Macht die Ehe sexy oder schlabberig?

BRIGITTE WOMAN-Autorin Evelyn Holst ist seit 23 Jahren verheiratet - aber muss sie auch so aussehen? Eine selbstkritische Betrachtung.

Kürzlich wollte meine neue Freundin Birgit von mir wissen, ob ich beim Sex die Schuhe anbehielte. "Hä?" Ich schaute an meinen Beinen herunter, deren Füße in Schuhen steckten, in denen sich Paris Hilton noch nicht einmal begraben ließe. Vorn bequem, hinten flach, die Schuhe einer Frau, die nicht im grazilen Trippel, sondern mit energischem Stechschritt durchs Leben schreitet. Einer Ehefrau und Mutter, die seit 23 Jahren das Bett mit demselben Mann teilt. "Ich meine doch nicht diese Treter", sagte Birgit, leicht angewidert, "ich spreche von Schuhen, in denen du das attraktive Biest in dir herauskitzelst, in denen du deinen Mann scharf machst."

Womit wir bei Birgits Lieblingsthema wären. Sie findet, dass 23 Ehejahre keine Ausrede dafür sind, als Frau nicht nach wie vor das Heißeste und Schärfste aus sich herauszuholen, was unser Körper hergibt. Deshalb trägt sie auch zur Hausarbeit Overknees mit bleistifthohen Absätzen und im Winter keine kuschelige Angorawäsche unter ihrer Jeans, sondern knappste Spitzen-Dessous und im Sommer am liebsten gar nichts. "Was meinst du, wie erotisch sich das anfühlt, auch wenn es keiner weiß", meint sie und schüttelt nur den Kopf, wenn ich etwas von drohender Blasenentzündung murmele.

Birgit würde sich nie gehen lassen

Birgit ist 47 und Single, und alle ihre erotischen Antennen sind ausgefahren, ich bin 57 und Ehefrau und erinnere mich nur sehr dunkel, dass ich jemals eine Antenne hatte. Kürzlich saßen wir zusammen in der U-Bahn, als mich ein älterer Mann nervte, der mich penetrant anstarrte. "Hab ich eine Warze am Kinn oder was?", fragte ich sie. "Der flirtet mit dir, du Ahnungslose", sagte Birgit, "los, flirte zurück, zur Übung." Also verzog ich meine Mundwinkel zu einem flirtigen Lächeln, das sich so unecht anfühlte wie die Oberlippe von Chiara Ohoven. "Du siehst aus, als würde dir gleich ein Backenzahn ohne Betäubung gezogen", sagte Birgit beim Aussteigen, "du bist wirklich völlig aus der Übung."

Schon der Gedanke an aufreizende Kleidung und Telefonsex erschöpft mich.

Sie hat recht. So schlafwandlerisch sicher ich als Hausfrau, Ehefrau und Mutter bin, so fehlbesetzt fühle ich mich in einer Rolle, die mir früher so selbstverständlich war - die der lebenslustigen Frau, die sich ihrer Attraktivität bewusst ist. Als Frau, die ihre Weiblichkeit genießt und gern zur Schau stellt, habe ich mich irgendwann einfach selbst ausgeknipst. Aus Gewohnheit, aus Alltag, aus Müdigkeit. Aufreizende Kleidung, Telefonsex mit dem Liebsten, ein heißes Nümmerchen im Hotelzimmer? Schon der Gedanke erschöpft mich.

Was natürlich auch daran liegt, dass ich mein Frausein ausschließlich mit einem Mann auslebe, dessen garstig-graue Haare ich liebevoll mit einer kleinen Nagelschere aus seinen Ohrmuscheln schneide.

Ich weiß, dass ich genau diesen Mann vor 25 Jahren nicht in der bequemen Jogginghose kennen gelernt habe, die seit gefühlten zwei Jahrhunderten mein häusliches Lieblingsteil ist. Wo ist das attraktive Biest in mir geblieben? Ich fürchte, es hat im Laufe meiner Ehe die Krallen eingezogen und ist zur Kuschelkatze mutiert. Aber da es meinem Mann ähnlich geht, fühlen wir uns eigentlich sehr wohl miteinander. "Ihr vergeschwistert, ihr neutralisiert euch, das ist nicht gut!", ruft Birgit, die nach einer heißen Nacht mit einem neuen Lover im Morgengrauen ihr Make-up erneuert und nicht im Albtraum daran denken würde, glänzend wie eine Speckschwarte neben ihm ein Buch zu lesen, wie ich es tue.

Würde ich eines Nachts meinen Mann im schwarzen Negligé überraschen, würde er mit Sicherheit "Ist was mit deiner Mutter?" rufen. Würde er sich auf einmal die Brust enthaaren lassen, würde ich denken, dass er fremdgeht.

Keine erotische Leuchtkraft mehr

Ja, es ist schön, miteinander älter zu werden, und wenn ich meine Single-Freundinnen auf der Suche nach Liebe so beobachte, dann bin ich einerseits heilfroh, dass ich nicht hektisch am Handy lauere, weil ich hoffe, dass der Prinz sich meldet. Dass ich nicht nach einem verheißungsvollen Online-Chat einem 70-Jährigen gegenübersitze, der mich zu alt findet. Ich möchte mit meinen über 50 nicht mehr auf dem freien Markt sein.

Andererseits muss ich zugeben, dass die erotische Leuchtkraft meiner Single-Freundinnen deutlich heller strahlt als meine. Sie sind modischer, kennen jeden neuen Trend, schminken sich unmittelbar nach dem Aufstehen - glitzernde Weihnachtskugeln, während ich eher der trockene Weihnachtskringel bin. Ich verzichte aus Trägheit auf einen Teil meiner Weiblichkeit, dimme mein Frausein auf ganz kleines Licht, weil ich gar nicht mehr ahne, was vielleicht an Saft und Kraft noch in mir steckt.

Natürlich werde ich mich nie wieder so fühlen wie mit 17, als ich unsterblich und der Himmel grenzenlos war, und ich bin auch nicht auf der Suche nach einem Liebhaber. Aber Birgit sagt, dass Flirten nicht primär Kontaktaufnahme, sondern Lebenshaltung ist, eine, die frisch und jung erhält. Und dass die äußerliche Hülle dafür eben wichtig ist. "Natürlich nicht in Muttischwarz", sagt sie, "die Hälfte deiner Klamotten kannst du gleich wegschmeißen."

Also stand ich in meiner Kleiderkammer und machte eine kritische Bestandsaufnahme. Meine Güte, was hatte sich da im Laufe der Jahre an Scheußlichkeiten angesammelt!

Ohne Frage, ich sah besser aus

Schlabberhosen, verfärbte T-Shirts, etliche Pullover für die Altkleidersammlung. Als ich fertig war, hatte ich viel Platz. Also kaufte ich mir ein paar neue Jeans, die zum ersten Mal eng wie eine Wurstpelle saßen, eindeutig keine Muttijeans. Und ein paar Stiefel ohne Kuschelfutter, sondern mit für meine Verhältnisse sehr hohen, dünnen Absätzen.

Ohne Frage, ich sah besser aus. Und Wimperntusche und Lippenstift trugen auch einiges dazu bei, dass ich mich, als ich Jeans und Stiefel bei einem Restaurantbesuch mit meiner 21-jährigen Tochter einweihte, so gut fühlte. Ich lächelte den jungen Kellner an, er lächelte zurück. Auf dem Weg zur Damentoilette lächelte ich den attraktiven Mittvierziger an, der allein an einem Tisch saß. Er lächelte ebenfalls zurück! Sehr beschwingt ging ich zu meinem Tisch zurück, auch meine Tochter lächelte. "Mami", sagte sie liebevoll, "du gehst wie eine Ente, die in den Schnee kackt."

Macht nichts. Die Jeans werde ich trotzdem weitertragen. Die Stiefel mit den Absätzen auch. Vielleicht sogar im Bett. Falls mein Mann nicht vorher einschläft.

Text: Evelyn Holst Foto: iStockphoto
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