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Beruflicher Neustart "Eine Existenzgründung sollte man vorbereiten wie eine Reise"

Ina und Martin führen eine Fernbeziehung - er möchte seine Heimat nicht verlassen. Sie würde ein beruflicher Neustart reizen. Iris Kronenbitter, Projektleiterin bei der bundesweiten Gründerinnenagentur, spricht selbstständigen Frauen Mut zu.

BRIGITTE-woman.de: Ina will aus Liebe die sichere Festanstellung aufgeben – ist das der richtige Beweggrund für den Schritt in die Selbstständigkeit?

Iris Kronenbitter: Warum nicht? Die Liebe beflügelt und macht risikobereit, gibt Kraft und Motivation. Das sind die besten Voraussetzungen für einen Neustart.

BRIGITTE-woman.de: Aber birgt die rosarote Brille nicht auch die Gefahr, unüberlegt zu handeln?

Iris Kronenbitter: Natürlich kann das passieren. Positiv ist, dass die neue Beziehung der Auslöser dafür sein kann, vieles im Leben neu zu bewerten – auch die berufliche Situation. Wer aber – zu recht - Angst hat, vorschnell und einseitig fokussiert zu handeln, sollte es mit einem Kompromiss versuchen: Gerade in der Kreativwirtschaft – also auch im Verlag – lässt sich mit Arbeitgebern über eine vorübergehende Home Office-Lösung oder andere flexible Arbeitsmöglichkeiten diskutieren, die Mobilität zulassen, ohne den Arbeitsplatz zu riskieren. Und ein halbes Jahr des Zusammenlebens mit dem neuen Mann reicht oft schon aus, um sich sicher zu werden. Dann kann man den nächsten Schritt tun.

BRIGITTE-woman.de: Und wenn sich die Firma auf so einen Deal nicht einlässt?

Iris Kronenbitter: Dann kann man mit einer guten Planung in die Selbstständigkeit gehen. Damit meine ich zum Beispiel auch eine realistische Einschätzung des zukünftigen Einkommens im Rahmen des Marktpotenzials, das sie sich über konkrete Auftraggeber sichert. Denn eines sollte sich eine Frau mit Anfang 50 auf jeden Fall bewahren: ihre wirtschaftliche Unabhängigkeit. Nur so kann sie sich auch in Sachen Liebe ihre Freiheit bewahren – und entscheiden, ob es nun wirklich die Liebe des Lebens ist; oder eben doch nicht.

BRIGITTE-woman.de: Ist man mit Anfang 50 nicht schon zu alt, um einen beruflichen Neuanfang zu wagen?

Iris Kronenbitter: Die meisten Frauen sind zwischen 40 und 50, wenn sie sich selbstständig machen! Wahrscheinlich liegt das daran, dass man in diesem Alter endlich weiß, was man kann und will und von seinen langjährigen Erfahrungen profitiert. Man ist selbstbewusster und gestärkter, gleichzeitig sehr motiviert und stressresistent. Das perfekte Alter also!

BRIGITTE-woman.de: Ein weiteres Bedenken: die Wirtschaftskrise. Ist es nicht dumm, in diesen Zeiten eine feste Anstellung aufzugeben?

Iris Kronenbitter: Mal ehrlich: Wie sicher ist eine Festanstellung denn heute noch? Es ist doch eine Illusion, mit einem Anstellungsvertrag bis ins Rentenalter ausgesorgt zu haben. Gerade die Kreativwirtschaft durchläuft zurzeit einem großen strukturellen Wandel: Die freien Mitarbeiter sind im Kommen. Selbst wenn die Wirtschaft wieder anspringt – die Unternehmen werden nicht wieder auf die Festanstellung umstellen, sondern weiterhin auf Freie zurückgreifen.

BRIGITTE-woman.de: Dann ist Inas Vorhaben also keine Schnapsidee?

Iris Kronenbitter: Nein. Wichtig ist nur, alles gut zu durchdenken: Wo ist mein Markt? Welche Nische kann ich besetzen? Wie viel Geld kann ich realistisch verdienen? An eine Existenzgründung sollte man herangehen wie an eine große Reise: Ich fahre ja auch nicht in den Dschungel, ohne mich vorher über Impfungen, Ernährung vor Ort oder die Krankenversorgung zu erkundigen. "Achtsam sein und gut für sich sorgen" – das sollte der Leitspruch sein. Eigentlich für alle Entscheidungen im Leben!


Iris Kronenbitter (53) ist Projektleiterin bei der bundesweiten Gründerinnenagentur (bga) in Stuttgart.

Weitere Infos zur Gründung von Frauen ab 45 finden Sie unter www.gruenderinnenagentur.de. Dort gibt es auch eine eigene Publikation zu diesem Thema: Gründungen von Frauen ab 45 – mit Erfahrung erfolgreich.

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