Zusammenhalt unter Frauen: pfeift drauf!

Warum eigentlich dieser Zusammenhalt? Weil wir einen gemeinsamen Kampf geführt haben? Tatsache ist: Falsche Frauensolidarität erschwert unser Leben - privat und beruflich.

Die Frauen von Hinterdings mögen mich nicht mehr. Sie sind sogar total sauer auf mich. Was habe ich getan?

Ich habe sie enttäuscht. So was von enttäuscht! Da laden sie mich extra ein, zu ihrem Vereinstreffen zu fahren, aus meinen Büchern vorzulesen und mit ihnen zu diskutieren. Und ich? Ich nenne gleich meinen Preis.

"Ach, Sie wollen Geld dafür? Wir haben aber kein Geld!"

"Na ja, aber das ist doch meine Arbeit... "

"Wie, Arbeit! Das ist doch keine Arbeit! Unsere Treffen sind immer so lustig! Wir haben immer so viel Spaß, nur unter Frauen!" Zum Beweis legen sie ein Bild vom letztjährigen Treffen bei, das sie tatsächlich in unterschiedlichen Stadien der Fröhlichkeit zeigt. Ich fühle mich schrecklich. Unverstanden. Ungerecht behandelt. Fast gebe ich nach, doch: "Arbeiten Sie etwa gratis?", frage ich noch einmal nach. Und das ist das Ende.

"Also wirklich!" Die Frauen sind empört. Sie hatten mich für sympathischer gehalten. Sie hatten gedacht, ich sei "eine von uns". Stattdessen: Widerspruch. Schon am Telefon bekomme ich die eisige Kälte und Ausgrenzung zu spüren, zu der nur Frauen fähig sind. Jetzt werden sie meine Bücher nicht mehr kaufen, meine Kolumne nicht mehr lesen, das hab ich nun davon!

Frauen verstehen sich. Frauen halten zusammen.

Das soll mir eine Lehre sein.

Ach, Schwestern! Diese Lehre hab ich doch längst gelernt! Ich bin im Gegenteil dabei, mich davon zu befreien, vom Joch der Schwesternschaft. Vom Anspruch, "eine von uns" zu sein. Wie schwer hängt diese Vorstellung um meinen Hals und zieht meinen Kopf nach unten. Eine Schwester ist viel mehr als ein nettes Mädchen. Mehr als eine Freundin. Schwestern teilen eine Geschichte. "Wir sind doch Schwestern" heißt: Wir sind in denselben Jahren, mit denselben Bildern groß geworden, wir haben uns gegen ähnliche Vorstellungen durchgesetzt, ähnliche Grenzen überschritten, wir haben gekämpft, und wir hatten doch mal ähnliche Visionen.

Soll das alles nichts mehr bedeuten?

Bedeutet Zusammenhalt, dass ich Frauen immer netter finden muss?

Frauen verstehen sich. Frauen halten zusammen. Ha! Vielleicht lastet der Begriff der Schwesternschaft so schwer auf mir, weil ich meine Kindheit und Jugend in relativer Freundinnenlosigkeit verbracht habe? Nix Schwestern! Nicht mal Planeten hatte ich damals in meinem Horoskop, darüber staunen sogar Astrologen. Einfach so wird man nun mal nicht Schriftstellerin. Mein feministischer Kampf bestand darin, dass ich in der Deutschstunde nach weiblichen Vorbildern verlangte, kurz bevor ich von der Schule flog. Dass ich die ersehnten Bücher dann allein fand und auch allein las. Die Jugendbewegung, die zufällig genau während meiner Jugend in meiner Heimatstadt tobte, habe ich verpasst, weil ich niemanden kannte und mich nirgends hintraute. Wahre Freundinnen hatte ich erst später. Den Umgang mit Menschen, die nicht auf Papierseiten lebten, musste ich erst lernen. Und immer irritierte mich, dass ich Frauen grundsätzlich netter finden sollte als Männer. Wo das doch gar nicht meiner Erfahrung entsprach.

Falsche Schwestern haben keine echten Freundinnen.

Ich habe keinen gemeinsamen Kampf geführt, ich bin keine Schwester.

Nur das, was ich geschrieben habe, qualifiziert mich. Macht mich zu "einer von uns". Oder auch nicht: Immerhin habe ich den Verrat begangen, Frauen als Antiheldinnen zu beschreiben. Als Mörderinnen gar. Weiß ich denn nicht, dass Frauen grundsätzlich bessere Menschen sind?

Germaine Greer, scharfzüngige und umstrittenste Autorin des Feminismus, musste sich vor einiger Zeit wortreich verteidigen, nachdem ihr rausgerutscht war, dass sie männliche Komiker meist lustiger findet als weibliche. Susan Sarandon wurde ihr Engagement für Barack Obama vorgeworfen, der, wie wir wissen, gar keine Frau ist. Wo blieb ihre weibliche Solidarität?

"Die haben wir nicht mehr nötig", behauptete sie kühn. "Wir brauchen keinen Bonus. Die Leistung zählt und nicht das Geschlecht."

Schön wär's ja. Doch dieses Memo ist bei der Mehrheit der Frauen unserer Generation wohl noch nicht angekommen.

Marlen zum Beispiel muss regelmäßig für ihre Arbeitskollegin einspringen, die unter Migräne leidet - nicht dass Marlen mit ihr tauschen möchte, das Gesicht ihrer Kollegin, wenn ein Anfall sie packt, verzerrt und blass, würde jede aufspringen und einen Stuhl zurechtrücken lassen. Nur ist es eine Tatsache, dass die Medizin nicht viel gegen Migräne ausrichten kann. Und Marlens Kollegin pilgert vom Naturarzt zum Homöopathen und auch zum Craniosakraltherapeuten - und wieder zurück. Ohne Erfolg. Und meistens während der Arbeitszeit.

Zusammenhalt bedeutet nicht, dass alle gleich solidarisch sind

Marlen übernimmt ihr Pensum klaglos. Marlen ärgert sich im Stillen. Marlen fühlt sich schlecht: Wie kannst du so herzlos sein?, geißelt sie sich selbst. Wo bleibt dein Mitleid, wo bleibt eigentlich deine Solidarität?

Es dauert viel zu lange, bis sie endlich etwas sagt, und als sie es tut, ist ihr Ton bitter. Ihre Kollegin ist bestürzt. "Aber du glaubst doch nicht etwa, dass ich zum Vergnügen von einem Arzt zum anderen renne?"

"Nein, natürlich nicht!"

"Also wirklich. Und da dachte ich, unter Frauen ist so was möglich, es muss doch noch so was wie Solidarität geben! Wir sitzen schließlich alle in einem Boot!"

"Ja, schon, natürlich, aber..." Warum, will Marlen sagen, warum springst du dann nicht für mich ein, wenn mein Kind krank ist, wenn die Kita wieder ausfällt? Weil sie die Antwort kennt. "Das würde ich doch sofort und noch so gern tun, nur, mein Leiden erlaubt es mir nicht, du verstehst schon."

Marlen versteht nicht. Aber der Anspruch, zu verstehen, solidarisch zu sein, Werte wie Schwesternschaft aufrechtzuerhalten, ist stärker als ihr Selbsterhaltungstrieb. Letzterer ist offenbar nicht bei allen Frauen gleich gut entwickelt.

Beim Kampf unter Frauen gewinnt die, die mehr leidet.

Und darin liegt auch der Grund ihres Unwohlseins: Wer sich auf Schwesternschaft beruft, will meist etwas extra.

Marlen ertappt sich dabei, das Undenkbare zu denken: Da würde ich lieber unter Männern arbeiten! Die sagen wenigstens, was sie denken! Wenn Männer sich zusammentun, egal ob privat oder beruflich, dann geht es um eine Sache, nicht um die Seele.

Frauen funktionieren hingegen über das Unausgesprochene. Von Kind an trainieren sie, mit Blicken und Andeutungen, mit Halbsätzen und abgewandten Schultern Macht zu gewinnen und auszuüben. Die direkte Forderung ist unter ihrer Würde. Lieber perfektionieren sie die emotionale Erpressung. Das ist wahre diplomatische Kunst.

"Hüte dich vor sanften Frauen!", warnte mich meine Mutter immer. Denn die wissen nicht nur, was sie wollen, sondern auch, wie sie es kriegen. Man muss sich nur einen beliebigen Film von Woody Allen anschauen, um diese Theorie bestätigt zu kriegen. Seine engelhaft zarten Blondgeschöpfe gewinnen am Ende immer. Um an ihr Ziel zu gelangen, trippeln sie ungerührt über Leichen - mit Vorliebe Frauenleichen.

Mutter mit Heiligenschein

Und zur tapferen alleinerziehenden Marlen gibt es natürlich auch das Gegenbeispiel, die Frau, die aus ihrer Mutterschaft nicht nur einen Heiligenschein, sondern auch einen Freipass aus allen potenziell anstrengenden Situationen ableitet und die im Arbeitsalltag mindestens genauso nervt. Meine Freundin Renée kennt so eine, die jeden Satz mit "Ich als Mutter" beginnt und "Das kannst du eben nicht nachvollziehen" beendet. Was umso nerviger ist, als Renée selbst Kinder hat. Aber irgendwie zählt das nicht. Wo Renée Mutter ist, ist ihre Kollegin MUTTER. Renées Töchter besuchen den firmeneigenen Hort - die ihrer Kollegin nicht. Aus dem einfachen Grund, dass sie schon viel zu groß dafür sind. Außerdem verbringen sie die Hälfte der Woche beim geschiedenen Vater. Aber das, so die Freundin, verstehe Renée nicht, die ja ganz normal verheiratet sei und deshalb keinen Grund habe, sich zu beklagen. Und sie tut es auch nicht. Sie bleibt länger, wenn die Kollegin zum Kinderarzt, zur Schulaufführung geht. Sie presst die Lippen zusammen, sie beklagt sich nicht, sie sagt nichts, denn sie weiß:

Beim Kampf unter Frauen gewinnt die, die mehr leidet. Schön wär's ja, denken Marlen und Renée und ich, schön wär's ja, wenn, ja, wenn wir jeden Konflikt so angehen, als ginge es nur um die Sache und nicht um das Geschlecht der Beteiligten. Das klingt gut, ist aber gar nicht so einfach. Bestimmte Ideale legt man nicht so einfach ab.

Wir beschließen, in Zukunft gegen Leidensmienen und beleidigte Blicke immun zu werden, wir werden uns durchsetzen, und wir üben uns schon mal darin, Nein zu sagen.

Zum Glück haben wir einander. Zum Glück sind wir Freundinnen. Denn etwas, woran man falsche Schwestern unschwer erkennt, ist ihr Mangel an echten Freundinnen.

Text: Milena Moser
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