfamilie, umrahmt von den eigenen Kindern mit deren Partnern. "Wir sind nun mal Familienmenschen", betonen beide. Ganz wie Wippermann die letzte Phase später Liebesbeziehungen beschreibt: "Nicht selten lassen sie das Leben mit einer Grand-Love ausklingen, einer (groß-)elterlichen Liebe, (. . . ) als Oberhaupt in einer Familie."

Bei so viel Rosarot tut es fast gut, wenn Günter seine Claudia zwischendurch liebevoll "meine Henne" nennt. Er meint damit, dass auch eine schöne 59-Jährige noch Flausen im Kopf haben kann, wie ein junges Mädchen. Und erst die Ironie des erfahrenen Unternehmers macht das Hochglanz- Glück dieses Paares so perfekt, denn das allein wäre vielleicht kaum zu ertragen - gäbe es darunter nicht eine echte, große Liebe. So wie sie die Autorin Barbara Bronnen in ihrem neuen Briefroman "Am Ende ein Anfang" beschreibt: "Die letzte Liebe zu leben ist doch die größte Vermessenheit (. . . ) Der ganze Himmel dreht sich, als hätte man soeben erst begonnen zu leben."

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Text: Lisa Stocker Fotos: Frank Siemers, Daniel Gieseke, Vera Hartmann, iStockphoto

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