Glücklich geschieden: Gibt's das?

Ist das möglich - glücklich geschieden zu sein? Bei einigen Paaren klappt das. Wir haben nachgeforscht.

Dieses eine Bild hat Rita Moreno bis heute im Kopf, das Stillleben ihrer Ehe in Trümmern: "Ich saß allein am Frühstückstisch, vor mir ein Schlachtfeld aus Eierschalen, Marmeladenklecksen und den Brötchenresten unseres Sohnes Mario, der ganze Boden war voll gekrümelt. Draußen Herbst, alles grau. Pablo hatte nach einem Streit das Haus verlassen. Und ich betrachtete das Chaos, die Spielsachen, die Wäscheberge. Als Hausmann war Pablo schlichtweg eine Katastrophe", erinnert sich Rita Moreno.

Ein paar Tage und Nächte hatte sie damals durchgeweint, "kein Mensch mit Kindern trennt sich leichtfertig von seinem Partner. Aber ich konnte nicht mehr, all meine Kraft, all meine Geduld waren aufgebraucht".

In dem ganzen Elend und Gefühlschaos damals hätte Rita Moreno nie gedacht, dass ihr Ex und sie es schaffen könnten, jemals wieder entspannt miteinander umzugehen. Aber seitdem sind 20 Jahre vergangen. Und seit 15 Jahren sind Pablo und Rita Moreno Freunde, oder besser gesagt: ein "Traum-Expaar". "Anfangs haben wir nur wegen der Kinderwochenenden miteinander gesprochen. Und nur das Nötigste. Aber bei diesen Gesprächen hat unsere Kommunikation gut funktioniert. Das hat uns sehr geholfen."

Rita und Pablo Moreno wohnen mit ihren neuen Partnern und Familien Tür an Tür. Sie sind eine Art Patchwork-Familie mit getrennten Eingängen. Pablos Namen Moreno hat Rita behalten, das Ex-Paar hat gerade seinen zweiten Enkelsohn bekommen. "Pablos Töchter aus zweiter Ehe sagen Tante Reeni zu mir. Sie stehen abends vor meiner Tür und wollen mit mir backen. Pablo baut meine Regale auf. Und ich bin seine Hausbank", sagt Rita Moreno, 60. "Ich leihe ihm öfter mal Geld, denn ich weiß, dass ich es immer wiederkriege. Und ich fülle ihm seine Formulare aus, weil er und seine Frau, die auch aus Kolumbien kommt, manchmal sprachliche Probleme haben."

Zwei Menschen, die sich nicht mehr lieben, aber zwei, die sich helfen und vertrauen. Weil die Alltagsprobleme und die Missverständnisse, die sie zu einem unglücklichen Paar gemacht haben, mit der Trennung aus ihrem Alltag verschwunden sind.

"Er ist ein kolumbianischer Macho, ich bin eine unverschnörkelte Hanseatin." Schon nach einem Jahr Beziehung war die Verwaltungsangestellte damals schwanger, "viel zu schnell", Zeit als unbeschwertes Liebespaar blieb nicht viel, bevor sie Eltern wurden. Der gemeinsame Plan einer modernen Ehe, mit Pablo als Hausmann am Wickeltisch und Rita als Ernährerin, scheiterte. "Er konnte als Südamerikaner nicht aus seiner Haut, er wollte die Hosen anhaben. Und auch wenn ich es anfangs nicht wahrhaben wollte: Dass wir aus unterschiedlichen Kulturen kommen und komplett unterschiedliche Charaktere haben, kam uns tagtäglich in die Quere."

Für alle Frischgetrennten ist es schwer, mit dieser Enttäuschung fertigzuwerden - es als Paar trotz aller Mühe nicht geschafft zu haben. Dass es den Morenos nach einigen Jahren gelungen ist, sich einander wieder anzunähern, liegt aus Ritas Sicht zum einen daran, "dass genug Zeit vergangen war, um einen gesunden Abstand zwischen uns zu schaffen". Und es hat geholfen, dass beide zu der Scheidung standen. "Ich weiß heute noch, wie sich der Schmerz über die zerbrochene Familie anfühlt", sagt Rita Moreno.

Es gibt keine Lösung für alle

Wie viel Abstand zwei Menschen nach einer Trennung voneinander brauchen, bis ein friedlicher oder gar freundschaftlicher Umgang entstehen kann, ist von Fall zu Fall unterschiedlich. "Bei einigen wenigen Paaren geht das fast übergangslos, bei anderen dauert es lange, bis die Enttäuschung überwunden ist. Andere schaffen es nie", sagt der Hamburger Paartherapeut Oskar Holzberg. "Schneller geht es meistens dann, wenn es keine großen Vorwürfe aneinander gibt, sondern die gemeinsame Einsicht, als Paar in Sachen Lebensstil oder auch sexuell nicht zueinander zu passen."

Voraussetzung für die Heilung sei, dass der Entschluss, sich lösen zu wollen, wirklich steht. Unverrückbar. Und dass man sich fortan jeden Versuch verkneift, noch mal an der alten Beziehung anzuknüpfen. "Durch Scheidung oder Trennung allein ändert sich erst mal gar nichts", erklärt Oskar Holzberg. "Vor der Trennung ist nach der Trennung. Die wahre Trennung beginnt mit der Entscheidung im Kopf."

Die Münchenerin Berit Granzow traf diese Entscheidung nach einem langen Wochenende, das sie mit einer Freundin in London verbrachte, "weil ich einfach mal ein bisschen Abstand brauchte von diesem ganzen Trennungsalbtraum zu Hause". Vier Tage, in denen die 45-jährige Grafikerin zum ersten Mal ganz deutlich spürte, was sie in der Beziehung zu ihrem Mann Matthias so lange vermisst hatte. Die Freundinnen ließen sich treiben, mal gingen sie shoppen oder schauten sich eine Ausstellung an, aber die meiste Zeit saßen sie in Cafés und Pubs und redeten über Gott und die Welt.

"Matthias ist ein Einsiedler, einer, der wenig spricht, lieber alles mit sich ausmacht, nicht gern ausgeht. Über die Jahre hatte ich irgendwann einfach aufgegeben, ihn zu motivieren und zu begeistern", erzählt sie. "Ich wurde fast wie er, hatte kaum noch Lust, mich mal zu verabreden. Eigentlich war ich die Kommunikative in der Beziehung, aber nach all den Jahren des Zusammenlebens hatte ich fast das Gefühl, das Sprechen verlernt zu haben." Das London-Wochenende hatte Berit Granzow infiziert. Ihr Leben veränderte sich. Sie verabredete sich mit alten Freundinnen, ging mal wieder ins Kino, meldete sich bei einem Tanzkurs an. Sie spürte sich wieder. Endlich. "Irgendwann wusste ich es einfach: dass unser Schritt, auseinanderzugehen, richtig war."

Trotzdem durchlebten Berit und Matthias Granzow nach ihrer Trennung vor neun Jahren viele kritische Momente. "Natürlich ging es ums Geld", sagt die Mutter von zwei Söhnen. "Aber das war ein Ersatzkriegsschauplatz für all die Dinge, die während unserer Beziehung unter der Oberfläche gebrodelt haben, die wir nur in uns hineingefressen haben." Plötzlich brachen sich all die alten Verletzungen Bahn, die Anwälte schrieben böse Briefe, und das Ex-Paar redete nur das Nötigste miteinander.

Erst als Matthias Granzow die beiden noch sehr kleinen Jungs nach einem Papa-Wochenende unten an der Eingangstür des Mietshauses absetzte und die Kinder die fünf Stockwerke in die Wohnung der Mutter allein hochgehen ließ, wusste Berit Granzow, dass sie diese Art von Beziehung zum Vater ihrer beiden Söhne ganz sicher nicht wollte. In dem schien das Gleiche vor sich zu gehen, denn als sie am nächsten Tag telefonierten, waren sich beide zumindest darin einig: "Das muten wir uns und unseren Kindern nicht zu." Wie ein Paar die Zeit kurz nach der Trennung gestaltet, legt den Grundstein für alles, was danach kommt.

Am Anfang geht es nicht um Freundschaft

"Auch wenn es manchmal sehr schwer fällt, sich zurückzuhalten - weitere Kränkungen können die Beziehung auf Jahre belasten und tatsächlich zum Rosenkrieg führen", sagt die Paartherapeutin und Buchautorin Gisela Hötker-Ponath. Am Anfang gehe es überhaupt nicht um Freundschaft, "es ist schon ein riesiger Schritt, wenn beide in der Lage sind, bei den ganz konkreten Fragen zu bleiben, die sich nach der Trennung stellen: Wo ist der Lebensmittelpunkt der Kinder? Wie viel Zeit können sie mit dem anderen Elternteil verbringen? Wie regeln wir den Unterhalt?" Die Freundschaft, die komme - wenn überhaupt - erst viel später ins Spiel. Erst, wenn ein vertrauensvoller Umgang entstanden ist. Und den muss das getrennte Paar meistens wieder ganz neu lernen.

"Die Annäherung kann nur in kleinen Schritten funktionieren", sagt Hötker-Ponath. Schwierige Gespräche wie die übers Geld sollten nicht in stressbeladenen Momenten geführt werden. Ganz wichtig sei es, Beziehungs- und Sachthemen strikt voneinander zu trennen - die schwerste Übung überhaupt, denn "es passiert ganz leicht, dass das eine Thema in das andere hineinrutscht, und dann gibt ein Wort das andere". Die Therapeutin empfiehlt, sich an einem neutralen Ort zu verabreden und sich vorzunehmen, möglichst sachbezogen über ein Problem zu reden. "Kurze Ich-Botschaften, keine große Erklärungen, keine Rückschau - das sind die grundsätzlichen Regeln, an die man sich halten sollte, um ein konstruktives Gespräch hinzubekommen", so Hötker-Ponath.

Da viele Paare aus Angst vor weiteren Eskalationen davor zurückschrecken, sich zu zweit zusammenzusetzen, kann es sinnvoll sein, sich einen neutralen Dritten an die Seite zu holen oder sich für ein moderiertes Gespräch bei einer Beratungsstelle oder mit einem Mediator zu entscheiden. Wenn die emotionale Loslösung vorangeschritten ist, können sich beide rückblickend noch mal mit dem Guten und dem Trennenden der vergangenen Beziehung auseinandersetzen - auch das dient dem friedvollen Ende.

Berit und Matthias Granzow vereinbarten ein Treffen, in dem es nur um die Finanzen gehen sollte, und "jeder wusste, dass er Kröten zu schlucken hatte", sagt sie. "Und wir haben es tatsächlich geschafft, beim Thema zu bleiben." Wie viel Geld ist da, wer hat welche Fixkosten, was ist verzichtbar? "Wir haben zwei Stunden geredet, und zum Abschied haben wir uns umarmt", erzählt Berit.

Doch auch die allerbesten Vorsätze können Frischgetrennte nicht vor Tiefschlägen schützen. Rita Moreno hat es damals einen Stich versetzt, dass ihr Ex kurze Zeit nach der Trennung eine neue Partnerin hatte. "Wenn nur einer der beiden Ex-Partner schnell eine neue Beziehung eingeht, stellt das oft eine unüberwindbare Distanz für die Ex-Beziehung her", sagt Paartherapeut Oskar Holzberg. Dass es Rita irgendwann gelang, ihren Frieden damit zu machen, begründet sie damit, "dass es so sehr auf der Hand lag, dass die beiden besser zusammenpassten als wir". Innerhalb von drei Jahren bekam Pablo mit seiner neuen Frau zwei Töchter. "Das war zuerst schlimm für mich, weil ich eigentlich nach meinem Sohn Mario auch noch ein zweites Kind wollte.

Als ich dann den Mann meines Lebens getroffen habe, war es für Kinder zu spät. Da war ich 50." Auf eine große Familie musste sie trotzdem nicht verzichten, denn für Pablos kolumbianische Familie gehörte Rita auch nach der Trennung fest dazu. "Als Pablos Mutter vor sieben Jahren gestorben ist, sind wir gemeinsam nach Kolumbien gereist. Es machte überhaupt keinen Unterschied, ob wir geschieden sind oder nicht", sagt die 60-Jährige. "Wir fühlen uns verbunden. Bis heute."

Um über eine gescheiterte Ehe hinwegzukommen, braucht es vor allem Geduld und die Fähigkeit, Dinge zu akzeptieren, die nicht zu ändern sind. Dazu gehört, dass die Beziehung zueinander - oft wegen der Kinder - häufig ein Leben lang bestehen bleibt. "Das war ein schöner Tag, Berit. Du bist eine tolle Mutter", das hatte Matthias Granzow am Abend des achten Geburtstags ihres jüngsten Sohnes zu seiner Ex-Frau gesagt, als beide in der Küche standen und die Überreste der Kinderparty beseitigten. Dieser Moment der Anerkennung änderte vieles. "Es war das erste Mal seit Jahren, dass ich wieder ein liebevolles Gefühl für Matthias empfand", sagt Berit Granzow, "mir kamen fast die Tränen."

Seither gab es immer wieder Familienfeste, die Berit und Matthias Granzow miteinander gefeiert haben. Im Laufe der Zeit wurde es jedes Mal ein bisschen unangestrengter. Und netter. Und letzten Monat, an Niklas' zwölftem Geburtstag, war es dann richtig schön. "Alle waren da", sagt Berit, "Omas und Opas, die Cousins, Matthias' Schwester mit ihrer Familie, meine Brüder und die neue Frau von Matthias, und ja: Wir haben viel gelacht."

Text: Andrea Müller Bilder: ohneski / photocase.com Ein Artikel aus BRIGITTE WOMAN
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