Singles und Sex - Freude oder Gefühlschaos?

Endlich wieder Sex, und wenn es nur für eine Nacht ist: Das wünschen sich viele Singles. Aber geht das ohne Gefühls-Chaos?

Meine Freundin Claudia ist das, was man eine Powerfrau nennt. Sie hat einen gut bezahlten, aber anstrengenden Job, zwei Kinder, und sie lebt seit Jahren als Single, unfreiwillig. Während der Arbeit und zu Hause reißt sie sich zusammen. Doch wenn ich mit ihr jogge, sehe ich, wie es ihr wirklich geht. Oft ist sie müde, traurig, einsam. Denn obwohl Claudia ihr Leben zu schätzen weiß, fehlt ihr auch viel. Und vor allem: ein Mann. Ein Partner, der sie im Alltag stützt, der ihr psychologisch und finanziell Verantwortung abnimmt. Einer, der sie liebt, mit ihr redet und lacht. Und einer, mit dem sie ihre ganze sexuelle Leidenschaft teilen kann. Claudia ist eine sehr sinnliche Frau. Doch ihre Lust und ihr Begehren liegen brach, mehr oder weniger, seit sechs Single-Jahren. Wie sehr Claudia etwas fehlt, wenn es ihr besonders fehlt, sehe ich an ihrem Gesicht: Die Mundwinkel hängen, die Stirn ist gekräuselt, die Augen sind leer.

Neulich sind wir gelaufen, und Claudia strahlte. Von innen heraus, ihre Mundwinkel zeigten nach oben, die Stirn war glatt, die Augen glänzten. Sie war beeindruckend schön an diesem Tag. Beseelt.

"Ich will wilden Sex."

"Ich hatte Sex", sagte sie lachend und umarmte mich. "Wilden Sex. Ich habe am letzten Wochenende in einer Nacht dreimal hintereinander mit einem schönen Mann geschlafen, er hat mir die Kleider vom Leib gerissen, wir haben uns auf dem Boden gewälzt und ohne Ende geküsst, er konnte herrlich küssen." Ich konnte körperlich spüren, was Claudia erlebt hatte. Es übertrug sich. Sie atmete mit jeder Pore, dass jemand sie angefasst hatte, ihr nahe war, ihr unter die Haut gegangen ist. Claudia war das pure Leben an diesem Tag. Sex ist ein Lebenselixier, dachte ich ehrfürchtig. "Ist es denn etwas Ernstes?", wollte ich wissen. "Nein", sagte Claudia. "Er hat mich in einer Bar angesprochen, er ist jünger als ich, er hat eine Freundin. Er wollte zwar meine Handynummer haben, doch ich bin sicher: Der ruft nicht an. Das war nur ein One-Night-Stand."

Claudia sah mein sorgenvolles Gesicht. Ich biss mir zwar auf die Zunge, aber Claudia wusste genau, was ich dachte: Sie braucht Sex, gewiss, doch sie ist eine zarte und treue Seele. Claudia kann Sex nicht ohne Liebe. Doch Liebe hat viele Gesichter. Vielleicht war das mit diesem Mann eine Art von Liebe. Für ein paar Stunden.

Eine Beziehung war es auf keinen Fall. Und Claudia versteht unter Liebe eine Beziehung. Halt, Dauer. Claudia sah mir meine Bedenken an der Nasenspitze an. "Keine Sorge", beruhigte sie mich, "ich habe den Sex genossen. Schluss und aus. Wie heißt es so schön? Carpe diem. Genieße den Tag. Ich habe mich verändert, ich kann das jetzt."

Eine Woche später sah die Welt wieder anders aus. Düster. Nichts mehr mit "Carpe diem". Der Mann, auf den Claudia sich angeblich keine Hoffnungen gemacht hatte, war wirklich nach der heißen Nacht aus ihrem Leben verschwunden, ohne jedes Zeichen, ohne eine SMS oder einen Anruf. Claudia war am Boden zerstört. Das pralle Leben, das der Sex mit diesem Mann in sie gehaucht hatte, war verpufft. Die Mundwinkel hingen wieder, die Stirn lag in Falten, die Augen waren traurig. Können Frauen das nicht: Sex ohne Liebe?

Claudia ist nicht die Einzige, die damit immer wieder auf die Nase fällt. Nur wenige Frauen bekommen das hin. Unverbindlichen Sex. Viele versuchen es. Weil sie lange allein sind, sich früher oder später denken: lieber den Spatz in der Hand als die Taube auf dem Dach. Lieber Sex mit einem Mann, mit dem ich keine Beziehung haben kann oder will, als gar keinen Sex. Das ist vernünftig. Aber vielleicht eine Kopfgeburt.

Sex mit einem Mann ist durch nichts zu ersetzen.

"In meiner Praxis treffe ich nur wenige Frauen, die Sex und Liebe trennen können, die das sogar brauchen, die sich einen Mann ins Haus holen und ihn 'danach' locker wieder ziehen lassen", sagt die Hamburger Verhaltenstherapeutin Dr. Julia Peirano. "Aber die meisten Frauen können sich erst fallenlassen, wenn ihnen jemanden vertraut ist, sie sich ihm seelisch und geistig verbunden fühlen."

Ich habe ein paar Wochen gebraucht, um Claudia wieder aufzubauen. Ihr größter Kummer war, dass sie meinte, sie hätte sich ernsthaft und unsterblich in diesen Mann verliebt. Ich habe mir den Mund fusselig geredet, dass das gar nicht möglich sei. Nach einer Nacht. Dabei weiß ich: Es ist durchaus möglich. Ein Frau schüttet nach dem Sex das Bindungshormon Oxytocin aus. Dann ist sie nicht mehr Herrin ihres Verstandes.

Selbst wenn die Physis schweigt, gibt die arme Seele keine Ruhe mehr. Der Verstand mischt sich ein, er flüstert: "Das war wunderbar: Sex. Darauf musstest du seit Jahren verzichten. Einmal ist zu wenig. Sex mit einem Mann ist einfach durch nichts zu ersetzen, durch keine Selbstbefriedigung, durch nichts. Allein das Küssen. Du kannst dich doch nicht selbst küssen." Da kann die andere Stimme noch so laut "Carpe diem!" tönen. Die Sehnsucht ist da. Nach mehr. Der Schmerz ist da. Das Selbstmitleid.

Ich finde das nicht ungewöhnlich. Wenn etwas gut war, will der Mensch mehr. Das ist eine anthropologische Grundkonstante. Und: Sex zu haben heißt intim sein. Sex ist etwas anderes als Händeschütteln. Eine Frau lässt einen Mann in sich "hinein", das ist ein intimes Wagnis. Manche Frauen glauben, sie müssten in der Hinsicht cool sein, obwohl sie es nicht sind. "Ich hole mir, was ich brauche", hat mir eine Kollegin gesagt, die kaum verstehen konnte, warum eine Frau ohne Sex lebt. Gierige Männer gäbe es an jeder Straßenecke.

Ich habe einmal einen Mann, mit dem ich einen One-Night-Stand hatte, Monate später beim Bäcker getroffen. Er kaufte ein Brötchen. Er nickte mir freundlich zu, ich grüßte zurück. Ich schämte mich. Ich dachte: Er war in dir drin. Ich fand die Vorstellung eklig. Dabei bin ich wirklich nicht verklemmt.

Doch wie hilft man sich, wenn man jahrelang allein lebt? Wenn man sich nach Sex sehnt, nach Körperlichkeit? Ist Masturbation die Lösung? Oder sollte man "stattdessen" einen Apfel essen? "Erotik heißt das Zauberwort", sagt Therapeutin Julia Peirano. "Gerade weil Frauen so sensibel sind und Körperlichkeit ganzheitlich erfahren können und wollen, bietet sich ihnen ein erstaunliches Spektrum an Möglichkeiten."

Regelmäßige Massagen zum Beispiel. Oder tanzen, Tango, das ist der Königsweg gegen körperliche Einsamkeit. "Außerdem ist es wichtig, unabhängig von erotischen Gefühlen mit Männern in sozialem Kontakt zu sein", empfiehlt Julia Peirano. "Einer, der mit ihr ins Kino geht, einer, der ihr den Rasen mäht, einer, der ihr sagt, wie toll sie ist. Verehrer. Eine Frau braucht männliche Energie in ihrem Leben. Einen platonischen Harem."

Es muss Kommunikation da sein, Wertschätzung, Respekt.

Und wenn man doch Sex haben möchte, bevor man den Mann trifft, mit dem eine Beziehung möglich ist? Schließlich kann das dauern. Unter welchen Bedingungen kann Sex ohne Liebe, eine Affäre, gelingen?

Julia Peirano: "Eine kluge Frau muss irgendwann erkennen, ob sie eine Affäre aushält oder nicht. Ab und zu Sex, ohne eine konventionelle Beziehung, ohne Treueanspruch, ohne Zukunftsaussichten. Casual Sex, Gelegenheitssex, nennt man das. Wenn eine Frau das emotional nicht kann, sollte sie besser die Finger davon lassen."

Sind die Bereitschaft und auch der Mut dazu da, braucht es jedoch einen gewissen Rahmen, Verbindlichkeiten, Verabredungen mit dem Mann. Er kann nach einem Zusammensein nicht einfach verschwinden, nichts von sich hören lassen, dann plötzlich wieder vor der Tür stehen. Das ist nicht auszuhalten. "Es muss Kommunikation da sein, Wertschätzung, Respekt", sagt Julia Peirano. "Dazu gehört ein Gruß zum Geburtstag ebenso wie ein Anruf. Mitmenschliches Verhalten."

Claudia hat auch das schon versucht. Eine "verbindliche" Affäre mit Kommunikation und Nettigkeiten mit einem verheirateten Mann, der in seiner Ehe zu kurz kam und dessen Frau von seiner starken Libido genervt war und ihm deshalb sogar zugestanden hat, sich außerhalb der Ehe sexuelles Vergnügen zu suchen. Eine Weile hat es geklappt. Doch dann hat Claudia sich verliebt, noch heftiger als nach dem One-Night-Stand mit dem schönen Mann. "Wir hatten ausgemacht, keine Liebe, keine Beziehung. Nur Sex, aber mit Netz und doppeltem Boden. Es half nichts. Ich bin die Geliebte, die liebt", sagt Claudia selbstironisch. Auch diese Form von Sex ohne Beziehung ging in die Binsen.

Singles und Sex - wissen, was man will

Der "schöne Mann" hat sich ein halbes Jahr später wieder bei Claudia gemeldet. Er war frei, wollte sie unbedingt wiedersehen. Eine Chance auf Sex mit ihm, möglicherweise inklusive Beziehung. Claudia hat sich nicht darauf eingelassen. Sie sagt: "Ich habe schwer gelitten, nachdem er einfach abgetaucht ist. Solche Männer meide ich seitdem. Ich weiß jetzt, was ich brauche. Bevor ich mit einem Mann ins Bett gehe, möchte ich ihn kennen, mit ihm sprechen, mit ihm essen und trinken, spazieren gehen. Und er soll mich kennen. In der Bibel heißt es: 'Adam erkannte sein Weib.' Das bedeutet: Er hat mit ihr geschlafen. Das ist die Dimension von Sex, die ich will und die ich kann."

Zum Weiterlesen

"Der geheime Code der Liebe" von Julia Peirano und Sandra Konrad (320 S., 14,99 Euro, List 2011)

Text: Maria Schreiber Foto: Driscoll/istockphoto ein Artikel aus BRIGITTE WOMAN 03/2012
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