Lustlosigkeit bei Männern! Woran liegt's?

Wie kann es zur Lustlosigkeit bei Männern kommen? Professor Dr. Frank Sommer vom Hamburger Institut für Männergesundheit gibt Tipps und klärt auf.

BRIGITTE-woman.de: Männer, die zwar Sex haben können, aber nicht wollen: Kommt das eigentlich häufig vor?

Prof. Dr. Frank Sommer: Das kommt zumindest häufiger vor als früher. 2008 haben wir eine Studie zu den sexuellen Vorlieben unter 10.000 deutschen Männern durchgeführt. Dabei kam heraus, dass Männer zwischen 41 und 50 Jahren beispielsweise gerade mal zwei bis drei Mal im Monat Sex haben. Vor 30 Jahren war es noch sechs bis zehn Mal im Monat.

BRIGITTE-woman.de: Und das liegt nicht nur daran, dass Frauen keine Lust auf Sex haben.

Lustlosigkeit im steigenden Alter

Prof. Dr. Frank Sommer: Genau. Ab dem 35. Lebensjahr nimmt die Libido beim Mann, also das sexuelle Verlangen, sukzessive ab. Damit sind nicht sexuelle Probleme wie Erektionsstörungen gemeint, sondern es geht allein um die Lust. Grund dafür ist der fallende Testosteron-Wert. Das geht bei einem schneller, beim anderen langsamer. Es gibt Männer, die mit 70 Jahren noch einen guten Testosteron-Wert haben und 40-jährige Männer, bei denen der Wert schon sehr niedrig ist. Das war übrigens schon immer so.

BRIGITTE-woman.de: Und welche Faktoren, die Lustlosigkeit begünstigen, kommen heute hinzu?

Prof. Dr. Frank Sommer: Neben Hormonen spielen auch etliche äußere Faktoren eine Rolle. Die wichtigsten sind Bewegung, Ernährung und Stress. Da sehen wir eine Veränderung. Bei der Ernährung ist vor allem der Bauchumfang entscheidend. Es hört sich merkwürdig an, aber ein Bierbauch sorgt dafür, dass Männer keine Lust auf Sex haben. Im Bauchfett sind Enzyme, die das Testosteron in weibliche Hormone umwandeln.

BRIGITTE-woman.de: Das klingt alles sehr medizinisch. Ist Lustlosigkeit nicht auch eine Kopfsache?

Die Psyche spielt eine große Rolle.

Prof. Dr. Frank Sommer: Die Psyche spielt natürlich eine große Rolle. Wenn Männer gestresst sind, haben sie seltener Lust auf Sex. In der Verhaltenspsychologie und in der Verhaltensbiologie wird auch oft von Triebenergie gesprochen. Die ist auch für das Sexualverlangen verantwortlich. Um das Prinzip der Triebenergie zu verstehen, stellt man sich einfach ein Glas Wasser vor. Morgens beim Aufwachen ist das Glas noch voll. Doch mit jeder Aktion des Tages wird das Glas leerer: aufstehen, Zähne putzen und so weiter. Bei gestressten Männern ist das Glas beispielsweise um 17 Uhr leer. Dann hat er erst wieder Lust auf Sex, wenn das Glas gefüllt wird.

BRIGITTE-woman.de: Ist Männern eigentlich bewusst, warum sie unter Lustlosigkeit leiden?

Prof. Dr. Frank Sommer: Das ist für viele Männer ein heikles Thema. Welcher Mann möchte schon zugeben, dass er nur noch wenig Lust auf Sex hat? Erstaunlicherweise sind Männer in meiner Praxis immer froh, wenn ein organischer Befund wie beispielsweise ein Hormonmangel vorliegt. Psychische Ursachen wollen sich Männer gar nicht eingestehen.

BRIGITTE-woman.de: Oft wird sicherlich Lustlosigkeit auf die Beziehung geschoben - wenn der Sex nach Jahren reine Routine geworden ist.

Prof. Dr. Frank Sommer: Das ist richtig, dass die Lust abnimmt, aber sie ist immer noch vorhanden. Ab dem dritten Jahr nimmt die Häufigkeit in einer Beziehung in der Regel ab. Ein Beispiel: Stellt man sich eine Skala von eins bis zehn vor, rutscht die Lust nur von zehn auf sieben.

BRIGITTE-woman.de: Woran merke ich dann, ob es an der Beziehung liegt oder daran, dass mein Partner generell keine Lust auf Sex mehr hat?

Prof. Dr. Frank Sommer: Wenn die Häufigkeit rapide sinkt. Das ist bei jedem Paar unterschiedlich. Für einige Paare ist einmal die Woche wenig, weil sie vorher jeden Tag Sex hatten und für andere Paare ist das schon viel. Sie haben jetzt vielleicht nur noch einmal im Monat Sex. Wer frisch verliebt ist, hat natürlich in der Regel eine höhere Libido. Aber ein Mann mit einem niedrigen Wert wird trotz Verliebtheit niemals den Normalbereich erreichen.

BRIGITTE-woman.de: Stress, Hormone, Bauchansatz - das hat ja alles nichts mit Frauen zu tun. Kann es aber nicht auch sein, dass ein Mann weniger Lust hat, weil er seine Partnerin weniger attraktiv findet? Oder zu alt?

Frauen beziehen fehlende Lust häufig auf sich.

Prof. Dr. Frank Sommer: Das ist eine typische Befürchtung von Frauen. Aber auf männlicher Seite spielt das so gut wie nie eine Rolle. Es liegt nicht an der Partnerin, sondern am Mann. Er hat auch kein Interesse an anderen Frauen. Frauen beziehen die fehlende Lust nur leider häufig auf sich, sprechen das aber nicht aus. Das führt zu Missverständnissen, die die Probleme nur noch größer machen. Wichtig ist, miteinander zu reden. Wer offen miteinander redet, wird feststellen, dass viele Sorgen unbegründet sind.

Lustlosigkeit aufgrund einer Affäre?

BRIGITTE-woman.de: Viele Frauen würden bestimmt auch vermuten, dass ihr Partner eine Affäre hat.

Prof. Dr. Frank Sommer: Das ist auch nicht die Ursache. Tatsächlich ist es sogar so, dass mir Männer mit Affären berichten, dass sie auch zu Hause sexuell aktiver sind. Bei denen erwacht grundsätzlich das Interesse. Das sind oft Männer um die 50 Jahre. Damit möchte ich natürlich nicht sagen, dass sexuelles Interesse in diesem Alter grundsätzlich auf eine Affäre hindeutet. Das bringt ja die Männer in Schwierigkeiten.

BRIGITTE-woman.de: Auch wenn es beruhigend ist, dass es nicht an den Frauen liegt. Viele Frauen haben noch sehr viel Lust auf Sex. Wie bekomme ich meinen Partner auch wieder dahin?

Prof. Dr. Frank Sommer: Das kommt darauf an. Wenn es ein rein hormonelles Problem ist, kann man das sehr gut ärztlich behandeln. Bei 90 Prozent der Männer ist die Libido nach drei bis sechs Wochen wieder da. Bei einem Mix aus Hormonen und psychischen Problemen ist es dagegen schwierig. Immer mehr Menschen leiden heute berufsbedingt unter Stress. Das lässt sich nicht einfach abschalten. Das ist das grundsätzliche Leben. Wer das ändern möchte, sollte sich fragen, wie er sein Leben führen möchte und was er ändern kann.

BRIGITTE-woman.de: Dazu muss ich natürlich auch mit meinem Partner sprechen. Aber viele Männer tun sich mit solchen Gesprächen besonders schwer. Wie spreche ich das Thema ganz behutsam an?

Prof. Dr. Frank Sommer: Wer mit einem Vorwurf startet, steht schnell vor einer Wand. Lieber statt "Ich will" einfach "Ich wünsche mir" sagen. Denn Wünsche greifen niemanden an. Ist der erste Kontakt gemacht, kann man sich auch eine dritte Person als Mediator suchen. Das kann ein Freund, ein guter Bekannter oder eine neutrale Person sein, wie ein Psychotherapeut.

BRIGITTE-woman.de: Oder sie kommen in Ihre Praxis.

Prof. Dr. Frank Sommer: Das geht auch. Inzwischen haben wir eine Warteliste von einigen Wochen. Männer informieren sich heute immer gründlicher und erkennen, dass man etwas gegen eine geringe Libido tun kann.

Zur Person: Prof. Dr. Frank Sommer arbeitet am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf und ist weltweit der erste Universitätsprofessor für Männergesundheit. Er forscht unter anderem zu männlichen und weiblichen Sexualstörungen und ist Autor des Buches "Warum Frauen Pornos mögen und Männer einen G-Punkt haben" (Südwest Verlag, 2007).

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Fotos: iStockphoto/Prof. Dr. Frank Sommer

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