Darf ich mich mit 50 noch wie eine 17-Jährige anziehen?

Peinliche Alte

Was ist peinlich, was ist lustig? Zu lautes Lachen, zu enge Röcke, zu wilde Flirts - hat das auch ein Verfallsdatum wie Fleisch und Milch? Unsere Autorin macht sich Gedanken über "altergerechtes" Verhalten und wo die Grenzen des guten Geschmacks liegen.

Text: Evelyn Holst

Es sind nicht immer die fröhlichsten Momente, wenn man plötzlich begreift: Es ist vorbei. Ich passe nicht mehr in das enge schwarze Teil von vor zehn Jahren, ich wirke darin wie eine Bratwurst mit Blähungen. Hohe Hacken verstärken meinen Hallux valgus. Und auch wenn ich schöne, dicke Haare habe, sehe ich mit Wallemähne verboten aus. Besser, aber irgendwie auch langweiliger: der Schnitt in maximal Kinnlänge. 

Einzusehen, was optisch nicht mehr zum Geburtsdatum passt, ist vergleichsweise einfach, oft reicht der gnadenlose Kommentar einer guten Freundin oder schlicht der Blick in den Spiegel.

Peinlich oder lustig - was kommt jetzt?

Ein kleiner Schreck - oh Gott, das geht ja gar nicht mehr -, der resignierte Griff zur Zukunftskombination Schwarz-Weiß, und das Leben kann weitergehen. Doch wie sieht es mit dem Rest aus? Mit unserem Wesen, unseren Vorlieben und Macken? Können die einfach immer so bleiben?

Theoretisch wissen wir, wie die ideal vor sich hin reifende Frau aussieht und wie sie sich verhält. Sie hat mit Botox und Fettabsaugen nichts am Hut und betrachtet die 30-Jährige, die sie einmal war, mit Gelassenheit, sie weiß, dass sie jetzt mit anderen Dingen punkten muss. Sie ist die in Schönheit ergrauende kluge Alte, voller Charme und gut abgehangener Lebendigkeit.

Was ist das eigentlich: altersgerecht?

Nur: Wie kommen wir selbst dahin? Wie verhalten wir uns, wenn wir uns innerlich noch wie 35 fühlen?

Altersgerecht, sagen die Jüngeren, aber was ist das eigentlich?

Vielleicht müssen wir uns einfach mal klarmachen, was wir uns im besten Fall vom Alter erhoffen, um auf diese Frage eine passende Antwort zu finden. Für mich steht auf Platz eins meiner persönlichen Rangliste: es nicht mehr allen recht machen zu wollen, authentisch zu sein.

Und dann natürlich: zu wissen, was einem guttut. Ebenfalls unverzichtbar: eine gewisse Gelassenheit im Umgang mit den eigenen Schwächen.

Und last, but not least: neugierig zu bleiben, ein bisschen verspielt und übermütig, damit wir vor lauter verantwortungsvoller Erwachsenheit nicht zu unserer eigenen Statue erstarren.

Ihr Styling passte zu einer 17-Jährigen

Vor diesem Hintergrund lässt sie sich gleich vergnügter erzählen, die Geschichte vom angemessenen Verhalten. Es war eine eher kühle Kollegin von mir, die vor Kurzem im Hippiekleid und mit einer roten Hibiskusblüte im Haar zu einem Business-Lunch auftauchte.

Wir saßen zu viert am Tisch und starrten sie völlig entgeistert an, diese blumige Endvierzigerin, die da grinsend auf uns zusteuerte. "Mir war heute nach Sommer", erklärte sie fröhlich, und dann erzählte sie von einem tollen neuen Auftrag, über den sie sich freue, dass sie gerade ihren Balkon bepflanzt hätte und von dem ganz außerordentlich sympathischen, frisch eingezogenen Nachbarn, mit dem sie vorhin einen Kaffee getrunken hätte.

Ihr Styling, das man bestenfalls einer 17-jährigen Hawaiianerin zugestanden hätte, harmonierte aufs Schönste mit ihrem inneren Leuchten, es war definitiv nicht altersgerecht, aber sehr angemessen - ihrer Stimmung nämlich.


Manchmal wirken wir umso älter, je jünger wir uns geben

Natürlich kennen wir sie zu Genüge, die peinlichen Beispiele, wenn Eigen- und Fremdwahrnehmung zusammenpassen wie Birkenstock-Sandalen und Highheels. Wenn jemand gerade dann ganz besonders alt wirkt, wenn er glaubt, besonders jung zu sein.

"Cringe factor" (Zusammenkrümm-Faktor) nennen Amerikaner die akute Fremdscham des Betrachters, wenn die 59-jährige Freundin mit gewagtem Dekolleté auf einer Party wild herumflirtet und gar nicht zu merken scheint, wie die Aufforderung "Ich will es noch mal wissen!", die ihr aus jeder Pore dampft, sie zu einer peinlichen Figur macht. Bestenfalls zur unkomischen Alten.

Wenn der Mann an unserer Seite beim Squash mit deutlich Jüngeren auch dann etwas daneben wirkt, wenn er nicht mit einem Bandscheibenvorfall vom Platz getragen werden muss. Wenn über 40-Jährige "Wie geil ist das denn bitte?" oder "Ich bin heute echt super drauf" sagen.

Darf man im Alter nicht mehr peinlich oder lustig sein?

Das Leben ist ungerecht. Nicht nur, dass immer mehr Menschen jünger und schöner sind als wir, sie dürfen auch noch alles, ohne dass irgendjemand lästert.

Der Hamburger Psychologe Oskar Holzberg sagt:

"Stimmt, jungen Menschen gesteht man Wildheit, Lebendigkeit, selbst Dummheit zu. Sie sollen sich ausprobieren, über die Ufer laufen, energisch sein, und wenn sie peinlich sind, verzeihen wir. Weil ja immer die Erwartung und Hoffnung bestehen, dass sich das Peinliche verliert, durch Erfahrung, Lernen, Wachstum."

Wir dagegen sind längst ausgewachsen. Und hängen trotzdem oft "in diesen wilden, provokativen, extrovertierten Verhaltensweisen fest wie eine Nadel in der Plattenrille", beschreibt es Holzberg. Hängen fest, mit all unseren Ecken und Kanten, ungeduldig, unreif, unbelehrbar, so, als gäbe es ein für "abgelaufenes Verhalten" nur für andere.

Soll ich jetzt Hemmungen haben beim Tanzen?

"Mama, das sieht leider schrecklich aus", sagte meine 22-jährige Tochter zu mir, als ich auf einer Geburtstagsparty nach den heißen Klängen von "Sex Bomb" fröhlich vor mich hin tanzte, sie nannte es "abspackte", "deine Moves sind aus dem letzten Jahrtausend."

Ich wusste gar nicht, dass auch Tanzbewegungen "altern", aber sie hatte vermutlich recht. Nur: Was folgt daraus? Dass ich ab jetzt wieder tanze wie eine gehemmte Zwölfjährige bei der Schuldisco, damit bloß keiner lacht? Dazu bin ich entschieden zu alt. Und weiß viel zu gut, was mich glücklich macht. Tanzen gehört eindeutig dazu. Wenn ich dabei wie ein zappelnder Fisch mit Schnappatmung aussehe, müssen ein paar beschämte Zuschauer da einfach durch.

Wie ein Frauen-Kegelverein auf Busreise

Es gibt genügend Dinge, die man mit zunehmendem Alter freiwillig lässt, wie Zelten, lange Nächte und zu viel Alkohol. Und dann gibt es welche, von denen zu verabschieden uns nicht so ohne Weiteres gelingt.

"Ich bin einfach eine laute Person", seufzt eine Freundin, "lachen, reden, beim Autofahren singen, alles mach ich laut. Ich merke, dass ich als 58-jährige Frau leiser sein sollte, aber es fällt mir schwer."

Mir würde es ehrlich gesagt ziemlich schwer fallen, auf ihre Lautstärke zu verzichten. Wenn wir alle paar Monate miteinander ins Theater gehen, benehmen wir uns in der Pause wie ein Frauen-Kegelverein auf Busreise. Wir trinken Sekt, kichern über klugschwätzende Männer in hässlichen Sakkos, und manchmal schwänzen wir den Rest der Vorstellung, weil quatschen lustiger ist.

Kostbare Momente des Übermuts

Das mag unerwachsen sein und ist trotzdem unabhängig vom Alter, es sind kleine, kostbare Momente des Übermuts, die wir nutzen müssen, weil sie unsere Lebendigkeit beflügeln.

An jedes Lebensalter stellen wir neue Erwartungen. Kinder dürfen spielen, Teenies über die Stränge schlagen, Erwachsene müssen Verantwortung für Beruf und Familie tragen. "Wer sich in dieser Norm bewegt, tut dies, um sicher vor Scham, Schuld und Entwertung zu sein", meint Psychologe , "aber wer dies nicht tut, erntet Kritik und Ablehnung."  

"Dein Kind ist ja weit für sein Alter", sagen wir bewundernd, auch "Sie sind ja jung für Ihr Alter" ist ein Kompliment, das aber ganz bestimmt nicht meinen 68-jährigen Freund meint, der kürzlich in engen Lederhosen vor dem Kino auf mich wartete. "Ich kann mich von dem Teil einfach nicht trennen", sagte er, als er meinen Blick bemerkte, "ich fühl mich so jung darin."

Wunderbar, dann soll er sich halt mal wieder jung fühlen, unten rum. Vor die Wahl gestellt, es sich selbst recht zu machen oder den anderen, hat er an diesem Abend eine sehr altersweise Entscheidung getroffen.

Die Schönheit wächst nach innen

Wir werten, wir stecken in Schubladen, das ist menschlich. Und ein junger Mensch, der bei einem lauwarmen Bier von seiner Altersvorsorge schwärmt, wirkt genauso aus seiner Zeit geworfen wie ein älterer Mensch, der in Skinny Jeans mit verstöpselten Ohren Hiphop hört.

Von den Jungen wird allerdings noch nicht erwartet, ihre "innere Mitte" gefunden zu haben, bei uns wird das vorausgesetzt. Wenn wir alt werden, wächst unsere Schönheit nach innen, das hat der amerikanische Dichter Ralph Waldo Emerson wirklich sehr treffend gesagt.

Zu einem schimmernden Kiesel werden

Und trotzdem gibt es diese schrägen Vögel - Künstler, Snobs und Diven -, denen wir alles zugestehen, die in unseren Augen "gut altern". Weil sie einen ganz eigenen Stil entwickelt haben und damit eine gewisse Zeitlosigkeit.

Aber da wir weder Nina Hagen noch Karl Lagerfeld sind, halten wir uns lieber zurück. Es spricht ja auch nichts dagegen, spätestens ab 50 die Stacheln etwas einzuziehen und langsam zu einem glatt gespülten, in allen Farben schimmernden Kiesel zu werden. Wunderbar rund, innerlich und manchmal auch äußerlich. Anderen den Vortritt und das letzte Wort zu lassen, nicht ständig auf unserer Meinung zu beharren, weniger zu kritisieren und mehr zu loben, einzuladen statt abzustoßen.

Das bedeutet aber nicht, dass wir uns nicht mehr aufwühlen lassen dürfen. Auch ein gut abgeschliffener Kiesel wird ab und zu von einer heftigen Strömung ergriffen, und dann wirbelt er durchs Wasser, knallt auf den Boden und springt wieder auf. Bis er wieder zur Ruhe kommt. Wenn es uns gelingt, diese Ruhe als Privileg zu betrachten und nicht als Rausschmiss aus einer glorreichen Lebensphase, nur dann ist sie ein echter Gewinn.

Eigentlich bin ich eine sehr ungeduldige Autofahrerin, die ständig auf der Hupe liegt, eine Unart, die im Älterwerden nicht schöner wird. Also bremse ich jetzt großzügig ab, wenn andere Autos in meine Spur möchten. Kürzlich stand ich an der Ampel, als mich ein wütender Autofahrer durch mein offenes Seitenfenster mit einer zerknüllten Papiertüte bewarf. "Ihre soziale Ader können Sie zu Hause austoben, nicht auf der Straße", schrie er. Mir war sehr nach Zurückschreien zumute, aber ich lächelte nur. Entspannt und altersgerecht.

Ein Artikel aus der BRIGITTE WOMAN, Heft 05/2011

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