Beziehung mit Abstand: Ich bin dann mal kurz weg

Wie lässt sich die Liebe wieder beleben, wenn der Alltag den großen Gefühlen die Luft abdrückt? Manchmal hilft der Beziehung ein bisschen Abstand.

Gelegentlich braucht die Liebe eine Auszeit. Susanne Palt* spürte das, als ihr das Angebot ins Haus flatterte, für ein Jahr als Universitätsdozentin nach Hamburg zu gehen, 800 Kilometer weit weg von daheim. Da lag also der Brief mit der Zusage, mitten auf der Konsole in ihrem Wohnzimmer. "Ich hatte ihn mir so hingelegt, dass ich immer mal wieder darauf schauen konnte", erzählt die 42-jährige Münchenerin. "Mal ging es mir großartig damit, dann wieder hatte ich meine Zweifel." Denn der Brief bedeutete: eine einmalige Gelegenheit, endlich den Fuß in den Uni-Betrieb zu setzen. Einen Freifahrschein für eine zeitlich begrenzte Flucht aus einem Leben, in dem sich schon lange nichts mehr geändert hatte. Einerseits. Aber vielleicht manövrierte sie sich so auch in einen Haufen Beziehungsärger, in miese Rabenmuttergefühle, in die Einsamkeit. Sohn Lukas: acht Jahre alt. Die Liebe zu ihrem Mann Timm: 18 Jahre alt. Glücklich, ohne Zweifel. Aber eben auch ohne Höhenflüge. Sie nahm den Job an.

Dass sie sich vielleicht doch richtig entschieden hatte, ahnte sie, als ihr Mann Timm sie das erste Mal nach ihrem Umzug vom Bahnhof abholte. Er stand am Bahnsteig, lächelte sie mit diesem typischen schiefen Grinsen an, in das sie sich von Anfang an verliebt hatte. Ihr zog es den Magen vor Freude und Sehnsucht zusammen, wie damals. Und sie hatte schon gedacht, die Liebe wäre unwiederbringlich der Gewohnheit gewichen.

Abstand gibt der Beziehung eine neue Dynamik

Und das wäre vielleicht auch kein Wunder gewesen: heiraten, die Wohnung einrichten, Kinder bekommen und großziehen, das Berufsleben meistern. Ein Paar wuchtet im Laufe seines Zusammenseins unglaubliche Aufgaben. Da tritt das "Projekt Partnerschaft" leicht in den Hintergrund. Romantik, Spaß und Lebensfreude schrumpfen zum verzichtbaren Luxus. "Man erlebt sich nur noch als Team, das Tag für Tag Probleme bewältigt, und erkennt den anderen nicht mehr als Person", sagt der Berliner Paartherapeut Wolfgang Krüger. Das Resultat: zu viel Nähe, keine Neugier aufeinander, keine Sehnsucht mehr.

Und dann ist einer plötzlich weg. Nur vier, fünf Tage die Woche, insgesamt für die Dauer eines Jahres, so wie bei Susanne Palt. Aber eben lange genug, um der Liebe eine neue Dynamik zu geben, um festgefahrene Muster durcheinanderzuwirbeln. "Wir haben beide noch einmal begonnen, unsere Rollen neu zu definieren", sagt Susanne Palt. Plötzlich war Timm für den achtjährigen Sohn da, nicht mehr Susanne. Plötzlich schmiss Timm den Haushalt, kaufte ein, wusch und kochte. "Und wenn ich donnerstagabends nach Hause kam, standen Spaghetti auf dem Tisch." Banal - und doch revolutionär.

* alle Namen geändert

Wer geht, wer sich ein Stückchen aus der Beziehung entfernt, lässt immer ein wenig von seinen inneren Ansprüchen an die Partnerschaft los. Und das tut beiden gut. Nahezu alle Langzeit-Partnerschaften sind potenziell überbelastet, beschwert vom Alltag, erdrückt von der Verantwortung für die Familie. Und so geraten viele Liebende in einen geradezu ersrickenden Mechanismus: Wenn sie sich schon von ihrer Freiheit verabschieden, um zu zweit zu leben, wenn sie schon Abend für Abend Kinder ins Bett bringen, die Waschmaschine anstellen, aufs Kino verzichten, dann soll der Partner ihnen das wenigstens danken - was nicht unbedingt der Fall ist.

Positive Selbstbezogenheit kultivieren

Allerhöchste Zeit, ganz schnell etwas zu ändern - am besten, indem man etwas für sich tut. "Wir müssen, um das Beste aus der Partnerschaft zu machen, auch eine positive Selbstbezogenheit kultivieren", rät Psychologe Krüger. Nur: Das kostet Mut. Und ist zudem ein bisschen gefährlich. Was, wenn der Partner die neue Autonomie nicht mittragen möchte? Was, wenn sich derjenige, der aus dem Alltagstrott flieht, so weit entfernt, dass es kein Zurück mehr gibt?

Ich muss spüren, dass ich noch ich sein kann

Wenn sie an den Flughafen fahren, sprechen sie meist wenig. Bettina von Salzenberg weiß: Ihr Mann will nicht, dass sie geht, zumindest nicht so lange. Aber ihr selbst schlägt das Herz bis zum Hals vor Vorfreude. Fünf Wochen weg! Fünf Wochen Abenteuer, Erfahrungen aufsaugen, die nichts mit ihrem Mann, den Kindern, ihrem Job zu tun haben. "Klar, der kleine Zweifel nagt immer an mir: Was, wenn in den nächsten fünf Wochen etwas mit meiner Familie passiert - und ich bin auf einem anderen Kontinent? Ein bisschen schlechtes Gewissen ist dabei, wenn ich mich verabschiede." Doch am Flughafen siegen jedes Mal die Neugier und die Lebenslust. "In dem Moment, in dem ich meinen Trolley Richtung Eingang schiebe, bin ich innerlich schon weg", sagt sie. Diesmal also Thailand. Fünf Wochen. Allein.

Seit 24 Jahren ist die Berliner Lehrerin verheiratet, die Söhne sind inzwischen 17 und 22 Jahre alt. Von Anfang an hat sie darauf bestanden, zumindest ein paar Tage im Jahr ohne Familie zu verbringen. "Ich brauche das für mich: neue Erfahrungen machen, für mich sein, zu spüren, dass ich noch ich sein kann - auch ohne meine Familie. Das gibt mir eine unglaubliche Stärke." Und es macht Spaß. "Ich kann mich auf Reisen ganz anders auf andere Menschen einlassen, lerne Leute kennen, die mir zu Hause nie über den Weg laufen würden."

Ein ganz neues Lebensgefühl schleicht sich ein

Sich neu spüren, zu fühlen, was sonst noch in einem steckt: Susanne Palt fand das anfangs "ganz schön merkwürdig. Wenn ich abends in meinem Hamburger Appartement im Bett lag, führte ich beständig innere Monologe mit meiner Familie, versuchte mir vorzustellen, wie es den beiden in München ging. Manchmal habe ich mich auch verdammt allein gefühlt." Nach ein paar Wochen schlich sich dann plötzlich ein ganz neues Lebensgefühl bei ihr ein: "Ich war mit den Vorlesungen fertig. Es war einer dieser ersten warmen Frühlingstage in Hamburg. Ich setzte mich ins Straßencafe und dachte: Wow. Freiheit." Susanne Palt bestellte Prosecco und stieß mit sich auf die Tatsache an, dass es für sie keinen Grund gab, nach Hause zu hetzen.

Schwanken zwischen Einsamkeit und Euphorie, zwischen Sehnsucht und Freisein: Das Gefühl kennt Bettina von Salzenberg von ihren Solo-Reisen auch. Vor ein paar Jahren in Griechenland, zum Beispiel: ein Bauernhof, fünf Schafe, kaum Menschen. "Da bist du auf dich zurückgeworfen", erinnert sie sich. Aber es ist eben auch eine große Chance: "Anfangs lief ich unruhig durch die Gegend, versuchte, meinen Tag aktivistisch durchzustrukturieren. Nach ein paar Tagen ließ ich mich von der Stille erobern, genoss die Zeit zum Nachdenken, auch über meine Ehe."

Beziehung mit Abstand: Freiräume schaffen

Wie viel Verbindendes ist weiterhin da? Was fühlt sich nur noch eingefahren und langweilig an? "Wenn ich mich von meinem Mann entferne, nehme ich einerseits innerlich Abstand. Aber ich gebe der Beziehung die Chance, wieder an Leichtigkeit zu gewinnen", sagt Bettina von Salzenberg, "zumindest bringt es frischen Wind rein." Das kann auch gefährlich sein, keine Frage: "Man weiß vorher ja nie, was man erlebt, wem man begegnet. Eine Reise kann genauso dazu beitragen, dass man sich vom Partner erst recht distanziert."

Kann, muss aber nicht. Viel häufiger passiert nämlich das Gegenteil: Aus der Distanz heraus nähern sich Liebende wieder an. Die kleine Flucht des einen zeigt dem anderen, was er an der Beziehung hat. Vielleicht ist es dieses Fünkchen Gefahr, das die Gefühle füreinander wieder anfacht. "Nach diesen Urlauben gehen mein Mann und ich immer wieder neu aufeinander zu", sagt Bettina von Salzenberg. Ihr Mann fährt übrigens demnächst auch ohne Familie in die Ferien, mit Freunden zum Biken nach Bayern.

"Wir müssen in Liebesbeziehungen immer wieder darauf achten, dass wir Freiräume haben", rät Psychologe Krüger. Einen inneren Ort finden, in dem wir uns selbst entwickeln. Es muss ja nicht immer der ganz große Schritt sein. Oft reicht es, auf ein eigenes Zimmer in der gemeinsamen Wohnung zu pochen. Auf die Möglichkeit, ab und zu nur für sich selbst zu sein - und sei es bloß für ein Wochenende. Manchmal allerdings braucht es auch ein bisschen mehr Distanz.

Wenn Kathrin Ronne, 49, die Tür aufmacht, dann hat sie ein ganz anderes Lebensgefühl. Eines, in dem Mann, Kinder, Wäsche und Lateinbüffeln keine Rolle spielen. Eines, das es ihr erlaubt, zu lesen, nachzudenken, zu dösen, ganz für sich allein. Um halb drei, wenn ihre Tochter von der Schule kommt, sperrt sie die Tür wieder ab und geht in ihr gewohntes Leben zurück - heute viel lieber als noch einige Jahre zuvor. Vor einem knappen halben Jahr hat sie sich eine kleine Wohnung gemietet, "meine wunderbare Zuflucht", sagt sie. 35 Quadratmeter Autonomie. Manchmal verbringt sie sogar ein paar Nächte dort.

35 Quadratmeter Autonomie

In ihrer Ehe lief es schon länger nicht mehr besonders. Ihr Mann arbeitete viel, ließ sie mit den Kindern allein. Und sie? "Irgendwann gab ich es auf, um Zuwendung und Zeit zu betteln, und distanzierte mich innerlich." So weiterleben wollte sie nicht. Sich trennen auch nicht. Ein Leben ohne ihre drei Kinder - heute 22, 19 und zwölf - wäre für sie niemals infrage gekommen. Und dann las Kathrin Ronne in der Zeitung die Annonce für die Wohnung, 250 Meter von ihrem Familienhaus entfernt, klein, aber bezahlbar. Endlich die Möglichkeit, ungestört zu arbeiten und ein bisschen zu sich zu kommen. Kathrin Ronnes Mutter lieh ihrer Tochter damals das Geld, um das Appartement einzurichten. Die Miete zahlt die dreifache Mutter mit ihrem Architektengehalt.

Für den Psychologen Krüger eine kluge Entscheidung: "In jeder Partnerschaft gibt es verschiedene Abhängigkeitsmuster. Früher waren sie eher finanzieller Art, heute sind sie emotional", erklärt der Experte. "Um diese Abhängigkeit zu überwinden, müssen wir uns darum bemühen, uns von der Anerkennung, Zuwendung und Liebe des Partners unabhängiger zu machen." Allerdings funktioniert das nur, wenn die Außenbedingungen stimmen. Wegzugehen, um sich in einer eigenen Wohnung eine kleine Insel der Glückseligkeit zu schaffen, darf nicht aus einer aggressiven Haltung heraus geschehen. Paartherapeut Krüger rät dazu, die Distanz mit etwa den folgenden Worten anzumoderieren: "Ich tue das für mich, vielleicht sogar für uns. Aber nicht gegen dich."

Die Liebe ist ein Kind der Freiheit - zumindest manchmal

Etwas für sich tun: "Im Grunde haben gerade Mütter das im Laufe der Jahre verlernt", findet Bettina von Salzenberg. "Und genau das ist der Punkt, warum es so schön ist, sich wenigstens mal kurz zu entfernen." Wenn sie von ihren Reisen zurückkommt, ist sie nicht nur innerlich ein bisschen anders. Auch die äußere Ordnung hat sich geändert. "Ich habe das Gefühl: Endlich weiß die Familie wieder, was sie an mir hat. Und ich funktioniere nicht nur als Mutter und Ehefrau, sondern werde vor allem von meinem Mann wieder mehr als autonomer Mensch gesehen." Die Liebe ist ein Kind der Freiheit. Zumindest manchmal.

Was für Auswirkungen ihre neu gewonnene Selbständigkeit langfristig auf die Liebe haben wird, kann Kathrin Ronne noch nicht sagen. "Im Moment bewegen wir uns wieder aufeinander zu, reden mehr miteinander, auch über die Partnerschaft. Und mein Mann kümmert sich mehr um die Kinder." Muss er ja jetzt auch. Kathrin Ronne hat in ihrer Wohung das Gefühl, "endlich wieder für mich zu fühlen und nicht über andere". Richtig wohl fühle sich ihr Mann immer noch nicht, wenn er sie dort abhole, um abends zum Beispiel gemeinsam ins Kino zu gehen. "Er steht dann herum, tritt von einem Fuß auf den anderen. Man merkt richtig, es ist ihm unheimlich." Gut so! Denn "eine kleine Spur Furcht ist wie der Pfeffer in der Suppe für die Liebe", sagt Psychologe Krüger. Und eine gute Partnerschaft lebt von der Spannung, dass der andere keine langweilige, alltägliche Selbstverständlichkeit ist.

Text: Anne-Bärbel Köhle
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