Der Schatz im Gedächtnis

Erinnerungen. Es gibt vieles, was wir nicht vergessen möchten. Und anderes am liebsten ganz schnell. Beides lässt uns nicht los. Wir haben Menschen unterschiedlicher Generationen befragt.

Erinnerungen von Renata Marijanovic, 36, Friseurin, Stuttgart

Nie vergessen: Neun Monate und zwei Tage, alles gut, total happy. Als ich frühmorgens ein Ziehen im Bauch spürte, fuhr mich mein Mann in die Klinik. Bis abends wurden die Wehen so schlimm, dass ich kaum mehr Luft bekam. Das Kind rutschte vor und wieder zurück. "Kaiserschnitt oder Saugglocke?" - Will ich nicht. Da warf sich die Ärztin auf meinen Bauch und stemmte. Ich schrie, so ein Druck, so ein Riss, solche Schmerzen - wie Sterben. Nie werde ich diesen absoluten Schmerz und das gleichzeitige Glück vergessen. Unser Sohn war da: total blau, die Nabelschnur dreimal um den Hals gewickelt, aber er lebte. Wir nannten ihn nicht Valerio, wie geplant, sondern Liandro - nach meinem Großvater, der mich aufgezogen hat. Er war Gärtner, seine Lieblingspflanze der Oleander. Der Oleander hat den kroatisch-serbischen Krieg überlebt, mein Opa wurde erschossen.

Schnell vergessen: Wie ich abserviert wurde, als ich vor nicht all zu langer Zeit meine Arbeitsstelle wechselte. Nach fast 20 Jahren. Will ich gar nicht daran denken. Ich habe in diesem Laden meine Lehre gemacht, bin dort erwachsen geworden, und meinem Chef dankbar dafür, dass er mir die besten Schulungen finanziert hat. Als ich nach der Geburt meiner Tochter vor zwei Jahren wieder einstieg, merkte ich sofort, dass sich die Stimmung im Team verändert hatte - so ein Konkurrenzverhalten plötzlich. Da kommt die eine zu mir und fragt, ob ich überhaupt Hochsteckfrisuren machen könne. Dazu finanzielle Probleme. Anstatt mit uns Mitarbeitern darüber zu reden, bekam ich einfach keinen Lohn mehr auf mein Konto überwiesen. "Wann?, wie?, warum?", habe ich meinen Chef gefragt, aber es kam keine Antwort. Ich hatte Tränen in den Augen, als ich die Kündigung schrieb, dann habe ich angerufen, kein Rückruf, nur ein netter Kollege, der sagte: "Du bist schon ausgestrichen!" Ohne Abschied, dafür brachte die Post ein Paket mit meinem Werkzeug: Super, nett, danke, auf Wiedersehen!

Erinnerungen von Ingrid Münch-Tangredi, 47, Buchhändlerin, Tübingen

Nie vergessen: Ich war gern Single. Da fragte mich in der Buchhandlung, in der ich arbeite, so ein netter Mensch mit ein paar grauen Strähnen zwischen schwarzen Locken nach einer USA-Karte, die er bestellt hatte. Ein paar Tage später tauchte er wieder auf und drückte mir eine Tasche mit einer Flasche italienischen Rotweins und mit einer Karte in die Hand. Darauf stand: "Liebe Frau . . . ? Ich weiß nicht einmal, wie Sie heißen . . . , vielen Dank!" - "Ich heiße Ingrid, und den Rotwein möchte ich nicht allein trinken", sagte ich, als ich ihn zwei Wochen später kurz vor seiner Abreise in die USA zufällig traf. Er zögerte, aber ich lud ihn sofort zu mir ein. An diesem Abend haben wir zusammen sogar etwas mehr als die eine Flasche Wein getrunken. Kurz darauf betrat ich zum ersten Mal in meinem Leben ein Reisebüro. Um einen Flug nach Washington, D. C ., zu buchen. Die Flitterwochen unserer inzwischen neunjährigen Liebe.

Schnell vergessen: Meine erste Erinnerung im Leben überhaupt. Ich weiß nicht, wie alt ich war, weiß nur, dass es im Wochenkinderheim in Pirna in der ehemaligen DDR war. Meine Mutter ist gestorben, da war ich vier Monate alt, meine Schwester anderthalb. Mein trauriger Vater, nie habe ich ihn lachen sehen, immer war er allein, immer krank, nachdem er als junger Mann mit einem Lungendurchschuss aus dem Krieg heimgekehrt war. Da erinnere ich mich ganz dunkel, wie ich als ganz kleines Mädchen an einem Montagmorgen auf seinem Arm sitze und Rotz und Wasser heule, weil ich nicht weg will von ihm, aber weg muss. Und er weint auch.

Erinnerungen von Tea Batsashi, 33, Studentin, Tübingen

Nie vergessen: Den Blick aus dem Fenster meines Kinderzimmers auf zwei Berge, die aufeinander treffen. Sie sind grün, dazwischen tauchen blaue Berge auf und hinter den blauen Bergen sehe ich die weißen Spitzen des Kaukasus. Sie berühren den Himmel, so hoch und so weit. Und wenn ich davon erzähle, bin ich wieder 17 und in Suchumi am Schwarzen Meer. Dort, wo ich wahrscheinlich nie wieder im Leben hinkommen werde. Ich sehe den Mandarinengarten vor unserem Haus. Im Frühjahr, wenn die Mandarinenbäume blühen und eine Brise vom Meer kommt, geht der Duft wie im Kreis und ist mir in der Nase.

Schnell vergessen: Im Frühjahr 1993 fielen die ersten Bomben im georgisch-abchasischen Krieg, im September sind wir nach Tiflis geflohen. Als Flüchtlinge wurden wir zu Nummern, mit zugeteilter Pro-Kopf-Hilfe. Immer mussten wir irgendwo irgendeinen Schein vorzeigen. Ich sah meinen Vater weinen, als er unseren Großvater in die Psychiatrie bringen musste. Und ich sah meine Mutter weinen, weil sie uns Kindern einen Brei aus nichts als Mehl und Wasser kochen musste. Statt zu essen, lasen meine Schwester und ich uns aus Kochbüchern vor, wir "aßen" Kochbücher. Und im Winter teilten wir uns einen quietschgelben Mantel vom Roten Kreuz. Einmal fragte mich meine Englisch-Dozentin an der Uni, ob mir nicht kalt sei mit Sandalen an den Füßen. Ich fände diese Schuhe schön, sagte ich. Das war eine Lüge.

Erinnerungen Anni Mösle, 71, Landwirtin, Allgäu

Nie vergessen: 20 bis 25 Grad unter null, der Bodensee war zugefroren. An Heiligabend 1962 habe ich mich abends aufs Sofa gelegt und geweint. Ein Tannenzweig mit einer Kugel an der Wohnzimmerdecke, das war alles. Weihnachten ohne stille Nacht und ohne Geschenke für unsere beiden kleinen Mädchen. Ich war mit dem dritten Kind schwanger und hatte den ganzen Tag in der eisigen Kälte zugebracht. Morgens im Dunkeln waren wir vom Dorf aus zum neuen Haus, das wir mitten in den Feldern bauten, aufgebrochen, um die Tiere zu versorgen, die schon dort waren. Die schrien vor Durst, denn das Wasser war eingefroren. Wir klopften bei den Nachbarn im Dorf. Sie brachten uns das Wasser mit ihren Traktoren. Von diesem Tag an täglich, bis April. Mitte Januar zogen wir um, im Februar kam unser Sohn zur Welt, aber Wasser gab es nur aus Milchkannen. Es war der härteste Winter meines Lebens, doch als ich im Sommer unsere Kinder ums Haus springen sah, war ich froh und dankbar.

Schnell vergessen: Wieder hatte unser Knecht nur gelacht und gesagt: Nein, keine Lust, aber vielleicht, unter gewissen Umständen. Diese Umstände kannte ich: mehr Lohn, den Hof und die Hoferbin dazu. Fast drei Jahre lang ging das schon so, seit mein Vater gestorben war. Ich war 19 und brauchte jemand, um das Heu aufzuladen und einzufahren. Sollte ich deshalb auf seine Forderungen eingehen? Oder den Hof aufgeben? Wäre mir nie in den Sinn gekommen, ich wollte Bäuerin werden. Auch wenn ich den Druck und die Verantwortung wie einen schweren Rucksack mit mir herumschleppte. Bis zu jenem Sommertag 1957. Ich hatte die Nase voll. "Mach, was Du willst, aber am besten packst du deine Sachen!" Ich musste lernen, meinen eigenen Mann zu stehen. Das Gefühl von Abhängigkeit und Hilflosigkeit von damals hätte ich gern aus meinem Gedächtnis gestrichen. Vielleicht hätte ich später in ähnlichen Situationen lockerer reagieren können.

Erinnerungen von Niels Birbaumer, 64, Psychologe und Neurobiologe, Tübingen

Nie vergessen: Die mit letzter Kraft und Husten, zwischen Lachen und Weinen geführten Gespräche mit meinem Vater kurz vor seinem Tod. Er lag mit einer unheilbaren Lungenerkrankung in einem Sanatorium bei Wien. Winter 1979. Jeden Tag saß ich an seinem Bett, wir sprachen über das abgelaufene Leben, seinen Widerstand in der Nazizeit und meine Zukunft. Er bekam kaum Luft, trotzdem mussten wir über manche Erinnerungen furchtbar lachen. Als seine Kraft nachließ, hielten wir uns an den Händen. Das hatten wir unser ganzes Leben nicht getan. Es kam ganz automatisch in einem Moment, als er hustete und weinte und ich dachte, er erstickt mir. Eigentlich haben wir erst durch den Körperkontakt gemerkt, wie gern wir uns mochten. Von da an hielten wir uns bis zu seinem Tod oft an den Händen. Das hätten wir auch schon früher machen können.

Schnell vergessen: Die vielen erfolglosen Versuche, meinen ärztlichen Kollegen zu erklären, dass das Leben eines vollständig gelähmten Patienten trotzdem lebenswert sein kann. Wir entwickeln an unserem Institut Hirn-Kommunikationssysteme. Damit trainieren wir Patienten mit ALS (Amyotropher Laterailsklerose), einer Nervenkrankheit, die zu Lähmung und Atemversagen führt. Anstatt sie mit Patientenverfügungen, die lebenserhaltende Maßnahmen ausschließen, zu "töten". Eine unserer Studien zur Lebensqualität dieser Patienten hat gezeigt: Je schlimmer die Krankheit fortgeschritten ist, desto mehr Freude haben Menschen am Leben, wenn man sich intensiv um sie kümmert. Bei der Veröffentlichung dieser Studie hat ein großer Neurologe dazu geschrieben, dass es diesen Patienten - vom gesunden Menschenverstand aus betrachtet - trotz allem schlecht gehen würde. Über solche Vorurteile rege ich mich wahnsinnig auf, die Erinnerungen daran würde ich gerne von der Festplatte löschen. Gleichzeitig sind sie existentiell bedeutsam. Denn sie motivieren mich, meine Forschung weiter zu treiben.

Erinnerungen von den Zwillingen, Lou und Willy von Gündell, 11, Schüler, Rottenburg

Lou: Nie vergessen: Der erste Tag von unserem Kroatienurlaub vor drei Jahren. Es war mitten in der Nacht auf der Fähre. Und wie es regnete und prasselte. Willy und ich waren in kurzen Hosen und barfuß. Gleich sind wir durch alle Wasserpfützen gerannt, dass es so richtig spritzte. Dann durch diese schicke Schiffsbar mit rotem Plüsch und Teppichboden, da haben wir alles nass getropft. Wieder auf Deck, hat alles geglitzert und nach Salz und Wasser gerochen - das war so gruselig und doch so schön.

Willy: Schnell vergessen: Dass Baily gestorben ist. Unser Hund, er war schon alt. Die Tierärztin hat ihm nur eine leichte Narkosespritze gegeben, dann ist er einfach eingeschlafen. Mama hatte ihn auf dem Arm, alle haben geheult, nur ich nicht. Ich stand am Tisch und habe gewürfelt, die ganze Zeit. Ich war, glaube ich, gar nicht traurig. Erst ein paar Monate später, als ich mir abends im Bett ein Foto mit Baily angesehen habe. Das war so schlimm, dass ich nicht mehr aufhören konnte zu weinen.

Lou: Schnell vergessen: Mir ist es zuerst gar nicht mir aufgefallen, bis Mama sagte: "Pünktchen kommt gar nicht mehr." Mein Kater. Da habe ich geweint und Zettel geschrieben und überall aufgehängt und alle Nachbarn gefragt. Nichts. Das war eigentlich das Schlimmste, dass man nichts wusste. Am liebsten wollte ich gar nicht daran denken. Abends im Bett habe ich gebetet: "Lieber Gott, lass das Pünktchen zurückkommen." Nach zwei Wochen stand er tatsächlich vor dem Fenster, ganz abgemagert und grau. Da habe ich wieder geweint.

Willy: Nie vergessen: Wie ich vor ein paar Wochen mit einem Freund im Stuttgarter Fußballstadion war. Stuttgart spielte gegen Dortmund, und ich war total aufgeregt. Ich war zum ersten Mal dort, und als wir ins Stadion rein kamen, war alles so groß. Riesengroß, wie ich mir das nie hätte vorstellen können. Wir saßen schräg hinterm Tor, ein paar Mal habe ich den Schiri ausgepfiffen und mich wahnsinnig gefreut, dass Gomez ein Tor geschossen hat.

Erinnerungen von Gudrun Bublitz, 67, Fotografin, Stuttgart

Schnell vergessen: Vor fast 30 Jahren, ich war alleinerziehend und hatte einen Job als Fotografin an der Uni. Mit ein paar Architekturstudenten war ich wegen einer städtebaulichen Untersuchung im Stuttgarter Rotlichtviertel unterwegs. Wir hatten Spaß, fotografierten, aber plötzlich war es höchste Zeit für mein Date mit einem heimlichen Liebhaber. Die Studenten trugen mir den Fotokoffer zum Auto. Als ich am nächsten Morgen den Kofferraum öffnete: keine Kamera! Alles weg. Auf der Stelle bekam ich Magenkrämpfe, sterben wollte ich, sofort. Die Fotoausrüstung war Eigentum der Uni. Das könnte ich nie ersetzen. Doch der Parkwächter hatte den Koffer, den ich aus lauter Leichtsinn und Verliebtheit auf dem Parkplatz hatte stehen lassen, zur Polizei gebracht. Ich konnte ihm leider nur 200 Mark Finderlohn überreichen, aber seitdem gebe ich meinen Fotokoffer nie mehr aus der Hand.

Nie vergessen: Wie ich zum Job meines Lebens kam. Ich hatte mir mit meinen zwei Töchtern eine neue Wohnung mit Fotolabor in Bad und Schlafzimmer eingerichtet. Den Flur wollte ich mit Theaterfotos als "anschaulichen Eingang" gestalten. Eine hehre Kunst, die ich mir bis dahin beruflich nicht zutraute. Das Staatstheater genehmigte mir private Probenfotos von "Don Carlos", die ich dem Theater vorzeigen sollte. Schon einen Tag später kreuzte ich mit einem Stapel von 50 Bildern dort auf. Da bot mir der Intendant spontan an, die nächste Produktion zu fotografieren. Ich, völlig im Glück, ging nach Hause. Dort läutete das Telefon und: Die Staatsoper fragte, ob ich bei ihnen "AIDA" fotografieren wolle. Das war das erste und einzige Mal in meinem Leben, dass ich vom Boden abhob - aber nur für wenige Minuten.

Demenz: Mehr als nur vergessen

1,4 Millionen Deutsche leiden an Demenz, einer zunehmenden Verschlechterung ihrer geistigen Leistungsfähigkeit, die meisten davon an Morbus Alzheimer.

1 Million Menschen sind heute an Alzheimer-Demenz erkrankt; 2030 werden es nach Schätzungen von Experten bereits 2,3 Millionen sein.

720 000 Alzheimer-Kranke werden von ihren Angehörigen gepflegt.

250 000 neue Demenzerkrankungen gibt es jedes Jahr in Deutschland.

43 800 Euro kostet die Behandlung und Pflege eines Alzheimer-Patienten pro Jahr. Davon trägt die Familie fast 30 000 Euro, also mehr als zwei Drittel.

20 000 Bundesbürger erkranken jährlich vor ihrem 65. Lebensjahr an Demenz; mit zunehmendem Alter steigt die Zahl der Betroffenen noch einmal deutlich an.

70 Prozent aller Demenzkranken sind Frauen.

50 verschiedene Formen von Demenz sind bekannt; zehn Prozent aller Fälle sind durch Erkrankungen hervorgerufen, die sich medizinisch behandeln lassen.

30 Prozent der heute 65-Jährigen bekommen später Alzheimer.

20 Prozent aller Demenzerkrankungen sind durch Gefäßverkalkungen verursacht (vaskuläre Demenz); gesunde Ernährung, Bewegung, Verzicht aufs Rauchen können vorbeugen.

10 Warnzeichen deuten (wenn mehrere davon gemeinsam auftreten) auf Alzheimer-Demenz hin: Vergesslichkeit, Schwierigkeiten bei Routinetätigkeiten, Sprachprobleme, Orientierungslosigkeit, eingeschränkte Urteilsfähigkeit, Probleme mit dem abstrakten Denken, Verlegen von Gegenständen, Stimmungsschwankungen, Antriebslosigkeit, Persönlichkeitsveränderungen.

7 Jahre dauert die Krankheit durchschnittlich.

3 Biomarker, die Forscher jetzt entdeckt haben, könnten die Früherkennung von Alzheimer-Demenz durch Tests ermöglichen; die Therapie könnte dann früher beginnen.

1 - 2 Jahre kann die Entwicklung der Krankheit verzögert werden, wenn sie rechtzeitig behandelt wird.

Mehr Infos:www.hirnliga.de und www.deutsche-alzheimer.de; Alzheimer-Telefon 018 03/17 10 17 (Mo. bis Do. 9-18 Uhr, Fr. 9-15 Uhr, 0,09 Euro/Min. aus dem deutschen Festnetz)

Aufgezeichnet von Marianne Mösle Fotos: Cira Moro; iStockfoto.com
Themen in diesem Artikel
Brigitte-Newsletter

Brigitte-Newsletter

Trends und Tipps aus den Bereichen Mode & Beauty, Reise, Liebe und Kochen - lies zum Wochenstart das Beste von Brigitte.