Ja, es gibt sie - Regeln für die Liebe

Schrei nicht so rum! Hör auf zu nörgeln! Hör zu, wenn ich mit dir rede! Nicht nur Kinder brauchen Regeln, auch die Liebe.

Wenn man mich nach 16 Jahren Muttersein fragen würde, was es heißt, Kinder zu erziehen, würde ich antworten: "Lieb haben, lieb haben, noch mal lieb haben!" Und dann: "Jahrelang die immer gleichen Benimmregeln predigen: Schrei nicht so rum. Geh in dein Zimmer, bis du dich beruhigt hast. Hör auf zu nörgeln. Sag ruhig, was du willst. Hör zu, wenn jemand mit dir redet. Jeder macht mal einen Fehler. Entschuldige dich, wenn dir einer passiert ist. Sag bitte und danke. Flipp nicht gleich aus, wenn mal was nicht so läuft, wie du es dir vorstellst." Natürlich predige ich nicht nur, ich versuche, Vorbild zu sein. Ich glaube, das gelingt mir einigermaßen. Einen Menschen gibt es allerdings, dem gegenüber es mir eine Zeit lang schwerfiel (und ab und zu immer noch schwerfällt), mich so zu benehmen, wie ich es von meinen Kindern erwarte. Das ist: mein Mann.

Meinen Mann behandle ich anders als meine Kinder

Wir nörgelten aneinander rum.

Schon ewig sind wir ein Paar. Niemand ist mir näher als er. Niemanden habe ich in den letzten 23 Jahren öfter lauthals beschimpft, bemäkelt, ungeduldiger, unsachlicher, vorwurfsvoller behandelt als ihn. Vermutlich deshalb, weil ich im Laufe unserer Beziehung einem weit verbreiteten Missverständnis erlegen bin, das behauptet: Liebe = Vertrauen = Ich brauche mich nicht zu verstellen = Ich muss mich nicht zusammenreißen = Ich darf meinem Partner allen Frust vor die Füße kotzen, so oft und wann immer mir danach ist. Besonders oft war mir danach, als die Kinder klein waren und mein Glaube daran groß, dass ich viel zu viele und mein Mann zu wenig familiäre Pflichten übernähme. Wir stritten uns häufig. Ich nörgelte regelmäßig an ihm herum. So oft und ausdauernd, dass er, den ich bis dahin für einen ausgeglichenen Mann gehalten hatte, eine ausgeprägte Nörgelallergie entwickelte. Fortan genügten kleinste Nörgelei-Partikel in der heimischen Atmosphäre (vertiefte Nasenwurzelfalten meinerseits), um bei ihm Schnappatmung auszulösen: "Was passt dir nun schon wieder nicht?"

Er fühlte sich ungerecht behandelt und reagierte wütend. Ich fühlte mich unverstanden und fing an zu heulen. Wir vertrugen uns immer wieder, aber die Grundstimmung war chronisch gereizt. Bis er eines Tages, nachdem ich wieder einen Krach angezettelt hatte, plötzlich innehielt und sagte: "Übrigens, ich verspreche dir hiermit, dass ich dich niemals wegen einer jüngeren Frau mit strafferen Brüsten sitzenlasse." Kurze Pause. "Wenn ich dich eines Tages verlasse, dann ganz einfach deshalb, weil ich dich nicht länger ertrage!"

Ich verstummte. (Das saß.) Dann musste ich lachen. (Egal, wie blöd ich meinen Mann gerade finde, seinen Humor finde ich fast immer großartig.) Dann nahm ich seine Warnung mit in den Alltag, dachte nach und kam zu einer Erkenntnis, die so banal war, dass es mir heute schleierhaft ist, warum ich viele Beziehungsjahre brauchte, um darauf zu kommen: Alle Menschen, die ich kenne (mich eingeschlossen), hassen es, wenn man ständig auf ihnen und ihren Unzulänglichkeiten herumhackt. Jeder Mensch wünscht sich, gut behandelt zu werden. Warum sollte es ausgerechnet jenem Mann, mit dem ich zusammenlebe, anders gehen?

Ich kannte mich gut genug, um zu wissen: Es würde mir nicht gelingen, per Beschluss eine aus tiefem Herzen geduldige, großherzige, nachsichtige Ehefrau zu werden. Was ich aber beschließen konnte, war, mich besser zu benehmen. Ich würde mich von nun an zwingen, umgänglicher zu sein. Erste Maßnahme: Nicht mehr sofort losbollern, wenn mir was nicht passt, sondern nach Ärger-Anlass immer mindestens einen halben Tag warten bis zum Ärger-Ansprechen. Zweite Maßnahme: Den Mann nicht immer nur kritisieren, sondern auch mal loben.

Die ultimativen Tipps für alle, die Partnerschaftskrisen satt haben

Insgesamt 106 solcher Verhaltensregeln hat die US-amerikanische Psychologin und Paartherapeutin Harriet Lerner in ihrem Buch "Beziehungsregeln: Die ultimativen Tipps für alle, die Partnerschaftskrisen satt haben" formuliert. Ihr Ratgeber ist keine Anleitung für tiefschürfende Beziehungsanalysen. Er gibt schlicht verhaltenstherapeutische Tipps, die helfen, bei Beziehungsproblemen Haltung zu wahren. Denn das Lösen solcher Probleme, so Lerner, fällt jenen Paaren deutlich leichter, die es trotz aller (vieleicht sogar dramatischen) Differenzen schaffen, höflich, beherrscht und halbwegs sachlich miteinander umzugehen.

Regeln bedürfen keiner langatmigen Erläuterungen. Meist reichen der Autorin ein, zwei Seiten, um ihren Sinn und Zweck zu erklären. Bei vielen Kapiteln weiß man bereits beim Lesen der Überschrift, was sie meint - und dass sie recht hat: Egal, wie kompliziert es gerade ist zwischen zwei Menschen, eine schlichte Wahrheit bleibt in jeder Lebenslage gültig: Schreien und Toben helfen nicht weiter.

Unter den 106 Regeln, so Lerner, solle man "die für Sie wichtigsten und bedeutsamsten Regeln aus­wählen und sie langfristig be­folgen". Dann "erhält Ihre Be­ziehung eine ausgezeichnete Erfolgschance". Denn das jeweili­ge Verhalten, das Lerner für viele paartypische Konfliktsituationen empfiehlt, ist Ausdruck von Re­spekt gegenüber dem Partner. Und Respekt (nicht etwa: Ich-lasse­-ganz­-authentisch­-die­-Sau­-raus - das muss man sich wirklich mühsam abgewöhnen) ist nun einmal der größte Liebesbeweis, die wich­tigste Voraussetzung für eine sta­bile Langzeitbeziehung. Für mich sind die Tipps am bedeutsamsten, die meine dominante, impulsive und oft lautstarke Persönlichkeit in geregelte Bahnen lenken.

Dann stelle ich mir vor, in unserem Gästezim­mer säße lauschend ein englischer Gentleman.

Immerhin - auf Regel Nr. 10 ("Verändern Sie sich als Erste") und Nr. 3 ("Erst tief durchatmen, dann reden") bin ich damals, als ich beschloss, eine nettere Ehe­frau zu werden, auch ohne Har­riet Lerner gekommen. Regel Nr. 81 ("Bleiben Sie locker, auch wenn Sie Ihren Standpunkt ent­schieden vertreten") beherrsche ich inzwischen recht ordentlich. Nr. 19 ("Nur eine Kritik am Tag") missachte ich gelegentlich. Gro­ße Probleme bereitet mir Nr. 15: "Reden Sie weniger." Würde ich ja gern. Aber irgendwo muss der Druck ja hin: Wenn ich der guten Sitten halber schon nicht mit ei­nem lauten Knall explodieren darf, muss ich den Dampf eben langsam, Satz für Satz, ablassen. Regel Nr. 59 hat Harriet Lerner speziell für Männer entwickelt: "Schärfen Sie Ihr Bewusstsein für die Wäsche." Damit meint sie, was meinem Mann beizubringen mich Jahre kostete: dass ich ihn besonders unwiderstehlich finde, wenn er mich rettet vor der bösen Überforderung durch Haushalt und Familie. Harriet Lerner emp­fiehlt ganz pragmatisch: "Wenn Sie Sex mit der Mutter Ihrer Kin­der haben wollen, dann versu­chen Sie Folgendes: Beteiligen Sie sich an der Hausarbeit."

Meine Lieblingsregel aber ist Re­gel Nr. 43: "Legen Sie sich einen distinguierten britischen Haus­gast zu." Es kommt nicht mehr allzu oft vor, aber ab und zu denke ich immer noch, dass es mir dies­mal wirklich unmöglich ist, nicht auszurasten. Dann stelle ich mir - wie von Harriet Lerner empfoh­len - vor, in unserem Gästezim­mer säße lauschend ein englischer Gentleman (zum Beispiel der Earl of Grantham aus der TV-­Serie "Downton Abbey"): Schon schaf­fe ich es, mich zu beherrschen.

Und siehe da, es funktioniert!

Nachdem ich mir auferlegt hatte, ein wenig Zeit ver­gehen zu lassen, bevor ich losmaule, passierte Erstaunliches: Die meisten Anlässe, die mich akut zum Brodeln gebracht hatten, vergaß ich im Laufe des Tages wieder. Selbst wenn ich mich noch erinnerte, hielt ich meist den Mund, weil meine Wut verpufft war und es mir albern vorkam, mit einem halben Tag Verspätung darüber reden zu wol­len, dass mein Mann (mal wieder) die (meiner Meinung nach) fal­sche Tomatensorte gekauft hatte. Gab es doch einmal ein Thema, das mir auch noch abends oder am nächsten Morgen auf dem Herzen lag, schaffte ich es, es so ruhig anzusprechen, dass mein Mann nicht sofort aus Notwehr die Ohren zuklappte. "Was ist los mit dir? Du bist so komisch entspannt", sagte er irgendwann. "Kiffst du heimlich oder so?"

Auch der Vorsatz, zu loben und zu danken, bewirkte ein kleines Wunder: Er lenkte meinen Blick auf das, was gut lief - davon gab es mehr, als ich bis dahin wahrge­nommen hatte. Früher hatte ich, wenn mein Mann mal das Abend­essen zubereitet hatte, gedacht: "Na also, geht doch! Warum nicht öfter?" Jetzt sagte ich: "Toll, dass du für uns gekocht hast, du Super­typ, vielen Dank!" Beim ersten Mal guckte der Supertyp, als sei ich irre geworden. Nach einer Weile begann auch er, sich bei mir fürs Essenmachen zu bedanken. Peinlich, aber wahr: Das tat mei­ner nach Anerkennung dürsten­den Ehefrauenseele sehr gut. (Längst danken auch die Kinder, wenn einer von uns etwas Leckeres auf den Tisch stellt - und bekochen uns sogar gelegentlich freiwillig, weil auch sie gepriesen und gelobt werden wollen.) Das Leben kann so viel einfacher sein, wenn man verstanden hat: Gutes Benehmen ist ansteckend, auch in Beziehungen.

Text: Friederike Dithmer
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