"In einem sind wir uns einig: Ordnung und Unordnung!"

Beim berühmtesten deutschen Soziologenpaar Ulrich Beck und Elisabeth Beck-Gernsheim sind Arbeit und Partnerschaft nicht zu trennen: Ihre Beziehung lebt von den Gedanken - und inspirierenden Streitgesprächen.

Es gibt zwei Sorten von Menschen: Telefonierer und Telefonmuffel, und Elisabeth Beck-Gernsheim gehört bestimmt zur ersten. Man schickt ihr eine Mail, ans Soziologische Institut in Erlangen, wo sie lehrt und forscht über Frauen, Familie, Mutter- und Partnerschaft. Fragt, ob sie und ihr Mann Ulrich Beck Lust hätten auf ein gemeinsames Interview, und denkt: Das kann schwierig werden - einer von beiden hat bestimmt keine Zeit. Er leitet das Soziologische Institut in München, ist Professor an der London School of Economics und forscht darüber, wie sich unsere Gesellschaft wandelt und immer mehr auf Individualisierung setzt.

Kein halber Tag vergeht, da klingelt das Telefon: "Hier Beck-Gernsheim." Um ein Familienporträt seien sie schon öfter gebeten worden, seit sie 1990 ihr gemeinsames Buch "Das ganz normale Chaos der Liebe" veröffentlicht haben. Es ist ja geradezu zwingend, wenn ein Ehepaar einen höchst fortschrittlichen, munteren Klassiker schreibt über die Beziehungen von Mann und Frau. Denn, wie es im Klappentext heißt: "Wer wann den Abwasch macht, die Schreihälse wickelt, den Einkauf besorgt und den Staubsauger herumschiebt, ist ebenso unklar wie, wer die Brötchen verdient, die Mobilität bestimmt und warum eigentlich die schönen Nachtseiten des Bettes immer mit dem qua Standesamt hierfür vorgesehenen, angetrauten Alltagsgegenüber genossen werden sollen dürfen."

Ein Paar und kein Termin

"Natürlich wollen Sie jetzt wissen", sagt Beck- Gernsheim, "wie das bei uns zu Hause funktioniert." Ja. "Mit der jahrzehntelangen Pendelei." Mhm. "Mit unseren Akademikerkarrieren." Genau! "Tja, einfach ist das nicht . . . ", sagt sie, und jetzt möchte man am liebsten sofort einen Interviewtermin. Doch die Semesterferien beginnen bald, da machen sie wie jeden Sommer Urlaub am Starnberger See; dann habe er an seinem Buch zu tun, sie sei zu einem Vortrag in Tschechien, dann er in London und: "Jetzt klingelt's." Die 14-jährige Nichte steht vor der Tür. "Vielleicht sehen wir uns mal", sagt sie dann noch, aber wenn überhaupt, frühestens in fünf Monaten. "Doch freuen Sie sich nicht zu früh, mein Mann hat solche Geschichten über unser Privatleben immer abgelehnt."

Ein halbes Jahr später steht er dann doch im oberen Stockwerk eines zweigeschossigen Siebziger-Jahre- Baus in Schwabing, nah am Englischen Garten, ein großer Mann mit Bauch, Halbglatze und ehemals rotblonden Locken. Streckt einem die Hand entgegen und sagt: "Kommen Sie mir bloß nicht zu nah!" Am Morgen hat ihn ein Grippevirus erwischt. Sie trägt den dunklen Bubikopf mit einer Spange gescheitelt, markante Nase, Seidentuch im Twinset, und bewegt sich ein wenig steif. "Ich hab Migräne, aber kommen Sie doch rein!"

Im Wohnzimmer setzt er sich auf die Chaiselongue, die Füße hochgeschlagen, mit Blick auf die weiße Bücherwand und den Balkon. Ein Herbststurm peitscht die Fichten vorm Fenster. Einen Fernseher haben die Becks nicht. Sie reicht Tee und Dominosteine auf schwarzem Ikea-Service. Alles wirkt sachlich und geordnet, Schnörkel oder Schmuck sind ihnen anscheinend nicht wirklich wichtig.

Arbeit und Partnerschaft sind bei den Becks eins - und so hat es auch begonnen, damals im Soziologieseminar in München. "Wir hatten beide Referate zu halten, aber die Aufgaben waren seltsam formuliert, und ich kam nicht damit zurecht und Ulrich auch nicht - und da wollte man halt mal mit dem anderen Referenten sprechen", sagt sie nüchtern. - "So ist das entstanden", sagt er noch nüchterner. Sie lacht. "Und so sprechen wir noch heute." Eine knappe, aber bezeichnende Anekdote.

Denn wie Paare ihren Ursprungsmythos erzählen, sagt viel über ihre Beziehung. Die der Becks kommt sachlich daher - ohne viel Pathos, ohne große Gefühlswallungen, eher wie ein langer Diskurs zwischen zwei starken Köpfen, die Lust am Denken haben. Sie lacht oft und forsch. Er hat eine ruhige Art zu sprechen, fast sanft.

So erzählt er auch, wie er zu diesem Fach, seiner Berufung, gekommen ist: Soziologie - er wusste als Schüler nicht mal, was das ist. In Hannover wuchs er mit seinen vier Geschwistern auf, sein Vater war Marine-Offizier, Ulrich Beck wollte zum Studium möglichst weit weg vom Elternhaus. Er ging nach Freiburg, um Jura zu studieren, wechselte aber schnell zur Philosophie, denn er brauchte "ein großes Brainstorming". Weil aber auch in München, wohin er bald gegangen war, nur die Geschichte der Philosophie gelehrt wurde und weniger das große Denken, "bin ich in die Soziologie reingerutscht, da fand damals das große Leben statt und die großen Diskussionen". Es war das Jahr 68.

Bei Elisabeth Gernsheim war es ähnlich, als sie 1966 in Stuttgart Abitur machte. "Ich hab mal im Lexikon nachgeschaut, und da stand irgendwas völlig Abstraktes über die Struktur der Gesellschaft . . . Lexikon zugeklappt, Ende." Also ging sie brav in eine Berufsberatung. Und weil sie Sprachen mochte, meldete sie sich an einer Sprachenschule in Lausanne an. In den Abiferien besuchte sie ihren Onkel in Florenz, der sagte: "Du wirst also eine bessere Fremdsprachensekretärin? Da kannst du nie selbst denken! Ich könnte mir für dich Psychologie und Soziologie vorstellen." Damit habe er absolut ins Schwarze getroffen, sagen die Becks unisono.

Beinahe wäre Ulrich Beck aber gar nicht Professor geworden, denn ein Gutachter seiner Habilitation sagte ihm nach, er sei Marxist. "Das wäre das Ende der Karriere gewesen", sagt Beck, "aber mein Institutsleiter hat mich gerettet und mir geraten: Du gehst jetzt zu den Professoren und erzählst denen, was in deiner Habilitation steht und wie einsichtig das ist . . . " - ". . . und was für ein lieber Junge du bist", sagt sie und tätschelt sein Knie. Er nickt, und man nimmt ihm den harmlosen Jungen sofort ab.

Nur dass sie sich in den folgenden Jahren manchmal schwertat, die brave Ehefrau zu geben. Er lehrte als Professor in München, Münster und Bamberg. Sie promovierte und forschte in Münster, Gießen, Hamburg, München. Er war schon arriviert, sie wurde nicht immer ernst genommen. "Wenn mein Professor an meiner Arbeit etwas gut fand, sprach er darüber mit meinem Mann", erzählt sie. "Wenn er etwas schlecht fand, sprach er mit mir." Die Zeit in Bamberg war am schwierigsten, "die hätte uns fast die Ehe gekostet". Denn sie fühlte sich dort nur als Gattin. Einmal sei ein auswärtiger Kollege zu Besuch gekommen, mit dem sie sich auch gern unterhalten hätte. Doch auf der einen Seite des Raums saßen die Ehefrauen und sprachen über die Schulprobleme ihrer Kinder, auf der anderen diskutierten die Männer über die Soziologie. Und? Was hat sie getan? "Wahrscheinlich Migräne gekriegt", sagt sie lachend und resümiert: "Eine Doppelkarriere als Professoren ist schrecklich, man ist zu geografischer Mobilität gezwungen, man muss ständig veröffentlichen, da bleibt kaum Raum für Privatleben." Seit 25 Jahren pendeln die beiden zwischen verschiedenen Städten. Montag bis Mittwoch ist sie in Erlangen und er in München. Früher sei sie so gern gereist, doch jetzt sehne sie sich nur nach zu Hause. Und deshalb kommen die großen Holztiere, die sie im Wohnzimmer aufgestellt hat, auch nicht direkt aus Indien, sondern aus einem Laden in der Stadt. Nach Indien ist sie früher gereist, als Studentin. "Heute wird mir schon ganz anders, wenn ich nur an Flughäfen denke."

Und so kam es, dass Ulrich Beck, nachdem er in Cardiff und London gelehrt hatte, 1997 einen Ruf an die legendäre britische Universität Cambridge ablehnte. Noch jetzt leuchten seine Augen, wenn er von dieser Chance erzählt. Alles Mögliche habe man ihm dort offeriert - nur das Wichtigste nicht: "Dass meine Frau als Dozentin mitkommen kann", erzählt er. Die hätten einfach nicht kapiert, was für einen Fang sie mit ihnen beiden gemacht hätten.

Die Professorin hatte längst ihren einschlägigen Artikel über die Rolle der Frau in einer individualisierten Gesellschaft verfasst, der hieß programmatisch: "Vom Dasein für Andere zum Anspruch auf ein eigenes Leben". Sie hatten gemeinsam im "Ganz normalen Chaos der Liebe" beschrieben, wie sich die Verhältnisse zwischen den Geschlechtern änderten. Einig waren sie sich darin, dass die Gesellschaft sich in den letzten Jahrzehnten so radikal verändert hatte, dass man dafür neue Begriffe brauchte.

Wie entstehen solche Thesen? Elisabeth Beck- Gernsheim sagt: "Wir kommen aus sehr unterschiedlichen Richtungen. Ulrich kommt von oben, von der Abstraktion. Ich komme von unten, vom sehr konkreten Beispiel." Ulrich Beck sagt: "Wir haben auch einen sehr unterschiedlichen Stil. Wir können uns da ganz schön in die Wolle kriegen. Deswegen haben wir die einzelnen Kapitel jeder für sich geschrieben. Sie liest sehr genau und kritisch. Ich bin etwas schneller und dafür nicht so genau."

So weit die Theorie, und wie sieht es in der Praxis aus? Genauer als er nimmt sie es auch im gemeinsamen Alltag. Ihm mache es nämlich nichts aus, wenn Unordnung herrsche, sagt er. Und sie sagt: "Ja, aber in einem sind wir uns einig: Ich habe einen Ordnungswahn, und du hast einen Unordnungswahn." Er könne es halt nicht leiden, sagt er und zupft an seinem Pulli, wenn man "mich immer so zippelt". "Also haben wir beschlossen - aber das funktioniert auch nicht immer -, dass man auf ein Schwarzes Brett schreibt, was getan werden muss, statt immer so zu zippeln. Aber", sie lacht, "da muss er natürlich auch hingucken." Er hat zum Arbeiten die Nachbarwohnung als Büro. Wenn er an einem Buch sitzt, häufen sich die Papierstapel. "Als er das erste Mal zu mir ins Wohnzimmer kam", erzählt sie, "habe ich noch gedacht: Oh, er will mir nah sein, wie schön! Dabei ist er drüben nicht mehr durchgekommen und hat dann angefangen, sein Büro im Wohnzimmer aufzumachen." Eines Tages hat sie eine Pinnwand für ihn eingerichtet, denn: "Wenn mein Mann etwas wirklich wiederfi nden wollte, hat er es an mein Pinboard gehängt."

Kinder haben die Becks keine. Erstaunlich ist das, wenn man Elisabeth Beck-Gernsheim sprechen hört über Mutterschaft und Berufstätigkeit, über mangelnde Kindergartenplätze und ungerechte Schulbildung und darüber, wie blauäugig ihre Studentinnen und Studenten ihre Zukunft als berufstätige Eltern sähen. Ihre Kinderlosigkeit wurde ihr zumindest von Kolleginnen nie zum Vorwurf gemacht. "Nur ein männlicher Kollege mit fünf Kindern hat mir mal die Legitimation abgesprochen, über Mutterschaft und Frauenleben zu urteilen", erzählt sie.

Kurze Unterbrechung. Der Fotograf kommt, er bittet beide zum Porträt. "Bestimmt vor der Bücherwand", sagt sie amüsiert und dass das - er sitzend, sie stehend - ja die klassische Patriarchenpose sei.

Ulrich Beck ist sichtlich erleichtert, als er nach dem Posieren wieder erzählen kann, am allerliebsten von seiner Arbeit und der Fragestellung, die ihn zur Zeit beschäftigt: warum die Kirchen als Institutionen zwar out seien, die Religiosität jedes Einzelnen aber Hochkonjunktur habe. Elisabeth Beck-Gernsheim hört ihm zu, fragt nach. Interessiert, aber auch kritisch. Und in diesen Augenblicken scheint alles andere für beide einfach nur nebensächlich zu sein. Sie reden mehr als eine Stunde über Gott und die Welt heute, und wenn man ihnen dabei zusieht, wird schnell klar: Dieser Diskurs, der macht diese Beziehung aus. Acht Minuten Gespräch täglich wie bei anderen durchschnittlichen Paaren würden bei den Becks doch nie reichen, oder? Sie lacht. "Wir reden stundenlang miteinander." - "Am liebsten beim Laufen", sagt er. Und dann wieder sie: "Wenn wir unsere drei Stunden um den Staffelsee gehen, kommen wir erst richtig in Fahrt."

Einige Tage nach dem Treffen klingelt das Telefon. Sie habe nur noch mal sagen wollen: Sie seien ein "schreckliches, völlig versagendes Paar". Das sei ihr klar geworden, als sie las, was Uschi Glas über ihre Beziehung gesagt habe: dass sie nie streiten und immer Händchen halten. "Ich gestehe es ganz offen", sagt Elisabeth Beck-Gernsheim, "wir haben schon mal gestritten." Sie sagt es dreimal, damit auch der letzte Zweifler noch die Ironie versteht, und dann rauscht es im Hörer, und man spürt: Diese Frau ist routiniert am Telefon, und sie nutzt seine Distanz, um die ganze grausame Wahrheit zu offenbaren.

Elisabeth Beck-Gernsheim

Elisabeth Beck-Gernsheim, 61, beschäftigt sich mit dem Wandel der Gesellschaft und wie sich die Rolle der Frau darin verändert. Über Mutterschaft, Berufstätigkeit und Kinderwunsch hat die Soziologin einige Bücher geschrieben, zuletzt: "Die Kinderfrage heute - Über Frauenleben, Kinderwunsch und Geburtenrückgang" (175 S., 10,90 Euro, C. H. Beck). Zusammen mit ihrem Mann verfasste sie den Klassiker von 1990 über die Beziehungen zwischen Mann und Frau: "Das ganz normale Chaos der Liebe" (304 S., 9 Euro, Suhrkamp). Zur Zeit forscht sie über transnationale Ehen, also Partner, die in verschiedenen Ländern leben.

Ulrich Beck

Ulrich Beck, 64, wurde Mitte der achtziger Jahre durch sein erstes Buch, "Risikogesellschaft. Auf dem Weg in eine andere Moderne" (396 S., 12,50 Euro, Suhrkamp), international berühmt. Viele gesellschaftliche, ökologische und wirtschaftliche Risiken begannen damals maßlos und global zu werden. Zugleich hatte ein Prozess begonnen, in dem die Entscheidungsfreiheiten des Einzelnen immer größer wurden. Jeder konnte sein Leben zunehmend selbst bestimmen. Wie sich die Gesellschaft in dieser "Zweiten Moderne" verändert, beschreibt der Soziologe immer wieder in seinen Zeitungsartikeln zu aktuellen politischen Debatten.

Text: Nataly Bleuel Fotos: Thomas Dashuber
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