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Ich will ihn, aber nicht seine Kinder!

Frau am Telefon und genervtes Kind
© Onjira Leibe / Shutterstock
Ein Mann mit Kindern - das ist ein kompliziertes und von der neuen Partnerin meist unterschätztes Kapitel. In der Theorie verspricht es Glück, im Alltag bedeutet es Stress.

Für die 43-jährige Informatikerin Konstanze Förster* war es eine glückliche Schicksalsfügung, dass sie den gleichaltrigen Grundschullehrer Joachim Brandt lieben lernte, als sie sich gerade mit ihrer eigenen Kinderlosigkeit abgefunden hatte. "Ich weiß noch, wie sein Satz 'Du wirst dich gut mit meinen beiden Mädchen verstehen' mich innerlich geradezu zum Leuchten brachte", erinnert sie sich, "meine Güte, war ich naiv!"

Die beste Stiefmutter aller Zeiten wollte sie für das 14-jährige Zwillingspärchen sein, nicht so eine spaßfreie Biomutter wie Joachims erste Frau. "Jede Süßigkeit löste bei uns den Dritten Weltkrieg aus", hatte Joachim sie beschrieben, "jedes Salatblatt wurde von ihr auf Kadmium untersucht." Also backte Konstanze zum ersten Treffen mit den beiden einen saftigen Schokoladenkuchen, den sie mit viel Sahne servierte. "Und dann saßen mir da zwei fadendünne Teenies mit sehr schmalen Augen gegenüber, kratzten die Sahne vom Kuchen", sagt Konstanze, "und fragten mich spitz, ob ich sie mästen wolle. Tja, und von da an ging's bergab." Der Mann und seine Kinder, das ist ein kompliziertes, oft sehr anstrengendes und von seiner neuen Partnerin meist unterschätztes Kapitel. Trügerisch weich gezeichnet sind die Bilder, die eine verliebte Frau im Kopf hat, wenn sie einen Mann kennen lernt, der Vater ist.

Wie viel Platz gibt es im Leben von einem Mann mit Kindern?

Theoretisch betrachtet wertet ihn seine Elternschaft zunächst einmal auf - bedeutet sie nicht, dass er bindungsfähig ist und die Verantwortung nicht scheut? Doch praktisch erlebt, sieht die Sache schlagartig anders aus. Im gnadenlosen Alltag ist sein Nachwuchs keine Erweiterung des eigenen Glücks, sondern Stress und Konkurrenz. Und zwar auf allen Seiten.

Die Rolle der neuen Frau eines Vaters ist deshalb so undankbar, weil sie das meiste NICHT ist. Sie ist NICHT die Mutter, selten die Freundin, ihre Meinung und ihr Rat sind NICHT gefragt. Stattdessen ist sie der Eindringling, ein lebender Beweis, dass es mit der ersehnten Elternversöhnung doch nicht geklappt hat.

Auch die "Horrorzwillinge", wie Konstanze ihre Stieftöchter heimlich nannte, machten überdeutlich, dass in ihrem Leben kein Platz für sie war. "Du hast doch gewusst, was auf dich zukommt", war Joachims lauwarmer Kommentar, wenn sie sich über die vielen kleinen Bösartigkeiten beschwerte, mit der seine Zwillinge ihr die Besuchswochenenden unerträglich machten. "Sie ignorierten mich, sie riefen: 'Hier sitzt aber Papa', wenn ich mich aufs Sofa setzen wollte, sie mäkelten am Essen herum, sie zogen die Klamotten nicht an, die ich ihnen gekauft habe." Die Liste war endlos. Und der Vater die unwilligste Klagemauer.

* Alle Namen von der Redaktion geändert

Männer, die von ihren Familien getrennt leben, egal ob freiwillig oder nicht, haben immer ein latent schlechtes Gewissen. "Die Neufrau, die sich über seine Kinder aufregt, ist deshalb prinzipiell im Unrecht", sagt die 44-jährige Ernährungsberaterin Dorothea Runge, die, selbst kinderlos, vor drei Jahren einen Mann mit zwei Kindern im schulpflichtigen Alter geheiratet hat. Sie muss deshalb, egal, wie es ihr geht und wie schlecht sie vielleicht gerade behandelt wird, immer gute Laune verbreiten. Ein undankbarer Job. Nie wird Dorothea vergessen, wie sie das erste Mal mit Joachims Kindern Doppelkopf spielte und bemerkte, wie sein Jüngster die Karten vertauschte. "Du schummelst ja", rief sie und blickte in lauter empörte Gesichter. "Das macht er immer, misch dich da lieber nicht ein", sagte ihr Mann später, "so machst du dich nämlich nicht gerade beliebt."

Dorothea schluckte ihren Ärger einfach runter, ihre Beziehung war noch zu frisch, sie hatte Angst vor seinem Liebesentzug. Wird er mich verlassen, wenn ich keinen Zugang zu seinen Kindern finde? Diese Frage begleitet Frauen wie Dorothea womöglich jahrelang.

Ein Teufelskreis, denn Angst, Konkurrenzgefühl, Unsicherheit, das sind Gefühle, die nicht zur Liebe passen wollen. Und schon gar nicht zum ersten heftigen Rausch der Verliebtheit. Denn die ideale Liebesdynamik geht so: Beide sind ungebunden, verliebt, eingekuschelt in eine symbiotische Einzigartigkeit, bei der die Umwelt ausgeschlossen bleibt. Kinder, zumal wenn es nicht die eigenen sind, stören das Paradies, bringen Realität in eine Situation, in denen die Partner auf rosaroten Wolken schweben. Statt inniger Verschmelzung gibt es Konkurrenz. Statt Dinner bei Kerzenschein Anrufe von seinem 17-Jährigen, der nachts um zwei abgeholt werden will und in einer hellhörigen Wohnung im Nebenzimmer seinen Rausch ausschläft. Statt Kuscheln auf dem Sofa ist da ein Ich-will-auf-deinen-Schoß-Kleinkind, das auf einmal wieder das Bettchen einnässt. Und kann denn gänzlich ausgeschlossen werden, dass es nicht die neue Frau im Leben seines Vaters ist, die an allem die Schuld hat?

Das Gefühl, ungerecht behandelt zu werden

"Die wunderbare Regression der Verliebtheit kommt für die Frau so nicht in Gang", meint der Hamburger Psychologe Oskar Holzberg, "weil sie nicht 'Kuschelkind' spielen kann, wenn sie einen Mann mit Kindern liebt. Denn deren reale Wünsche gehen natürlich vor, und von ihr wird erwartet, dass sie sich erwachsen benimmt und ihre 'Regressionsbedürfnisse' unterordnet. Aber ganz tief drinnen bleibt das Gefühl, vom Geliebten ungerecht behandelt zu werden."

Was die neue Partnerin begreifen muss: Ein Vater, der sich neu bindet, steht unter Doppeldruck. Von seiner Partnerin und von seinen Kindern. Beiden gerecht zu werden ist ein Balanceakt, für den viele Männer beim besten Willen zu ungeschickt sind.

"Meine Freundin hat keine Kinder und versteht deshalb nicht, dass ich Angst davor habe, den Kontakt zu meiner Tochter zu verlieren", seufzt ein Vater, dessen Beziehung zu der anstrengend pubertierenden 16-Jährigen sich erst seit Kurzem etwas stabilisiert, "deswegen fasse ich mein Kind im Moment mit Samthandschuhen an. Wenn sie etwas mit mir unternehmen will, springe ich, auch wenn ich eigentlich Pläne mit meiner Freundin hatte. Dann erwarte ich von ihr mehr Gelassenheit, schließlich ist sie die Erwachsene."

Doch diese Gelassenheit verflüchtigt sich leider oft trotz aller guten Vorsätze, wenn die frisch verliebte Frau ein Romantikwochenende bis ins kleinste Detail geplant hat und in allerletzter Minute einer dieser gefürchteten "Du, Schatz, jetzt raste bitte nicht aus, aber"- Anrufe kommt. Weil das kleine Kind krank ist. Weil der hormonell gebeutelte Jugendliche ohne Führerschein von der Polizei erwischt wurde. Weil der Großen im Urlaub das Portemonnaie gestohlen wurde. Irgendwas ist immer und selten etwas Gutes.

Mit seiner Ex verbindet ihn etwas Unzerstörbares

Wie sie es hassen, die kinderlosen neuen Frauen, dieses: "Das kannst du nicht beurteilen, du weißt ja gar nicht, wie sich Kinderliebe anfühlt." Weil es so ungerecht ist und gleichzeitig so richtig. Und weil es den Finger auf eine nie zu heilende Wunde legt: die bittere Erkenntnis, dass den Mann, den sie lieben, mit seiner Ex etwas Unzerstörbares verbindet - die gemeinsamen Kinder. Und sich dadurch, selbst wenn es nicht gegen sie benutzt wird, ihre Liebe nicht einzigartig, sondern manchmal nachrangig anfühlt, zweitklassig. "Er spielt die Hauptrolle in meinem, aber ich nicht in seinem Leben", sagt Dorothea Runge über ihren Mann, "damit muss ich mich abfinden." Diese Kränkung macht manchmal ungerecht, auch den Kindern gegenüber, die dafür verantwortlich gemacht werden. "Ich konnte seine 12-jährige Tochter kaum ertragen", gesteht die 47-jährige Erika Meissner, die vor zwei Jahren einen zehn Jahre älteren Witwer geheiratet hat, "ihre fordernde Dauerpräsenz, ihre anstrengende Pubertät, ihr schlechtes Benehmen mir gegenüber. Irgendwann hab ich dichtgemacht, sie höflich, aber eiskalt behandelt. Ich ließ sie einfach nicht an mich heran, nur so glaubte ich, sie ertragen zu können. Bis sie eines Morgens beim Frühstück sagte: 'Warum bist du so fies zu mir? Ich bin doch nur ein Kind.' Seitdem sind wir die besten Freunde."

Doch nicht immer platzt der Knoten so leicht. Das gilt vor allem, wenn die Stiefkinder schon lange keine Kinder mehr sind. "Du bist nicht die Erste, und du wirst hoffentlich nicht die Letzte sein", schleudert die 47-jährige Ella Grunert ihrer gerade mal zwei Jahre älteren Stiefmutter Renate Ludwig gern entgegen, wenn es wieder einmal um das geht, was Renate, sehr erschöpft, einfach nur "Pillepalle" nennt. Wer wann auf die Finca in Spanien darf. Ob die uralten Pullover von Ellas vor zwei Jahren verstorbener Mutter weggeworfen oder dem Roten Kreuz gegeben werden.

Ella Grunert ist Single und war bis zur zweiten Hochzeit ihres Vaters vor ein paar Monaten seine innigste Vertraute. "Sie ist schlimmer als eine Geliebte", findet Renate, "weil Ralph nicht den moralischen Druck hat, sich zwischen uns entscheiden zu müssen. Im Gegenteil, wenn es Streit gibt, soll immer ich die Klügere sein, die nachgibt. Meine Ehe fühlt sich manchmal an wie permanente Flitterwochen mit einer Schwiegermutter."

Es ist ein kompliziertes Beziehungsgeflecht, in das eine Frau einsteigt, die einen Mann mit Kindern liebt, egal wie alt sie sind. Falls er noch in der Trennungsphase steckt, erlebt sie diese als besonders ambivalent. Weil er natürlich nicht den starken Helden gibt, sondern ständig Situationen meistern muss, die sich als ausgesprochen unerotisch auf ihrer Festplatte einbrennen.

Der Mann ihrer Träume, der einem schreienden Baby stinkende Windeln wechselt oder der von seinem verpickelten 15-jährigen Sohn "Du Arschloch" beschimpft wird. Der bei seiner Ex-Frau immer den Kürzeren zieht. Wie ein kleines Würstchen, das am langen Arm der Ex baumelt, so hat es Konstanze Förster empfunden: "Ich habe ständig zwischen Verliebtheit und ein bisschen Verachtung geschwankt."

Altfamilie gegen Neupartnerin

Ein Dauerdilemma: Die Paarzeit geht flöten. Freizeitrituale, die normalerweise von einem verliebten Duo neu besetzt werden, sind durch die Altfamilie blockiert. Weihnachten, Geburtstage, Urlaub - auch hier sind die Ansprüche der frischen Partnerin nachrangig. Die 39-jährige Diätassistentin Eva Cordes, die sich nach einer langen Beziehung als Geliebte endlich im verbindlichen Hafen der Ehe mit Guido, 42, wähnte, fühlte sich in den ersten Ehejahren wieder genauso wie in all den Jahren vorher: am Wochenende allein, an den Feiertagen vertröstet. "Anfangs hab ich jedes Mal einen Heulkrampf gekriegt, wenn sein siebenjähriger Sohn in letzter Sekunde unsere Pläne durchkreuzte, aber da ich nicht mehr 16, sondern Ende 30 bin, habe ich beschlossen, Vater und Sohn ihren Freiraum zu lassen und die freie Zeit für mich zu nutzen. Ich bin seit Kurzem Mitglied einer freien Theatergruppe. Seitdem ist alles besser."

Es ist ein kompliziertes Beziehungsgeflecht, in das eine Frau einsteigt, die einen Mann mit Kindern liebt "Genau richtig", findet Oskar Holzberg, "da die Dinge nicht zu ändern sind, ist es die Einstellung dazu, die geändert werden muss." Erwartungen müssen herunter-, die Toleranzgrenze hochgeschraubt werden, Humor schadet nicht. "Aktiv werden", sagt Holzberg, "nicht passiv leiden und Frust verbreiten." Es gebe ein paar Fragen, die eine Frau, die einen Mann mit Kindern liebt, ihm gleich zu Anfang stellen sollte: Wie stellst du dir meine Rolle vor? Soll ich mich raushalten oder eine Meinung haben? Wie sieht deine Vision für unser Leben aus? Als Joachim Brandt an einer Antwort herumdruckste, hat Konstanze Förster einfach seine Zwillinge gefragt: "Wie gehe ich euch am wenigsten auf die Nerven?" Seitdem ist das Eis gebrochen. Zumal sie weiterhin ihren köstlichen Schokoladenkuchen backt. Dorothea Runge weiß inzwischen, wie sie beim Kartenspielen mit den Kindern ihres Mannes am besten schummeln kann. Und seit Renate Ludwig ihrer "Stieftochter" Ella Grunert beim Online-Daten hilft, sind die beiden Frauen fast so etwas wie Freundinnen.

Zum Weiterlesen: Evelyn Holst: Kein Mann fürs Leben, Diana Verlag, 250 S., 14,95 Euro

Text: Evelyn Holst Foto: Getty Images

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