Einfach Ruhe: stille Orte

Weil der ganz normale Alltagslärm uns immer mehr stresst, wächst unsere Sehnsucht nach wirklicher Ruhe. Gar nicht leicht, irgendwo stille Orte zu finden - und schwerer als gedacht, uns dann darauf einzulassen.

Schon als Kind war ich fasziniert von Stille. War mir danach zumute, lief ich auf die verwilderte Wiese mit den Apfelbäumen hinter unserem Haus. Da gab es, im Gehölz verborgen, diese schattige Höhle. Oder es gab den Strand unweit entfernt, eine schmale Bucht der Ostsee. Vor und nach der Badesaison hatte man sie oft für sich allein. Stille war einfach da, wie Luft zum Atmen. Und das Beste war: Ich konnte wählen, allein ans Wasser - oder mit Freunden toben, spielen, lachen, ausgelassen sein. Ein paar Jahre später, als Teenager, tanzte ich in den Sommernächten zu Musik, die bis zum Anschlag aufgedreht war. Dann, auf dem Weg nach Haus, gingen wir manchmal noch an den Strand. Saßen da, müde, glücklich, schauten in die aufgehende Sonne. Disco aus, Stille an.

Solange wir wählen können, was wir brauchen, ist alles gut. Aber können wir noch wählen heute, in der Stadt, in diesem nie ganz verschwindenden Geräuschknäuel aus laut und leise? Knatternde Vespas, dröhnende Laster, gurrende Tauben. Rushhour früh und spät, aufheulendes Stop and go vor jeder Ampel. Die lauschigen Abende auf dem Balkon, die ich früher liebte, sind von Jahr zu Jahr lauter geworden, bei offenem Fenster kann man kaum noch schlafen ohne Ohrenstöpsel. Doch die knubbelweichen Dinger haben einen Nachteil: Sie filtern jedes Geräusch weg. Und so lauschen wir, vom Außen abgeschirmt, durch Schaumgummi hindurch in unseren Körper hinein, hören wie von fern das Herz schlagen, den Magen grummeln. Befremdlich.

Wirkliche Stille dagegen ist anders. Akustikforscher sagen, dass sie unterhalb von 40 Dezibel beginnt - und nicht, wie man meinen könnte, bei null Dezibel. Eine solche absolute Stille würden wir nämlich gar nicht aushalten, kämen uns isoliert vor, wie abgeschnitten vom Leben. Nein, angenehme Stille besteht aus leisen, wohltuenden und dabei stetigen Geräuschen. Wie damals, in der Bucht meiner Kindheit. Dahinplätschernde Wellen. Baumwipfel im Wind, ein vorbeisurrendes Insekt.

Stille Orte: davon können Stadtmenschen nur träumen

Wir Stadtmenschen können davon nur träumen. Experten schätzen, dass heute jeder fünfte Einwohner in Europa Lärmpegeln ausgesetzt ist, die Mediziner als gesundheitsgefährdend ansehen. Bagger, Walzen, Presslufthämmer, auf ungezählten Baustellen dröhnt und rattert es. Dazu kommen Lärmquellen, die es früher gar nicht gab. Musikbeschallung beim Einkaufen, Handyterror überall. Gerade belegt man seinen Fensterplatz im ICE, freut sich auf vorbeifliegende Landschaften - da platziert sich Herr Wichtig mit Handy am Ohr direkt hinter uns, und wir nehmen teil an seinem letzten Meeting, dessen Verlauf er in lautstarkem Schwäbisch seiner Assistentin mitteilt. Radiowerbung wird gebrüllt statt gesprochen, Alarmanlagen schrillen grundlos, Flugzeuge starten im Minutentakt. Das Schlimmste aber sind die Endlos-Kolonnen von Pkw und Lkw, der ganz normale Straßenverkehr.

Manchmal wünschten wir, wir hätten Ohrenlider, könnten sie wie unsere Augen einfach schließen. Denn Lärm macht auf Dauer krank, mehrere Studien der vergangenen Jahre belegen das. Was unseren frühen Vorfahren nützte - auch nachts warnte ihr Ohr sie vor Gefahren -, hat für uns üble Folgen: Noch im Schlaf nimmt unser Körper jedes Geräusch wahr und reagiert darauf, mit Unruhe, Stressgefühlen, Herzrasen. Chronischer Lärm, etwa an einer mehrspurigen Straße, gilt inzwischen als Mitauslöser für viele Krankheiten: Schilddrüsenund Stoffwechselstörungen, Hörschäden und Tinnitus, geschwächte Immunabwehr und Asthma, sogar Herzinfarkt und Krebs. Frauen reagieren nachweislich sensibler auf Lärm als Männer, ältere Menschen empfindlicher als junge.

Und Bauarbeiter? Sie müssen ab 85 Dezibel Kopfhörer tragen, ihr Presslufthammer wummert bei 100. Doch auch viele Lehrer könnten einen Gehörschutz brauchen: In Klassenzimmern tobt ein Lärmpegel um 85 Dezibel, im Sportunterricht wurden bis 112 Dezibel gemessen. Der Mensch erinnere sich über den Geruchssinn, schrieb Marcel Proust. Ich bin mir sicher: Er erinnert sich ebenso über das Gehör. Vermutlich wird jeder Lärmmoment in unseren Zellen gespeichert - mit welchen Folgen, weiß keiner.

Aber geht es nur um körperliche Gesundheit, wenn wir uns nach Stille sehnen? Geht es nicht um mehr, um so etwas wie - seelische Balance? Schließlich muss es Gründe dafür geben, dass die Weisen zu allen Zeiten, in allen Religionen die Stille aufsuchten. Über ihr Motiv schreibt der Philosoph Wilhelm Schmid: "Die Weite, die sich in der Stille auftut, relativiert alle Zeit, auch die Zeit der eigenen Endlichkeit. Der innere Blick öffnet sich über den Tag und das eigene Leben hinaus." Äußere Stille, so also die Erwartung, werde zu innerer Stille führen. Zu Kontemplation, einer intensiveren Form der Wahrnehmung, Besinnung und Erkenntnis.

Innere Weite. Die Gedanken kommen und gehen lassen, ungestört, im Fluss. Und vielleicht, mit etwas Übung, irgendwann der Moment, in dem wir aufhören zu denken und selbstvergessen einfach nur sind. Habitare secum - bei sich wohnen, sagen Mönche zu diesem meditativen Zustand.

Heute mag vielen dieses spirituell geprägte Suchen nach Stille fremd geworden sein. Vielleicht ja auch, weil die Möglichkeit dazu fehlt? Ein Verlust, wie der Filmemacher Philip Gröning bestätigt. Für den Dokumentarfilm "Die große Stille" lebte er fast sechs Monate mit den Karthäusermönchen im Kloster La Grande Chartreuse in den französischen Alpen und hielt sich auch an ihr Schweigegebot, das nur einmal wöchentlich auf einem Spaziergang gebrochen wird. Man kann den Film im Kino sehen, und das wird am Anfang leicht zur Geduldsprobe - so ungewohnt ist es, aus der normalen Welt herauszufallen in diese 160 Minuten Schweigen. Aber dann erliegt man immer mehr dem meditativen Sog der Bilder, spitzt die Ohren für die Stille, bekommt eine Ahnung von der Kraft, die darin liegt (siehe Interview).

Doch diese Art Stille findet sich wohl fast nur noch im Kloster. Oder an den Rändern der Welt: in der Wüste, am Ufer eines tiefen Fjords, im Winter auf einer verschneiten Waldlichtung. Ist Stille der größte Luxus unserer Zeit? Fast scheint es so.

Dabei könnte es noch schlimmer kommen, wie in jener Erzählung von Heinrich Böll mit dem Titel "Luft in Büchsen oder über den Haushalt der Erde": Darin gibt es Stille nur noch in Gefäßen, die man im Supermarkt kauft und sich ans Ohr hält. Erstaunlich: Die Erzählung stammt aus den sechziger Jahren, die von heute aus betrachtet himmlisch ruhig erscheinen. Und doch beklagte auch Böll den Verlust an Stille. Wie schon im 18. Jahrhundert Immanuel Kant, den der krähende Hahn vorm Philosophenhäuschen nervte. Am Ende, so die Anekdote, kaufte er den Störenfried, brutzelte ihn und aß ihn auf.

Stille kostet Geld

Bagger, Autos, Handys kann man nicht aufessen. Wer heute Stille will, muss dafür bezahlen, so oder so, mit Geld - sieben Tage Retreat für 2000 Euro - oder mit Verzicht. Aber wer tut das schon: Handy, TV, Radio ausschalten oder sogar abschaffen? Wer nimmt sich die Zeit, in einen "Raum der Stille" zu gehen, am Brandenburger Tor in Berlin oder am Hamburger Hauptbahnhof? Auch hier ist es natürlich nie ganz still, am Bahnhof etwa hört man das Rollen der Züge. Das Wunderbare aber ist, dass niemand etwas sagt. Stille meint auch hier: Schweigen. Kein Geplapper, kein Handy, keine Musik. Nur ein Haiku an der Wand: "Nichts als die Stille. Tief in den Felsen sich gräbt Schrei der Zikaden."

Und in unserem Alltag, wo finden wir da noch Stille? Wahrscheinlich ist es mit ihr wie mit dem Glück: Man begegnet ihr in Momenten und eher unverhofft. Im vergangenen Winter etwa schneite es oft nächtelang, und wer früh genug aufstand, sah einen Teppich aus schneeweißer Stille, unberührt, selbst das vertraute Rauschen der Stadt wurde davon verschluckt.

Am stillsten aber war es einmal auf dieser winzigen griechischen Insel, zufällig entdeckt auf einem Segeltörn. In dem Dorf hoch oben auf dem Hügel war zur Mittagszeit niemand auf der Straße, nicht einmal eine Katze, die blendend weißen Häuser lagen träge, wie verlassen. Durch eine Maueröffnung fiel der Blick ins Blau, am Horizont flossen Meer und Himmel als lichte Linie ineinander. Fast ahnte man dort die Rundung der Erdkugel. Später standen wir lange in der Kühle einer Kapelle, der Baldachin über uns leuchtete aquamarin. Vielleicht lernt man in der Stille nicht nur intensiver hören, sondern auch tiefer sehen? Meerblick außen. Meerblick innen.

Den ganzen Fußweg, den Berg hinab zum kleinen Hafen zurück, haben wir noch geschwiegen. Es war eine stumme Übereinkunft, ihn nicht zu brechen, den Zauber der Stille.

Interview: "Stille vertreibt die Angst"

Wonach sehnen wir uns eigentlich, wenn wir uns nach Stille sehnen? Der Regisseur des Films "Die große Stille", Philip Gröning, 47, hat ein halbes Jahr im Schweigekloster gelebt und seine Antwort gefunden.

BRIGITTE WOMAN: Herr Gröning, wie hat sich die "große Stille" angefühlt? Gewöhnt man sich daran, nach Tagen, Wochen - oder haben Sie ihr "normales" Leben vermisst?

Philip Gröning: Es war ein allmähliches Hineinwachsen, in Stufen. Anfangs bin ich ziemlich oft traurig gewesen, als Fragen hochkamen: Wie gehe ich um mit meinem Leben, was habe ich versäumt oder eventuell falsch gemacht? Diese Fragen umgehen wir ja sonst, indem wir uns mit Handy, Computer, Film und Fernsehen, Musik und so weiter beschäftigen. Ohne all die Ablenkungen sinkt man regelrecht ein. Und dann passierte eines Tages etwas Tolles: Das ganze Denken hörte auf, es fiel einfach weg.

BRIGITTE WOMAN: Und was kam stattdessen? Ehrlich gesagt, kann ich mir das nicht richtig vorstellen. ..

Gröning: Nachdenken, Pläne schmieden, Fragen stellen, das alles ist für uns Menschen ja an Begriffe, Wörter, an Sprache gebunden; fällt die in unserer Umgebung völlig weg, entfallen tatsächlich irgendwann auch die Gedanken. In uns entsteht eine Art leere Fläche, und was darauf erscheint, bekommt eine tiefere Bedeutung: der Ruf eines Vogels, der Froschchor morgens, der Blick aus dem Fenster im Wechsel der Jahreszeiten, eine Tasse dampfender Tee, das Lächeln eines anderen.

BRIGITTE WOMAN: Stille weckt und schärft also alle Sinne?

Gröning: Ja, genau. Und die Dinge selbst bekommen eine leuchtende Aura, werden fast zu einer Art Gegenüber. Das Licht, das auf den Tisch fällt, fängt an, eine Präsenz zu entwickeln, die einem sonst entgeht. Für mich als Filmemacher waren das Glücksmomente: weil ich nun Bilder sah, die ich zuvor niemals wahrgenommen hätte. Und ich spürte dabei: Alles, was ich hier sehe, sei es das Licht oder ein Trinkglas, existiert mit mir, mit uns, jetzt am Anfang des 21. Jahrhunderts. In solchen Momenten fühlte ich mich aufgehoben in der Welt, empfand ein fast kindliches Geborgenheitsgefühl.

BRIGITTE WOMAN: Muss man für ein solches Empfinden nicht sehr strenggläubig sein, so wie die Karthäusermönche?

Gröning: Nein, auch ich habe sicher einen anderen Gottesbegriff als die Mönche. Doch die Idee, die hinter dem Leben im Schweigekloster steht, verstehe ich. Die kontemplativen Orden rechtfertigen sich ja nicht durch soziale Dienste oder Arbeit, sondern sie wollen in innerer und äußerer Stille die Nähe zu Gott suchen und finden. Dieser Grundgedanke gehört zu den Wurzeln unserer christlichen Kultur, aller Kulturen, oft seit Jahrtausenden. Nur wir heute, die wir unentwegt kommunizieren, haben das fast vergessen.

BRIGITTE WOMAN: Aber es funktioniert noch?

Gröning: Zumindest war das meine Erfahrung. Im immer gleichen Ablauf der Tage verlor die Zeit ihr Gewicht, ich fragte nicht mehr: Und morgen? Ich glaube, wenn man sich von allem leer macht, entsteht ein Raum, in dem es gar nicht ausbleiben kann, dass das erscheint, was hinter der Welt liegt. Eine Art göttliche Energie. Man akzeptiert dann leichter, dass es Fragen gibt, die wir nicht beantworten können. Zugleich kommt das schöne Gefühl einer umfassenden Richtigkeit dessen, was geschieht. Das vertreibt alle Ängste, die uns sonst belasten.

BRIGITTE WOMAN: Auch die Angst vor Krankheit oder Arbeitslosigkeit?

Gröning: Die auch. Und sogar die tieferen, im Unterbewussten verborgenen Ängste, die in unserer westlichen Welt weit verbreitet sind. Wir leben ja hier mit vielen vermeintlichen Freiheiten, unser Leben von Anfang bis Ende planen, gestalten und dabei auch noch glücklich werden zu müssen. Das sind oft überfordernde Freiheiten, die diese Ängste erzeugen. Die Mönche leben in der Stille, im natürlichen Ablauf der Zeit, sie stellen nichts daran in Frage. Das ergibt eine andere Form der Freiheit, eine ganz ohne Angst - und die spürt man auch im Film.

Text und Interview: Frauke Döhring Foto: iStockphoto
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