Schicksalsschläge überwinden

Es ist, als läge ein Fluch auf Teresa Enke. Nach ihrem Kind und ihrem Mann, dem Torwart Robert Enke, hat sie nun noch den Bruder verloren. Der 43-Jährige starb an einer Lungen- embolie. Wie hält man solche Schicksalsschläge aus? Manche Menschen zerbrechen daran. Andere wachsen über sich hinaus. Frauen erzählen, wie sie Krisen überwunden haben.

Kraft finden, Stärke zeigen, an Schwierigkeiten wachsen - das alles ist so viel leichter gesagt als getan. Wie geht das, wenn sich der Boden unter den Füßen aufgetan hat? Wie kommt man nach dem Tod eines geliebten Angehörigen wieder zu sich, wie findet man nach einer schlimmen Diagnose neuen Lebensmut? Und wie gelingt es Menschen, trotz widriger Umstände ihren Weg zu gehen?

Ingrid Wöpke

Für Ingrid Wöpke kann ein Stück Holz ein Kraftspender sein. Oder ein Pinsel und ein Topf Farbe. Oder auch ein leeres Blatt Papier. Wie damals, als sie entscheidet, einen Brief an das Kind zu schreiben, das sie vor über 30 Jahren tot zur Welt bringen musste. Sie sitzt im Konzert, gespielt wird ein Stück von Johannes Brahms, das Clara Schumann gewidmet ist, weil die ein Kind verloren hat.

Bei Ingrid Wöpke kommen Erinnerungen hoch: wie sie im siebten Monat keine Bewegung mehr spürte. Wie sie drei Tage am Wehentropf hing, der die Geburt einleiten sollte. Wie das Kind sofort eingewickelt und weggebracht wurde. Ob es ein Junge oder ein Mädchen war, weiß sie nicht. Während sie der Musik zuhört, beschließt Ingrid Wöpke, dass es jetzt Zeit ist, Abschied zu nehmen. Am nächsten Tag schreibt sie dem toten Kind einen Brief, kauft auf einem Jahrmarkt einen roten Ballon und lässt beides in den Himmel steigen. Sie braucht solche Rituale, um auszudrücken, was sie mit Worten kaum sagen kann. Wenn Ingrid Wöpke von ihrer Kindheit spricht, dann wird ihre Stimme sehr leise, und sie sagt lediglich, dass sie "traumatische Erfahrungen" gemacht habe.

Sie hat in ihrem Leben immer funktioniert wie ein Uhrwerk, sogar, wenn sie krank war. Nur geredet hat sie nicht. Nicht mit ihrem ersten Mann über das tote Kind, nicht mit Freunden, als ihr zweiter Mann nach der Wende seine Arbeit verlor und daran zerbrach, und auch nicht über die Leere nach seinem plötzlichen Tod.

Malen und Schreiben haben mich in Zeit der Trauer getröstet. Heute helfe ich anderen - als Kunsttherapeutin

Als sie die Nachricht von seinem Herzinfarkt bekam und ins Krankenhaus eilte, war er schon tot. Wieder hat sie nicht Abschied nehmen können. Aber sie will niemandem mit ihrer Trauer zur Last fallen, sie ist hart gegen sich selbst. Schon nach drei Tagen ging sie wieder arbeiten; zu weinen erlaubte sie sich nur im Auto.

Bis sie Depressionen bekam - und erkannte, dass sie Hilfe benötigte. "Im ersten Schock brauchen die meisten jemanden an ihrer Seite", sagt Gabriele von Ende-Pichler. Die 66-Jährige hat als Trauerbegleiterin schon viele Menschen in der dunkelsten Zeit ihres Lebens erlebt. "Der Satz 'Das Leben geht weiter' ist in solchen Momenten eine Zumutung", sagt sie. Untersuchungen zeigen: Wer in seiner Familie und im Freundeskreis gut aufgehoben ist, hat es leichter, mit dem Tod umzugehen. "Man muss auch mal in Erinnerungen schwelgen können, mit Weinen und Lachen und sogar mit Wut", sagt Gabriele von Ende-Pichler. Und: Stärke entstehe durch Mut und Erfahrung. "Was ich nicht kenne, macht mir Angst. Jeder sollte in seinem Leben hinschauen: Was liegt auf meinem Weg, was kann ich aufheben und mitnehmen?"

Ingrid Wöpke beginnt, sich aus ihren Depressionen* herauszuarbeiten, als sie ihre künstlerischen Begabungen entdeckt. Auslöser ist eine Ausbildung zur Kunsttherapeutin, die sie vor allem beginnt, um sich abzulenken. Sie muss malen, formen, Holz bearbeiten - und dann darüber sprechen. "Das erste Jahr war eigentlich reine Selbsttherapie", sagt sie. Sie beginnt zu schreiben. Es ist, als hätte die Kreativität einen Pfropfen in ihr entfernt. Sie lässt sich auch psychotherapeutisch behandeln und lernt, über Belastendes zu reden.

Inzwischen hat sich Ingrid Wöpke in Leipzig als Kunsttherapeutin selbständig gemacht. Ihren Patienten will sie mitgeben, was sie selbst gelernt und erfahren hat. "Ich habe heute mehr Wertschätzung für mich, entschuldige mich nicht mehr für alles", sagt sie. Manchmal lobt sie sich innerlich. "Und vor allem", sagt sie, "weiß ich jetzt, dass ich nicht mehr alles allein durchstehen muss."

* Kompetente Anlaufstellen für Betroffene und Angehörige nennt das Bündnis gegen Depressionen: www.buendnis-depression.de

Andrea Hahne

Fünf Jahre hat sie nun schon überlebt. Fünf Jahre, das ist länger als ihre Oma, ihre Uroma und die beiden Tanten nach der Diagnose noch Zeit hatten. Auf die Diagnose folgt der Tod, das hat Andrea Hahne oft genug miterlebt. Dann wird bei ihr selbst Brustkrebs festgestellt. Jetzt bist du dran, denkt sie.

Andrea Hahne hat gelernt, die Krankheit anzunehmen, ohne sich ihr auszuliefern. Wenn die 43-Jährige vermeintliche Knötchen an den Narben ihrer Brust ertastet, lässt sie den Gedanken an eine erneute Krebsdiagnose nicht zu. Stattdessen folgt sie vernünftigen Schritten: Sie wartet ein paar Tage ab. Tastet dann noch einmal. Und wenn die Knötchen immer noch da sind, geht sie zum Arzt. Manchmal ruft sie ihn auch gleich an und fragt um Rat. Andrea Hahne weiß, dass sie am Verlauf ihrer Krankheit wenig ändern kann. Aber informieren kann sie sich, aktiv werden - und das tut sie auch für andere. Sie hat sich dem BRCA-Netzwerk (www.brca-netzwerk.de) angeschlossen, das Familien mit mutationsbedingten Krebserkrankungen unterstützt.

Ja, ich habe Krebs - und ja, ich bin gesund

Damit sie selbst bei Kräften bleibt, geht sie viel spazieren und jeden Tag zum Schwimmen. "Ja, ich habe Krebs - und ja, ich bin gesund", sagt sie. "Klingt merkwürdig, oder?" Sie weiß, dass die Krankheit jederzeit zurückkommen kann. Ihre Mutter hat nun ebenfalls Brustkrebs. Und irgendwann trifft es womöglich auch ihre Kinder. Doch ständig darüber nachdenken, das will Andrea Hahne nicht. Wie hat diese Frau gelernt, so gut mit ihrer schweren Krankheit zu leben? "Nähe zulassen", ist eine ihrer Antworten. "Für andere da sein", eine weitere. Und wenn es ihr selbst schlecht geht? "Dann hilft vor allem der Satz 'Alles wird gut' überhaupt nicht", sagt Andrea Hahne. Was ihr hilft: die schlechten Gedanken zu stoppen und sich zu sagen, dass es auch wieder anders, besser wird. Und: "Nichts ist schöner als der Satz aus dem Mund meiner Tochter: 'Mama, du bist cool, gut, dass es dich gibt!'"

Dass es irgendwann besser wird - das war auch für Ursula Grossmann* immer der größte Antrieb. Ein Teil ihrer Geschichte ist schnell erzählt: Schulabbruch und Auszug aus dem Elternhaus mit 17, schwanger mit 19, ohne Abschluss, ohne Ausbildung, auf Sozialhilfe angewiesen. Doch das soll nicht so bleiben, beschließt sie. Sie nimmt ihr Leben in die Hand, holt das Abitur nach, studiert und jobbt nebenher. Ursula Grossmann ist heute zuständig für die Öffentlichkeitsarbeit eines Klinikverbundes, sie hat es weit gebracht. Eine starke Frau, die sich mit starken Farben umgibt: im Wohnzimmer ein knallroter Teppich und ein lila Sessel, leuchtend grüne Tassen auf dem Tisch. Ursula Grossmanns Augen funkeln, sie lacht gern und viel.

"Ich habe gelernt, dass jede schwierige Phase ein Übergang ist", sagt sie. "Wenn ich anderen von meinen Problemen erzähle, öffnen sich plötzlich Türen." So wie damals, als sie mitten im Studium einen Bandscheibenvorfall hatte und alle Klausuren sausen lassen musste - während ihre Bafög-Schulden weiter stiegen. Sie war schon kurz davor, ihr Studium aufzugeben. Doch die Professorin, der sie sich anvertraute, sagte nur: "Kommt überhaupt nicht infrage" - und schlug Ursula Grossmann für ein Stipendium vor. So konnte sie ohne Existenzangst zu Ende studieren.

Schicksalsschläge überwinden kann stolz machen

Durchboxen muss man sich überall

"Nie wieder", sagt sie heute, will sie auf Unterstützung vom Staat angewiesen sein. "Einfach nur elend" habe sie sich gefühlt, wenn sie wieder einmal "aufs Amt" musste. Doch selbst in dieser schwierigen Zeit hatte Ursula Grossmann klare Ziele. "Ich wollte keine Aushilfsjobs mehr, sondern einen richtigen Beruf." Geholfen hat ihr, dass sie sich mit anderen vernetzt hat: Zweimal in der Woche kümmerte sie sich um die Kinder einer Nachbarin, an zwei anderen Tagen passte die dafür auf ihre Tochter auf - und Ursula Grossmann konnte an die Uni fahren. Sie gab einem Klassenkameraden ihrer Tochter Nachhilfe, und der Vater reparierte dafür ihr Auto. Und manchmal war es auch nur dieser eine Gedanke, der ihr Kraft gab: „Ich mache genau das, was ich mir vorgenommen habe, ich habe ein großartiges Kind, und ich schaffe es, uns beide zu finanzieren."

Ursula Grossmann hat allen Grund, stolz zu sein, statt sich hinter einem Pseudonym zu verstecken. Dass sie es dennoch tut, ist ein Zugeständnis an ihre weitere berufliche Laufbahn. Sie befürchtet, dass es für sie nahezu unmöglich wäre, die nächste Position zu erreichen, wenn sie sich als frühere Sozialhilfe-Empfängerin zu erkennen gäbe. Wer sich aus eigener Kraft aus der Armut herausarbeitet, wird von vielen immer noch weniger respektiert als diejenigen, die wohlhabend auf die Welt gekommen sind.

* Name geändert

Kirsten Schönharting

Auch Kirsten Schönharting hat ihre Kraftquellen. Und sie hat es geschafft - bis nach ganz oben. In einem kleinen Ort in Baden-Württemberg steht sie in einer hell beleuchteten Halle; um sie herum dröhnen Maschinen, rattern automatische Nähmaschinen, es stampft und zischt. "Hier produzieren wir selbstklebende Bänder, die später in Autos eingebaut werden", ruft Kirsten Schönharting gegen den Lärm an, "zum Beispiel als Zierbänder an den Sitzen oder als Kantenschutz." Beim Gang in ihr Büro grüßt sie links und rechts, bleibt immer wieder kurz stehen, wechselt ein paar Worte. Seit fünf Jahren leitet Kirsten Schönharting die Firma "Strähle und Hess", sie hat 120 Beschäftigte unter sich und beliefert die Großen der Automobilbranche, Mercedes etwa oder BMW. Die 43-Jährige sagt: "Ich kenne in dieser Branche keine andere Frau in meiner Position." Frauen mit Entscheidungsmacht gibt es bisher höchstens im Marketing oder im Personalwesen. Kirsten Schönharting aber verhandelt als Geschäftsführerin direkt mit Kunden, oder sie vertritt die Firma in China, meist allein unter Männern.

Begonnen hat sie ihr Arbeitsleben mit einer Schneiderlehre und dann Ingenieurwissenschaften mit Schwerpunkt Textil studiert. Während eines Praktikums bei Mercedes begeisterte sie sich für die Automobilbranche. Auf ihrem Weg nach oben hatte sie zahlreiche Förderer. "Durchboxen muss man sich trotzdem", sagt sie. Denn in ihrer Branche geht es selten kuschelig zu. Kirsten Schönharting hat Frauen erlebt, die mit der Zeit hart geworden sind, auch im Gesicht. Sie selbst will sich niemals so verbiegen. Doch sie verlangt sich viel ab, arbeitet bis zu 80 Wochenstunden. Als in der Wirtschaftskrise der Jahre 2008 und 2009 die Aufträge wegbrachen, lastete alle Verantwortung auf ihr. Was ihr Kraft gibt? Kirsten Schönharting sagt, es seien ihre Mitarbeiter, weil sie sich immer auf sie verlassen könne - und der Erfolg der Firma. Auf diesen Erfolg ist sie stolz, auf eine zurückgenommene, gelassene Art. Wer ihr gegenübersitzt, spürt: Stolz macht nicht nur glücklich, sondern auch stark.

Was macht Menschen stark fürs Leben, was hilft ihnen, an Krisen nicht zu zerbrechen? Antworten auf diese Fragen gibt die Resilienzforschung, ein Zweig der Psychologie. Das englische Wort "resilience" wird mit Spannkraft, Elastizität, Strapazierfähigkeit übersetzt. Bereits seit den fünfziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts untersuchen Wissenschaftler weltweit die Strapazierfähigkeit der menschlichen Seele. Berühmt ist eine Langzeitstudie auf der hawaiinischen Insel Kauai: Dafür wurden 698 Kinder, ein ganzer Geburtenjahrgang, 40 Jahre lang beobachtet.

Ein Drittel von ihnen stuften die Wissenschaftler als gefährdet ein, weil sie etwa in chronischer Armut aufwuchsen oder die Eltern psychisch krank waren. Zwei Drittel dieser "Risikokinder" zeigten schon mit zehn Jahren schwere Lern- und Verhaltensprobleme, wurden früh schwanger oder kriminell. Ein Drittel dagegen wuchs zu lebensklugen und zuversichtlichen Erwachsenen heran. Keiner benötigte die Hilfe von sozialen Diensten oder verstieß gegen das Gesetz. Zwar waren auch diese Kinder in problematischen Familien groß geworden. Dennoch waren sie in der Lage, offen ihre Meinung zu sagen, Ziele zu verfolgen und bei Schwierigkeiten aktiv zu werden, statt sich als Opfer zu fühlen. Sie hatten gute Freunde, viele schöpften zusätzlich Kraft aus ihrer Religion. All das hatte sie fürs Leben stark gemacht, ganz unabhängig von ihrer wirtschaftlichen Situation.

Schickssalsschläge zu überwinden kann man lernen

"Resilienz ist lernbar", sagt eine deutsche Expertin, die Diplompädagogin Corina Wustmann. Und das gilt offenbar auch noch im Erwachsenenalter - und sogar mitten in schweren Krisen. "Resiliente Menschen rechnen mit dem Erfolg eigener Handlungen", so Wustmann. "Sie gehen Problemsituationen aktiv an, sie glauben daran, dass sie eine Situation beeinflussen können - aber sie können auch realistisch erkennen, wenn etwas für sie unbeeinflussbar ist." Kurz: Sie sind aktive Problemlöser, sie sehen sich nicht als Opfer.

Buchtipps

Barbara Pachl-Eberhard: Vier minus drei. Eine Frau verliert Mann und Kinder bei einem Unfall - und geht auf ihre ganz eigene Weise mit der Trauer um. 336 S., 19,95 Euro, Integral

Arno Stocker: Der Klavierflüsterer. Arno Stocker ist fast blind, kann wegen einer spastischen Lähmung als Kind nicht laufen und nicht richtig sprechen. Den-noch lernt er singen und Klavier spielen - und wird ein renommierter Klavierbauer. 320 S., 17,99 Euro, Kailash

Gabriele von Ende-Pichler: Du hast mehr Kraft, als du glaubst. Die Trauerbegleiterin beschreibt Kraftspender, die in Krisen helfen können. 192 S., 16,99 Euro, Kösel

Mathias Jung: Mein Wendepunkt. Lebenskrisen und wie wir ihnen begegnen. Der Autor gibt einen Überblick über Begleiterscheinungen von schwierigen Lebenssituationen, geht dabei aber nicht sehr in die Tiefe. 291 S., 17,50 Euro, Emu

Micheline Rampe: Der R-Faktor - Das Geheimnis unserer inneren Stärke. Der Stand der Forschung zum Thema Resilienz, allgemeinverständlich zu- sammengefasst. Mit Selbsttest und Tipps für kleine, leicht umzusetzende Verhaltensänderungen. 274 S., 16,90 Euro, Books on Demand

Sigrun-Heide-Filipp, Peter Aymanns: Kritische Lebensereignisse und Lebenskrisen. Für alle, die sich wissenschaftlich mit dem Thema beschäftigen möchten. 448 S., 34,80 Euro, Kohlhammer

Text: Marike Frick Fotos: Dominik Asbach, Imago (Teresa Enke) Ein Artikel aus der BRIGITTE WOMAN, Heft 06/2011 Credit: iStockphoto
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