Botschaften aus der Kindheit

"Dich wird nie einer heiraten" oder "Aus dir wird doch nie was" - diese Sätze kriegt man als Kind oft zu hören. Was viele aber nicht wissen: Sie begleiten manche Menschen Jahrzehnte lang.

Über 20 Jahre ist ihre Konfirmation jetzt her. Doch eine Szene hat Lisa Pankel* jetzt noch detailgenau in Erinnerung. Wie sich die Konfirmanden nach dem Gottesdienst zum Foto aufstellten. „Du gehst mal nach hinten“, rief der Fotograf ihr zu. „Du bist ja die Größte.“ Tatsächlich: Mit 1,79 Meter überragte die Schülerin sogar die gleichaltrigen Jungen, trotz flacher Schuhe. „Das war mir so peinlich, dass ich die Schultern gekrümmt habe, um mich kleiner zu machen“, erinnert sich die 40-Jährige. Später sagten die Verwandten zu ihr: „Mein Gott, bist du groß geworden! Wachs bloß nicht weiter, sonst kriegst du keinen Mann!“

Schon als Kind war Lisa Pankel immer die Klassengrößte gewesen und hatte sich nie Gedanken darüber gemacht. Das war jetzt anders. Nachdem der unselige Satz einmal gefallen war, hörte die Schülerin ihn permanent: von einer Schulfreundin der Mutter, der Grundschullehrerin, der ehemaligen Nachbarin, der Kinderärztin, die sie zufällig auf der Straße traf. Für Lisa Pankel klang das Gerede über ihre Körpergröße wie ein Vorwurf. Plötzlich hatte sie ein Problem. Und als die Freundinnen anfingen, sich mit Jungen zu verabreden, hielt sie sich lieber zurück. Welcher Junge würde schon ein Mädchen mögen, dass genauso groß war wie er oder womöglich noch ein bisschen größer?

Viele Erwachsene gehen herablassend mit Kindern um

Erwachsene denken sich meist nicht viel bei Sätzen wie „Du hast aber zwei linke Hände“ oder „Wenn du im Beruf viel rechnen musst, das wird nichts“. Und viele finden es normal, mit Kindern so herablassend umzugehen, weil sie selbst es in ihrer Kindheit auch nicht anders erlebt haben. Welche Wirkung die achtlos dahingesagten Worte haben können, dass sie einen Menschen unter Umständen bis ins Erwachsenenalter verfolgen, ahnen wahrscheinlich die wenigsten. „In der Kindheit und Jugend glauben wir erst einmal alles, was uns von Erwachsenen gesagt wird – auch über uns selbst“, sagt die Psychologin Eva Wlodarek. „Je sensibler ein Kind ist, desto intensiver und länger kann so eine Botschaft wirken.“ Die Folge: Manche Menschen verhalten sich im Erwachsenenalter unbewusst genau so, wie ihnen in der Kindheit vorhergesagt wurde. So kann eine Botschaft wie „Du findest keinen Mann“ zur selbst erfüllenden Prophezeiung werden.

Zum Glück geschieht das nur selten, weil wir beim Heranwachsen und auch später sehr unterschiedlichen Einflüssen ausgesetzt sind. Dadurch erhöht sich die Chance, dass die Botschaften aus der Kindheit an Bedeutung verlieren. So war es auch bei Lisa Pankel. Als sie 17 war, nahm eine Freundin sie mit in einen alternativen Jugendtreff ihrer Heimatstadt Schwerin. Da wurde über die Gesellschaft und über Politik diskutiert, Musik gemacht und gefeiert. Aussehen, Figur und Körpergröße waren kein Thema für diese Jugendlichen. „Die nahmen mich, wie ich war, nur meine Persönlichkeit zählte“, erinnert sich Lisa Pankel.

Für die Gymnasiastin eröffnete sich eine neue Welt: Sie lernte ein Mädchen kennen, das ganz auf sich gestellt in einem verfallenen Haus wohnte und beobachtete fasziniert, wie die neue Freundin gegen alle Konventionen lebte. Sie entdeckte ihre Leidenschaft fürs Singen, schloss sich einer Band an und überwand bei den Auftritten ihre Scheu davor, im Mittelpunkt zu stehen. Schließlich hatte sie sogar den Mut, zu ihren Gefühlen zu stehen, als sie sich in den Gitarristen der Band verliebte. Den Eltern und Verwandten fiel an dem jungen Mann vor allem eines auf: „Der ist ja einen Kopf kleiner als du!“

Zwar ging die Beziehung nach einem Jahr wieder in die Brüche, doch eins hat Lisa Pankel bis heute nicht vergessen: „Zum ersten Mal habe ich gespürt, dass jemand mich schön fand, trotz meiner Größe.“ Sie war jetzt überzeugt: „Irgendwo gibt es einen Mann, der zu mir passt.“ Das neue Selbstvertrauen half Lisa Pankel beim Erwachsenwerden. Nach dem Abitur und ihrer Ausbildung zur Wirtschaftskauffrau ging sie – noch zu DDR-Zeiten – in den Westen und baute sich dort eine neue Existenz auf. Sie verliebte sich und entliebte sich wieder. Sie hatte die Botschaft aus ihrer Kindheit „Du findest keinen Mann“ jetzt endgültig entkräftet.

Ein dahingesagter Spruch kann zum Fluch werden

Kann man das so einfach nachmachen? „Einfach ist es sicher nicht“, sagt die Psychologin Eva Wlodarek. „Wenn jemand aber erkannt hat, dass er so einen Zauberspruch aus der Kindheit mit sich herumträgt, ist der erste, wichtigste Schritt bereits getan.“ Der zweite, so die Expertin, wäre eine „gegenteilige Erfahrung“, also ein Erlebnis wie die erste große Liebe von Lisa Pankel.

Natürlich gibt es auch Botschaften aus der Kindheit, die zumindest teilweise stimmen. Es kann durchaus sein, dass jemand, der mit dem Spruch „Von Zahlen verstehst du aber auch gar nichts“, ins Leben geschickt wurde, tatsächlich nicht rechnen können. Zum Fluch kann der Spruch werden, wenn ein Kind damit so traktiert wird, dass es sich selbst schließlich für unfähig und wertlos hält. „Dann ist es doppelt wichtig, Selbstvertrauen zu gewinnen – durch eine positive Erfahrung auf einem anderen Gebiet, vielleicht auch in einer Therapie“, sagt Eva Wlodarek.

Für Lisa Pankel war das Leben selbst die Therapie. Seit sieben Jahren ist sie mit ihrem Mann, den sie bei der Arbeit kennen gelernt hat, glücklich verheiratet. Ihre Körpergröße stört sie heute überhaupt nicht mehr, im Gegenteil: „Wenn ich im Urlaub mal ein bisschen zunehme, fällt das keinem auf – es verteilt sich ja.“

Beispiel-Botschaft: „Das musst du doch verstehen”

BRIGITTE WOMAN-Redakteurin Franziska Wolffheim kann bis heute keinem richtig böse sein.

Als ich den Satz zum ersten Mal gehört habe, ging es, glaube ich, um meinen Vater, der wieder einmal Magenschmerzen hatte. Meine Mutter schirmte ihn ab – auch von mir: „Bitte nicht zu Papi ins Zimmer gehen, er hat Bauchweh. Das musst du doch verstehen.” Also ließ ich es, obwohl ich gern nach ihm geschaut hätte. Meine Mutter hatte immer viel Verständnis für andere Menschen. Sie machte geradezu einen Sport daraus, Argumente zu ihrer Entlastung zu finden. Heute bewundere ich das, als Kind hat es mich genervt. Wenn ich mich zum Beispiel darüber beschwerte, dass unsere Haushaltshilfe so muffig zu mir war, sagte sie: „Frau Hansen hat wenig Geld und ist auch ein bisschen krank, das musst du doch verstehen.” Oder später, als ich mich nicht konfirmieren lassen wollte: „Du weißt doch, dass Omi das wichtig ist, vielleicht glaubt sie, sie sieht dich sonst im Himmel nicht wieder. Das musst du doch verstehen.” Ich hatte keinen Bock, alle und alles zu verstehen, wäre gern eckiger, egoistischer gewesen.

Später habe ich gelernt, mich durchzusetzen: im Studium, im Ausland, als Single – diese Phase habe ich lange und fröhlich ausgelebt. Trotzdem wird das Verstehen-Können immer zu mir gehören – und ich bin froh darüber. Es hilft mir zum Beispiel, bei Interviews das Vertrauen schwieriger Menschen zu gewinnen.

Beispiel-Botschaft: „Dich hat der Esel im Galopp verloren“

"Das geht ja gut los", dachte BRIGITTE WOMAN-Redaktionsleiterin Karin Weber-Duve als Kind bei diesen Worten.

Oh ja, er hätte meine zarte Kinderseele nachhaltig beschädigen können, dieser unbedachte Spruch meiner Mutter, den ich als kleines Mädchen oft zu hören bekam (von Psychologie hatte sie null Ahnung). Ich passte einfach nicht ins Bild. Ich war blond, obwohl „man“ sowohl mütter- als auch väterlicherseits in unserer Familie dunkle Haare hatte, angeblich seit Generationen (die mendelsche Regel der dominant-rezessiven Vererbung gehörte für meine Mutter zu den „Böhmischen Dörfern“). Und meine Augen waren eindeutig braun, alle anderen aus unserer Sippe hatten blaue. Alles klar? „Dich hat der Esel im Galopp verloren.“ An einem frühkindlichen Trauma, das jeder Psychoanalytiker sauber diagnostizieren würde, sollte ich einen solchen je konsultieren, bin ich allerdings vorbeigeschrammt. Warum? Weil ich diesen Spruch klasse fand. Er ließ meiner Phantasie breiten Raum: Ein galoppierender Esel, ich obendrauf, dann, plötzlich ein Stein oder ein Kuhle, und Hoppla. Da lag ich nun. Vor den Füßen meiner schönen Mama und meines sanften Vaters, und sie hatten mich – wie im Märchen - einfach mitgenommen und aufgezogen. Und darum hatte ich sie so lieb. Wenn aber das Gesicht meiner Mutter mal gar nicht so schön war, weil sie sauer auf mich war und mein Vater auch nicht so einfühlsam sanft, weil er wütend war – auch kein Problem. Tja, dachte ich dann bei mir. Was habe ich mit euch schon zu schaffen? Ihre seid ja gar nicht meine Eltern. Und darum durfte ich sie aus vollstem Herzen doof finden – ganz ohne schlechtes Gewissen. Ich war in jeder frühkindlichen Lebensphase fein raus: Denn mich hatte ja der Esel im Galopp verloren.



* Name von der Redaktion geändert

Welche Botschaften haben Sie als Kind zu hören bekommen?

Gibt es Sätze aus Ihrer Kindheit, die Sie lange verfolgt haben? Dann teilen Sie die hier mit. Wir sind gespannt auf Ihre Botschaften.

Text: Sabine Hoffmann Foto: Getty Images
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