Die Frau meines Geliebten: Wer ist sie eigentlich?

Obwohl sie seit einem Jahr zu meinem Leben gehört, kenne ich den Namen der Frau meines Geliebten nicht. Er sagt nur "sie". Dabei ist er mit ihr verheiratet.

Von ihrem Äußeren habe ich nur eine vage Vorstellung, ich habe sie einmal auf einem unscharfen Foto von hinten gesehen, sie hat blondes Haar und wirkt kleiner als ich. Sie sei schön, sagt mein Geliebter.

Wer will schon einer anderen Frau ihren Mann wegnehmen? Absichtlich passiert das wohl selten. Was zwischen ihm und mir geschehen ist, hatten wir beide nicht angestrebt. Im Gegenteil: Als ich erfuhr, dass er seit vielen Jahren verheiratet ist, drehte ich mich auf dem Absatz um und ging. Doch es war eine schöne, sanfte, nachdrückliche Kraft, die uns zueinandertrieb, es hätte enormen Willen erfordert, ihr zu widerstehen. Obwohl wir absolut entzückt voneinander waren - und sind -, zögerte er ein halbes Jahr, bevor er mich zum ersten Mal küsste. Bis dahin hatte ich die Existenz seiner Frau verdrängt.

Das kann ich jetzt nicht mehr. Denn er kehrt fast jeden Abend zu ihr zurück in das Haus, in dem sie seit Jahrzehnten leben, in dem ihre Kinder groß wurden. Das eheliche Schlafzimmer befindet sich im ersten Stock, mehr weiß ich darüber nicht. Ich weiß auch nicht, von wo mein Liebster seine Mails an mich verfasst, vielleicht sitzt er dabei auf dem Sofa, während sie an ihm vorbeigeht, wenn es an der Haustür klingelt. Vielleicht hat er manchmal Sorge, dass sie mit einem Seitenblick auf den Bildschirm erkennen könnte, dass er keineswegs beruflich beschäftigt ist. Vielleicht kommen sie sich aber längst nicht mehr so nah, dass das möglich wäre.

Gewissensbisse, weil ich ihr den Mann abspenstig mache, habe ich nicht. Auch hege ich keine feindseligen Gefühle ihr gegenüber, muss sie nicht schlecht machen, um meine Berechtigung, ihren Mann zu lieben, zu erhöhen. Würde er ihr wirklich gehören, sofern man es so überhaupt ausdrücken darf, hätte er sich nicht nach mir umgesehen, denn er ist alles andere als ein Hallodri. Und noch ein Klischee bleibt unerfüllt: Ich bin keine 20 Jahre jünger als die andere, sondern nur vier.

Kennen lernen werde ich sie wohl nie, ich kann mir auch nicht vorstellen, dass sie ihrerseits Wert darauf legte. Offiziell ahnt sie nichts von mir und der Bedrohung, die meine Existenz für ihre Ehe ist, für ihr scheinbar festgefügtes Leben als Teil eines Paares. Denn das wäre bald vorbei, wenn ihr Mann sich auch räumlich so weit von ihr entfernen würde, wie er es emotional schon vor unserer Begegnung getan hat.

Bisher hat er ihr nicht gestanden, dass er mich liebt oder gar von ihr wegstrebt. Inoffiziell muss sie es wissen. Keiner Ehefrau kann verborgen bleiben, dass ihr Mann plötzlich Sport treibt, zehn Kilo abnimmt, stündlich offenbar vertrauliche E-Mails schreibt, ständig sein Handy auf Kurznachrichten überprüft, öfter als sonst nachts wegbleibt. Anders als früher nimmt sie das heute stillschweigend hin - vielleicht, weil sie Angst hat vor der Wahrheit.

Selten stelle ich mir vor, wie das tägliche Eheleben mit diesem trotz seiner Unsichtbarkeit mächtigen Nichts-sehen-nichts-sagen-Tabu offene Gespräche unterbindet, liebevolle Spontaneität unterläuft, Zukunftspläne unmöglich macht, Spannungen erzeugt, die sich bestenfalls im Streit über Nebensächlichkeiten entladen. Die andere muss sehr allein sein, während sie spürt, dass er es nicht ist. Sie müsste sehr viel Kraft aufbringen, ihren Mann mit der Wirklichkeit zu konfrontieren, die er verleugnet.

Dass sie es nicht tut, kann ich nachvollziehen. Es ist ausgeschlossen, dass er zu ihr zurückfindet. Ihre Liebe zueinander war schon vor meinem Auftauchen nicht besonders innig, zusammengehalten wurde das Paar durch seine Kinder. Offenbar hat sie sich mit diesem Zustand der heruntergedimmten Gefühle, der in vielen Ehen nicht ungewöhnlich ist, abgefunden oder wollte nie mehr, sonst wäre sie längst weg. Ich habe kein Recht, das zu kritisieren, denn Liebe hat nicht für alle Menschen unter allen Umständen oberste Priorität.

Würde sie ihn zur Rede stellen, liefe sie Gefahr, eine Geschiedene zu werden. Sie wäre gegen ihren Willen gezwungen, scheinbar in Stein gehauene Verhältnisse aufzugeben, ihren Kompass neu auszurichten, und das in einem Alter, in dem es nicht leicht ist, einen neuen Partner zu finden.

Sie würde nach Feierabend in ein leeres Haus zurückkehren, die bewährten Freundeskreise würden sich neu mischen, es wäre nicht länger selbstverständlich, zu Weihnachten die Schwiegermutter zu besuchen. Womöglich würde sie von Paaren nicht mehr eingeladen, hätte niemanden, der die Mineralwasserkisten ins Haus trägt und sich um die Heizung kümmert. Sie würde zu dem, was ich seit Langem bin. Und nicht länger sein möchte.

Dass mein Liebster seine Frau im Unklaren lässt, statt Konsequenzen zu ziehen, verstehe ich auch, obwohl ich es nicht gutheiße. Natürlich will ich, dass er uns alle aus der Schieflage erlöst, in der zumindest wir beide nur halb glücklich sind. Doch die Macht der Gewohnheit zu brechen, die über Jahrzehnte zwei Menschen nahezu untrennbar verlötet und verschweißt hat, löst auch bei ihm große Angst aus, wenn nicht Panik.

Es wäre mehr als ein Beziehungsbruch. Gemeinsam haben sie ihre Ausbildungen abgeschlossen, sie haben Kinder bekommen, in einer kleinen Wohnung zusammengehockt, Karriere gemacht, Haus gebaut, Eltern alt werden sehen, Beinbrüche überstanden, Konto geteilt, Triumphe genossen und Niederlagen verschmerzt. Mit seiner Frau bliebe sein ganzes bisheriges Leben zurück, seine Geschichte, in der er bestens Bescheid weiß, auch wenn darin etwas fehlte, was er bei mir gefunden hat. Doch selbst wenn wir wissen, dass wir füreinander geschaffen sind, ist unsere Zukunft noch ein leerer Rahmen.

Erzähle ich von meinem großen Glück, ohne zu unterschlagen, dass mein Mann noch mit seiner Frau lebt, ernte ich zweifelnde Blicke, manchmal verächtliche. Du bist nur eine Zweitfrau, die sich in Einbildung wiegt, und wirst es ewig bleiben, sagen sie wortlos. Und weil es ist, als würde ich mich selbst herabsetzen, und das Gegenteil nicht beweisen kann, mich vom Zweifel nicht anstecken lassen möchte, ziehe ich es oft vor, das Geheimnis zu hüten. Es ist dieser Status des langjährigen Verheiratetseins, der ihr, der anderen, eine öffentliche Ehrwürdigkeit und Rechtmäßigkeit verleiht, die ich nicht habe, egal, wie es innen aussieht.

Eigentlich wollen wir das Gleiche: mit diesem Mann leben. Und wir halten beide denselben Zustand aus - dass er sich zwar entschieden hat, aber nicht bereit ist, zu handeln. Eine von uns wünscht inständig, dass er es eines Tages tut. Die andere hofft, dass seine Eskapade eine Fußnote ihrer ehelichen Geschichte bleibt und dass sie die Situation aussitzen kann. Beide bedrängen wir ihn nicht, um nur ja kein Porzellan zu zerschlagen. Doch auch wenn un-sere Beweggründe unterschiedlich sein mögen: Weder die andere noch ich werden uns aus freien Stücken von ihm trennen.

Protokoll: Elisabeth Ligensa Foto: Wavebreak Media Ltd./Corbis Umfrageergebnisse: www.seitensprung.de BRIGITTE WOMAN 01/2013
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