Eine Frau raucht. Ein Mann hasst es.

Eine Frau, die raucht. Er will, dass sie damit aufhört. Ein kleiner Konflikt mit großer Wirkung.

Wer weiß schon genau den Zeitpunkt zu benennen, an dem die Erosion begann. Den Anlass kennen sie wohl: Sie raucht und er nicht. Anfangs war das kein Problem, doch gebilligt hat er es nie. Eine Weile rauchte er sogar mit, nahm ihr kurzerhand die Zigarette aus der Hand, paffte, bis sie halb abgebrannt war, reichte sie erst zurück, wenn ihr lachender Protest lauter wurde. Als sie ihm ein Jahr zuvor begegnete, war es ein Wunder: 50 war sie und hatte schon lang nicht mehr geglaubt, dass auf der Welt ein Mann herumliefe, der ihre Ecken und Rundungen lieben würde, so wie sie seine Stärken und Schwächen. Sie liebten sich wirklich, und sie lieben sich noch jetzt. Seite an Seite stapften sie regenfeuchte Strände entlang, gondelten durch Ausstellungen und kochten Rosenkohl.

Im Bett lasen sie sich gegenseitig Märchen vor und lagen auch schweigend dort, weil sie die Wärme des anderen so genossen, dass es dafür keine Worte gab. Er sammelte ihre Versprecher in einem Wörterbuch. Beide strahlten wie Flutlicht. Aber das Jahr ist verstrichen, und der unterschriebene Mietvertrag für die Wohnung, die sie beziehen wollten, um zusammen alt zu werden, liegt unbeachtet auf einem schiefen Stapel Papieren. Vielleicht begann die Erosion an einem der letzten schönen Herbsttage, bei einem langen Spaziergang. Sie fotografierten sich gegenseitig und rannten um die Wette, bis noch ältere Leute ihnen verwundert nachsahen.

Die Frau raucht? Irgendwann war das Spiel vorbei.

Auf einmal hatte er ihr die Zigarettenschachtel aus der Tasche gezogen, hielt sie an seinem Arm hoch, und sie kam nicht heran. Sie rauften spielerisch darum, doch sie hatte gegen ihn mit seinen langen Armen keine Chance. Einer von beiden verpasste den Moment, an dem aus Spiel Ernst wurde. Jedenfalls war die Schachtel plötzlich verschwunden, sie meinte, er habe sie über eine Mauer geworfen. Ihre Wut sprudelte hoch wie eine Fontäne. Alles in ihr wehrte sich gegen den Übergriff, und weil sie ihren Ärger nicht zeigen wollte, rannte sie weg und setzte sich mit dem Rücken zu ihm an ein Flussufer.

Erschrocken über das, was er angerichtet hatte, stand er minutenlang auf dem Weg. Dann bückte er sich nach der Zigarettenschachtel, die er ins Gras geworfen hatte, und brachte sie ihr. Setzte sich neben sie, zog sie an sich, sprach Entschuldigungen in ihr Ohr. Sie spürte seine ehrliche Reue, trotzdem brauchte sie eine Weile, bis sie ihn wieder offen anlächeln konnte. Arm in Arm schlender- ten sie weiter. Am Abend war der Vorfall vergessen. Körperlich verletzte er ihre Grenzen nie wieder, aber mit den Zigaretten ließ er nicht mehr locker.

Er machte ihr die Folgen ihrer Sucht klar, als ob sie diese nach 30 Jahren Zigarettenbalancierens nicht selbst kannte. Er zeigte ihr seinen Kummer, verabredete mit ihr Rauch-Beschränkungen, an die sie sich willig und geknickt hielt, denn ihr Schuldbewusstsein war wie bei jedem Raucher leicht zu aktivieren. Er hoffte, seine nicht nachlassende Liebe und Hartnäckigkeit würden sie irgendwann von dem Laster abbringen.

Er wollte der sein, der ihr so viel Halt, gab, dass sie keinen mehr bei Zigaretten suchen musste. So wurden die Zigaretten, die nie eine Hauptrolle in ihrem Leben gespielt hatten, durch ihn zu einem zentralen Thema. "Du liebst sie mehr als ich", hielt er ihr vor und "Du stinkst!", wenn sie sich ihm zärtlich nähern wollte. Ersteres wehrte sie als komplett absurd ab, doch gegen das Zweite konnte sie nichts anderes tun, als sich zehnmal täglich die Zähne zu putzen. Es reichte ihm nicht.

Und so wurde aus ihr, die sich als ganz normale Frau betrachtete, eine Süchtige und Versprechensbrecherin, die vor Nervosität vibrierte und sich selbst kaum wiedererkannte. Teile ihres Seins gingen in den Untergrund und standen ihm, dem Mann, nicht mehr zur Verfügung. Telefonierte er oder brachte das Auto in die Garage, so schlich sie sich auf den Balkon und rauchte in hastigen Zügen, versuchte den Rauch mit den Händen zu vertreiben, wusch sich Gesicht und Hände, und wenn er dann zurückkam, lächelte sie, aber es war nicht mehr ganz echt.

Sie war die Schuldige: Die Frau, die raucht.

Sie wusste: Bekam er auch nur einen Hauch davon mit, würden sich seine Augen verdunkeln, und er wäre für keine Liebesgeste, keinen Witz mehr empfänglich. Und sie war die Schuldige. Die Abhängige. Die Uneinsichtige. Die Aggressive. Unter seinen ständigen Vorwürfen wurde sie zunehmend kleiner und wütender. Ganze Tage vergifteten, vertraute Unterhaltungen verwandelten sich in Marathon- Diskussionen, die da endeten, wo sie begonnen hatten. Sie fühlte sich erdrückt, abgewiesen, konnte nicht mehr ehrlich und spontan sein. Irgendwann sprach sie das erste Mal aus, dass sie sich von ihm trennen wollte. Und er sagte: "Siehst du, du liebst sie doch mehr als mich."

Er wollte der sein, der ihr so viel Halt gab, dass sie keinen mehr bei Zigaretten suchen musste.

Immer wieder schafften sie es, zu Heiterkeit und in einen unbeschwerten Alltag zurückzufinden. Kam er zu ihr, so rauchte sie nur noch alle drei bis vier Stunden, schnell und außerhalb seiner Sichtweite. Sie unternahm mehrere Anläufe, endgültig aufzuhören, klebte sich Nikotinpflaster auf den Oberarm, kaute scheußliches Nikotinkaugummi. In dieser Zeit war das Leben mit ihm wieder schön, leichtfüßig, doch innerlich zerrte der Widerspruch an ihr.

Schließlich brach dieser Wille zusammen, der nicht ihrer war, sondern seiner. Mehrere Tage rauchte sie heimlich und wusste genau, dass man mit Lügen keine gute Beziehung führen kann. Natürlich erwischte er sie mit der brennenden Zigarette, und das machte alles noch schlimmer: Er, gewöhnlich besonnen und ruhig, trat gegen die Wand, warf sich weinend auf das Sofa, krümmte sich zu einem verzweifelten Ballen zusammen. Sie saß daneben, hilflos, ratlos, reuig, und gleichzeitig wirkte seine Reaktion auf sie weit übertrieben. Sie beschwor ihn, doch das Wichtigste nicht zu vergessen, dass sie einander liebten und glücklich machen konnten. Ihr Nacken war vor Anspannung hart wie Stein. Sie fühlte ihr Wesen in Daumenschrauben. Du machst aus mir ein Schreckgespenst, dachte sie und fühlte die Notwendigkeit, ihn zu warnen.

Sie war zu alt, zu souverän, um sich dauerhaft in die Enge treiben zu lassen. Sie wollte keine Drama-Beziehung, keine Erpressung, sondern den Kompromiss fortsetzen, den sie schon mehrfach verabredet hatten: Sie würde deutlich weniger rauchen, immer auf dem Balkon, stets außerhalb seiner Sichtweite. Er würde seine überzogene Panik zügeln. Sie wussten es beide und wollten es nicht wahrhaben: Von Anfang an lief der Konflikt auf ein Entweder- oder hinaus. Die ganzen Schleifen hätten sie sich sparen können, die Verletzungen, die Trennungsdrohungen, das Zurückkommen, die Neustarts, die Verzeihungsküsse und alle Versuche, in immer neuen Worten zu sagen, was der andere doch wissen musste.

Von der Liebe steht nur noch eine Ruine. Sie will ihn wiedersehen, aber nicht in Tränen aufgelöst und ohne dass er sie weiter bedrückt und einschränkt. Er sehnt sich nach ihr, aber ohne Zigaretten. Und weil sie keine bessere Lösung finden, funktioniert nur die Trennung, die keiner von ihnen je gewollt hat. Vernunft kann diesen Kleinkrieg nicht stoppen, der nur Niederlagen bereithält und eine leer stehende Wohnung für zwei.

Text: Elisabeth Ligensa Fotos: Photocase
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