Neu verliebt nach dem Tod des Partners

Neu verliebt nach dem Tod des Partners? Geht das? Wenn sich zwei begegnen, die einen ähnlichen Verlust verschmerzen mussten, kann daraus etwas Wunderbares entstehen: die Geschichte von Birgit und Michael, beide 68.

Michael: "Nach dem Tod meiner Frau wollte ich eigentlich keine Frau mehr haben"

Birgit: "Man hat uns gezwungen. Meine Schulfreundin hat in ihrem Regionalblatt inseriert: ›Meine Freundin sucht einen Mann, der sie wieder zum Lachen bringt.‹ Ich wollte das gar nicht! Aber sie. Und sie wollte mich näher bei sich haben. Denn in dem Ort, in den ich wegen meines Mannes vor 40 Jahren gezogen war, habe ich mich nie wirklich wohl gefühlt"

Michael: Ich wurde von einer Freundin des Hauses bedrängt, ich solle mir eine neue Partnerin suchen. Auch meine Söhne wollten, dass ich nach dem Tod meiner Frau nicht allein bleibe. Sie fanden mich zu jung zum Alleinsein, mit 60. Dabei hat mir nichts gefehlt. Ich kann zwar nicht kochen, aber ich kam gut allein klar. Ich war beschäftigt.

Birgit: Ich hatte meine Enkelkinder, meine Ehrenämter und viel Arbeit mit Garten und Haus. Und natürlich Freundinnen und Freunde, man wird eingeladen.

Michael: Anfangs, aber das bröselt ganz flott ab. Wenn es meinen Freunden passte, luden sie mich ein; wenn nicht, nicht. Ich bin in eine Abhängigkeit geraten. Und ich wollte was tun. Während der Krebserkrankung meiner Frau war ich in den Vorruhestand gegangen. Nach ihrem Tod habe ich die Eigentumswohnung von einem Freund renoviert, ein halbes Jahr, das tat mir gut. Dann bin ich zu Porsche gegangen und habe gefragt, ob sie einen autoverrückten Rentner brauchen. Seit vier Jahren fahre ich Autos zu den Käufern. Das macht mir großen Spaß, ich arbeite viel - und bis sie mich nicht mehr wollen, meinethalben bis 85.

Birgit: Als mein Mann starb, fuhr ich im ersten Jahr sehr viel zu meinem kleinsten Enkel, er war noch ein Baby. Das hat mich gerettet. Mit den sechs anderen hier in der Gegend habe ich auch ein volles Programm. Irgendwann dachte ich: Du brauchst noch eine andere Aufgabe - und habe einige Ehrenämter und kleine Jobs übernommen. Während der Krankheit meines Mannes hatten wir unser Geschäft aufgelöst. Ich dachte ja, er überlebt den Krebs, und dann machen wir es uns schön. Ich hatte immer die Buchhaltung gemacht. Gelangweilt habe ich mich auch danach nicht. Doch dann hat mich meine Freundin so lange bekniet, bis ich mich mit diesem Mann verabredet habe.

Michael: Weil meine Freundin bei ihrer angerufen hatte, um zu sagen, sie kenne da einen, der auf ihr Profil passe. Unsere beiden Kupplerinnen wollten dann unbedingt mitgehen, als wir uns zum ersten Mal in einem Café trafen. Dann komme ich nicht, habe ich gesagt, auf keinen Fall.

Birgit: Ich war so nervös: Ich sollte in so ein Oma-Café, zu einem fremden Mann - und wenn mir der nicht gefällt?!

"So wie mit dir habe ich in meinem ganzen Leben nicht gelacht"

Michael: Durch meinen Beruf war ich gewohnt, viel mit Leuten zu reden, deswegen war ich eigentlich ganz locker. Als die Tür aufging, dachte ich: Um Gottes willen - das darf sie nicht sein! War sie auch nicht. Sondern die Nächste. Ich wusste, dass sie es ist, und habe sie mit ihrem Namen angesprochen. Da war von Anfang an... zumindest keine Ablehnung.

Birgit: Er hatte ehrliche Augen und sah auch sonst ganz fesch aus.

Michael: Wir sind dann drei Stunden spazieren gegangen, ich habe ihr die Stadt gezeigt, und wir haben uns über Tod und Teufel unterhalten.

Birgit: Am Ende hat er mich zu meinen Freunden gefahren, und ich habe mich tatsächlich zu einem fremden Mann ins Auto gesetzt! Einfach so.

Michael: Die Wochen darauf haben wir stundenlang telefoniert und über alles Mögliche gesprochen. Auch über unsere verstorbenen Ehepartner. Als wir uns kennen lernten, waren unsere Partner schon drei, vier Jahre tot. Das war nicht frisch, das tat nicht mehr so weh.

Birgit: Ich habe einige Freundinnen, die sich sehr schnell nach dem Tod ihrer Partner mit einem neuen zusammentaten. Manche haben nach ein paar Monaten schon wieder geheiratet. Aber jetzt sind sie unglücklich und sagen, es sei der gleiche Mist wie vorher. Ich habe schon anfangs zu Michael gesagt: Ich bin nicht mehr bereit, Kompromisse einzugehen. Für meinen Mann hatte ich mich zusammengenommen. Jürgen mochte es nicht, wenn ich impulsiv war, und hat dann wochenlang nicht mit mir geredet. Bis ich mich entschuldigt habe. Mein Ich war langsam verschwunden. Und mir war klar: Ich werde mich nie wieder verbiegen.

Michael: Keine Kompromisse, das war auch für mich klar.

Birgit: Nach ein paar Monaten hatten wir dann beide den Wunsch, uns mal richtig kennen zu lernen, und da sind wir zwei Tage in die Berge gefahren, weißt du das noch?

Michael: Aber wie!

Birgit: Wir haben so gelacht, stundenlang! Michael kann Leute nachahmen, und da war so ein Paar, die haben überhaupt nicht miteinander gesprochen, er hat nur gebrummt. Haben wir gelacht! Es war wie ein Befreiungsschlag. Und dann lag dieser Nebel überm Tal und der Mond...

Michael: Mhm.

Birgit: So viel wie mit dir habe ich in meinem ganzen Leben nicht gelacht. Auch wenn wir jetzt alt sind - wir gehen wie junge Menschen in eine Beziehung. Gut, man hat mehr Erfahrung. Aber ich fühle mich jung.

Michael: Wie 48, nicht wie 68.

Birgit: Und ich habe mich nie so frei gefühlt. Michael nimmt mich, wie ich bin.

Michael: Meine Söhne waren baff, als ich ihnen Birgit vorstellte, und total begeistert.

Birgit: Da plumpste mir ein Stein vom Herzen, wir mochten uns gleich sehr. Meine Kinder mochten Michael auch. Nur meine Mutter... die gönnt mir das nicht.

Michael: Sie wurde als junge Frau Witwe, im Krieg, und hat dann nie wieder einen Mann an sich rangelassen. Das ist die Generation, meine Mutter hatte auch ein Herz aus Stein. Ich habe sie trotzdem geliebt. Ich musste ihr versprechen, darauf zu achten, dass sie nicht lebendig bestattet wird. Und bin zwei Tage nach ihrem Tod ins Kühlhaus, um nach ihr zu gucken, und habe dann zu ihr gesagt: Ja, Mutter, du bist tot!

Birgit: Michael nimmt mich vor meiner Mutter in Schutz.

Michael: Wir haben viele Gemeinsamkeiten. Wir sind beide Sturköpfe und denken ähnlich. Wir haben einen ähnlichen Geschmack, auch in der Einrichtung. Birgit hat einen ähnlichen Stil wie meine verstorbene Frau Susanne. Sogar die gleichen Tchibo-Eisbecher hatten sie. Die hätten sich bei Tchibo kennen gelernt und gut verstanden.

Birgit: Michaels Wohnungseinrichtung ist noch immer stark von Susannes Hand geprägt. Ich fühle mich da nicht wirklich wohl. Deshalb haben wir jetzt eine neue, gemeinsame Wohnung an einem neutralen Ort gekauft.

Michael: Die Wohnung ist so geblieben, nur Susannes Kleider habe ich weggegeben. Aber erst vier Jahre nach ihrem Tod. Ich habe mich davor gefürchtet. Man will etwas ändern, weil man weiß, dass man loslassen muss. Und gleichzeitig hat man Angst davor. Es war schlimm. Gleich danach habe ich es bereut. Es war, als hätte ich einen Verrat begangen.

Birgit: Ein paar Tage vor unserem Ausflug in die Berge dachte ich: Jetzt musst du die Kleider von Jürgen ausräumen, das muss erledigt sein! Ich bin zum Schrank, habe das Radio laut aufgedreht und angefangen. Es war furchtbar. Ich bekam sogar eine Gürtelrose.

Michael: Aber das Schöne ist: Wir können darüber reden. Eine Frau, die keine Witwe wäre, würde das bestimmt nicht verstehen. Wir haben beide auch einige Teile aufgehoben. Ich: einen schwarzen Rock mit einer schwarz-weißen Bluse. Darin habe ich Susanne gern gesehen.

Birgit: Ich: ein Sakko, das Jürgen mochte, und seinen Gürtel. Er wollte nur den einen, und es hat mich immer aufgeregt, dass er ihn in die Jeans und in den Anzug steckte.

Michael: Ich ärgere mich, dass ich Susannes Lederjacke weggegeben habe, die hätte Birgit auch gefallen.

Birgit: Ihre Winterstiefel habe ich schon mal angezogen, als ich keine dabeihatte. Nur den Schmuck, den würde ich niemals tragen, das ist viel zu intim.

Michael: Ich habe ihr auch versprochen, dass den keine andere trägt. Obwohl Susanne wollte, dass ich mir eine andere Frau suche. Sie hatte Angst, ich würde allein verhungern.

Birgit: Mein Mann hätte nicht gewollt, dass ich noch mal einen anderen Mann habe, er war sehr eifersüchtig. Aber jetzt sitzt Michael hier auf dem Sofa, und es fühlt sich für mich gut an. Wenn er wollte, könnte er auch am Klavier spielen, wie Jürgen. Man kann sich das vorher nicht vorstellen, aber es ist nicht seltsam oder unheimlich, dass nach Jahrzehnten in einem gemeinsamen Haus ein anderer Mensch lebt. Auf dem Stuhl, auf dem Sofa, im Bett. Es ist gut so.

Michael: Aber nur weil wir beide einige Jahre Zeit hatten zu trauern. Und weil wir alle ähnlich gestrickt sind. Oder waren. Und weil wir ein ähnliches Schicksal hatten. Wir sind - und waren - sogar alle derselbe Jahrgang: 44. So können wir zusammen lachen. Und weinen. Obwohl die Zeit der großen Traurigkeit, glaube ich, vorbei ist.

Birgit: Jürgen ist an Heiligabend 2005 gestorben, zu Hause. Meine Kinder waren da, sie schliefen schon. Es war gegen Mitternacht. Jürgen war schon seit ein paar Tagen wie im Koma. Er hat immer leiser geatmet. Ich wurde durstig. Gehe an den Wasserkasten und denk: Du hörst ja den Atem gar nicht mehr. Da war er tot. Da habe ich mich zu ihm gesetzt und mit ihm geredet. Das ging, man ist da irgendwie anders. Ich habe ihm gesagt, dass wir auch schöne Zeiten hatten, mit den Kindern, und dass es ihm ja jetzt gutgeht, ich habe unser gemeinsames Leben Revue passieren lassen. Gegen halb zwei habe ich meine Tochter und meinen Sohn geweckt. Anfangs habe ich funktioniert wie ein Uhrwerk. Dann bekam ich Medikamente zur Beruhigung. Aber nach der Beerdigung kam das böse Erwachen. Da wär ich am liebsten gestorben. Heute habe ich noch manchmal dieses Gefühl. Und dann denke ich: Das darfst du nicht - so intensive Gefühle der Trauer haben, du musst doch ganz für Michael da sein. Ich sage ihm das dann nicht. Es wird aber seltener. Die ersten Heiligabende, die waren schwer. Aber ich habe sieben Enkelkinder, da ist an Weihnachten auch viel Freude. Und dann gab es den ersten Todestag von Jürgen mit Michael.

"Wir wissen, dass wir den anderen jederzeit wieder verlieren können"

Michael: Den Heiligabend vier Jahre nach Jürgens Tod habe ich zum ersten Mal mit ihrer Familie gefeiert. Ich habe eine Rede gehalten, in der ich mich bedankt habe, dass sie mich so offen und lieb aufgenommen haben. Am Tag darauf sind wir gemeinsam zu Jürgens Grab gegangen, das machen wir oft.

Birgit: Einmal bin ich extra zu Michael gefahren, damit er am Todestag von Susanne nicht noch mal in ein Loch fällt. Ich schmücke ihr Grab und höre zu, wie Michael mit ihr redet. Er hat eine so liebenswerte Art, er redet mit den Toten. Das kann ich nicht. Er hat mich ihr auch vorgestellt. "Hallo, Huhn", hat er gesagt, "das ist Birgit, die wird dir gefallen." Neulich hat er mal am Grab gesagt: "Brauchst dir keine Sorgen machen, Jürgen, ich hab sie im Griff."

Michael: Da freut er sich! Und ich muss sagen, dass ich auch noch manchmal um meine verlorene Frau trauere. Wir hatten eine so glückliche Ehe, 40 Jahre lang. Das liegt daran, dass wir uns jung verliebt haben. Diese Revolution der Herzen - die trägt eine Partnerschaft Jahrzehnte. Birgit versteht das. Mit 60, 70 ist Liebe auch schön, aber anders.

Birgit: Ich habe meine Gefühle manchmal gebremst. Weil ich anfangs Jürgen gegenüber ein schlechtes Gewissen hatte. Weil ich nicht wollte, dass Michael sich dauernd mit ihm vergleichen lassen muss. Im Guten wie im Schlechten. Auch das bremst: die Begeisterung. Und noch was kommt bei dieser Liebe im Alter dazu: Wir wissen, dass wir den anderen jederzeit wieder verlieren können, an den Tod.

Michael: Ja.

Birgit: Da denkst du: Das willst du nicht ein zweites Mal erleben.

Michael: Nein.

Birgit: Aber einer wird es erleben.

Michael: Das ist das Traurige an der Geschichte.

Birgit: Vielleicht sollte man weniger Pläne machen und mehr in den Tag reinleben. Aber das können wir nicht. Wir haben eine Wochenendbeziehung. Ich habe hier mit dem Haus, dem Garten und den Enkeln viel zu tun. Und Michael mit seinen Autos. Bestimmt ziehen wir mal zusammen - wenn einer nicht mehr kann.

Michael: Wir brauchen neue Ziele, sonst bleibt man stehen. Und deswegen haben wir auch diese neue Wohnung aufgebaut. Das spornt an. Und davon wirst du nicht gleich einen Herzinfarkt bekommen.

Birgit: Nur auf Mallorca rumliegen fände ich auch öde.

Michael: Na ja, wenn ich da Autos rumfahren könnte?

Buchtipp:

Susanne Jung: "Besser leben mit dem Tod oder: Wie ich lernte, Abschied zu nehmen" (256 S., 19,95 Euro, Klett-Cotta)

Interview: Nataly Bleuel BRIGITTE WOMAN 03/13
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