Mann ohne Freunde: Er hat nur mich

Eine Frau hat Freundinnen. Und der Mann? Der lebt oft ohne Freunde. Für die Liebe kann das zu einem echten Stressfaktor werden.

Nach jedem Umzug mit der Familie hatte Susanna Wegener* ihren Zwillingen Till* und Jasper* sofort neue Spielkameraden organisiert. Sie durchforstete Hort- und Klassenlisten, rief Mütter an und verabredete ihre Kinder miteinander. Jetzt, als Teenager, hängen Till und Jasper längst gleich in mehreren Cliquen herum; Susanna Wegener allerdings würde am liebsten schon wieder auf Kumpelsuche gehen - für Hannes*, ihren Mann.

Susannas Gatte hat keine Freunde. Hobbys, bei denen man andere Menschen treffen könnte, hat er auch nicht. Hannes zischt kein Bierchen mit alten Bekannten, trifft sich nicht zum Joggen, hasst Fußballgucken im Männerpulk. Sein Problem, könnte man meinen. Ist es aber nicht. Männer ohne Freunde sind sehr oft das Problem ihrer Frauen. Vor allem die Typen unter den Freundschaftsmuffeln, die Soziologin Ursula Nötzöldt-Linden als "bewusste Einzelgänger" beschreibt. Sie sind nicht unbedingt schüchtern. Sie haben nur keine große Lust auf andere Menschen. Eine harte Nuss. Und fast immer eine große Belastung für eine Partnerschaft.

Solche Typen gibt es. Viele. Einige sind es schon immer, manche werden erst mit der Zeit dazu. Wie Hannes Wegener. Er will es nicht anders, beruhigt sich Susanna Wegener an den Abenden, die sie mit Freundinnen verbringen möchte. Viel Spaß, mein Schatz, sagt Hannes, Küsschen und bis später. "Ich weiß genau: Danach sitzt er auf dem Sofa, liest oder guckt Billard im Sportsender und wartet, bis ich nach Hause komme", sagt Susanna Wegener. "Und ich habe ein schlechtes Gewissen, dass ich so oft weg bin."

Das ärgert sie am meisten. "Jahrelang konnte ich wegen der kleinen Kinder abends nicht weg, Hannes kam als Geschäftsführer immer spät nach Hause, Till hat bei jedem Babysitter nur geschrien", erzählt Susanna, die sich als Hausfrau über Jahre hinweg ohnehin viel Zeit für die Söhne genommen hat. "Jetzt sind die Kinder eher froh, wenn sie abends mal allein sind; ich habe so lange auf vieles verzichtet, und jetzt möchte ich einfach wieder ein bisschen raus."

Am Anfang ihrer Beziehung waren die Wegeners häufiger zusammen unterwegs, tanzen, essen - aber fast immer mit Susannas Freunden. Dann kamen die Kinder und seine Karriere. Geschäftsessen, jede Menge. Seine Anrufe, dass es wieder mal spät würde. Kundengespräche, auch mal am Wochenende auf dem Tennisplatz. Alles vorbei, seit Hannes die Stelle gewechselt hat.

Seit er mit Mitte 50 für sich entschied: Von nun an will ich meine Ruhe. Seit er daheim den einsamen Wolf gibt, der verblüfft feststellt, dass seine Frau nicht nur darauf gewartet hat, mit ihm gemütliche Stunden vor dem Fernseher zu verbringen. "Bei mir ist es halt genau umgekehrt", sagt Susanna Wegener. "Ich war jahrelang ans Haus gebunden, jetzt starte ich wieder zurück ins Leben."

Mit schweren Schritten allerdings, beladen mit unsichtbarer Last: der Gewissheit, dass Hannes daheim auf sie wartet. Der Angst, dass er sich langweilt. Dem Gefühl, als hätte man sein Kind im Stich gelassen. "Wenn ich dann nach Mitternacht zurückkomme, sitzt Hannes garantiert noch da, angeblich, weil er sich festgelesen hat oder eingenickt ist", sagt Susanna. "Er geht einfach nicht ins Bett, wenn ich noch nicht da bin.

Ein mieses Gefühl. Manchmal bin ich deshalb richtig wütend auf ihn, obwohl er sich gar nicht beschwert." Vorhaltungen hört sie trotzdem. Von ihrer inneren Stimme. "Ich denke dann: Warum bleibe ich auch nicht bei meinem Mann, den ich jahrelang so wenig für mich hatte?" Eine Frage, geboren aus einer Schieflage der Bedürfnisse. Die sich nie stellen würde, wenn Hannes ein Eigenleben hätte.

So aber reißt sie einen Graben, der Susannas Zufriedenheit verschluckt. "Im Grunde habe ich jetzt einen Eremiten zu Hause", sagt Susanna. "Es ist, als würden wir zusammen am Tisch sitzen, er total satt gefuttert, ich noch hungrig." Geh doch mal weg, willst du nicht wieder Tennis spielen, und was macht eigentlich dein früherer Schulfreund Anton, der uns mal besucht hat? Sätze von Susanna, die Türöffner sein sollten, Motivationshilfen, Startschüsse. Sie hängen in den Räumen, immer noch, schlapp und kraftlos. Unbeantwortet, irgendwie hoffnungslos. Susanna ahnt, dass es für dieses Problem keine richtige Lösung gibt.

Dabei geht es nur um Bedürfnisse. Um Freunde, Gesellschaft, Außenwelt. Um Lust auf Gespräche, um Austausch. Und irgendwann um die Erkenntnis, dass eine Liebe nicht nur an den Dingen scheitern kann, die uns fehlen, sondern vielleicht auch an den Dingen, die unserem Partner einfach nicht fehlen.

Männer, die sich in ihrem Kokon gemütlich einspinnen, merken oft gar nicht, dass die Luft um sie herum so stickig wird, dass ihre Frauen schon mal Atemprobleme bekommen. "Tom* sitzt am liebsten mit der Gitarre zu Hause auf dem Sofa, verabredet sich nie", sagt Karen Gerlach*, "er schmort sozusagen ständig im eigenen Saft."

Dass seine Frau abends mal mit Freundinnen beim Italiener versackt oder mit ihrem Bruder ins Kino geht, findet er prima - so lange sie ihn nicht bittet, mitzukommen. "Seine Welt ist dadurch irgendwie kleiner, er erlebt weniger, hat eigentlich nichts zu erzählen, was ich nicht schon dutzende Male mit ihm durchgekaut hätte." Eigene Erlebnisse, Anregungen von anderen, Impulse von außen - Fehlanzeige. Tom tauscht sich nur mit Karen aus. "Manchmal hat er völlig abstruse Ansichten, aber er merkt das gar nicht, weil ich die Einzige bin, mit der er darüber redet", sagt Karen. "Und er wird sauer, wenn ich dagegenhalte. Ich wünsche mir so oft, er hätte wenigstens einen Freund, der mal sagt: Hör mal, spinnst du jetzt völlig? Er hat überhaupt nicht gelernt, mit anderen Standpunkten umzugehen, zu diskutieren, andere Meinungen auf sich wirken zu lassen."

Zur Gemeinsamkeit in der Partnerschaft gehört nicht nur Zweisamkeit, sondern auch der Austausch mit anderen. Lebensstückchen, Lachen, Stunden, die einen mit Neuem erfüllen - jeden einzeln, nicht nur miteinander. Die glücklich machen, nachdenklich, ärgerlich oder melancholisch. Die verändern, Persönlichkeit weiterentwickeln.

Zur Partnerschaft gehört nicht nur Zweisamkeit, sondern auch der Austausch mit anderen.

"Von Treffen mit Freunden komme ich eigentlich immer beseelt nach Hause", erzählt Karen. "Das ist eine Erfahrung, die Tom gar nicht kennt." Was ihm auf der Seele liegt, lädt er stets komplett bei ihr ab. "Ich bin als einzige Gesprächspartnerin automatisch auch sein Mülleimer, er hat ja nur mich", sagt sie. "Wie oft habe ich mir schon gewünscht, dass er die eine oder andere Sache mal mit anderen bespricht, andere Meinungen einholt. So wie ich mit Freundinnen über meine Probleme spreche und schon beim Reden darüber reflektiere, so dass ich Tom gar nicht erst mit jeder Kleinigkeit belämmere.

Manchmal sehe ich die Dinge dann auch plötzlich ganz anders. Gespräche mit anderen helfen, etwas aus einem neuen Blickwinkel heraus zu betrachten." Tom fehlt dieses Regulativ, seine Argumente nähren sich durch den fehlenden Input von außen nur von seinen eigenen Ideen, wirken steif und starr, fast unversöhnlich, daher übermächtig. Seine Worte sind spitz, weil niemand sie schon mal ein wenig abgeschliffen hat, sein Ego ist ein wild wucherndes Gewächs, das ungebremst auf Karen prallt. "Diskussionen mit ihm können deshalb wahnsinnig anstrengend sein", sagt Karen Gerlach. "Eigentlich fühlt es sich oft an wie ein Machtkampf zwischen uns."

Der Hamburger Philosoph Harald Lemke schreibt, das "vereinzelte Individuum" tendiere "wegen seines anhaltenden Bedarfs an einem wenigstens minimal ausgelebten Sozialleben zu einer Ichbezogenheit, die andere für die Befriedigung seiner sozialen Bedürfnisse vereinnahmt oder damit bedrängt". Der einsame Cowboy, das Maß aller Dinge. Er, ein ganz Großer, weil seine Welt eigentlich klein ist.

Kontaktmüde Männer wollen auch plaudern, debattieren, kichern, maulen - aber am liebsten mit nur einer Person: ihrer Frau. Wie Paul*, der seine Freundin Carola Jansen* damit völlig aus der Fassung bringt.

"Wenn man sich frisch verliebt, hängt man natürlich ständig zusammen rum, aber andere Menschen gehören doch auch irgendwann wieder zum Leben dazu", sagt Carola Jansen. "Zum Filmfest gehe ich halt am liebsten mit meiner Kollegin Ute, mit meiner Kollegin Vera lerne ich seit Jahren Italienisch, und wenn ich eine Fahrradtour machen will, frage ich meine Nachbarin, die radelt genauso gern wie ich." Paul jedoch reicht seine Carola. Er hat ihr in seinem Leben die Hauptrolle zugedacht - und besetzt mit ihr auch alle möglichen Nebenrollen.

"Das klingt erst mal schmeichelhaft, aber irgendwie fürchte ich, dass diese Lösung für ihn einfach bequemer ist, als sich immer wieder auf andere Menschen einzustellen", glaubt Carola Jansen. "Und ich fühle mich komplett überlastet mit dieser Bürde. Im Prinzip macht er mich damit ja für alles verantwortlich, denn er hat offenbar nichts, was ihn sonst noch zufrieden macht - oder sagen wir mal: niemanden." Carola, Mädchen für alles. Pausenlos und flächendeckend. Nicht mal fürs Alleinsein bleibt ihr in der Beziehung Raum: "Er ist ja praktisch immer in der Wohnung, geht nie aus", sagt Carola.

"Mir fehlen einfach Momente, in denen ich einmal völlig allein mit mir bin." Und wenn es nur darum geht, sich einfach mal ein, zwei Stunden mit einem Schmöker auf dem Sofa zu fläzen und von wirklich niemandem, auch nicht dem Liebsten, angesprochen zu werden. Im September wird Carola Jansen für zwei Wochen nach Sylt fahren. Urlaub, nur für sie, ohne Paul, zum ersten Mal. Und sie will sehr viele Bücher mitnehmen.

*Namen von der Redaktion geändert

Buchtipp

Evelyn Holst und Eva Gerberding: "Wer sagt, dass Männer glücklich machen? Frauen am Rande des Nervenzusammenbruchs". Mit Illustrationen von Til Mette (192 S., 14,99 Euro, Südwest)

Text: Silke Pfersdorf Ein Artikel aus BRIGITTE WOMAN

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