Seitensprung: Betrogen, gelogen, erwischt. Und nun?

Der französische Präsident François Hollande soll eine Affäre mit der Schauspielerin Julie Gayet haben. Hollandes Lebensgefährtin Valérie Trierweiler wurde von den Enthüllungen völlig überrascht. Sie fühle sich "wie von einem TGV überrollt", sagte sie - und ließ sich wegen Erschöpfung im Krankenhaus behandeln. Ein schwerer Fall von Liebeskummer, wie die "Süddeutsche Zeitung" titelte? Welche Symptome eine Affäre bei den Betrogenen auslösen und wie man die Verletzungen bewältigen kann, sagt Psychotherapeut Christoph Kröger im Interview.

BRIGITTE WOMAN: Menschen, die wissen, dass ihr Partner fremdgegangen isit, wirken häufig noch lange völlig verstört. Kann man vom "Trauma" Affäre sprechen?

Christoph Kröger: Nein, denn objektiv betrachtet stellt eine Affäre keine Lebensgefahr dar. Subjektiv aber scheinen viele Betroffene sich durch die Untreue ihres Partners existenziell bedroht zu fühlen - wobei Untreue nicht zwangsläufig heißen muss, dass Sex im Spiel war. Betrug beginnt immer da, wo ich die Grenzen meiner primären Beziehung verletze, und wo diese Grenzen verlaufen, definiert jeder Partner für sich. Es sind auch schon Klienten mit sehr konservativem Hintergrund zu uns zur Therapie gekommen, weil einer von beiden auf einer Party herumgeknutscht hat. Die waren genauso stark belastet wie Paare, bei denen es um eine handfeste Affäre geht: Sie neigen häufiger zu Depressionen als herkömmlich verkrachte Partner und leiden zusätzlich unter einer Angst-Symptomatik, ähnlich wie Personen nach einem schweren Autounfall.

BRIGITTE WOMAN: Welche Symptome sind das?

Christoph Kröger: Schlafstörungen, Schreckhaftigkeit, Anspannung, Wutanfälle. Ständige Unsicherheit, die durch permanente Kontrolle gemildert werden soll. Auch das plötzliche Wiedererleben von vergangenen Situationen ist eine typische Reaktion - vermischt mit eigenen Fantasien, die durch irgendein alltägliches Detail ausgelöst werden können. Ein Bett: Er mit ihr beim Sex, was genau ist da eigentlich gelaufen? Unser Lieblingsrestaurant: Hat sie die ganze Zeit an ihn gedacht, als wir das letzte Mal hier waren? In unserer Therapie versuchen wir als Erstes, diese Angst-Symptome in den Griff zu bekommen und eine Atmosphäre herzustellen, in der die Partner wieder miteinander reden können.

BRIGITTE WOMAN: Als Therapeut müssen Sie eine hochemotionale Situation versachlichen. Wie geht das?

Christoph Kröger: Indem wir zunächst klare Grenzen ziehen. Die erste Grenze: Die Außenbeziehung muss beendet sein, spätestens nach der fünften Sitzung. Sonst führen wir die Therapie nicht fort.

BRIGITTE WOMAN: Manch Untreuer sagt: "Ich kann mich einfach nicht entscheiden!"

Christoph Kröger: Dem oder der sage ich deutlich: "Diese Entscheidung muss getroffen werden. Wenn Sie das jetzt nicht schaffen, ist das in Ordnung, Sie können auch später wiederkommen." Dann wende ich mich dem Partner zu: "Sie kennen Ihren Mann/Ihre Frau und sich selbst besser als ich. Wie lange sind Sie bereit und fähig zu warten? Und wie können Sie diese Zeit nutzen, um selbst mehr Klarheit zu gewinnen?" Wer nicht entscheidet, dem wird die Entscheidung früher oder später abgenommen.

BRIGITTE WOMAN: Wie geht es weiter - wenn es weitergeht?

Christoph Kröger: Wir ziehen auch Grenzen zur Umwelt: Wer darf ins Vertrauen gezogen werden und wer alles nicht? Wir machen eine Paartherapie, da müssen nicht ständig die Schwiegermutter und alle ihre Freundinnen mitreden. Und wir grenzen den Konflikt von den Kindern ab: kein Streit vor ihnen, keine Manipulation. Außerdem geht es darum, wie man sich streitet.Was ist ein fairer Streit? Wie kann ich meine Emotionen kontrollieren, um Eskalationen zu vermeiden? Was sind sinnvolle Rahmenbedingungen für einen Streit? Nach neun Uhr abends und zwei Cognac sollte man damit zum Beispiel nicht beginnen. Wir besprechen auch ganz praktische Dinge: Sex, haben wir den noch oder vorerst nicht? Schlafen wir weiter in einem Bett oder erst mal getrennt?

BRIGITTE WOMAN: Wenn man entdeckt hat, dass man betrogen worden ist, fragt man sich andauernd: "Und nun?" Lassen Sie uns ein paar klassische Situationen durchgehen: Er sagt, es ist vorbei, ich spioniere trotzdem weiter in seinem Handy herum. Okay oder verboten?

Christoph Kröger: Meist passiert so was ja impulsiv. Man will Sicherheit. Aber erstens erreicht man höchstens Pseudosicherheit: Vielleicht hat er sich längst ein Zweithandy angeschafft? Zweitens verschärft dieses Verhalten das gegenseitige Misstrauen. Drittens: Ich gewinne eine Person nicht durch Kontrolle zurück. Eine Möglichkeit: Die Partner verabreden, dass die verletzte Person jederzeit ins Handy schauen darf, um das Bedürfnis nach subjektiver Sicherheit zu stillen - wie gesagt, echte Gewissheit gibt es nicht. Besser wäre es, darauf zu verzichten und stattdessen zu lernen, die objektive Unsicherheit, die Angst vor Verlust und Verletzung, auszuhalten. Das ist ein Ziel unserer Therapie.

BRIGITTE WOMAN: Wie oft habt ihr Sex gehabt? Wo überall? Hattest du etwa den Pulli an, den ich dir zum Geburtstag geschenkt habe? Wie viele Details muss der Untreue offenbaren?

Christoph Kröger: Das ist ein zweischneidiges Schwert. Ich verstehe, dass es wichtig ist für den Hintergangenen, manche Dinge genau zu wissen. Andererseits entwickeln viele Betroffene erst aufgrund bestimmter Details bildliche Vorstellungen, die Ekel, Abscheu und neue Verletzungen auslösen und die sie nicht wieder loswerden. Diesen Balanceakt zu lenken gehört zu unseren therapeutischen Aufgaben.

BRIGITTE WOMAN: Der Fragezwang der Betrogenen entsteht ja meist durch das Gefühl: "Ich weiß höchstens die halbe Wahrheit!"

Christoph Kröger: Stimmt, häufig wendet der Involvierte die Salamitaktik an. Er hält zunächst Informationen zurück aus Angst davor, dass sie beim Partner einen nächsten, wohlmöglich noch größeren Verzweiflungsausbruch provozieren. Besonders schmerzhaft ist es etwa, wenn Orte entweiht wurden, die für die Primärbeziehung Bedeutung haben - das Ehebett oder das Hotel, wo man so oft zusammen war. Wenn der Involvierte solche Details nur scheibchenweise, unter Druck preisgibt, entsteht bei dem anderen zu Recht der Eindruck: "Je mehr ich dränge, desto mehr erfahre ich." Aus diesem Prozess muss das Paar gleich am Anfang raus, sonst wird es schwierig.

BRIGITTE WOMAN: Darf ich meine Wut rauslassen - oder muss ich gerade jetzt besonders nett und pflegeleicht sein, damit er mich nicht verlässt?

Christoph Kröger: Aus Angst davor, dass der Partner geht, die eigenen Gefühle zu unterdrücken hält niemand lange durch. Es kann jedoch eine gute Investition sein, wenn man sich in so einer Situation bewusst um den anderen bemüht - beidseitig. Wobei es nach der Offenlegung der Affäre vor allem an der untreuen Person ist, zu signalisieren: "Unsere Beziehung hat für mich wieder Priorität!" Und zwar nicht nur mit Worten, sondern mit Taten: Ich spiele nur noch zweimal pro Woche Fußball. Mindestens einen Abend verbringe ich mit dir. Ich verzichte auf den nächsten Karrieresprung, oder wir organisieren die Pflege meiner Mutter anders, damit wir weniger Stress und mehr Zeit füreinander haben - auch wenn das kostet. So etwas beeindruckt.

BRIGITTE WOMAN: Als Wiedergutmachung muss mein Partner von nun an alles tun, was ich verlange?

Christoph Kröger: Keineswegs, das wäre ja nur eine Umkehrung der Machtverhältnisse, indem ich den Untreuen fort-an mit meiner Betroffenheit erpresse. Es ist sicher hilfreich, wenn der Untreue sich kurzfristig an die emotionale Bedürftigkeit des Partners anpasst - als Zeichen seines guten Willens und um ihm Sicher-heit zu geben. Das heißt aber nicht, dass er auf Dauer gegen die eigenen Bedürfnisse leben kann. Mittel- und langfristig muss eine ausbalancierte Beziehung das gemeinsame Ziel sein.

BRIGITTE WOMAN: Wenn Sie es geschafft haben, die Stimmung einigermaßen zu beruhigen ...

Christoph Kröger: ...beginnt die zweite Phase der Therapie: Wir suchen zusammen mit dem Paar nach allen Gründen dafür, dass einer fremdgegangen ist. Das können Gründe sein, die allein in der Zweierbeziehung liegen - etwa im Bereich der Sexualität oder der Paarkommunikation. Das können aber auch problematische familiäre, soziale oder berufliche Strukturen sein. In der dritten und letzten Phase geht es darum, neue Perspektiven zu entwickeln: Welche Gründe waren ausschlaggebend? Wo muss das Paar etwas verändern - und wo kann es das auch? Am Ende der Therapie steht die Bilanz, die ehrliche Antwort auf die Frage: "Nach allem, was passiert ist, was wir in den letzten Monaten voneinander erfahren, miteinander besprochen haben: Gibt es eine Zukunft für uns? Gehören wir noch zusammen?"

BRIGITTE WOMAN: Kann eine Affäre auch zusammenschweißen?

Christoph Kröger: Ja, eine erfolgreich bewältigte Krise ist immer ein Entwicklungsschritt. Wenn ein Paar erkennt, in welche Fallen es getappt ist, wenn beide für ihren Anteil daran Verantwortung übernehmen, wenn sie beschließen, trotz allem zusammenbleiben zu wollen und Händchen haltend hier rausgehen - das ist ein tolles Erlebnis, auch für den Therapeuten. Entwicklung bedeutet aber gleichzeitig: Das Paar nach der Therapie ist nicht das gleiche Paar wie vor der Affäre. Einige kommen ja mit der Vorstellung: "Es soll so werden wie früher!" Das kann man vergessen. Es wird niemals wieder sein wie zuvor.

Sonderfall Untreue

Bei Beziehungskrisen, die durch Untreue ausgelöst werden, wirkt die klassische Paartherapie schlechter als bei anderen Partnerschaftsproblemen. An der Psychotherapieambulanz der TU Braunschweig wird deshalb eine in den USA entwickelte spezielle "Paartherapie nach Affäre" erprobt. Die Besonderheit: In einer ersten "Stabilisierungsphase" lernen die Partner, wie sie negative Gefühle kontrollieren und Konflikt-Eskalationen vermeiden können. Erst danach geht es um Ursachen und Folgen der Affäre. Ein Drittel der über 200 Paare, die nach diesem Konzept behandelt wurden, brach die Therapie noch vor Ende der ersten Phase ab. Alle anderen beendeten die Therapie mit dem Wunsch, die Beziehung fortzuführen. Christoph Kröger: "Auch ein halbes Jahr später waren all diese Paare noch zusammen, so viel wissen wir. Wir wissen aber auch, dass sie zu diesem Zeitpunkt noch nicht so zufrieden waren miteinander, wie wir uns das wünschen. Eine Affäre ist nicht nur ein akut extrem belastendes Ereignis, sondern wirkt auch sehr lange nach."

Christoph Kröger - psychologischer Psychotherapeut und Privatdozent der Technischen Universität (TU) Braunschweig - hat Psychologie und katholische Theologie studiert und ist heute geschäftsführender Leiter der Psychotherapieambulanz der Universität. Einer seiner Forschungsschwerpunkte ist die Paartherapie und die Frage, was Paaren nach einer Affäre hilft.

Interview: Julia Karnick Fotos: plainpicture/Millenium (2); privat
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