Zusammenziehen für den neuen Partner?

Wer verliebt ist, möchte zusammenziehen. Auch wer seinen Partner erst spät getroffen hat. Wie fühlt sich das an? Ist das Wagnis zu groß?

Er ist meine erste große Liebe. Andere sagen diesen Satz mit 18. Ich mit 52. Wenn ich darüber nachdenke, kommt es mir selbst ganz unwirklich vor. Mein Leben ist zur Hälfte vorbei – und ich sehe zum ersten Mal einem Mann in die Augen und sage von Herzen: 'Ich liebe dich!' Ich hatte schon selbst nicht mehr dran geglaubt. Aber es hat sich gelohnt zu warten.

Er ist großartig. Ganz anders als ich mir meine "große Liebe" immer vorgestellt hatte. Aber perfekt. Er ist unabhängig und selbstbewusst, er lässt sich nicht beirren durch meine Launen, er nimmt sie mit einem Augenzwinkern hin. Wenn ich abends neben ihm im Bett liege, fällt mir manchmal das kirchliche Ehegelübde ein: "...bis dass der Tod uns scheidet." Zum ersten Mal in meinem Leben kommt mir dieser große Satz nicht lächerlich vor, sondern von tiefstem Herzen erstrebenswert.

Und doch: Ich habe mich gut eingerichtet in meinem Leben als Single. Ich liebe München; die Stadt, in der ich seit zehn Jahren lebe. Hier muss man sich ohne Partner nicht defizitär vorkommen. Die Straßencafés sind voll von alleinstehenden Yuppies. Das Theater-Abo teile ich mir mit einer Freundin. Am Wochenende fahre ich gerne in die Berge, am liebsten allein. Ich habe eine schicke Altbauwohnung in Schwabing. Dass sie jeden Monat ein Vermögen kostet, ist mir egal. Ich arbeite hart und verdiene als leitende Lektorin eines Verlages genug, um mir das teuere Leben in München entspannt leisten zu können.

Es ist mein Leben, es passt zu mir, ich möchte kein anderes. Wenn Martin noch zu mir ziehen würde – es wäre perfekt. Aber das wird er nicht. Er ist Architekt und hat sich nach der Wende in Dresden ein kleines Büro aufgebaut. Inzwischen läuft es richtig gut. Es ist sein Lebenswerk, auf das er sehr stolz ist. Er wird es nicht aufgeben. Niemals. So groß kann die Liebe zu mir gar nicht sein.

Zusammenziehen? Er setzt mich nicht unter Druck.

Das Herz sagt: Sei mutig! Fang neu an!

Er würde mich nie unter Druck setzen. 'Zieh doch endlich zu mir!' So ein Satz ginge ihm nie über die Lippen. Weil er weiß, dass es das Gegenteil bewirken würde. Ich bin eine selbstbewusste Frau, die mit beiden Beinen im Leben steht. Ich bin über 50 und ziehe nicht mal eben von A nach B, nur weil ein Mann das gerne so hätte.

Trotzdem: Martin lässt keinen Zweifel daran, dass mein Umzug nach Dresden die einzige Chance für uns beide ist. Die Pendelei zwischen Bayern und Sachsen – auf Dauer kann das nicht gut gehen. Wir sind zu alt, um jeden Freitagabend wie Studenten zum Bahnhof zu hetzen, Stunden im Zug zu verbringen, nur um nach Mitternacht in den Armen des anderen einschlafen zu können.

Auch im Job wäre ein Wechsel für mich einfacher als für ihn. Ich könnte mich selbstständig machen, meine Arbeit als Lektorin einfach von zu Hause aus machen. Für weniger Geld, weniger Sicherheit, weniger Anerkennung. Aber ich bin mir ziemlich sicher: Es würde gut genug laufen, um unabhängig zu bleiben. Aber ist es das wert?!

Ich muss eine Entscheidung treffen. Es ist die übliche Diskussion zwischen Herz und Verstand. Ich kenne sie aus so vielen Situationen im Leben, trotzdem muss sie jedes Mal neu geführt werden. Das Herz sagt: Sei mutig! Fang neu an! Du hast sie so lange herbeigesehnt, die große Liebe – lass sie nicht vorüberziehen! Der Verstand sagt: Das Wagnis ist zu groß! Eine Festanstellung aufgeben, in Zeiten der Wirtschaftskrise – bist du wahnsinnig? In deinem Alter? Und was, wenn die große Liebe zerplatzt wie eine Seifenblase?

Protokoll: Christiane Börger Foto: Fotolia
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