Männer sind nicht alles

Ja, sie sind wichtig. Aber ohne Männer ist es auch schön. Schluss mit dem Leben in der Warteschleife! Es gibt Besseres, als sich von Verabredung zu Verabredung zu hangeln.

Eigentlich hatte ich nur mein Handy im Auto vergessen, als ich an einem Samstagabend meine Freundin Ilka besuchte. Wir aßen Steinpilzrisotto, tranken Chardonnay, schauten die ersten zwei Folgen einer krachend komischen US-Serie auf DVD. Erst später fiel es mir auf: Etwas Besonderes war passiert an diesem Abend. Es war der Beginn einer großen Veränderung. Die lästige Dauerschleife im Hirn - Wo ist er? Was tut er? Wann ruft er an? -, sie war plötzlich weg. Vorbei dieses Grundrauschen, das mich in den letzten zwei Jahren begleitet hatte, seit es mir gelungen war, mein Single-Leben mit einem Mann zu veredeln.

Verabredungen: Premium-Zeit mit dem heiß ersehnten Mann

In der Theorie wissen wir es alle: dass der unsichtbare Draht, über den Paare dauernd miteinander verbunden sind, zum Strick werden kann. Wenn der Mann auf dem Sockel steht und die Liebesbeziehung das Zentrum unseres Universums ist. Und natürlich will keine selbstbewusste Frau ein Beziehungs-Junkie sein. Natürlich will jede als Souveränin im eigenen Leben herrschen. Aber wenn die Liebe - lange vermisst, entsprechend lange ersehnt und damit verklärt - existenziell wichtig geworden ist, schleichen sich schon mal Gefühlsmutationen ein. Die legen unser einst flussbreit fließendes Leben trocken. Trennen uns von unserer Quelle und lassen Nebenzuflüsse versiegen. Bis unsere Freundinnen nur noch Statistinnen der Freizeit sind, während wir in Wahrheit auf den nächsten Auftritt des Hauptdarstellers warten.

Wie viele Lammkeulen habe ich gebraten, wie viele Kinofilme angesehen, wie viele Fotoalben mit den Enkelchen von Nachbarinnen durchgeblättert - nur um die Zeit totzuschlagen, die zwischen dem letzten und dem nächsten Treffen mit ihm lag. So entstand eine ganz neue Kategorie von Zeit: Zwischenzeit. Und das bedeutet nix Gutes. Ich war viele Jahre eine Meisterin der Warteschleife, eine Überbrückungskünstlerin. Mein Terminkalender: Brückenbau von Date zu Date. Das schöne Leben schrumpfte auf wenige Tage und Stunden - die mit ihm. Das waren nicht nur die Höhepunkte der Woche, es waren die Momente, für die ich zu leben glaubte. Irgendwann, ich starrte gerade mal wieder aufs Handy und überlegte, welche meiner Freundinnen heute den Lückenfüller spielen könnte, da wurde mir schlagartig klar: Was für eine gigantische, idiotische Vergeudung!

Die wenige Zeit, die wir haben neben Job und Alltagsorganisation, erlaubt keine solche Rangfolge: Premium-Zeit mit dem heiß ersehnten Mann und tapferes Absitzen der Zwischenphasen mit diversen Ersatzbeschäftigungen.

Was, wenn meine Freundinnen es merken: dass sie nur Füllmaterial sind.

Ich legte mir die Frage vor: Woher kommt überhaupt diese sonderbare Zeiteinteilung? Schließlich kenne ich viele Frauen, die genau denselben schadhaften Mustern folgen. Die naheliegende Antwort: Sie wurden uns vorgelebt. Der Mann war zu Zeiten unserer Mütter und Großmütter das großartigste aller Wesen (auch weil er nur begrenzt verfügbar war in und nach den jeweiligen Kriegen). Wer einen erjagt hatte, musste ihn halten, pflegen, ihm dienen.

"Mann ist Mann, und wenn er nur auf der Bettkante sitzt und hustet", sagte meine Oma immer. Sie meinte es ernst.

Ich wusste es schon damals besser, aber mit Wissen und Disziplin ist solchen Mechanismen nicht beizukommen. Ich habe mich wirklich gemüht, mich wohl zu fühlen, wenn ich die Zwischenzeiten gestaltete. Aber Bemühen ist nicht Wohlfühlen. Es ist Anstrengung. Und die versaut die Stimmung, über die man sich gerade so gern freuen möchte.

Die Gedanken sind frei und wandern fort von dem Ort, an dem wir uns befi nden - hin zum großen Sehnsuchtsziel: dem abwesenden Mann. Gefühle machen, was sie wollen, spätestens nach dem ersten Glas Rotwein galoppieren sie sowieso Richtung Herz oder, je nachdem: etwas tiefer. Und die Geschichten der Freundinnen sind Füllmaterial für Zeiten, die man eben durchstehen muss. Die Zeiten ohne IHN.

Immer öfter habe ich daran gedacht, wie schade es um die jeweiligen Abende bei Kerzenschein und schöner Musik ist, die ich nur deswegen zweitklassig fand, weil er nicht da war, dafür aber zum Beispiel Jana und Didi. Manchmal fürchtete ich sogar, sie könnten was merken: dass sie nur Ablenkung sind, dass ich sie liebend gern austauschen würde gegen die unbestrittene Nummer eins in meinem Leben. Je mehr Angst ich hatte, als Mogel-Gastgeberin aufzufl iegen, desto mehr Mühe gab ich mir, alle glücklich zu machen. Noch feineren Wein, noch mehr Witze - mehr, mehr von allem, damit man sich bei mir wohl fühlte. Schließlich muss man Leute, die man ausbeutet, belohnen. Wer sich Gäste als Staffage einsamer Stunden kommen lässt, zahlt dafür einen Preis. Gute Gespräche, die Bedürftigkeit abblocken, kosten nun mal. Freundinnen brauchen glaubhaftes Interesse, liebevolle Aufmerksamkeit, verständnisvolle Zuwendung. Und bekommen von allem immer nur 50 Prozent, weil einem das Hier und Jetzt in Wahrheit herzlich egal ist, während man heimlich nur an das Phantom auf dem Sockel denkt. Der Mann, der heute Abend was anderes vorhat. Der Mann, der sein eigenes Programm macht. Der Mann, der meint, dreimal die Woche ist genug, und der damit das Leben in Pflicht und Kür einteilt. Lange genug habe ich so nur die Hälfte aus meinem Leben gemacht.

Trotzdem: Gefahr erkannt, Gefahr gebannt. Ich wusste jetzt, was falsch lief. Ich wollte es nicht mehr. Ich handelte stur gegen meinen von den Ahnen überkommenen Impuls zum Anhimmeln. Und hier kommt dann doch die Disziplin ins Spiel: Üben. Üben. Üben. Sich schöne Zeiten bereiten. Immer wieder. Freundschaften pflegen. Zuverlässig. Sich selbst genug sein. Sowieso.

Irgendwann war es offensichtlich eingesickert, sonst hätte ich das Handy an jenem Samstag nicht im Auto vergessen. Weil ich eben nicht auf eine SMS wartete, auch nicht auf einen Anruf, weil ich mich ganz auf den Abend mit meiner Freundin einstellte. Weil mich eine tiefe Gewissheit erfasst hatte. Der Mann war vom Sockel geplumpst.

Die Zwischenräume bekamen Gewicht. Führten endlich ein Eigenleben. Wurden gleichwertig. Und mein Leben hatte jeden Moment ein echtes Hier und ein wirkliches Jetzt.

Ich saß Freitagabend am Feuer mit Ina, pflanzte am Sonntag mit Tanja Jasmin und Flieder. Ging Dienstagnachmittag mit Katrin shoppen. Die Zeit stotterte nicht mehr zwischen Glanz und Tristesse, sie begann gleichmäßig zu fließen. Mal war er da, und wir hatten uns und gute Gespräche und leidenschaftliche Küsse, mal war ich bei Ulrike, und wir kochten Jamie Olivers Zitronennudeln und hörten Cecilia Bartolis neuestes Album. Dann wieder lag ich auf dem Sofa und tauchte ab in den neuen Thriller von Frank Schätzing, beispielsweise. Und jeder Moment war gut.

Seitdem habe ich dreimal so viel Glück im Leben wie vordem: Alle Ereignisse sind welche - und sie stehen in keiner Konkurrenz zueinander. Sie gehören allesamt zum selben Plan.

Meine Beziehung wurde derweil nicht weniger, sondern mehr. Fort war der unterdrückte Groll für zähe, lange Abende. Ich genoss ja die selbst organisierten Genüsse. Und wenn er da war, der Mann, war es vielleicht immer noch der schönste Abend der Woche, aber nicht einer, dem ich durch viele trübe Tage entgegenfiebern musste. Das machte die kostbare Zeit mit ihm luftigleicht. Die übliche Rechnung fiel weg, die etwa so hieß: Jetzt ist Entschädigung für gestern und vorgestern. Jetzt muss es ganz schön sein, nichts darf die Stimmung trüben, denn danach ist sowieso wieder der Grauschleier über allen meinen Wegen. Abende mit ihm waren Abende mit ihm und keine Belohnung für besondere Tapferkeit in den kalten Zeiten seiner Abwesenheit.

Ich bin nur froh, dass meine Freundinnen selbst diese Episoden der Männer-Verblendung kennen und nicht nachtragend sind. Sie haben die Statistenrollen, die bei mir frei waren, mit Verve gespielt - jetzt haben sie alle wieder Platz auf der Hauptbühne. Der Mann an meiner Seite ist über unsichtbare Fäden mit mir verbunden, aber sie sind nicht mehr so straff gespannt.

Text: Vera Sandberg Foto: iStockphoto
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