Liebeskummer mit 40: Ist das noch erlaubt?

Wer sich als junge Frau unglücklich verliebt, darf mit Mitgefühl rechnen. Aber wird der Liebeskummer mit 40 auch toleriert?

Es ist mir passiert. Allerschlimmster Liebeskummer. Heulen und Zähneklappern, Bangen und Hoffen, schlaflose Nächte. Warten auf einen Anruf von ihm. Durchdrehen, weil der Anruf nicht kommt. Wein trinken, zu viel Wein, das Handy aus dem Fenster werfen, weil es schweigt. Damit ich nicht mehr höre, dass es stumm ist. Rauchen auf dem Balkon, obwohl ich vor vielen Jahren aufgehört habe. Heimliches Rauchen, damit meine Kinder mich nicht mit einer Kippe in der Hand sehen. Durch die Straße schleichen, in der er wohnt, um verträumt und traurig auf das Fenster zu schauen, hinter dem er an seinem Schreibtisch sitzt. Sich hinter einem Baum verstecken mit wildem Herzklopfen, weil er unerwartet aus dem Haus tritt. Heil suchen bei einer Wahrsagerin, beschwörende Fragen an die Zukunft: „Gut, wir kommen jetzt nicht zusammen, aber später, ja, bitte später. Meinetwegen auch in 25 Jahren. Hauptsache, wir kommen zusammen. Ich verdoppele Ihr Honorar, wenn Sie sagen: Ihr seid füreinander geschaffen, eure Zeit kommt!“

Ich habe das alles getan. Eine Frau von 47 Jahren. Erfahren, selbsterfahren. 20 Jahre lang in festen Händen, nun wieder allein. Vermeintlich Lichtjahre entfernt von der Wucht eines solchen Schmerzes. Ich hatte das Kapitel „Liebe, Beziehung“ abgeschlossen. Doch ich ging einfach davon aus, dass irgendwann ein Mann kommt. Und bleibt. Dass einer kommt, den ich nicht haben kann, dass ich reagiere wie ein hysterischer Teenie, der gerade erst mit den leidenschaftlichen Tiefen seiner Seele in Berührung kommt, das hätte ich für unmöglich gehalten. Das letzte Mal, dass ich Liebeskummer in dieser Intensität gefühlt habe, das war mit 17, kurz vorm Abitur. Ich habe damals keinen Hehl aus meinem Schmerz gemacht, jeder sah ihn mir an der Nasenspitze an. Ich sah aus wie ein Gespenst. Ich verweigerte die Schule, ich wollte diese unglückliche Liebe zelebrieren, mich ihr ausschließlich widmen wie einem Kunstwerk. In all meinem Kummer fand ich mich mit einer gewissen Überheblichkeit gut als Liebende, als wahrhaft Liebende. Im Gegensatz zum lauwarmen Lieben der Erwachsenen.

Der Klassenlehrer kam zu mir nach Hause, war voller Sorge. Und voller Mitgefühl. Ich hielt ihm die „Leiden des jungen Werther“ vor die Nase, dieses Bekenntnis unbedingter Liebe, die das Du höher wertet als das eigene Ich. Bis in den Tod hinein. Mein Lehrer war entsetzt, hielt mir Vorträge über die Vergänglichkeit des Schmerzes und die Bedeutung der Selbstliebe. Doch ich spürte, hinter seiner väterlichen Autorität steckte auch ein Fünkchen wehmütiger Respekt für die radikale jugendliche Unbedingtheit, die ich an den Tag legte. Für meine Freundinnen war ich damals die Heldin der Liebe. Sie besuchten mich jeden Tag, hielten Händchen. Ihre Geduld mit mir war unermesslich. Besonders eine Freundin wich kaum von meiner Seite, hörte sich meine Liebesgeschichte immer wieder an, weil sie wusste, wie sehr mich das Sprechen erleichterte. Gutmütig fragte sie zum x-ten Mal: „Willst du mir noch einmal erzählen, wie du ihn kennen gelernt hast?“ Beide hofften wir auf ein Happy End.

"Du machst dich zur Närrin"

Als es mich dann 30 Jahre später wieder erwischte, hat meine beste Freundin nach einer Zeit, die mir unbarmherzig kurz erschien – vielleicht vier Wochen –, genervt die Augen verdreht, wenn ich wieder und wieder anfing, mich in Schwärmereien von diesem Mann zu ergehen. Sie war eine tolle Freundin, es mangelte ihr keineswegs an freundschaftlicher Solidarität. Sie nahm mich einfach nicht ernst. Sie hielt mich nicht für jenseits von Gut und Böse. Im Gegenteil: Sie sah mich hindernislos in eine neue Beziehung gleiten. Sie hielt, was den Weg dorthin angeht, eine Irritation für möglich, einen Irrweg, einen emotionalen Pikser, doch keine solche Katastrophe. „Reiß dich mal zusammen, meine Liebe“, sagte meine Freundin. „Aus dem Alter, in dem wir uns kindisch in Liebesdramen verwickeln lassen, sind wir doch raus.“ Eine andere Freundin reagierte noch schonungsloser: „Wahrscheinlich will der keine Beziehung mit dir, weil du ihm zu alt bist. Du machst dich zur Närrin, das steht einer Frau in deinem Alter schlecht zu Gesicht.“

Mir wurde mein Liebeskummer richtig peinlich. Ich begriff: Der heroische Glanz, der mich als jugendliches Liebeskummer-Opfer in ein besonderes Licht getaucht hatte, war ein unwiederbringliches Relikt jener Phase meines Lebens. Man erwartete jetzt etwas anderes von mir. Einsicht. Kontrolle. Von diesem Moment an habe ich die Klappe vor meinen Freundinnen gehalten. Aber Augen und Ohren waren für „Dramen“ wie meines sensibilisiert. Ich sog ein, was mir meine Kollegin Cecilia anvertraute, die nach Jahrzehnten ihre erste große Liebe wiedergetroffen hat und bei der es einschlug wie ein Blitz. Cecilia ist eine respektable Frau von 58 Jahren, seit Ewigkeiten durchaus zufrieden verheiratet, sie arbeitet in einem Literaturverlag und hat drei erwachsene Kinder. Diese eine Begegnung mit dem Jugendfreund hat sie für Monate aus der Bahn geworfen. Sie ist zum Therapeuten gegangen, der hat ihr nach wenigen Sitzungen eine tief greifende Identitätskrise unterstellt. „Dabei bin ich sonst mit meinem Leben im Reinen“, sagt Cecilia. „Diese heftigen Gefühle stehen nicht für etwa anderes, sie stehen für sich.“

Ich brauchte ein paar trübe Wochen

Das fand ich einen interessanten Gedanken. Trotzdem brauchte es noch ein paar trübe Wochen und einen Abend allein auf dem Sofa mit einer DVD, bis der Groschen bei mir fiel. Der Film, den ich ausgeliehen hatte, hieß „Ein Duft von Lavendel“. Er erzählt die Geschichte von zwei älteren Schwestern, vielleicht Ende 60, die in England an der Küste ihren Lebensabend verbringen. In diese ruhige und wohlgeordnete Idylle bricht ein junger Mann ein, der eines Tages von den Schwestern bewusstlos am Strand gefunden wird. Die Schwestern nehmen den jungen Mann mit in ihr Haus, päppeln ihn auf. Und Julie Dench, die die eine Schwester spielt, verliebt sich heimlich in ihn.

Eines Nachts schleicht Julie Dench in sein Zimmer. Sie trägt ihre grauen Haare zu Zöpfen geflochten, die ihr über den Rücken baumeln. Das lange Nachthemd lässt ihre in die Jahre gekommene Figur erkennen, den Busen, der hängt, den Bauch, der rund ist. Es wird nichts beschönigt. Die Frau, die da liebt, ist alt. Ich schaute Julie Dench gebannt zu, wie sie langsam auf das Bett des fest schlafenden Mannes zugeht, davor verharrt. Ihn versunken betrachtet. Oh Gott, hoffentlich geht sie ihm nicht an die Wäsche, dachte ich. Ich krümmte mich auf dem Sofa, schämte mich fremd. Als die Kamera eine magische Minute lang Julie Denchs Blick einfängt, staunte ich. Selten habe ich in Augen mehr Seele gesehen, innere Bewegung. Liebe. Glück. Leben. Es geht nicht darum, dass der Mann jetzt die Augen aufschlägt und sie in die Arme reißt. Jedenfalls nicht primär. Es geht um sie. Und da hatte ich es dann verstanden. Dass es zweifelsohne ein Altern des Körpers gibt. Aber es gibt auch immer zugleich eine Jugend des Herzens, die einen Menschen alterslos macht. Mächtige Gefühle zu fühlen, selbst, wenn sie nicht erwidert werden, alles Abwägende, Berechnende, „Vernünftige“ aufzugeben, sich stattdessen hinzugeben, Liebe anzunehmen, sie zu leben, das hat eine eigene Schönheit und Würde.

Von diesem Moment an habe ich vor meinen Freundinnen die Klappe gehalten.

Man erwartete jetzt etwas anderes von mir. Einsicht. Kontrolle. Von diesem Moment an habe ich vor meinen Freundinnen die Klappe gehalten.

Ich erinnerte mich daran, wie ich die Wahrsagerin gefragt hatte, ob ich in 25 Jahren mit dem Mann meiner Träumen zusammenkäme. Ich habe tatsächlich in diesem Moment nicht daran gedacht, dass ich dann 72 bin. Ich war auch in diesem Moment von der Jugend meines Herzens geleitet, fühlte mich unsterblich. Und dieses mächtige Empfinden, die Energie speist sich vor allem aus der eigenen Fähigkeit, intensiv lieben zu können. Ich wollte natürlich unbedingt wissen, ob er mich eines Tages so zurückliebt, dass wir für immer zusammen sind, dass alles gut wird. Zugleich spielte es in diesem Moment keine Rolle. Ich war von der Liebe selbst beseelt.

Hermann Hesse hat einmal gesagt: Glück ist Liebe. Wer lieben kann, ist glücklich. Wer das Zitat aufmerksam liest, dem geht auf: Es geht nicht ums Geliebtwerden, sondern ums Lieben. Aber der Genuss und die Freude an der Liebe selbst, und das ist vermutlich der fundamentale Unterschied zur Liebe mit 17, kann erst empfunden werden, wenn man wirklich erwachsen ist. Ich war in meinem Kummer also durchaus eine „vernünftige“ Frau. Die Liebe hat ihre eigene Vernunft. Mit 17 will jeder Mensch vor allen Dingen zurückgeliebt werden. Mit 47 finden wir das zwar immer noch wünschenswert, aber in diesem Alter haben wir darüber hinaus die einmalige Chance, uns für eine Haltung der Liebe gegenüber zu entscheiden. Und ich hatte mich entschieden! Ich war eine wahrhaft Liebende. Ich fand mich toll. Ich sah mich plötzlich anders, ich war nicht mehr die arme mittel-alte Frau, die über die Liebe stolpert.

Ich war auch nicht mehr die romantische Heldin meiner Jugend. Ich war etwas ganz Neues. Was ist inspirierender, als sich mit fast 50 neu zu erfinden? Ich hatte mich in Wahrheit nicht nur an diesem Du abgearbeitet, das ich nicht kriegen konnte. Ich hatte mich an meinem Ego abgearbeitet. Und gewonnen. Die Philosophin Hannah Arendt sagt: „Liebe ist ein Ereignis, aus dem eine Geschichte werden kann oder ein Geschick.“ Wer weiß, vielleicht wird, wenn sich das nächste Mal Liebe in meinem Leben ereignet, daraus eine richtige Geschichte. Mit Happy End. Oder auch nicht. Der Ausgang ist egal. Hauptsache, Liebe.

Text: Maria Schreiber
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