Als fünftes Rad am Wagen

Warum sich ein Single unter verheirateten Freunden oft unwohl fühlt, Paare die Anwesenheit von Singles als störend empfinden – und wie es beiden miteinander gut geht.

"Wieso war ich eigentlich nicht dabei?", fragte meine Freundin Iris, als ich ihr von dem fünfgängigen Abendessen erzählte, bei dem ich leider zwei Gänge völlig ruiniert hatte. Vier Paare waren eingeladen und ich gar nicht auf die Idee gekommen, sie dazuzubitten. "Wieso, es waren doch nur Paare da", erwiderte ich und hielt dies für eine völlig ausreichende Begründung. Sie nicht. "Na und?" Ich hörte an ihrer etwas zu hohen Stimme, dass sie dieses Thema schon länger beschäftigte. "Früher war ich doch auch immer eingeladen." - "Du bist doch dauernd bei uns zum Essen", wandte ich ein. - "Aber nie mit anderen Paaren", sagte sie, "immer nur allein."

Sie hatte recht. Und ich ein schlechtes Gewissen. Hatte ich mir nicht immer eingebildet, nicht zu den Frauen zu gehören, die eines Mannes wegen ihre Frauenfreundschaften vernachlässigten? Aber ich musste zugeben, dass ich, ganz unbewusst, den gepaarten und den allein lebenden Teil meiner Freundschaften getrennt hielt. Und dass ich Iris, als sie noch verheiratet war, sozial anders behandelt hatte als nach ihrer Trennung. Nicht besser, nicht schlechter, aber anders. Offensichtlich ein Problem für meine 51-jährige Freundin. "Manchmal fühle ich mich wie eine Freundin zweiter Wahl." Das saß.

Wie kommen Paare mit einem Single zurecht - und umgekehrt?

Unser Gespräch sensibilisierte mich für ein Thema, über das ich nie nachgedacht hatte. Wie gehen Paare mit Singles um, begegnen sie sich auf Augenhöhe, oder gibt es da ein unsichtbares Gefälle, das beidseitig verdrängt und nie ausgesprochen wird?

Ja, absolut, meint meine andere Freundin Marion, 48, die sich kürzlich von ihrem Mann trennte und nicht darauf gefasst war, wie sehr sich ihr Leben ändern würde. Sie hatte einen großen Freundeskreis, meist Paare, mit denen sie viel unternommen, sich sicher und aufgehoben gefühlt hatte. Deshalb hielt sie es für völlig selbstverständlich, dass dies auch nach ihrer Trennung so weitergehen würde. Zumal es ihre alten Freunde waren und jeder verstanden hatte, dass sie mit ihrem Mann, einem schwerfälligen, oft mürrischen Partner, nicht länger leben wollte.

"Die Zeit direkt danach war sehr intensiv", erinnert sie sich, "meine Freundin Beate zog bei mir ein, tröstete mich, die totale Nähe. Ich war einfach noch zu beschäftigt mit meiner Situation, um zu merken, dass nicht nur mein Mann weg war, sondern langsam auch mein altes Leben wegbrach." Denn dann feierte Beate ihren 40. Geburtstag mit einem Wochenende auf Sylt. Marion hörte davon und wartete vergeblich auf eine Einladung. Dafür kam ein Anruf. "Du, bitte sei mir nicht böse", druckste Beate, "aber wir sind nur Paare, da würdest du dich bestimmt nicht so wohl fühlen."

Doch, Marion war böse. Sehr sogar. Sie fühlte sich gekränkt, verlassen, zutiefst enttäuscht. "Dieses Ziehen im Bauch, wenn man als Einzige nicht zu einem Kindergeburtstag eingeladen ist", sagt Marion, "und das ausgerechnet von einer guten Freundin. Was mich ganz besonders ärgert: Ich weiß mehr über die Probleme, die sie in ihrer Ehe hat, als ihre verheirateten Freundinnen. Als seelischer Mülleimer bin ich gut genug." Bewusst ging sie auf Tauchstation, aber als Beate sie auf ihr distanziertes Verhalten ansprach, wiegelte sie ab, weil ihr die Wahrheit zu traurig und kümmerlich vorkam. "Wer will schon die Freundin sein, die zu viel will?", sagt sie.

Ganz offensichtlich ist es eine Klippe, an der auch gute Freundschaften scheitern, sie zumindest sehr belasten können: Wie verhalte ich mich als Teil eines Paares meinen Single-Freundinnen gegenüber? Wobei es bei "frischen" und "eingespielten" Singles unterschiedliche Störungen gibt. "Ich bin für meine Freunde oft der Pausenclown", sagt Dauersingle Agnes, 39, "ich belebe langweilige Eherunden mit meinen desaströsen Liebesabenteuern." Es herrscht Entspannung auf beiden Seiten, weil die Claims klar abgesteckt sind. Hier die traute Zweisamkeit, dort das wilde Single-Leben. Doch wehe, einer der Ehemän- ner macht heimliche Stielaugen, schwärmt gar von der heißen Single-Frau, vergleicht sie, ganz harmlos, mit der treu sorgenden Gattin!

Wenn Agnes auf Partys geht, sieht sie ihn sofort, diesen "Oh-Gott-jetzt-bloß-aufpassen!"-Blick, mit dem besorgte Ehefrauen wie zufällig dazustoßen, wenn sie sich mit deren Männern unterhält. "Dann wird der Arm um seine Taille gelegt, dann wird auf einmal das Wörtchen ,wir' ständig benutzt, es ist wirklich absolut lächerlich", meint sie, "zumal ich die meisten dieser männlichen Trophäen noch nicht einmal geschenkt haben möchte. Aber das darf ich natürlich auch nicht sagen. Wie man's macht, ist es verkehrt."

Noch komplizierter wird es, wenn eine langjährige Ehefrau das Unerhörte tut: aus dem Kreis der Paare ausschert und damit das harmonische, eingeübte Gleichgewicht der anderen durcheinanderbringt. Wobei langfristig nicht wichtig ist, ob sie verlassen wurde oder selbst verlassen hat. Denn vieles, was bisher leicht und selbstverständlich war, wird plötzlich schwierig. Und zwar für beide Seiten, weil lieb gewordene Rituale neu überdacht werden müssen. Das ist ungewohnt und mühsam, das nimmt man heimlich übel.

Soll das Paar den Single weiterhin zu Paar-Veranstaltungen einladen und riskieren, dass dieser sich total unwohl fühlt? Und umgekehrt? Stört die verheiratete Freundin, wenn sich ihre Single-Freundin mit Gleichgesinnten trifft? Was geschieht mit der alljährlichen Skireise? Eins der Einzelzimmer im Hotel buchen, das neben dem Getränkeautomaten liegt? Ein einziger Krampf. Warum muss das sein? Sind wir nicht alle tolerant, liberal, flexibel? Machen wir aus einer Mücke einen Elefanten?

Nein, wir reagieren völlig artgerecht, sagt der Hamburger Psychologe Oskar Holzberg, denn Alleinleben oder Beziehung ist die Grundfrage, die uns alle umtreibt, sie ist von existenzieller Bedeutung. Allein oder zu zweit sind zwei voneinander getrennte, sich gegenseitig ausschließende Lebenszustände. Und eine gelungene Beziehung ist für alle das "Kronjuwel" in der Krone des Lebens.

Singles bedrohen das Paar-System

Paare schützen deshalb ihren Beziehungsraum, verbergen ihre Konflikte, halten zusammen. Ein Single dagegen muss sich öffnen, um Beziehungen und Bezüge herzustellen. Deshalb reagieren Paare nach dem ersten "Aufruhr" oft mit Rückzug, wenn sich andere Paare trennen und zu Singles werden. Denn diese verlassen das gemeinsame System und betreten ein neues, fremdes. Eins, vor dem man sich schützen muss, weil es das eigene bedroht.

"Man nimmt dem ,frischen Single' unbewusst übel, dass er das alte Leben der Freunde infrage stellt", sagt Oskar Holzberg, "plötzlich ist da ein alternativer Lebensentwurf, der den zurückgebliebenen Paaren, ganz besonders den Frauen, Angst macht." Denn hat nicht jeder und jede von uns schon einmal damit geliebäugelt, alles hinter sich zu lassen, ein ganz neues Leben anzufangen? Nur sind die meisten von uns zu bequem und zu feige, um vage Sehnsüchte auch in konkrete Tatsachen umzusetzen.

Wenn also ein Paar auf einen "frischen Single" trifft, sagt Psychologe Holzberg, "wird es mit einer Bedrohung konfrontiert, nämlich damit, dass auch lange Beziehungen aufhören können, dass auf einmal alles vorbei sein kann. Besonders die Single- Frau wird von den Paar-Frauen als mögliche Konkurrenz erlebt." Und wird deshalb als frisch Getrennte von ihren verheirateten Freundinnen argwöhnisch beobachtet. Geht's ihr gut? Geht's ihr sogar besser als früher? Besser als mir?

"Paare haben Singles gegenüber die Tendenz, das Elterndreieck wieder aufleben zu lassen", hat Oskar Holzberg beobachtet, "der Single, gerade wenn er frisch getrennt ist, wird bemitleidet, geradezu infantilisiert. Ihm wird signalisiert: ,Dir fehlt etwas, was wir haben.'" Paare brauchen dieses Überlegenheitsgefühl, um sich in ihrem Paarsein sicher zu fühlen. Bei aller Freundschaft fällt es vielen schwer zu akzeptieren, dass ein partnerschaftlich gebundener Mensch ein anderer ist als der, der sich wieder neu entfalten kann.

Als Iris sich zum ersten Mal wieder neu verliebte und ihren Freundinnen strahlend davon berichtete, stellte sie zu ihrem Befremden fest, dass sich keineswegs alle mit ihr darüber freuten. Im Gegenteil. Bist du sicher, dass es der Richtige ist?, fragten die Ehefrauen. Iris glaubte ein fast missgünstiges Glimmen in ihren Augen zu entdecken, als sie ihren neuen Freund vorstellte. "Er ist jünger als ich und sieht besser aus als die anderen Männer", sagt sie, "allgemeine Erleichterung, als es nach drei Monaten vorbei war."

Ein kleinkariertes, ein ungerechtes Gefühl, weil gerade der unfreiwillige Single oft der Schwächere ist, den das Paarsein der anderen mit seiner eigenen Einsamkeit konfrontiert, seinen Sehnsüchten nach Nähe und Geborgenheit. Ein "Niemand hat mich richtig lieb"-Gefühl, das auch älter werdende langjährige Singles und Ehefrauen treffen kann, die nur zeitweise Singles sind. Vielleicht gerade mal für einen Kurzurlaub.

"Meinen Super-GAU erlebte ich auf einer Israelreise", erzählt Karin, 58, "wo es nur Paare gab, nur Zweiersitze. Auf einem Busausflug zur Massada überkam mich auf einmal regelrechte Panik, weil ich dachte: ,Es ist der Menschheit völlig wurscht, ob es dich gibt, ob du morgens aufstehst, ob du hier einen Ausflug machst.' Da wurde mir klar, dass meine Single-Freundinnen dieses Gefühl vermutlich regelmäßig haben."

Umso wichtiger für Paare und Singles, offen damit umzugehen. Zumal sich jedes zweite Ehepaar scheiden lässt, Trennungen also die Regel sind. Doch wie schaffen wir es, aus dieser anstrengenden Ambivalenz aus alter Freundschaft und neuen Ängsten, alten Gewohnheiten und neuen Bedürfnissen wieder herauszufinden? "Es gibt Fallstricke und Fettnäpfe, die ganz einfach vermieden werden können", sagt Oskar Holzberg. "Das Allerwichtigste ist: Der Konflikt muss anerkannt und ausgesprochen werden. Und zwar von beiden Seiten."

Bestimmte Paar-Treffen ohne Single-Freunden gehören zum Paarsein dazu

Meine Freundin Iris hat es also völlig richtig gemacht, als sie ihre Enttäuschung über meine Nicht-Einladung klar geäußert hat. "Aber du fühlst dich doch unter Paaren sicher gar nicht wohl" zu stammeln ist falsch, weil sie ganz allein entscheiden kann, wo sie sich wohl oder unwohl fühlt. Zumal so eine "Überfürsorglichkeit" manchmal dafür herhalten muss, wenn eine Gastgeberin Angst um ihre gemischte Sitzordnung hat, wie Karin kürzlich erlebte, die wieder ausgeladen wurde, als ihr Mann beruflich verhindert war. "Ich habe einen eigenen Beruf, ein eigenes Konto, bin nicht weniger interessant als mein Mann, trotzdem bin ich ohne ihn offensichtlich kein vollwertiger Gast." Sie ärgerte sich so sehr, dass sie die Freundschaft beendete.

Aber trotzdem gibt es eine schmerzhafte Erkenntnis, die gerade "frische" Singles akzeptieren müssen: Nicht alle, aber doch bestimmte Paar-Treffen gehören zum Paarsein. Eine Doppelkopfrunde muss nicht zwanghaft zur Skatrunde werden, nur damit sich der einzelne Spieler nicht ausgeschlossen fühlt. Dennoch: "Es ist wichtig, nicht an alten Ritualen und Erwartungen zu kleben, sondern neue zu schaffen", meint Holzberg, "auch das gilt für beide, das Paar und den Single."

Warum also als Single keine neue Sonntagsbrunchrunde ins Leben rufen, nur für Singles? Oder als Paar die üblichen Ehepaartreffen mit Singles aufmischen? Was spricht im Übrigen gegen eine ungerade Zahl am Tisch? Viel dagegen dafür, dass beide über neue Konstellationennachdenken: statt wie früher als Paar verreisen jetzt die Frauen miteinander. Und warum nicht auch die Männer? Oder auch der "übrig gebliebene" Mann mit zwei Frauen?

Es kann sehr belebend sein, das alte Kartenspiel ganz neu zu mischen. Wichtig ist: Der Single ist weder Anhängsel noch Bedrohung. Aber er hat seine Paarwelt gegen ein Alleinleben getauscht, deshalb werden unsere Lebenswelten teilweise auseinanderdriften. Und alle müssen akzeptieren: Ja, wir sind verschieden! Ähnlich sind nur die Missverständnisse. Das wechselseitige Mitleid. Die Ärmste, denken lange verheiratete Ehefrauen, die bei meiner Freundin Uschi, 52, einer patenten Geschäftsfrau, oft ihr Herz über ihre Männer ausschütten. Kein Sex oder schlechter Sex. Fremdgehen. Zu viel Nähe oder zu wenig Geld. Nerviges nächtliches Schnarchen. "Dann gehe ich nach Hause und bin einfach supergut gelaunt", sagt Uschi, "weil ich heilfroh bin, dass keiner dieser Typen auf mich wartet, sondern nur mein kleiner, kuscheliger Kater."

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Text: Evelyn Holst Foto: Getty Images
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