Gute Gespräche: Lasst uns reden!

Wir tauschen uns pausenlos mit anderen aus, zu Hause, im Job, am Telefon, per Mail. Aber wirklich gute Gespräche? Sind die Ausnahme. Das sollten wir ändern, denn es könnte die Liebe, die Welt und uns selbst retten.

Es hieß, wir sollten über Grünpflanzen sprechen. Warum? Weil da welche standen, Geldbäume. Der Tanzlehrer, der uns in dieser traditionellen Südberliner Tanzschule Mitte der achtziger Jahre den Foxtrott und den Jive erklärte, brachte uns in Sonderstunden auch das Zurechtrücken von Stühlen und die Kunst des Smalltalks bei. Der Trick sei, stets über das Naheliegende zu sprechen: Geldbaum auf dem Tisch gleich "Mögen Sie Grünpflanzen?".

Meine Tanzpartnerin kicherte, weil ich sie, wie vom Tanzlehrer für die Übung gewünscht, gesiezt hatte, und dann sagte sie: "Nein", und das Gespräch war zu Ende, und es war schlecht gewesen.

Wir kennen alle das schlechte Gespräch, das Gespräch über das Naheliegende: Wie war der Urlaub? Ganz schön heiß heute, oder? Schlecht auch das Gespräch, das einer oder mehrere Teilnehmer gewinnen wollen, indem sie einander sehr subtil, aber destruktiv beweisen, den besseren Urlaub, den stressigeren Job, die klügeren Kinder oder das düsterere Schicksal zu haben.

Vielleicht empfinden wir es auch gar nicht als Mangel, dass wir nur noch so wenige gute Gespräche führen. Weil Handys, Smartphones und Computer uns das Gefühl geben, sowieso ständig mit anderen in Kontakt und im Austausch zu sein. Die amerikanische Kulturwissenschaftlerin Sherry Turkle aber sagt, dass uns das ständige Rumfummeln am Handy und die ständige Rückbestätigung über soziale Netzwerke eher einsam machen: "Wir gewöhnen uns daran, zusammen allein zu sein." Der Journalist Holger Witzel beschrieb vor einigen Monaten in der Zeitschrift "Stern", wie ihn "die seltsame Sprachlosigkeit in der Dauerkommunikation" verunsichere: Früher gab es wenigstens noch Auseinandersetzungen über das Fernsehprogramm, inzwischen hat sich jeder in der Familie in seinen eigenen digitalen Kokon zurückgezogen. Wir kommunizieren auf mehr Kanälen denn je, aber wir sprechen nicht miteinander.

Die Zeitschrift "The Atlantic" hat wissenschaftliche Studien ausgewertet, denen zufolge die Amerikaner vor hundert Jahren etwa vier Stunden am Tag mit anderen von Angesicht zu Angesicht gesprochen haben. Heute sind es noch knapp anderthalb Stunden. Anderthalb Stunden, das erscheint auf den ersten Blick viel, aber wenn man all die Kundengespräche und den Klatsch und Tratsch im Job, den Smalltalk auf dem Hof und den Informationsaustausch mit dem Partner zusammenrechnet, dann kommt man schnell auf neunzig Minuten Gerede, ohne ein richtiges Gespräch geführt zu haben.

Was aber, wenn einem die in hundert Jahren verschliffenen zweieinhalb Stunden plötzlich jeden Tag geschenkt würden, mit dem Auftrag, sie mit Gespräch zu füllen? Mit wem würde man reden? Und worüber? Was macht ein gutes Gespräch aus, und warum gibt es nur noch so selten eines?

Der Autor Tilman Spengler hat vor einigen Jahren ein Buch geschrieben mit dem Titel "Sind Sie öfters hier?", es handelt von der "Kunst, ein kluges Gespräch zu führen". Spengler sagt über das gute Gespräch: "Es bedarf einer Neugier auf den anderen, Lust am Fabulieren, einer Freude am Inszenieren." Das Bemerkenswerte an dieser kleinen Aufzählung ist, dass offenbar alle Verantwortung bei einem selbst liegt: Nur wer neugierig auf den anderen ist, kann gut zuhören, und zugleich braucht man die Bereitschaft, das, was man wiederum selbst erzählt, durchaus unterhaltsam und vielleicht sogar kunstvoll aufzubereiten, eben mit "Lust am Fabulieren".

Das bricht im Grunde schon mit dem, wie wir im Alltag und aus Gewohnheit die Gespräche betrachten, die wir mit Freunden oder Fremden führen: Irgendwie hat sich uns eingeprägt, das manche Menschen "gute Zuhörer" sind und andere "begnadete" oder "geborene Erzähler". Das führt dann dazu, dass verständnisvoll nickende gute Zuhörer von charismatischen begnadeten Erzählern zugetextet werden. Und bestenfalls tauschen beide im Laufe eines längeren Gesprächs ein-, zweimal diese Rollen. Insgesamt aber bleibt der ganze Komminkationsvorgang recht statisch und leblos, weil, Punkt drei bei Tilman Spengler, die gemeinsame "Freude am Inszenieren" fehlt: sozusagen die stillschweigende Übereinkunft, etwas aufzuführen für ein unsichtbares Publikum, gemeinsam etwas zu erschaffen, das Gespräch zu einem flüchtigen, aber nicht belanglosen Kunstwerk werden zu lassen, im gemeinsamen Bemühen.

Wir suchen etwas nur Entspannung

Erst mal gefällt uns das nicht, weil es anstrengend klingt und eben: bemüht. Vielleicht ist das einer unserer Grundirrtümer, wenn es darum geht, miteinander zu reden: Wir haben irgendwann angefangen, Gespräche als Wohlfühlinseln im Alltag zu betrachten. Das Leben ist hart genug, da freuen wir uns, wenn wir in Ruhe ein bisschen quatschen können, wir suchen Entspannung im Reden, Bestätigung und gegenseitiges Verständnis. Nichts ist verständlicher, aber nach tausenden derartigen Gesprächen mit Kolleginnen am Mittagstisch, mit Nachbarn auf der Treppe, mit Verwandten am Telefon bleibt dann doch ein eher schales Gefühl: Wenn man sich gemeinsam darüber beklagt, wie schlecht alles läuft im Büro oder was die X aus der Abteilung Y wieder für ein Ding geliefert hat; wenn man sich gegenseitig die Beobachtungen über das Wetter bestätigt und übers diesjährige Wachsen der Stauden; wenn man einander in den vertrauten Formulierungen berichtet, dass es allen gut oder eben nicht ganz so gut geht, was hat man dann eigentlich erreicht?

Im Grunde hat man sich nur der Sprache bedient, um einander zu versichern: Wir sind alle Menschen und haben nicht vor, uns in absehbarer Zeit gegenseitig umzubringen. Dies mag evolutionär und zum Arterhalt vorteilhaft sein, aber eigentlich sind das nur tröstliche Geräusche, genauso gut könnte man sich kurz an den Kolleginnen, Nachbarn oder Verwandten reiben und dabei schnurren, es liefe kommunikationstechnisch aufs Gleiche hinaus.

Dazu passt, was vor ein paar Jahren vom Institut für Demoskopie Allensbach untersucht wurde. Seiner Studie "Gesprächskultur in Deutschland" zufolge ist das beliebteste Gesprächsthema "Neues aus dem Freundes -und Bekanntenkreis", ein reines Bestätigungs-und Selbstvergewisserungsthema. Genau wie das zweitliebste Thema der Deutschen: "die Entwicklung der Preise". Wenn man das hört, möchte man auswandern. (Bis einem klar wird, dass man sich das gar nicht leisten könnte, weil die Preissteigerung die Ersparnisse aufgefressen hat. Finden Sie nicht?)

Es braucht jemanden, der sich auf den anderen einlässt

Was aber sind die guten Gespräche, an die man sich erinnert? Einmal gab es ein Mittagessen, bei dem wir halbherzig und lustlos über unsere Urlaubspläne sprachen, und irgendwie kamen wir auf das alte Thema "Meer oder Berge?". Und innerhalb von Minuten sprachen wir nicht mehr über die Vorzüge des mallorquinischen Hinterlandes und die Preisentwicklung im dänischen Ferienhausmarkt, sondern über Werte und Bedürfnisse: über den Drang nach Freiheit, Angst oder Sehnsucht beim Blick ins Endlose, den Wunsch, an eigene Grenzen zu gehen, über die Angst und die Lust, in den Bergen eingesperrt zu sein oder dem Meer ausgeliefert. Wir sprachen über uns. Und waren wir wirklich, wie ich leichthin behauptet habe, "irgendwie" auf das Thema gekommen? Nein, eine von uns hatte uns dazu aufgefordert, unsere Vorlieben zu bekennen und zu erklären; eine von uns war neugierig, und sie hatte Freude daran, ihre eigenen Vorlieben und Ängste zu erzählen und auszuspinnen.

Jedes gute Gespräch braucht mindestens einen, der es anregt, und einen, der sich darauf einlässt. Es braucht die Nachbarin, die einmal nicht "Na, wie geht's?" gesagt hat, sondern "Du siehst niedergeschlagen aus, was ist denn los?". Und es braucht aber auch mich, der sich bemüht, die Geschichte einer beruflichen Demütigung so zu erzählen, dass sie zwar einigermaßen unterhaltsam, aber nicht abgeschlossen ist wie eine Anekdote: offen, mit Platz für Erkenntnisgewinn.

Ganz besonders schwer ist das am Telefon, im scheinbar schon Jahrtausende währenden Gespräch mit den alten Eltern, den großen Kindern oder den entfernten Freunden: fast übermenschlich die Anstrengung, auszubrechen aus dem Ritual der fast nicht auszuhaltenden Zeitvernichtung bis zum Auflegen. All das Abhaken von Eckdaten, das Wiederholen von Altbekanntem, die Gedanken, die abschweifen zu den Benzinpreisen und zum bevorstehenden Abendessen, der Blick, der bis eben noch tapfer gekämpft hat, aber der sich jetzt nicht mehr abwenden kann vom Computerbildschirm. Mutter: sprech, sprech. Kind: Hm, hm (surf, surf). Mutter: Frag? frag? Kind: Hm, hm (surf, surf).

Nirgends ist die Mühe und Anstrengung, die das gute Gespräch fordert, so greifbar wie hier. Aber was würde passieren, wenn man auf das vertraute "Die Knie tun mir weh, aber geht schon" statt "Ach, na, du Arme" etwas anderes sagen würde? Hast du Angst vorm Arzt? Wonach suchst du eigentlich deine Ärzte aus? Wem vertraust du? Hast du jemals richtig große Angst gehabt und mir nichts davon erzählt? Kann sein, dass die Mutter ausweichend antwortet. Kann sein, dass sie sagt: "Spinnst du jetzt?" Kann aber auch sein, dass sie beides tut und dann doch was Interessantes erzählt. Was man noch nicht wusste. Und dass plötzlich ein Gespräch entsteht, das Freude macht, weil man etwas erfährt. Und sei es nur das Gefühl der Freude.

Aber es wäre verbunden mit Selbstüberwindung, mit dem Risiko, abgewiesen zu werden oder sich lächerlich zu machen, wie gesagt: mit Mühe und Anstrengung. Wir haben gelernt, dem auszuweichen, was uns fordert. Seltsamerweise schätzen wir das, was sich zufällig, ohne Anstrengung ergibt: Wir stellen Wein auf den Tisch und hoffen inständig, dass die Gäste sich gut miteinander verstehen werden, sofern sie genug davon trinken. Sie einander vorzustellen und auf gemeinsame Interessen oder, noch besser: gegensätzliche Interessen, unterschiedliche Meinungen hinzuweisen, das wäre uns bereits zu mühsam und zu peinlich.

Auch unsere Beziehungen leben wir so: bequem, in der Hoffnung, dass, wenn man seit Jahren miteinander lebt, alles sich mit ein paar gemurmelten Anweisungen, ein paar Ich-Botschaften und ein paar Ritualen regeln lässt. Ohne großen Aufwand. Denn das Leben ist hart genug und so weiter. Gerade in der Liebe, oder sagen wir nüchterner: der Partnerschaft, kann das gute Gespräch was Rettendes haben. Lange Zeit galt das Reden über Gefühle als Nonplusultra der partnerschaftlichen Kommunikation, aber im Großen und Ganzen ist daraus ein ungefilterter Austausch emotionaler Statusmeldungen geworden, der oft hart hinter der Grenze zum Psychogeschwafel liegt. Und der eine seltsame Vertrautheit entstehen lässt, die zwar gut informiert ist (ja, ich weiß, wie du dich fühlst!), aber nicht liebevoll, weil sie nicht mehr zu Nähe und gemeinsamer Entwicklung führt. Um das zu erreichen, müsste man sich gegenseitig vielleicht wieder als Fremde wahrnehmen: der andere, ein Mensch, über den ich noch nicht alles weiß, über dessen Werte und Erlebnisse ich auch nach Jahren etwas Neues erfahren möchte. Aber wie kann das gehen? Worüber sollen wir reden?

Der englische Philosoph und Historiker Theodore Zeldin widmet dieser Herausforderung seit zwanzig Jahren sein berufliches Leben. Zeldin ist davon überzeugt, dass das gute Gespräch die Welt verändern kann: Wir müssen reden, um mehr über unsere Mitmenschen zu erfahren und mehr über uns selbst, sagt Zeldin. Wir müssen reden, um in einer unsicheren, unübersichtlichen Zeit, in der alle privaten und gesellschaftlichen Prozesse sich ständig bis an die Grenze des Erträglichen beschleunigen, Ruhe zu gewinnen, Ruhe zum Nachdenken, zum Überdenken, zur Annäherung an andere und uns selbst.

Auf die Fragen "Worüber aber reden und mit wem?" hat Zeldin ganz grundsätzliche und im Prinzip einfache Antworten gefunden: über interessante Themen, die einen einladen, möglichst viel vom anderen zu erfahren und viel von sich selbst preiszugeben. Und fast egal, mit wem: Die von Zeldin inspirierte Oxford Muse Foundation organisiert Veranstaltungen, bei denen völlig Fremde eingeladen sind, miteinander ins Gespräch zu kommen. Und zwar mithilfe eines so genannten "Conversation Menu", einer Art Speisekarte für Gesprächsthemen, aus denen man sich jeweils etwas aussuchen darf. Fragen, die man dort findet, lauten etwa:

• Wann haben Sie aufgehört, ein Kind zu sein? • Worüber finden Sie es einfacher (oder schwieriger) zu sprechen, je älter Sie werden? • Was war der ungewöhnlichste Job, den Sie je gemacht haben, und was haben Sie daraus gelernt? • Gibt es etwas, wovon Sie schon seit langer Zeit träumen? Warum haben Sie es bisher nicht getan? • Was, glauben Sie, macht Familien glücklich? • Wann sind Sie schon mal durch Angst positiv motiviert worden?

Manchmal haben ganze Städte so genannte "Gesprächsfeste" abgehalten, bei denen tausende Fremde sich an improvisierten Tischen und Tafeln auf Grünstreifen unterhielten, im französischen Besançon zum Beispiel. Zeldin sagt, dass es erstaunlich ist, wie offen die Menschen mit anderen sprechen, die sie gar nicht kennen: "Im Gespräch klären sie in ihrem eigenen Geist, was ihnen wichtig ist, und sie entdecken, dass andere Menschen ähnliche Probleme haben, und daraus entsteht Vertrauen und manchmal sogar Freundschaft." Im Gespräch mit BRIGITTE WOMAN sagt Theodore Zeldin weiter: "Während man spricht, entdeckt man sich selbst und schafft Gleichheit in der Welt." Weil jedes gute Gespräch darauf beruht, dass die Gemeinsamkeiten zwischen uns größer sind als die Unterschiede und dass wir unsere Unterschiede ausloten können mit Interesse und Respekt.

Allerdings schließt sich der Kreis, wenn der 78-jährige Zeldin den Aufwand und das Ritual erklärt, den ein gutes Gespräch seiner Ansicht nach erfordert: "Wir glauben, dass Sprechen etwas sei, was wir ganz natürlich tun, ohne jede Anstrengung. Aber es ist wie das Spielen eines Instruments: Es erfordert Aufmerksamkeit, Wissen und Übung."

Was aber wäre den Aufwand wert, wenn nicht das? Bei Zeldins Konversations-Menüs sucht man eine Frage und beantwortet sie, und dann antwortet die andere Person auf dieselbe Frage. "Dann diskutieren Sie Ihre Erfahrung", sagt Zeldin, und dann - und das finde ich spannend - "sprechen beide darüber, wie ihre Erfahrung für die Welt von Nutzen sein kann". Es klingt berauschend aufwändig, anspruchsvoll im besten Sinne. Es ist der einzige Weg. Oder möchten Sie lieber über Grünpflanzen reden?

Text: Till Raether BRIGITTE WOMAN 04/2013
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