Ich bin eine Frau ohne Leidenschaften

Der Alltag wäre entschieden aufregender, wäre man nicht eine Frau ohne Leidenschaften. Aber was tun, wenn die Interessen allesamt auf kleiner Flamme köcheln? BRIGITTE WOMAN-Autorin Nina Grygoriew erzählt.

Meine Freundin Sabine und ich führen eine Winterfreundschaft. Von Oktober bis Ende März teilen wir Männergeschichten, Jobsorgen und Weinflaschen, ab April bin ich abgemeldet. Dann gehören Sabines Aufmerksamkeit, ihre freundschaftliche Liebe und ihre ganze Zeit Kati. Kati ist ein Segelboot. Und das will besucht, gepflegt und ausgefahren werden. In jedem Urlaub, an jedem Wochenende und in jeder freien Minute. Sabine ist nahe- zu besessen von Kati und vom Segeln. Und das unterscheidet meine Freundin von mir: Sie hat eine Leidenschaft. Ich habe keine.

Ich war schon als Kind völlig ohne Leidenschaften

Offenbar liegt mir die "Ganz-oder-gar-nicht-Mentalität" nicht, die man für eine Leidenschaft braucht. Schon als Kind mangelte es mir daran. Im Turnverein stellte ich schnell fest, dass Schwebebalken und Radschlag nicht meiner Vorstellung von sinnvoller Freizeitgestaltung entsprechen. Klavierspielen war mir nach einem Jahr zu anstrengend. Und als alle meine Freundinnen plötzlich "Pferde-Mamis" wurden, wusste ich sofort, dass es zwar Spaß macht, durch den Wald zu reiten, dass mir diese Tiere aber niemals so wichtig werden könnten, dass ich freiwillig einen Stall ausmisten würde.

Der "Von-allem-ein-bisschen-Typ"

Bis heute bin ich der "Von-allem-ein-bisschen-Typ" und begeistere mich höchstens vorübergehend: Ich mag das Theater, aber nicht jede Woche. Über Politisches diskutiere ich ausschweifend, engagieren will ich mich aber trotzdem nicht. Und obwohl ich Laufen bei Sonnenaufgang großartig finde, käme mir ein Marathon-Training niemals in den Sinn. Dabei scheinen Leidenschaften ja durchaus wichtig für ein gelungenes Leben zu sein. Nahezu unerlässlich. Schon Nitzsche vermutete, dass nur sie die Kraft gäben, wirklich Großes leisten zu können. Nur wer etwas mit Hingabe tue, könne dabei auch außergewöhnliche Leistungen erbringen. "Menschen, die sich mit höchster Intensität einer Beschäftigung widmen, erleben oft einen Flow", erklärt die Schweizer Psychologin und Psychotherapeutin Verena Kast. "Sie sind erfüllt von einem starken Gefühl der Zufriedenheit. Durch ihre Leidenschaften fühlen sie sich lebendig." Außerdem fördern die offenbar Dinge in einer Person zutage, von denen diese selbst nicht mal eine Ahnung hatte. "Durch das Segeln", schwärmt Sabine, "habe ich mich ganz neu kennen gelernt. Ich wusste nicht, wie ruhig ich in gefährlichen Situationen reagiere, wie hart ich anpacken und wie sehr ich mich über kleine Dinge wie einen vorbeischwimmenden Fischschwarm freuen kann."

Frauen mit Leidenschaften wirken mysteriöser

Leidenschaften machen offenbar auch noch euphorisch, die soziale Anerkennung fördern sie sowieso. Je nachdem von welcher Leidenschaft Menschen berichten, gelten sie als besonders exotisch, besonders engagiert, besonders sportlich, manchmal sogar als besonders geheimnisvoll. Wer in seiner Freizeit ab und an ein gutes Buch liest oder aus gesundheitlichen Gründen zwei-mal in der Woche schwimmen geht, ist wenig mysteriös. Genau der Grund, warum ich Menschen mit Leidenschaften heimlich beneide. Zum Beispiel um das Gefühl des Schwebens, das meine Nachbarin Susanne beim Tangotanzen erlebt: "Die äußere Bewegung bewegt mich auch innerlich", erklärt sie mir - welch Wunder - leidenschaftlich. "Ich bin beim Tanzen wie entrückt. Vom Alltag, vom Stress...

Trotzdem will ich das auch: das Glühen im Gesicht und den Glanz in den Augen, die nur eine Leidenschaft auslösen kann

Ich kann mir ein Leben ohne Tanz nicht mehr vorstellen." Für mich ist eher unvorstellbar, an einer Tangonacht teilzunehmen, in der ich im Arm eines Fremden mit schlechtem Geruch und schlechter Frisur klebe und mich übers Parkett schieben lasse. Trotzdem will ich das auch: das Glühen im Gesicht und den Glanz in den Augen, die nur eine Leidenschaft auslösen kann. Sabine und mei- ne Nachbarin erleben "Außergewöhnliches", ich kann mich nur weiter mit meinen Durchschnittsinteressen beschäftigen und mich dabei durchschnittlich aufregend und durchschnittlich inspiriert fühlen. Und mich fragen, warum ich mich eigentlich niemals in ein Thema oder eine Tätigkeit so verliebt habe, dass ich nicht mehr von ihr lassen konnte.

Wieso habe ausgerechnet ich keine Leidenschaften?

Erklärungsversuche, warum man ist, wie man ist, führen ja gern zur eigenen Familie, und wenn ich mir meine ansehe, könnte ich zu dem Schluss kommen: Von nichts kommt auch nichts. Meine Eltern kenne ich nämlich ebenfalls nur ohne erklärte Leidenschaften. Vielleicht wäre ich dafür empfänglicher, hätte meine Mutter seltene Orchideen gezüchtet. Und mein Durchhaltevermögen wäre ausgeprägter, wenn mein Vater bei Wind und Wetter zum Golfen gegangen wäre. "Natürlich legen Eltern in gewisser Weise die Grundlagen für die eigene Motivation und die Begeisterungsfähigkeit", bestätigt Verena Kast. "Wenn die Interessen eines Kindes geschätzt werden, traut es sich auch, sich in den Dingen zu verlieren. Die Sehnsucht nach Intensität liegt in jedem von uns. Die Frage ist nur, ob diese auch gefördert wird."

Sind meine Eltern Schuld, dass ich leidenschaftslos bin?

Man kann Eltern zwar für vieles verantwortlich machen, was im Leben nicht rund läuft, mangelnde Förderung kann ich meinen aber nun wirklich nicht vorwerfen - was immer ich wollte, ich durfte es. Und so war ich zwar immer mal wieder fasziniert, aber eben immer nur sehr temporär. So liegt die Ursache für meinen Enthusiasmusmangel wohl doch eher in mir selbst. Womöglich bin ich zu beherrscht, um mich dauerhaft mit allen Sinnen für etwas zu öffnen, was nichts weiter bringt als Spaß. Zu pessimistisch, zu pflichtbewusst, zu nachdenklich, mit zu viel Stress und zu wenig Zeit. Laut Verena Kast könnte so eine Art Angst vor Kontrollverlust hinter meiner nicht vorhandenen Hingabe stecken. "Leidenschaften haben sehr oft etwas Verzehrendes, manchmal sogar Gefährliches. Und was gefährlich ist, macht Angst. Also wird, wer die Kontrolle nicht verlieren will, versuchen, sich nicht allzu sehr von etwas ansprechen zu lassen." Klingt auf der einen Seite logisch, auf der anderen aber auch wieder nicht. Über Extrembergsteigen oder Paragliden denke ich doch eh nicht nach. Ein etwas größeres Interesse am Stricken oder an der Pralinenherstellung würde mir schon reichen.

Und versucht habe ich wirklich einiges, um die Leidenschaft in mein Leben zu lassen.

Und versucht habe ich wirklich einiges, um die Leidenschaft in mein Leben zu lassen. In den sieben Jahren meiner Beziehung mit einem Flugzeugbeobachter habe ich mich immer wieder an die Landebahnen diverser Flughäfen begeben, um Flugzeuge zu beobachten. Was meinem Freund damals tiefe Entspannung und große Freude schenkte, brachte mir lediglich nasse Füße und das Gefühl grandioser Zeitverschwendung ein. Ich ließ es also wieder. Und begleitete Sabine zum Segeln. Der Wind kam mal von vorn und mal von hinten, die Sonne verbrannte meine Ohren, mehr passierte nicht. In mir schon gar nicht. Danach folgten ein Probetag in einer Schrebergartengemeinschaft (zu weit außerhalb der Stadt), die Teilnahme an einem Volkshochschulkurs für autogenes Training (zu esoterisch), die Anschaffung von etwa 30 Kochbüchern (teilweise heute noch in ihrer Plastikfolie befindlich) und ein Vorsprechen im Tierheim (es wurden gerade keine ehrenamtlichen Helfer gebraucht). Trotz meines Neids und meines Verlangens nach etwas, was mein Herz für immer berührt, liegt die Vermutung nahe, dass ich mich so langsam damit anfreunden sollte, die eine große Leidenschaft in diesem Leben nicht mehr zu finden.

Zufrieden als Frau ohne Leidenschaft

Ich glaube sogar, dass es viel besser ist, nicht diese eine einzige Leidenschaft zu haben.

"Ich glaube sogar, dass es viel besser ist, nicht diese eine einzige Leidenschaft zu haben", sagt auch Verena Kast. "Leidenschaften kosten immerhin viel Energie. Und jemand, der nicht mehr nach rechts und links schauen kann, weil er ständig mit einer einzigen Sache beschäftigt ist, geht der Welt über kurz oder lang verloren." Und noch ein Vorteil kommt mir in den Sinn: Wer keine Leidenschaft hat, kann auch nicht an ihr zerbrechen. Um es weniger pathetisch auszudrücken: Ich muss nicht plötzlich riesige Zeitlöcher füllen, weil mein Boot einen reparaturbedürftigen Kollisionsschaden hat, mein Knie eine Verletzung oder mein Kopf gerade nicht kreativ sein will. Ich bin seit vielen Jahren sehr gut darin, langweilige Nachmittage und terminfreie Wochenenden spontan zu füllen. Sabine dürfte da zumindest während der Sommermonate in Schwierigkeiten geraten.

In Zukunft lasse ich den anderen also ihre große Leidenschaft

In Zukunft lasse ich den anderen also ihre große Leidenschaft und bleibe der "Von-allem-ein-bisschen- Typ" mit Bücherlesen, unregelmäßigen Kinobesuchen und den mehrgängigen Abendessen, die ich ab und zu mit Freunden zusammen koche. Denn eigentlich sind diese kleinen Leidenschaften für mich nicht weniger sinnvoll. "Ob wir nun eine einzige klare Leidenschaft haben oder viele verschiedene, die nicht ganz so stark ausgeprägt sind", bestätigt auch Verena Kast, "wichtig ist nur, dass wir immer mal wieder intensive Freude und Zufriedenheit verspüren, wenn wir uns mit etwas beschäftigen. Und selbst wenn diese Begeisterung nur von kurzer Dauer ist, ist sie der Ausdruck eines leidenschaftlichen Menschen." Eben!

Text: Nina Grygoriew Credit: Tetra Images/Corbis
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