Wilhelm Schmid: Liebe ist des Öfteren Ärger

Der Berliner Philosoph Wilhelm Schmid glaubt, dass wir eine falsche Erwartung an die Liebe haben und plädiert für eine neue Idee.

BRIGITTE WOMAN: Am Anfang einer Beziehung haben wir meistens nichts zu meckern. Wir verlieben uns in einen Mann mit einer Schwäche für gutes Essen, und fünf Jahre später starren wir angewidert auf zwei voll gestopfte Backen. Wie konnte das passieren?

Prof. Dr. wilhelm Schmidt: Die Anfangszeit ist eine energiegeladene Zeit. Diese Energie verändert die gesamte Wahrnehmung und gibt dem Leben Sinn. Sie gibt auch dem anderen Menschen Sinn. Aber auf diesem Energieniveau können wir weder leben noch lieben. Das Schöne an der Liebe ist, dass diese Zeit immer wiederkehren kann. Vorausgesetzt, die Liebenden entwickeln eine Wahrnehmung dafür, dass Liebe atmen muss. Und atmen kann sie nur, wenn sie auch mal Durchhänger und sogar Auszeiten erlebt. Leider kleben wir an dem Glauben, Liebe müsse mit den immer gleichen guten Gefühlen ausgestattet sein.

BRIGITTE WOMAN: Wenn wir aber gerade ausatmen in der Liebe...

Prof. Dr. Wilhelm Schmidt: ...dann sind das die energieschwachen Zeiten. Das Leben verliert seinen Sinn, und ganz besonders der andere verliert seinen Sinn. So eine Durchhängerphase kann Wochen und Monate, und die kann auch Jahre dauern. Hilfreich wäre also, sich zu fragen: In welchem Zustand der Atmung bin ich gerade? Und sich bewusst zu machen, dass sich dasselbe genauso beim anderen abspielt: Auch ich kann für ihn zu einer hässlichen Kröte werden in diesen Durchhängerzeiten.

BRIGITTE WOMAN: Aber die meisten von uns hängen nun mal einem Liebesideal an, in dem hässliche Kröten nicht vorgesehen sind.

Prof. Dr. Wilhelm Schmidt: Ich bin selbst ein Erz-Romantiker. Ich habe nichts anderes gesucht in Liebesbeziehungen, und die sind ein ums andere Mal gescheitert. Erst als ich mir mit philosophischer Hilfe klargemacht habe, dass die Liebe nicht einfach Liebe ist, sondern dass sie abhängig ist von der Idee, die wir uns davon machen, und dass diese Idee dann auf unsere Erwartungen abfärbt, hat sich das geändert.

BRIGITTE WOMAN: Und welche Idee hilft uns weiter?

Prof. Dr. Wilhelm Schmidt: Mal angenommen, ich habe die Idee, Liebe muss immer romantisch sein, mit durchgehend guten Gefühlen. Keine Störung, kein Alltag. Mit der Erwartung gehe ich dann in eine Beziehung. Die Folge: Es gibt nur Enttäuschungen. Besser wäre, sich eine andere Idee von der Liebe zu machen. Zum Beispiel: Liebe ist gelegentlich Harmonie und gute Gefühle, des Öfteren aber Ärger und Streit. Das prägt jetzt unsere Erwartungen an eine Beziehung und färbt ab auf die Erfahrungen, die wir machen. In diesem Fall null Enttäuschung.

BRIGITTE WOMAN: Trotzdem hängen wir der Idee der romantischen Liebe nach und versuchen lieber, den Menschen an unserer Seite zu verändern. Warum entwickeln gerade Frauen dabei so eine unglaubliche Energie und Ausdauer?

Prof. Dr. Wilhelm Schmidt: Sagen wir es mal so: Frauen agieren, Männer resignieren. Frauen gehen raus aus sich. Sie sagen dem Partner, was sie wollen, ackern rum im der Hoffnung, dass sich doch was verändert. Männer sagen vielleicht auch mal, dass sie sich bei der Partnerin eine Veränderung wünschen, möglicherweise auch mit Nachdruck, aber wenn dann keine Reaktion kommt, ziehen sie sich häufig zurück und suchen sich Ersatz. Das muss nicht zwingend eine andere Frau sein, das kann auch der Computer sein oder irgendein anderes Spielzeug, aber sie werden sich sozusagen innerlich von ihrer Frau verabschieden.

BRIGITTE WOMAN: Und wenn er sich tatsächlich gern mal in Außenbeziehungen flüchtet: Unter welchen Vorzeichen ist es eine kluge Entscheidung, Seitensprünge auszusitzen?

Prof. Dr. Wilhelm Schmidt: Hilfreich ist, sich klarzumachen, dass es keinen absoluten Begriff von Treue gibt. Das ist stark kulturell und individuell abhängig. Insofern sollte über die Art der Treue gesprochen werden zwischen den Beteiligten. Wichtig ist, sich an die Treue, die dem anderen abverlangt wird, selbst zu halten. Und Treue hat immer auch mit der Treue zu sich selbst zu tun. Sprich: Welche Werte sind für mich und mein Leben unverzichtbar? Wie kann ich ihnen treu bleiben? Wenn eine Frau sich selbst treu bleibt und keinen ihrer grundlegendsten Werte verletzt, was auf Dauer ganz sicher nicht gutgehen würde - warum dann nicht sagen: Soll er doch machen, was er will?

BRIGITTE WOMAN: Vielleicht, weil es in den meisten Fällen mit großer Verlustangst einhergeht.

Prof. Dr. Wilhelm Schmidt: Wichtig ist: Ich muss den Eindruck haben, dass ich für den anderen attraktiv bin. Soll heißen, er geht nicht achtlos an mir vorbei. Sondern er schenkt mir einen Blick, er schenkt mir eine Geste, er schenkt mir Gehör. Auch seinen Körper. Wenn all das in ausreichendem Maße da ist, möglichst in erfüllendem Maße, dann können wir unglaublich viel aushalten, wenn der andere zeitweise Dinge macht, die uns nicht so gut gefallen.

BRIGITTE WOMAN: Eine Frau raucht, ihr Partner kann es nicht ertragen, die Beziehung droht daran zu scheitern. Was läuft falsch?

Prof. Dr. Wilhelm Schmidt: Irgendwas passt immer nicht. Wenn es das Rauchen nicht wäre, wäre es etwas anderes. Vielleicht suche ich ja nur nach einem unverdächtigen Ausweg aus der Beziehung. Das machen Männer sehr gern, das kann ich Ihnen aus Erfahrung sagen. Nicht einzugestehen, dass ich nicht mehr mag, sondern zu sagen: Es gibt ganz bestimmte Gründe, und leider habe ich deswegen keine Wahl. Männer neigen dazu, ungern Verantwortung zu übernehmen für das, was sie tun und lassen.

BRIGITTE WOMAN: Ein gängiger Vorwurf lautet: Wenn du weiterhin rauchst/trinkst/frisst/fremdgehst, dann liebst du mich nicht genug.

Prof. Dr. Wilhelm Schmidt: Und die Wahrheit dahinter ist: Ich liebe dich nicht mehr genug. Das Problem liegt nicht beim anderen. Ich kann doch gar nicht wissen, wie es im anderen aussieht. Ich kann nur von mir sprechen. Es gibt ein Grundproblem modernen Liebens, das darin besteht: Alle wollen geliebt werden, aber weitaus weniger Menschen wollen selbst lieben. Geliebt werden ist bequemer. Lieben ist eine Investition, modern gesprochen. Wir investieren in hohem Maße Energie. Und das ist ein Aufwand. Ist doch besser, ich halte den Aufwand in Grenzen, erwarte aber vom anderen, dass er Energie investiert.

BRIGITTE WOMAN: Aber geht es nicht auch um Macht? Indem ich den anderen entwerte, bringe ich mich selbst in eine stärkere Position.

Prof. Dr. Wilhelm Schmidt: Macht spielt immer eine Rolle in Liebesbeziehungen. Und ich plädiere dafür, dass wir uns dazu auch bekennen und uns nicht wechselseitig was vormachen. Macht kommt ins Spiel, wenn der andere etwas nicht so will, wie ich es will. Ich will, dass der andere nicht mehr raucht? Freiwillig macht er das nicht, also lasse ich mir was einfallen, was ihn in die richtige Richtung lenkt. Nämlich die Liebe selbst als Macht einzusetzen. Zu sagen: Ich nehme die Liebe jetzt mal etwas zurück. Wenn du mit Wünschen zu mir kommst - zum Beispiel heute Abend mal früher zusammen ins Bett zu gehen -, dann habe ich leider gerade heute einen dringenden Termin. So zeigen wir dem anderen die Daumenschrauben, wie im Mittelalter die Inquisition. Und dann drehen wir so lange, bis Blut kommt.

BRIGITTE WOMAN: Woraufhin der andere erst mal wütend eine rauchen geht.

Prof. Dr. Wilhelm Schmidt: Ja, sicher, in einer Beziehung muss immer Polarität, also Gegensätzlichkeit, herrschen. Wenn der eine sagt: nicht rauchen, dann muss der andere rauchen. Wenn der eine sagt: abnehmen, dann muss der andere zunehmen.

BRIGITTE WOMAN: Das klingt nicht sehr ermutigend.

Prof. Dr. Wilhelm Schmidt: Tut mir leid, ich verstehe, dass das Unmut nach sich zieht, aber alle wissen es, alle kennen es: Wir müssen ständig gegensätzliche Positionen beziehen. Warum? Weil das Leben das so will. Warum will das Leben das so? Weil das Leben Spannung will, um Leben sein zu können. Das ist etwa so wie bei elektrischem Strom: Wenn Sie die beiden Pole gleichschalten, fließt kein Strom mehr. Und auch in der Liebe fließt nur Strom zwischen diesen beiden, wenn es gegensätzliche Pole gibt. Natürlich kann man das dann so überspannen, dass die Leitung durchbrennt. Ein hilfreicher Vorschlag wäre vielleicht, uns im Machtspiel gegenseitig entgegenzukommen.

BRIGITTE WOMAN: Heißt?

Prof. Dr. Wilhelm Schmidt: Wenn ich möchte, dass du mit dem Rauchen aufhörst, dann sag du mir doch, was ich für dich tun oder lassen kann, was für dich einen vergleichbaren Wert hat. Beide müssen das Gefühl haben, dass sie Macht über den jeweils anderen besitzen.

BRIGITTE WOMAN: Ist es nicht Verrat an mir selbst, wenn ich auf Dinge verzichte, an denen mir sehr gelegen ist?

Prof. Dr. Wilhelm Schmidt: Natürlich kann ich den anderen bitten, sich mit einigen meiner Gewohnheiten zu befreunden, weil die mir lieb und teuer geworden sind. Aber es braucht ein Entgegenkommen. Anderenfalls leben nur zwei Singles miteinander. Dafür müssen wir nicht in Beziehungen sein. Beziehung heißt immer auch, sich aneinander abzuschleifen. Und dadurch ja auch umgänglicher zu werden. Nicht nur miteinander, sondern auch mit anderen Menschen, beispielsweise im Job. Wer das nicht möchte, sollte besser allein bleiben. Wogegen nichts spricht, das ist deutlich entspannter.

BRIGITTE WOMAN: "Überwiegt das Bejahenswerte, wird die Beziehung immer von Neuem wertvoll", schreiben Sie in Ihrem neuen Buch. Ist dieses Bejahen eine Art Rettungsanker, wenn uns der andere gerade von Herzen nervt?

Prof. Dr. Wilhelm Schmidt: Ich fürchte, wir kommen daran nicht vorbei. Unter modernen Bedingungen wird die Beziehung nicht mehr von außen gehalten. Früher hat die Religion gehalten, die Gesellschaft, die Familie. All das ist ersatzlos weggefallen. Diese Kräfte können wir nur noch von innen bereitstellen, mit einer Entscheidung, die jede und jeder für sich selbst trifft. Ein Ja zum anderen ermöglicht ein großes Wohlwollen für ihn.

BRIGITTE WOMAN: Das zu kultivieren scheint oft schwerer, als sich eine neue Beziehung zu suchen.

Prof. Dr. Wilhelm Schmidt: Da haben moderne Menschen ein Problem, das neu ist in der Geschichte. Früher hatten Menschen kaum Möglichkeiten. Die gelockerte Moral hat den Horizont der Möglichkeiten plötzlich extrem weit aufgemacht. Aber unser Bewusstsein ist noch nicht mitgekommen. Wir sind nicht gewohnt, mit vielen Möglichkeiten umzugehen. Wahrscheinlich liegt die Lösung darin, dass wir freiwillig darauf verzichten, viele Möglichkeiten zu realisieren...

BRIGITTE WOMAN: ...und uns von ein paar Träumen verabschieden?

Prof. Dr. Wilhelm Schmidt: Das ist nicht zu umgehen, denn Wirklichkeit ist niemals identisch mit Möglichkeit. Egal, welche andere Möglichkeit ich wähle, ich müsste doch verschmerzen, dass ich dafür wieder andere Möglichkeiten brachliegen lassen muss. Das ist ein Spiel ohne Ende. Wer es spielen möchte: Ich wünsch ihm viel Glück.

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Wilhelm Schmid: "Die Liebe neu erfinden" (399 Seiten, 19,90 Euro, Suhrkamp). Mehr über Prof. Dr. Wilhelm Schmid erfahren Sie auf seiner Website www.wilhelm-schmid.de

Interview: Christine Hohwieler Foto: Laif plus
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